Martenstein: „Wie ich Faschist wurde“

Der Kolumnist Harald Martenstein beschreibt in dem Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert“, wie ihm seine allmähliche Distanzierung von linken Milieus immer wieder den Vorwurf einbrachte, ein „Faschist“ zu sein, weil er Ausgrenzung, Konformitätsdruck und ideologische Gewissheiten innerhalb der politischen Linken offen kritisierte.

Ich wurde ein Linker, ohne es zu merken. Es war keine bewusste Entscheidung. Es war eine Art Sog, der mich mitriss. Alle um mich herum redeten damals das Gleiche, bis auf diejenigen, die gar nichts sagten. In unserer Welt gab es nur ganz wenige, die für die CDU oder die FDP waren, in unserer Klasse genau einen. Das war der Nazi. So nannten ihn manche. Der Nazi, sage ich heute, war der einzige Individualist unter uns. Er war in der Jungen Union. Nazi oder auch Faschist waren Sammelbegriffe für alle, die sich von einer sozialistischen Revolution nicht die Lösung aller Weltprobleme versprachen. Zu Partys wurden solche Leute nicht eingeladen.„“

Aber ich wollte dazugehören. Ich las, was alle lasen. Marx. Lenin. Hegel. Verstanden habe ich die Hälfte, von Hegel ein Zehntel. Um 1970 herum, mit 16, trat ich in die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend ein, die Jugendorganisation der DKP […] .Eine Parteikarriere habe ich nicht gemacht […].

Was bedeutet es heute für mich, links zu sein? Links zu sein bedeutet, dass man von Freiheit und Vielfalt redet und Freiheit und Vielfalt beseitigt, sobald man am Ruder ist. Man redet viel von Humanismus, aber das gilt meist nur für die, die dazugehören oder sich unterwerfen. Denn es gibt nun mal zweierlei Regeln, abhängig davon, ob jemand dazugehört oder nicht. Wer widerspricht, wird gecancelt, sofern man die Macht dazu hat. Das war ja schon bei dem angeblichen Nazi in unserer Klasse so.

Die Wirklichkeit ist nicht schwarz-weiß
Mathias Brodkorb und sein Plädoyer gegen moralistische Hybris
All dies hat sich nicht groß geändert, seit 1970, als ich in die DKP eintrat. Die extreme Linke hat sich seitdem allerdings etliche Male gehäutet. Manche wurden eine Zeit lang Spontis und Anarchos, viele sagten dem Marxismus ade, die Linke ergrünte und verabschiedete mit einem kräftigen Tritt in den Arsch die Arbeiterklasse, die sich durch Unbelehrbarkeit als ihrer Zuwendung unwürdig erwiesen hatte, die Linke wurde woke und entdeckte neue Zielgruppen. Sie war jetzt queer und feministisch und antirassistisch, was konkret bedeutete, dass jetzt die Weißen anstelle der Unternehmer an allem schuld waren.

Ein neues politisches Kastensystem wurde errichtet, in dem zum Beispiel die Schwulen ein bisschen unter den Queeren standen, so wie einst die Angestellten unter den Arbeitern, die Männer unter den Frauen, feministische Heterofrauen aber als so genannte TERFs unter den Lesben. TERF bedeutet Trans-Exclusionary Radical Feminist, auf Deutsch: Trans-ausschließende Radikalfeminist*in. Die Juden wurden zu Weißen erklärt, die optisch kaum zu unterscheidenden Araber dagegen zu Schwarzen – etwa mit der gleichen irren Logik, mit der in 30er Jahren die Kommunisten die Sozialdemokraten zu Faschisten erklärt hatten. […].

Sowohl der Marxismus als auch die Wokeness haben, als Erlösungsphantasien, die in einem paradiesischen, konfliktfreien Endzustand münden sollen, eine religiöse Komponente. Darüber wurde schon viel geschrieben. Voraussetzung für den paradiesischen Endzustand ist allerdings, dass vorher alle Gegner erledigt werden, früher physisch, heute sozial. Die linksgrüne Religion predigt Naturliebe, das Gebot der Nächstenliebe kennt sie nicht.

