Matthias Müller warnt vor „Weg zu einer DDR 2.0“

Wenn selbst ein früherer VW-Chef vor einer „DDR 2.0“ warnt, ist das mehr als eine Provokation. Matthias Müller beschreibt ein Land aus Bevormundung, Reformfeigheit und politischer Abschottung, das seine wirtschaftliche Substanz mutwillig verspielt.

picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg
Matthias Müller, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

Wenn ein ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Volkswagen sagt, Deutschland bewege sich in Richtung „DDR 2.0“, dann spricht da kein Berufsrebell. Dann spricht ein Mann, der aus der Industrie kommt, aus einem Milieu also, das den politischen Verfall dieses Landes lange geduldig ertragen, beschönigt oder aus Geschäftsinteresse übersehen, leider ihm auch oft genug mit politischer Hoffierung grüner Phantasterei applaudiert hat. Matthias Müller nennt Deutschland einen „Vollkaskostaat“. Genau das trifft den Zustand der Republik präziser als das übliche Gerede von Transformation, Resilienz und Zusammenhalt.

Der Befund ist so brisant, weil Müller aus eigener Erfahrung weiß, wovon er redet. Er stammt aus der DDR, floh als Kind mit seiner Familie in den Westen und erkennt nun Züge wieder, die in Deutschland immer deutlicher hervortreten: ein wachsender Staat, eine sinkende Eigenverantwortung und eine politische Klasse, die ihre Bürger lieber lenkt als ihnen Freiheit zuzutrauen. Das Wort „DDR“ ist in Deutschland ein politischer Stromschlag. Aber gerade deshalb sitzt es. Müller will nicht Geschichte gleichsetzen. Er beschreibt eine Richtung. Und diese Richtung ist unerquicklich genug.

Denn dieses Land wird seit Jahren in einen fürsorglichen Erziehungsapparat umgebaut. Der Staat mischt sich in Energie, Mobilität, Sprache, Wirtschaft und Lebensführung ein, verteilt Geld, das er nicht hat, und verkauft jede neue Gängelung als moralischen Fortschritt. Gleichzeitig wird Leistung bestraft, Eigentum belastet und unternehmerisches Risiko mit immer neuen Regeln, Abgaben und Verboten belegt. Das Ergebnis ist ein Land, das sich absichert, bis ihm die Kraft ausgeht. Ein Land, das von Zumutungen lebt, aber Reformen für unzumutbar hält. Müllers Vorwurf, die Politik sei mit den nötigen Reformen überfordert, ist fast noch zu freundlich. Sie will viele dieser Reformen gar nicht mehr.

Besonders explosiv ist Müllers Kritik, die er gegenüber t-online äußert, an der Brandmauer zur AfD. Müller fordert keine politische Liebeserklärung an die Partei. Er sagt lediglich, man solle die Mauer „ein Stück weit öffnen“, damit die AfD sich nicht weiter „schön eingehegt“ entwickeln könne. Das ist deshalb bemerkenswert, weil hier einer das Offensichtliche ausspricht: Die Abschottung hat die AfD nicht geschwächt. Sie hat vor allem die anderen Parteien davor bewahrt, sich ehrlich mit den Gründen ihres Aufstiegs auseinanderzusetzen. Die Brandmauer ist längst kein Schutzwall der Demokratie mehr. Sie ist ein Schutzwall gegen die Wirklichkeit.

Noch härter ist Müllers Blick auf die Gesellschaft selbst. Er spricht von einem Volk der Egoisten, das Veränderungen fordere, aber selbst nicht betroffen sein wolle. Auch das sitzt. Deutschland ist zu einem Land geworden, in dem jeder den Kurswechsel verlangt, solange der Nachbar zahlt. Jeder ruft nach Ordnung, solange sie nur den anderen trifft. Jeder klagt über den Niedergang, aber kaum jemand will die politischen und materiellen Kosten der Umkehr tragen. So entsteht dieser deutsche Mischzustand aus Anspruchsdenken, Staatsglauben und Mutlosigkeit. Genau daraus wächst der Vollkaskostaat.

Müller zweifelt zudem an der heutigen Verfasstheit der EU und hält einen kleineren, handlungsfähigeren Kern für denkbar. Auch das ist kein Europa-Ausstieg, sondern eine nüchterne Reaktion auf einen Kontinent, der sich in Bürokratie, Detailregeln und Selbstgesprächen verliert, während andere Mächte strategisch handeln. Wenn selbst ein früherer Topmanager der deutschen Industrie inzwischen so spricht, dann liegt das nicht an plötzlicher Radikalität. Dann liegt es am Zustand dieses Landes.

Der eigentliche Skandal ist deshalb nicht, dass Matthias Müller „DDR 2.0“ sagt. Der Skandal ist, dass dieser Satz sofort verstanden wird. Zu viele Bürger erleben längst einen Staat, der ihnen immer Umfangreicher und Ungenierter ins Leben greift, ihr Geld wortwörtlich verbrennt, ihre Freiheit beschneidet und jeden Widerspruch moralisch verdächtig macht. Eine Politik, die darauf nur mit Empörung über den Vergleich reagiert, bestätigt ihn bereits.

