Ihre Stimme klang, als hätte jemand Whisky über ein Reibeisen gegossen, und ihre Balladen waren Opern für Menschen, die nie in die Oper gingen. Nun ist Bonnie Tyler mit 75 Jahren in Portugal gestorben. Ein Nachruf auf die Frau, die der Nacht ihre Hymnen gab. Von Silvia Venturini
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Ein Uhr nachts, irgendeine Nostalgie-Disco zwischen Palermo und Flensburg. Die Tanzfläche hat schon bessere Momente gesehen, die Getränke sowieso. Dann legt der DJ diese Klavierakkorde auf. Ein Raunen. „Turn around“, singt eine Männerstimme, und spätestens beim „bright eyes“ ist der ganze Laden dabei, die Achtzehnjährigen wie ihre Eltern, die Textsicheren wie die, die nur ungefähr die Vokale treffen. Vier Minuten Einigkeit. Nationalhymnen schaffen das nicht mal an guten Tagen.
Wer Bonnie Tyler erst in solchen Nächten kennengelernt hat, lange nach ihren großen Jahren, begreift vielleicht am besten, was diese Frau konnte. Ihre Lieder brauchten die Achtzigerjahre nicht. Sie brauchten nicht einmal Erinnerung. Sie funktionierten bei Leuten, die 1983 noch gar nicht geboren waren, und das ist eine Währung, in der man Popmusik ehrlicher misst als in Chartplatzierungen. Am Mittwoch ist Bonnie Tyler in einem Krankenhaus im portugiesischen Faro gestorben, 75 Jahre alt, nach wochenlangem Kampf.
Die Bergarbeitertochter
Geboren wurde sie 1951 als Gaynor Hopkins im walisischen Skewen, der Vater Bergarbeiter, die Mutter eine Opernliebhaberin. Der Vater gab ihr den Staub in der Stimme, die Mutter das Drama. Sie wuchs mit fünf Geschwistern auf, sang bei einer Truppe namens „Bobby Wayne and the Dixies“ und gründete dann eine eigene Band, die sie mit hübschem Größenwahn Imagination taufte.
Fast zehn Jahre lang tingelte sie durch die Pubs und Nachtclubs von Südwales. Wer weiß, wie ein walisischer Pub am Samstagabend klingt, weiß auch, dass man sich dort das Publikum jeden Abend neu verdienen muss, gegen das Klirren der Gläser und mindestens eine Schlägerei an. Es gibt keine bessere Schule, aber empfehlen möchte man sie niemandem.
1976 dann „Lost in France“, der Durchbruch. Ein Jahr später „It’s a Heartache“, dieses müde, wissende Lied, das nach Nashville klang, obwohl sie nie dort gewesen war. Da hieß sie längst Bonnie Tyler. Und da hatte sie auch schon diese Stimme.
Der schönste Betriebsunfall der Popgeschichte
Wobei, stimmt nicht ganz. Die Stimme, die alle kennen, kam erst noch. Ende der Siebzigerjahre ließ sich Tyler Knötchen von den Stimmlippen entfernen, ein Routineeingriff. Der Arzt verordnete danach striktes Schweigen, wochenlang. Der Legende nach hielt Tyler das nicht durch: Irgendwann schrie sie vor lauter Frust laut auf, mitten ins Schweigegebot hinein, und ruinierte damit die Heilung endgültig.
Zurück blieb ein Timbre wie Schmirgelpapier. Für eine Sängerin eigentlich das Ende. Für Bonnie Tyler war es der Anfang, denn dieses beschädigte, raue Organ klang nach gelebtem Leben, nach durchwachten Nächten und verlorenen Lieben, selbst wenn sie nur die Speisekarte vorgelesen hätte.
Und, das muss man dazusagen, kaputt war da gar nichts. Wer eine ihrer Live-Aufnahmen hört, auch die späten, hört eine Frau, die über einem Rockorchester steht wie ein Turm, ohne Netz, ohne doppelten Boden, ohne die Software, die heute halbe Stadien füllende Karrieren zusammenhält. Manch gefeierter Star der Gegenwart würde neben dieser angeblich versehrten Stimme klingen wie ein Anrufbeantworter. Die Wunde wurde zum Markenzeichen, aber getragen hat sie ein Instrument von brutaler Kraft.
Diese Kombination fiel einem Mann auf, der genau so etwas suchte: Jim Steinman, der Komponist, der Rockmusik schrieb, als wäre sie Wagner, nur mit mehr Nebelmaschine. Für Tyler schrieb er „Total Eclipse of the Heart“, fünfeinhalb Minuten Weltuntergang in Balladenform. 1983 stand das Lied auf beiden Seiten des Atlantiks an der Spitze der Charts, und das Album machte sie zur ersten Britin, deren Platte direkt auf Platz eins der heimischen Charts einstieg. Belcanto mit Föhnfrisur. Wer je erlebt hat, wie ein ganzer Saal beim letzten Refrain die Arme hebt, ahnt, dass die Trennung von E- und U-Musik eine Erfindung ist, an die sich das Herz nie gehalten hat.
Mit „Holding Out for a Hero“ legte sie nach, jenem galoppierenden Stück Bedürftigkeit, in dem eine Frau fragt, wo all die guten Männer hin sind, die Götter, die Starken, die Schnellen. Die Frage stellt sich seitdem nur umso dringlicher.
Die Unverwüstliche
Danach hätte man ihr einen würdevollen Rückzug gegönnt. Rückzug war erkennbar nicht ihr Genre. Sie nahm weiter Alben auf, tourte unermüdlich, trat 2013 mit über sechzig noch beim Eurovision Song Contest für Großbritannien an und wurde Neunzehnte von sechsundzwanzig, was weniger über sie aussagt als über den Wettbewerb. Noch 2025, nach einer Knieoperation, stand sie wieder auf der Bühne und sang, versteht sich, live. Anfang dieses Jahres erschienen neue Lieder. Aufhören kam in ihrem Wortschatz schlicht nicht vor.
