Dysfunktionale Hauptstadt am Limit: Glatteis in Berlin und die Stadt lässt ihre Bürger hängen und stürzen. Sehr viele Geh- und Radwege sind spiegelglatte Gefahrenzonen. Alte Menschen werden dadurch zuhause eingesperrt. Notaufnahmen melden Überlastung , Feuerwehr ruft „Auslastungsstufe 3“ und die Politik diskutiert Streusalz-Ausnahmen, als wäre Sicherheit optional.
picture alliance/dpa | Britta Pedersen
Diese Stadt ist nicht „vom Wetter überrascht“. Sie ist von ihrer eigenen Dysfunktion gelähmt. Eisregen legt Berlin lahm und der Senat liefert das, was er am besten kann: Regeln für andere, Ausreden für sich selbst und eine Debatte, die immer dann beginnt, wenn die Rettungswagen schon Schlange stehen.
Am Mittwochabend musste die Feuerwehr die Lage offiziell eskalieren und „Auslastungsstufe 3 Rettungsdienst“ ausrufen. Früher hieß das ehrlicher: „Ausnahmezustand“. Das ist die Stufe, bei der für ganz Berlin nur noch zehn Rettungswagen oder weniger frei sind. Weniger dringende Notfälle warten, Pausen sind untersagt. Wer dann noch von „normalen Winterbedingungen“ spricht, hat entweder keinen Blick auf die Straße oder keinen auf die Realität.
— Lutz Mache (@lutzmache) January 29, 2026
Die Realität heißt: Sturz, Bruch, Rettungsstelle. Große Kliniken registrieren mitunter mehr als 100 Sturzverletzungen binnen 24 Stunden. Sprunggelenk, Handgelenk, Hüfte – dazu Kopf- und Gesichtsverletzungen. Betroffen sind alle Altersgruppen, aber vor allem ältere Menschen, die nach Eingriffen länger stationär versorgt werden müssen. Das ist nicht „ein bisschen glatt“. Das ist eine Stadt, die ihre Schwächsten in die Wohnung zurückdrängt, weil der Gehweg zur Gefahrenzone geworden ist.
Im BG-Unfallkrankenhaus Berlin spricht man von maximaler Belastung. Dort werden derzeit täglich 30 bis 40 Menschen behandelt, die auf Glatteis gestürzt sind. „Unsere Chirurgen operieren zum Teil bis in die Nacht hinein.“ Gleichzeitig verschärfen Influenza und andere Atemwegserkrankungen die Lage: mehr Patienten, mehr Ausfälle beim Personal. Berlin hat also weniger Hände und liefert mehr Verletzte. Das ist die Bilanz einer Verwaltung, die die Basics nicht beherrscht.
Am Donnerstag kippt das System weiter: Notaufnahmen mussten vorübergehend schließen – Westend, Dominikus-Krankenhaus, Jüdisches Krankenhaus, Virchow-Klinikum. Am Humboldt-Krankenhaus standen neun Rettungswagen mit Patienten an Bord auf der Rampe, bis zu 40 Minuten Wartezeit, dann wurde auch dort geschlossen. In solchen Phasen melden Häuser ab oder signalisieren im Ivena-System eingeschränkte Aufnahmefähigkeit.
Das ist eine Metropole, die bei Glätte wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.
Und jetzt zum Kern der Berliner Absurdität: Diese Stadt betreibt Winterdienst nicht als Schutzpflicht, sondern als Moral- und Strafprogramm. Das Straßenreinigungsgesetz und lokale Satzungen verpflichten Grundstückseigentümer, Gehwege vor dem eigenen Grundstück zu räumen und abzustreuen. Die BSR räumt nicht vor privaten Häusern, sondern vorrangig Fahrbahnen, Haltestellen, bestimmte Plätze. Der Bezirk ist nicht zuständig fürs Streuen privater Grundstücke – aber zuständig fürs Sanktionieren. Treptow-Köpenick hat nach eigener Auskunft bereits Hauseigentümer bestraft, weil sie nicht gestreut haben.