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Kommentare ( 27 )

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Supersilent
24 Tage her

Wir leben schon längst einer einer linken Gesinnungsdiktatur. Seine Meinung am falschen Ort sagen ist heute schon gefährlich. Man wird in bestimmten Lokalen nicht bedient wenn man nicht linksgrün denkt und AfD wählt (steht auf Plakaten oder Kreidetafeln hinter dem Tresen) und wird des Hauses verwiesen. (an was erinnert mich das nur?).Stasispitzel lauern mittlerweile überall und sagt jemand das falsche wird die Staatsanwaltschaft aktiv. Das schlimme ist, dass die Mehrheit der Schlafschafe das immer noch nicht begriffen hat und weiterhin jene wählt die solche Zustände herbeiführen. Wie meinte noch der Kinderbuchautor und beste Wirtschaftsminister aller Zeiten: „China ist mein großes… Mehr

Last edited 24 Tage her by Supersilent
BKF
25 Tage her

Also als ehemaliger DDR-Bürger kann ich sagen, es ist nicht der Weg zu einer DDR 2.0 Die DDR war sowas wie ein Drittes Reich in weichgespühlt, da man ja besetzt war aber trotzdem die deutsche Nation hochhielt. Der sich jetzt abzeichnende Weg ist zwar auch der Weg in eine erneute linke Diktatur (wäre dann die dritte linke in Deutschland), also mit der Potenz des Dritten Reichs, es wird also ein Drittes Reich 2.0, da paßt viel mehr innhalb des Reichs und auch in der Außenpolitik des Reichs.

Ein Mensch
25 Tage her

Wir haben erst kürzlich erleben dürfen das in einem Bundesland 80% der Wähler genau das wollen , eine DDR 2,0. Lustig daran ist, dass diese Wähler den real existierenden Sozialismus nie erlebt haben. Aber natürlich verunglimpfen sie gleichzeitig die, welche live dabei waren und die ,,Segnungen“ des Sozialismus am eigenen Leib erfahren durften. Wir, die im Sozialismus aufgewachsen sind, wissen was kommt und lasst euch im Westen gesagt sein, das wird nicht lustig.

Nibelung
25 Tage her

Nach Wilhelm Busch: Zu spät mein lieber, der Namenstag ist längst vorrüber. Zwar ehrenwert, der Weg zur Selbsterkenntnis, daß hätte aber früher kommen müssen, denn nun sind wir bald am Ende und wenn der Irankrieg noch ein paar Monate anhält, können wir einpacken und nichts geht mehr. Die Regale in den Läden sind schneller leer als man glaubt und dann beginnt die große Räuberei und das alles ist auf eine fatale Politik der vergangenen Regierungen zurück zu führen und man hätte auch in diesem Kontext schon lange dem Ami und seinem Zwerg die Leviten lesen müssen, denn die sind der… Mehr

Sonny
25 Tage her

Ah! Ist die Wahrheit also auch teilweise in den industriellen Chefetagen angekommen?
Diesen Umstand der DDR 2.0 beschreiben die Leser (und natürlich TE selbst) schon seit 10 Jahren.
müller war ein Haupttreiber der Umstellung VW´s in die Elektromobilität, die sich, wie wir seit Jahren erkennen können, als nicht massentauglich erweist.

Last edited 25 Tage her by Sonny
Harry Hirsch
25 Tage her

Wie ich solche Leute „liebe“. Jahrelang der Politik nach dem Mund reden und später in Sicherheit der fetten Pensionen versuchen sich die weiße Weste anzuziehen.

Schmidtrotluff
25 Tage her

Jede Stimme zählt. Jede Veränderung zählt. Jetzt merken es auch Multimillionäre wie Herr Müller, dass es direkt auf dem Abgrund zuläuft. Immobilien sind nichts mehr wert (das gab es in der DDR zuhauf, Häuser wurden verschenkt, weil nicht mehr bezahlbar und ohne Refinanzierung). Firmenbeteiligungen sind nichts mehr wert. Arbeit lohnt sich nicht mehr. Arbeit und Fleiss sind ein Armutsrisiko. Es scheint nur zu vielen nicht klar zu sein, dass es hier um alles geht.

Ohanse
25 Tage her

Oder anders formuliert: VW ist dann mal weg aus Deutschland.

Uli_Ell
25 Tage her

Ah, wieder ein gratismutiger, Pensionsmillionär aus dem Club der Automobil-Manager.
Jetzt, nach ihrer Amtszeit u. mit lebenslangen fürstlichen Pensionsansprüchen finden sie kritische Worte zur Lage der Nation. In ihrer aktiven Zeit als Manager der größten Automobilkonzerne Europas, haben sie den rot-grünen DDR 2.0 Politikern in DE u. EU die Füsse geküsst!!! Kein Abgasgrenzwert war zu niedrig, den ein deutscher Automobilhersteller nicht unterbieten konnte! Wir können alles, außer Ehrlichkeit! Und jetzt haben wir den Schlamassel, dank dieser unterwürfigen Subventions- Speichellecker. Diese Typen haben wir Green Deal i. Verbrennerverbot zu verdanken!! Vielen Dank auch!

Cethegus
25 Tage her
Antworten an  Uli_Ell

Völlig richtig und wirklich unfassbar, daß sich solche saturierten Leute dann echt als tapfere WIderstandskämpfer sehen!!!

Felix Dingo
25 Tage her

Unter Matthias Müller begann VW massiv in die Elektromobilität zu investieren – als Reaktion auf den Diesel-Skandal und den Druck durch strengere Emissionsvorgaben:

2016/2017 kündigte er an, dass VW bis 2025 rund 80 neue Elektro-Modelle auf den Markt bringen wolle (Grundstein für die spätere ID.-Familie und die „TOGETHER – Strategy 2025“).

Und dieser Typ will uns belehren, nachdem er VW an die Wand gefahren hat?

Fragt: grok.com (von Elon Musk, soweit mir bekannt)