Morgan Stanley rät zur Reduktion französischer Staatsanleihen

Ist Morgan Stanley der Spielverderber der Schuldenparty? Das New Yorker Bankhaus empfiehlt institutionellen Kunden, französische Staatsanleihen abzustoßen. Es scheint, als wende sich der Kapitalmarkt zunehmend von der EU ab – ausgerechnet in dem Moment, in dem Deutschland zum großen Schuldensprung ansetzt.

IMAGO / ABACAPRESS

Wer Politik von Propaganda scheiden will, sollte Pressekonferenzen meiden und sich stattdessen mit prüfendem Blick dem Finanzmarkt zuwenden. Auf Anleihemärkten und Aktienbörsen werden Erwartungen von Millionen Anlegern gehandelt. Die Zukunft erhält gewissermaßen ein Preisschild. Und man ist gut beraten, genauer hinzuschauen, wenn eine der großen Investmentbanken wie das US-Haus Morgan Stanley vor europäischen Staatsschulden warnt – in diesem Fall vor französischen Staatsanleihen.

Am vergangenen Freitag empfahl das New Yorker Geldhaus seinen institutionellen Kunden, Bestände französischer Staatsanleihen abzubauen – zu groß sei das Risiko angesichts der offenbar kaum noch beherrschbaren Schuldenkrise eines Staates, der sich politisch in eine Sackgasse manövriert hat.

2040 könnte das französische Schuldenbarometer 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzeigen, warnt die OECD. Sicherlich, dies liegt weit in der Zukunft. Doch die Botschaft ist nun einmal in der Welt: Emmanuel Macron ist ein Präsident ohne Volk und bald wohl auch ohne Kreditwürdigkeit.

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Morgan Stanleys Warnung vor dem inzwischen auf rund 3,5 Billionen Euro angewachsenen Schuldenberg richtet sich damit ganz konkret an Vermögensverwalter, Pensionsfonds, Versicherungen, Hedgefonds und andere professionelle Investoren am Rentenmarkt. Frankreichs Staatsverschuldung ist mittlerweile auf rund 118 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Die jährlichen Zinskosten belaufen sich im laufenden Jahr auf rund 66 Milliarden Euro. Morgan Stanley warnt, dass sie bis zum Ende der Dekade auf etwa 100 Milliarden Euro anwachsen könnten – und das wohlgemerkt unter der Annahme eines vergleichsweise moderaten Zinsverlaufs.

Seien wir ehrlich: Die großen Fünf – Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien –, der europäische Schuldenmacher-Club, werden in den kommenden Jahren Billionenbeträge zusätzlich am Anleihemarkt aufnehmen und damit die Zinskurve weiter nach oben treiben. Die Folgen werden jeden treffen – vom Häuslebauer bis zum kleinen Mittelständler, der einen Bankkredit benötigt. Kredit wird verknappt, der öffentliche Sektor wirkt wie ein Staubsauger, der knappe Ressourcen vom Markt saugt. Am Ende werden alle die Zeche für die aus dem Ruder gelaufenen Schuldenexzesse der europäischen Zentralplaner zahlen.

Und bevor Sie die berechtigte Frage aufwerfen, weshalb ein Schuldenschnitt nicht zumindest einen Teil des wachsenden Drucks aus dem fiskalischen Kessel nehmen könnte: Systemischer Zwang, die Konstruktion des Fiat-Kreditgeldsystems, verhindert ausgerechnet diese naheliegendste aller Lösungen. Denn im Fiat-Kreditgeldsystem würde eine Reduzierung des zirkulierenden Kredits – und genau das wäre ein Schuldenschnitt – unmittelbar deflationäre Schocks auslösen. Die Bilanzen der Anleihegläubiger, Pensionskassen und Rentenversicherer würden kontrahieren und in der Konsequenz den Kreditmechanismus grosso modo regelrecht abwürgen. Das Kreditsystem könnte einen Kollaps selbst durch massive Liquiditätshilfen der Notenbanken kaum verhindern.

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Es wäre nicht so sehr die gesetzliche Rentenversicherung, die von einer Anleihekrise unmittelbar getroffen würde. Weitaus stärker betroffen wären die Versorgungswerke, die betriebliche Altersvorsorge, Lebensversicherungen und Pensionsfonds. Sie verwalten Hunderte Milliarden Euro, die zu einem erheblichen Teil in klassischen Staatsanleihen – allen voran denen der Bundesrepublik – investiert sind. Ein Schuldenschnitt würde dieses Finanzierungsfundament regelrecht pulverisieren. Wer das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Staaten auch nur erschüttert, riskiert eine schwere Versorgungskrise im Versicherungs- und Pensionssystem mit erheblichen Ansteckungsgefahren für das gesamte Finanzsystem.

Zudem bedeutete ein Schuldenschnitt die kalte Enteignung der Finanziers des Staates. Eine Gesellschaft, die auch nur ansatzweise Eigentumsrechte und die Prinzipien zivilisatorischer Ernsthaftigkeit hochhält, sollte diese zerstörerischen Tendenzen unter allen Umständen meiden. Vertrauen ist die wertvollste aller Währungen. Ist es einmal verloren, leidet auch die Privatwirtschaft unter der fahrigen, unlauteren Politik.

