„Warum sie bei Gaza schreien und beim Iran schweigen“

In einem scharf formulierten Video-Kommentar wirft der Journalist und frühere Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber den Linken „selektive Empörung“ vor. Das Schweigen vieler in Europa zu den Protesten und Menschenrechtsverletzungen im Iran sei kein Versehen mehr, sondern eine Haltung.

Screenprint via X / @ConstSchreiber

Constantin Schreiber kritisiert in einem Video-Kommentar, das er bei X verbreitet, scharf den Umgang westlicher Gesellschaften mit den Protesten im Iran. Er kommentiert vor allem das Schweigen vieler politischer Akteure und Bewegungen in Europa – insbesondere aus dem linken Spektrum.

„Jetzt demonstrieren Menschen im Iran für Freiheit. Jetzt riskieren Frauen und Männer ihr Leben, weil sie sich weigern, weiter in einem System aus religiösem Zwang, Gewalt und Erniedrigung zu existieren“, so Schreiber. Jugendliche würden „verhaftet, gefoltert und hingerichtet, weil sie tanzen, demonstrieren oder ihre Haare zeigen“. Dass dazu in Europa kaum was zu hören ist, sei kein Versehen mehr: „Jetzt – genau jetzt – ist das Schweigen vieler in Berlin, Paris, London oder Brüssel kein Versehen mehr, sondern eine Haltung. Denn wer heute schweigt, der entscheidet sich.“

— Constantin Schreiber (@ConstSchreiber) January 10, 2026

Besonders auffällig sei das Verhalten jener Milieus, die sich sonst schnell und laut mobilisierten, insbesondere dann, wenn es um Israel oder Gaza ginge. Schreiber verweist auf pro-palästinensische Proteste wie „All Eyes on Gaza“, die binnen kürzester Zeit große Unterstützung erfahren hätten. „Im Fall Iran hingegen: Zögern. Schweigen. Ausweichen. Kein ‚All Eyes on Iran‘“, konstatiert er.

Der Journalist ordnet das Schweigen historisch ein. Teile der westlichen Linken hätten bereits die Islamische Revolution von 1979 als „antiimperialistischen Befreiungsschlag“ verklärt. Dass daraus eine „brutale Theokratie“ entstanden sei, „die Frauen entrechtet, Oppositionelle ermordet und Minderheiten verfolgt“, werde bis heute verdrängt. „Wer damals die Augen schloss, tut sich bis heute schwer, klare Worte zu finden“, so Schreiber. Die Folge: Während israelische Militäraktionen „binnen Minuten moralisch verurteilt werden“, blieben Hinrichtungen im Iran oft Randnotizen.

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Auch identitätspolitische Bewegungen nimmt Schreiber ins Visier. Gruppen, die sonst jede Form von Unsichtbarkeit anprangerten, seien „erstaunlich leise, wenn Frauen erschossen werden, weil sie sichtbar sind“. Schreiber: „Während für Gaza lautstark Solidarität eingefordert wird, müssen iranische Frauen darum kämpfen, überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist keine ausgewogene Moral. Das ist selektive Empörung.“

Sein Fazit ist deutlich: „Der Iran ist der Lackmustest unserer Moral. Wer bei Gaza brüllt, aber beim Iran schweigt, beweist, dass für ihn Moral nicht universell, sondern wahlweise ist – und ihm die Freiheit der Menschen im Iran egal ist.“

Constantin Schreiber war viele Jahre eines der bekanntesten Gesichter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ab 2017 arbeitete er für ARD-aktuell, moderierte zuletzt die Tagesthemen und die Tagesschau. Im Frühjahr 2025 verließ er die Nachrichtensendung und begründete den Schritt damit, wieder stärker journalistisch arbeiten, analysieren und kommentieren zu wollen.

Heute ist Schreiber Teil des Global Reporters Network des Axel Springer Verlags und berichtet aus New York und Tel Aviv. Er spricht Arabisch und gilt als Nahost-Experte. Auf Wikipedia erfährt man, dass er als Jugendlicher ein halbes Jahr in einer christlichen Familie in Damaskus verbrachte, wo er die Sprache erlernte. Er absolvierte ein Praktikum in einem Handelskontor in Port Said in Ägypten. 2006 arbeitete er als Reporter für die libanesische Tageszeitung Daily Star in Beirut. Von 2007 bis 2009 war er Korrespondent des arabischen Programms der Deutschen Welle in Dubai.

Dass er sich jetzt so kritisch gegen Linke, ihr lautes Schreien bei Gaza und ihr lautes Schweigen beim Iran äußert, könnte einen zu der Vermutung verleiten, dass er dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Rücken gekehrt hat, weil er sich dort so nicht hätte äußern können. Ob das so ist, weiß nur er.

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