Man kann zu Recht einwenden, dass Intoleranz, Allmachtsphantasien, Unfairness, Ausgrenzung der anderen, überhaupt alles, was ich bisher geschildert habe, auch in anderen Milieus vorkommen. Darüber sollen die schreiben, die diese Milieus kennen. Bei der Linken fiel mir immer der moralische Hochmut auf, der feste Glaube daran, bis ans Ende aller Tage zu den Guten zu gehören, geschehe, was da wolle, und gebe es auch noch so viele Schweinereien, große und auch kleine. […].

Stolz und Vorurteil
Die Untergangsseligkeit ist eine Meisterin aus Deutschland
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich die DKP verlassen habe, ich muss Anfang zwanzig gewesen sein. Ich bin nicht ausgetreten, ich ging einfach nicht mehr hin und zahlte keine Beiträge mehr. Es kam nie eine Mahnung. Die Geschichte dahinter habe ich schon mal in einer Kolumne erzählt. Bei der Wahl des örtlichen Parteivorstands gab es immer eine Einheitsliste, die vom scheidenden Vorstand verfasst wurde. Auf dieser Liste gab es exakt so viele Kandidaten, wie Vorstandsplätze zu vergeben waren. Diese Einheitsliste wurde dann stets einstimmig angenommen. Man nennt diese Methode „Sozialistische Demokratie“.

Ein paar der neuen Mitglieder fanden, dass es bei Wahlen immer eine Alternative geben sollte. Daran musste ich wieder denken, als Angela Merkel im Jahre 2010 das Wort „alternativlos“ für den Euro-Rettungsschirm verwendete. Merkel muss in der DDR ja auch etliche alternativlose Wahlen erlebt haben. „Alternativlos“ wurde damals, als billiges Totschlagargument, zum „Unwort des Jahres“ gewählt.

Es gab also beim DKP-Ortsverein auf einmal eine Alternative Liste oder eine Art AfD, Alternative für die DKP, welche sich allerdings inhaltlich nur minimal vom alten Vorstand unterschied. Es waren halt andere, jüngere Leute, meist Gewerkschafter, die etwas weniger dogmatisch waren und etwas weniger DDR-treu dachten als die alte Garde. Ich gehörte zu den vielleicht 15 Prozent (falls meine Erinnerung nicht trügt), die für diese Liste stimmten.

Sie alle waren bald nicht mehr in der Partei. Man lud sie nicht mehr zu Partys ein, man redete nicht mehr mit ihnen, stattdessen zischte man hinter ihrem Rücken abfällige Bemerkungen. Man behandelte sie ungefähr so, wie wir in meiner Schulklasse den Nazi behandelt hatten, der zu diesem Spitznamen gekommen war, weil er seinen eigenen Weg ging.

Ich war jetzt also zum ersten Mal eine Art Nazi geworden, oder ein Faschist, sozusagen ein Demokratie-Nazi, weil ich nicht ja sagen wollte zur Sozialistischen Demokratie, der einzig wahren Demokratie. Dort gewinnen immer die Richtigen, und wer das ist, bestimmen die Führer.

In den folgenden Jahren sah ich mich aber immer noch als Linker. Ich habe SPD gewählt, und als die Grünen aufkamen, wählte ich viele Jahre lang grün. Eines Tages aber geschah es, dass ich das Wahllokal mit gesenktem Kopf verließ, voller Scham und mit dem Gedanken: „Das kannst Du jetzt aber keinem erzählen.“ Ich hatte tatsächlich, ungeplant, aus einer spontanen Eingebung heraus, etwas anderes gewählt.

KAMPAGNEROS
Viel Lärm um Monika Gruber und noch mehr Lärm um nichts
Die politische Orientierung eines Menschen hat viel mit dem Milieu zu tun, aus dem er stammt, in dem er sich wohlfühlt und zu dem er gehören will. Deswegen waren sie in unserer Familie für die SPD, auch ohne zu wissen, was im Wahlprogramm stand. So war unser Milieu, das Milieu eines Arbeiterviertels. Mein neues Milieu waren bald die Journalisten. Ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, kein Linker mehr zu sein, obwohl ich immer öfter gewisse Dinge kritisch sah. […].