In der Konsequenz sind wir auf Gedeih und Verderb auf eine fortgesetzte Kreditexpansion angewiesen – zumindest so lange, bis es eines Tages zu einem systemischen Reset und der Rückkehr zu stabilem Geld kommt. Wir befinden uns erst am Anfang der heraufziehenden Schuldenkrise. Höhere Volatilität an den Finanzmärkten, steigende Zinsen, teurerer Kredit und eine wachsende Zahl von Insolvenzen werden die kommenden Jahre prägen.

AKKLIMATISIERUNG AN DEN NIEDERGANG
Kein Zurück mehr aus dem Schulden-Sumpf
Wann es zum Schwur am Anleihemarkt kommt, kann niemand prognostizieren. Seit rund fünf Jahren befinden sich die Zinsen im Aufwärtstrend. Und ausgerechnet der einstige Saubermann Deutschland hat sich an die Spitze der europäischen Schuldenkarawane gestellt. Bundeskanzler Friedrich Merz war noch vor etwas mehr als einem Jahr mit Austeritätsparolen auf politischer Werbetour. Platte Slogans wie „Schulden sind die Steuern der Zukunft“, „Linke Politik ist zu Ende“ oder der Klassiker „Wir bauen Schulden und Bürokratie ab“ gingen dem Meister des gepflegten Wortbruchs so leicht über die Lippen, wie dem Sozialisten die Forderung nach Enteignung der Vermögenden.

Dem ehemaligen BlackRock-Manager wird bewusst gewesen sein, dass ausgerechnet Deutschland als Anker des Euro-Systems eine massive Kreditausweitung vornehmen muss, um das gesamte System liquide zu halten. Die gigantische Rüstungsorgie der Bundesrepublik, deren Ausgaben auf groteske fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts anwachsen sollen, stützt diese These. Rund 230 Milliarden Euro pro Jahr sollen künftig schuldenfinanziert in die Aufrüstung fließen – schuldenfinanzierter Vulgärsozialismus zur Überkompensation des angerichteten Schadens durch Energiewende, Klimawahn und sonstigen ideologischen Irrsinn.

Auf einen derartigen fiskalpolitischen Amoklauf begeben sich nur diejenigen, die entweder bereits jede Hoffnung fahren gelassen haben oder vollständig auf das bestehende geldpolitische Regime eingeschworen sind und deren Zeithorizont nicht über die laufende Legislaturperiode hinausreicht. Nach uns die Sintflut – treffender lässt sich das Leitmotiv dieser Politik kaum zusammenfassen.

DAS ABRISSKOMMANDO
Auf der schiefen Ebene des Ökosozialismus
Die Warnung Morgan Stanleys vor Frankreich, der femme fatale der europäischen Schuldenpolitik, findet ihren Widerhall grosso modo in der gesamten Europäischen Union. Allerorten sind politische Entscheidungsträger der Vorstellung verfallen, die durch Überregulierung und eine selbstzerstörerische Energiepolitik verursachten Produktivitätsverluste mit der Kreditpumpe und künstlich erzeugter staatlicher Nachfrage ausgleichen zu können. Dahinter schimmert die naive Hoffnung auf: Wir wachsen uns aus den Schulden heraus und beginnen mittelfristig mit ihrer Tilgung.

Das Einzige, was tatsächlich geschehen wird: Steuern und Abgaben werden weiter steigen, ebenso die Inflation – jene versteckte Steuer, die der Staat nur allzu bereitwillig in Kauf nimmt, weil sie ihm als größtem Schuldner im System zumindest vorübergehend etwas Luft verschafft.

Das Fatale an der Botschaft von Morgan Stanley liegt in ihrem impliziten Matthäus-Effekt. Großbanken agieren bei der strategischen Positionierung großer Kapitalsummen und Kundengelder in aller Regel nicht isoliert, sondern weitgehend koordiniert. Morgan Stanley dürfte beileibe nicht das einzige Institut sein, das den Europäern nicht länger zutraut, die Schuldenspirale aus eigener Kraft zu verlassen. Umso verständlicher erscheint der Versuch europäischer Politik und Medien, mit Vorliebe auf die amerikanische Schuldenpolitik zu verweisen. Er lenkt von einem Problem ab, das in den Analyseabteilungen großer Banken offenbar bereits die Schwelle vom bloßen Beobachten zum konkreten Handlungsbedarf überschritten hat.

Morgan Stanleys Anlegerwarnung ist ein Menetekel dafür, dass wir ideologisch und fiskalpolitisch auf dem Holzweg sind. Wir sind gut beraten, die Zeichen der Zeit ernst zu nehmen und regelmäßig das Ohr auf die Schiene des Kapitalmarkts zu legen – ohne zu vergessen, den Kopf rechtzeitig wieder zurückzuziehen.

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