Anlieger müssen also Gehwege vor dem Grundstück räumen und mit abstumpfenden Mitteln streuen; Auftaumittel wie Streusalz sind grundsätzlich verboten.
Das ist in der Theorie schon unerquicklich. In der Praxis ist es irre. Denn während der Staat Bürger abmahnt, lässt er die eigenen Flächen liegen. Viele Bezirksflächen waren spiegelglatt. Das ist das System Berlin: erst die Pflicht predigen, dann selbst nicht liefern.
Und weil diese Stadt sich nie zu schade ist, das Offensichtliche noch schlechter zu timen, kommt die Streusalz-Nummer obendrauf. Privat ist der Einsatz von Streusalz auf Gehwegen verboten. Während draußen Menschen stürzen und Notaufnahmen abmelden, wird politisch über Ausnahmen diskutiert – und die totale Fehlbesetzung in Form des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) meldet sich über soziale Medien mit einem bettelnden Appell, Tausalz „in Ausnahmen“ möglich zu machen, um „sofort“ zu entschärfen. „In Ausnahmen“ – nach Tagen voller Eisregen. „Sofort“ – nachdem Kliniken dichtmachen mussten.
Hamburg wird als Vorbild genannt, weil dort Anfang Januar das Verbot des privaten Gebrauchs von Tausalz gelockert wurde und in besonderen Lagen zwischenzeitlich aufgehoben werden kann. Berlin dagegen diskutiert, bis die Stadt kollabiert – und schafft es nicht einmal, die eigenen Wege ordentlich zu sichern, während es den Bürger für ungesicherte Wege sanktioniert.
Das ist keine „Panne“. Das ist eine dysfunktionale Hauptstadtverwaltung, die an der einfachsten Staatsaufgabe scheitert: öffentliche Sicherheit im öffentlichen Raum. Berlin setzt Verbote, verteilt Strafen und verliert trotzdem beides: Naturschutz als Feigenblatt, Verkehrssicherheit als Kollateralschaden. Die Stadt ist glatt – aber am glattesten ist das Verantwortungsgefühl der Regierung.
Wer immer noch so tut, als sei das alles bloß eine der vielen, vielen Einzelfall-Ausnahmen in einem völlig dysfunktionalen Berlin, der muss sich nur an den letzten Komplettaussetzer erinnern: Als im Südwesten der Stadt der Strom nach dem Terroranschlag auf das Stromnetz ausfiel, fand der Regierende Bürgermeister ebenfalls erst sehr später die Zeit für eine Reaktion. Dasselbe Muster wiederholt sich nun auf dem Eis: erst kippt die Lage, dann kommen Appelle und Debatten. Berlin verwaltet nicht Vorsorge, Berlin verwaltet Folgen. Die Stadt wird zur Gefahrenzone, weil ihre Spitze immer erst dann aufwacht, wenn die Bürger längst die Folgen der ständigen politischen Unfähigkeit bezahlen.

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Da können sie doch die alte Plandemie-Parole „wir bleiben zuhause“ reaktivieren.
Vor Tennishallen gilt das Streusalzverbot aber hoffentlich nicht.
Radfahrer, dazu noch in Berlin, erhalten wenig Mitleid von mir.
> Während draußen Menschen stürzen und Notaufnahmen abmelden, wird politisch über Ausnahmen diskutiert – und die totale Fehlbesetzung in Form des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) meldet sich über soziale Medien mit einem bettelnden Appell, Tausalz „in Ausnahmen“ möglich zu machen, um „sofort“ zu entschärfen. Ich verstehe das Problem nicht – gerade Google-KI bemüht: „teheran winter streusalz“ > „… In Teheran wird im Winter Streusalz (oft eine Mischung aus Salz und Sand) verwendet, um den Straßenverkehr bei Schnee und Eisglätte aufrechtzuerhalten. Besonders in den höher gelegenen nördlichen Stadtteilen, wo es häufiger schneit, ist der Winterdienst aktiv. …“ Vielleicht muss man… Mehr