Das Verhalten einiger Kollegen änderte sich. Es gab Partys, zu denen ich nicht mehr eingeladen wurde. Es gab Leute, die ich für Freunde hielt, und die meine Einladung mit demonstrativ dürren Worten ausschlugen. Ich war, wie damals in der DKP, schon wieder ein Faschist geworden, zum zweiten Mal. […].

Die wichtigste soziale Errungenschaft der Geschichte heißt Freiheit. Die Freiheit ist noch wichtiger als das Kindergeld und bezahlter Urlaub. Mit „Freiheit“ meine ich die Idee, dass wir alle ohne jede Ausnahme niemandem anderen gehören sollten außer uns selbst, dass wir Rechte haben aus keinem anderen Grund als dem, Menschen zu sein, dass wir reden und unser Leben führen dürfen, wie wir es wollen. All diese Gedanken sind relativ jung. Sie stammen aus einer europäischen Denkschule, die „Aufklärung“ heißt und im 18. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte, vor nur etwa 300 Jahren.

Drei andere geistige Strömungen aber bedrohen seit langem die Freiheit der Menschen, oft genug auch ihr Leben. Die Reihenfolge ist chronologisch.
Religiöser Fanatismus drangsaliert die Menschen seit vielen Jahrhunderten, heute trägt er meistens das Gesicht des Islamismus. […].

Der moderne Nationalismus wurde mit dem Nationalstaat geboren. Auch er hat, wie der religiöse Fanatismus, schon viele Gesichter und viele Namen gehabt […].
Der Kommunismus, erdacht von Karl Marx, war die dritte der großen Plagen […].

Allen drei Ideengebäuden ist gemeinsam, dass sie schlicht sind, auch wenn ihre theoretischen Schriften oft kompliziert klingen. Darauf beruht ihre Attraktivität, deshalb ergriffen sie die Massen. Es gibt immer ein klares Freund-Feind-Schema. Es gibt die Guten und die Bösen und einen klaren Schuldigen an fast allem, was die Menschen bedrückt. Es können die Ungläubigen sein, die rivalisierende Nachbarnation, die Kapitalisten, die andere Parteifraktion. Die Juden gehören übrigens, bei allen dreien, fast immer zu den Hauptverdächtigen. […].

Eines Tages, während der Pandemie, schrieb ich, ohne es zu ahnen, meine
letzte Tagesspiegel-Kolumne über Demonstranten, die sich an den Coronamaßnahmen störten. Sie hatten sich gelbe Sterne angeheftet, wie sie ab
1941 die deutschen Juden tragen mussten. In etlichen Medien wurden diese
Demonstranten deshalb des Antisemitismus beschuldigt. […].

Um ihre dumme Geste als Antisemitismus zu deuten, musste man
entweder dumm sein wie Brot oder zutiefst bösartig […] Der Text wurde etwa zwei Wochen nach Erscheinen gelöscht und durch eine Erklärung ersetzt, in der die Chefredaktion sich von mir wortreich distanzierte […]. So wurde ich […] zum dritten Mal ein Faschist. […].

Ich finde, man sollte mit Worten wie „Nazi“ oder „Faschist“ so umgehen, wie es die Homosexuellen in vorbildlicher Weise mit dem einstigen Schimpfwort „schwul“ getan haben. In diesem Sinn bin ich Faschist und stehe dazu. Dieser Satz wird selbstverständlich aus dem Zusammenhang gerissen werden, vielleicht bei Böhmermann. So machen sie es immer. Aber das ist mir inzwischen schnurzpiepegal.

Kulke/Mohr. Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind. Kohlhammer Verlag, Hardcover, 259 Seiten, 24,00 €


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Raul Gutmann
1 Stunde her

Ein historisch bekanntes Phänomen lautet: Je totalitärer die Verhältnisse, desto besser die Witze.
Wenn über der Renzension der Monographie des „Alt-Linken“ Martenstein, der den Großteil seines publizistischen Lebens die linke Bourgeoisie bespaßte und sie in ihrer politischen Überheblichkeit bestätigte, der Satz „Wie ich Faschist wurde“ steht, kann das ohne Übertreibung als Offenbarungseid der Bonner/Berliner Republik gelten.