Im Mai dann die Notoperation in Faro, wo sie zuletzt lebte. Wochen im künstlichen Koma, ein Herzstillstand, ein kurzes Erwachen, dann das Verlöschen. Ihre Familie teilte mit, sie sei unerwartet im Krankenhaus gestorben. Catherine Zeta-Jones trauerte um „unsere Königin Bonnie“, Cliff Richard erinnerte an ihre ansteckende Lebensfreude.
„Every now and then I fall apart“, heißt es in ihrem größten Lied. Hin und wieder zerbreche ich. Man glaubte ihr beides, das Zerbrechen und das Weitermachen, und vermutlich lag genau darin ihr Geheimnis. In den Nostalgie-Discos wird es weitergehen, ein Uhr nachts, die Klavierakkorde, das Raunen. Turn around, bright eyes. Und alle singen mit.

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Moskau, 1986, Gorbatschew, Perestroika; es wurde gerade Rockmusik-Verbot aufgehoben und Bonny war die erste westliche Rock Künstlerin, die in der UdSSR singen durfte, und zwar in riesigem Konzerthall. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich in Wirklichkeit einen echten britischen Rock Band sehe und höre! Oh Gott, was für eine Zeit es war, ich war schon 36, aber ich hatte Gefühl, dass mein Leben erst jetzt beginnt… Thank you,dear Bonny, Rest In Peace!
Ist ers nicht erstaunlich, dass auch berümte Leute irgendwann steben?
Der Tod ist ein Mysterium und vor allem auch Beamte haben furchtbare Angst davor, wo sie doch eine lebenslange schöne Pension haben.
Grandios geschrieben-Danke!
Naja. Für mich war sie ein bissel der weibliche Meat Loaf: Pathos, Kitsch und Cheesiness auf glattpoliertem Bombastsound. Not my cup of tea. Da war mir sogar Michael Jackson lieber (und das als Schwermetaller).
Dennoch: RIP
Sehr geehrte Frau VENTURINI,
besser konnte ein Nachruf auf diese wunderbare Frau mit der beeindruckenden Stimme sowie den rührenden Inhalten ihrer Songs nicht geschrieben werden. Vielen Dank.
Von der Kassiererin an der Ladenkasse zum zufällig entdeckten Weltstar ist schon eine beachtliche Karriere und ob das Gesang war, wäre eine andere Frage und so bringen alle Generationen ihre Favoriten hervor und deshalb jedem das Seine, denn schließlich sind wir ja alle Demokraten und das sagt nichts zur Kultur, sondern ist dafür da, Unkulturen zu verhindern, was sie ja auch nicht können und halten wir es deshalb wie Schopenhauer, der vom blinden Lebensdrang spricht, wo dann mit dieser Gewichtung vom anderen nicht mehr viel übrig bleibt. Wenn das alles ist, dann müssen wir uns doch über die heutigen Zustände… Mehr
Mit Verlaub: Ein in seiner Geschraubtheit sehr deutscher Kommentar. Bonnie T war einfach eine tolle Schlagersängerin – so wie Anna Netrebko eine grandiose Operndiva ist. Wir können heute das Beste aus beiden Welten genießen und anerkennen – das gehört zu den wenigen Vorzügen unserer Zeit neben Anästhesie und dem Auto für jedermann. Ich höre Bach und Monteverdi, Mozart und Schubert – und zwar auch die ganz „schweren“ Sachen aus der Kammermusik. Daneben liebe ich je nachh Stimmung klassischen Jazz, US-Folk und Rock, ebenso Italo-Pop und französische Chansons. – Wie wäre es, die Dinge einfach mal so zu genießen, wie sie… Mehr
Das Tina Turner ihr frech in den späten 80igern „The Best“ geklaut hatte und selbst damit unverdiente Lorbeeren einheimste, war im Grunde eine Schande! Turner konnte zwar besser mit dem Hintern wackeln, aber von der Stimme her (und auch sonst) war sie mehr gehypt als echte Kunst. Meine Meinung.
Ach ja, mit uns heute alten weißen Männer & Frauen, gehen dann nun so langsam auch all unsere Star’s, Sternchen und Vorbilder von uns, mit denen wir selbst von jungen Jahren an aufgewachsen und groß geworden sind und die uns in unseren schönen wie auch traurigen Stunden begleitet haben. Die „Zeit“ macht eben vor niemanden halt.
Ruhe in Frieden, Bonnie Tyler
Ja, das ist leider so und da werden in den nächsten Jahren noch so einige Musiker gehen. Ich rechne z.B. auch mit Phil Collins, dem es offenbar nicht besonders gut gehen soll. Musikalisch lag der mir, insb. mit Genesis, erheblich näher als Bonnie Tyler. Was nicht heißen soll, dass mir ihre Musik nicht gefiel. Ich glaube die einzigen Musiker die ewig leben werden, sind Mick Jagger und Keith Richards 😉
In Wales singt jeder mit jedem zu irgendeiner Gelegenheit. Das ist da der Normalzustand.
Ein sehr sehr gut geschriebener und liebevoller Nachruf. Sie wird unvergessen sein. Für mich auf jeden Fall: Ich bin viel in Frankreich unterwegs. Abergläubisch wie ich bin, würde ich keine Fahrt antreten, ohne beim Start „Lost in France“ zu hören. Dieses Ritual habe ich seit den späten 1990ern und bisher ging es immer gut 😉