Krisenjubiläum, Krisenfolgen, Krisenwarnung

Nach der Finanzkrise wollten die Regulatoren in aller Welt die Bank-Bilanzen mit spezifischen Regeln für spezifische Risiken von spezifischen Institutionen kontrollieren. Warum soll das besser funktionieren, als die Zentralverwaltungswirtschaft in der DDR? Die Folgen sind weitere Risiken, die sich in den aktuellen Kursen niederschlagen.

Bryan R. Smith/AFP/Getty Images

Es ist das große Wirtschafts-Thema dieses Wochenendes: Vor zehn Jahren, am 15. September 2008, musste die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden. Könnte sich so etwas wiederholen? Steht die nächste Krise vor der Tür, wie die Pessimisten unken?

Ein Blick zurück hilft bei der Beantwortung der Frage. Von einem Tag auf den anderen breitete sich nach Bekanntwerden der Lehman-Insolvenz ein ungeheures Misstrauen zwischen den Banken aus, kein Institut lieh dem anderen mehr etwas. Weitere Bankenzusammenbrüche schienen sich abzuzeichnen, die unterbruchslose Versorgung der Realwirtschaft mit Geld schien genauso gefährdet wie der Zahlungsverkehr. Schon nach wenigen Stunden intervenierten Notenbanken und Regierungen.

Im Nachhinein stellt sich die Frage, ob Lehman Brothers hätte besser gerettet werden sollen? Nein lautet die Antwort aus wirtschaftsliberaler Sicht. Pleitefirmen sollen nicht mit öffentlichen Geldern am Leben erhalten werden.
Doch die Lehman-Insolvenz brachte die Weltwirtschaft an den Rand des Kollapses; die theoretisch richtige Entscheidung löste beinahe eine Katastrophe aus. Im Nachgang wurde oft von einem Versagen des Kapitalismus gesprochen; doch das Gegenteil ist der Fall: Es konnte zu dem Kollaps nur kommen, weil sich das globale Finanzsystem viel zu weit von marktwirtschaftlichen Prinzipien entfernt hatte.
Als „Too big to fail“ – zu gross, um fallengelassen zu werden – wurde das Dilemma, in das Notenbanken und Regierungen aufgrund der Systemrelevanz großer Institute geraten, fürderhin diskutiert – allerdings bis heute nicht gelöst.
Spätestens mit der Lehman-Pleite hätte es indes einer ganz neuen Konstruktion des Finanzsektors bedurft. In ihr hätte der eherne Grundsatz der Marktwirtschaft berücksichtigt werden müssen, dass jederzeit neue Unternehmen in den Markt eintreten können und alte Teilnehmer immer damit rechnen müssen, auszuscheiden.

In der Finanzindustrie ist dieser Grundsatz seit Jahrzehnten pervertiert worden: Das Versagen eines (großen) Finanzinstituts führt nicht zum Ausscheiden aus dem Markt, sondern zur Quasi-Zerstörung des gesamten Systems, was wiederum die staatliche Rettung einzelner Firmen bedingt. Mit der Lehman-Pleite erhielt das „Too big to fail“-Problem allerdings eine neue Dimension. Weil praktisch alle Finanzinstitute der Welt in der einen oder anderen Form Geschäfte miteinander machen, hängen auch alle voneinander ab. So kann schon der Zusammenbruch einer mittleren Bank zu einem relevanten Ereignis für das gesamte System werden.

Weil es – wie gesagt – für dieses Problem noch keine Lösung gibt, ist es durchaus angebracht, dass man sich die Lehman-Pleite zum zehnten Jahrestag in Erinnerung ruft. Denn leider wurde die Chance vertan, nach dem Scheitern des bisherigen Regulierungsansatzes eine Kursänderung vorzunehmen. Stattdessen wurde aus Regulierung, Überregulierung; auf die Regelwerke „Basel I“ und „Basel II“ folgte für die Banken „Basel III“, in der EU wurde gerade zum Jahresanfang 2018 die zweite, nochmals verschärfte „Markets in Financial Instruments Directive“, die sogenannte Mifid2-Richtlinie eingeführt; und bei den Versicherungen folgte auf „Solvency 1“ „Solvency 2“. Die Regulatoren in aller Welt folgen damit der grandiosen Fehleinschätzung, sie könnten die Aktivseite der Bilanzen mit spezifischen Regeln für spezifische Risiken von spezifischen Institutionen unter Kontrolle halten. Warum das besser funktionieren soll als die Zentralverwaltungswirtschaft in der DDR, bleibt eine offene Frage.

Jedenfalls scheint die Prognose nicht abwegig, dass diese Regulierung eine nächste Krise nicht wird verhindern können. Es ist sogar im Gegenteil sogar wahrscheinlich, dass sie krisenverstärkend wirkt, weil die Vielzahl und Komplexität der Regeln den Wettbewerb behindern und so Markteintrittshürden aufbauen, die das System abschotten und ermöglichen, dass sich Risiken unentdeckt aufschaukeln.
Dazu tragen auch die Notenbanken mit ihrer Nullzinspolitik bei. Sie hat dazu geführt, dass der Zins als Preis für Risiko seine Lenkungsfunktion verloren hat. So werden Geschäfte zu nicht risikoadäquaten Preisen abgewickelt – irgendwann geht das in die Hose.

Systemisch relevante Firmen werden deshalb nicht erst dann zum Problem, wenn sie gerettet werden, sondern schon aufgrund der durch ihre Geschäftstätigkeit erzeugten Fehlallokationen; denn die Systemrelevanz provoziert moralische Fehlanreize: Gehen riskante Geschäfte gut, kassiert das Management einen dicken Bonus, gehen sie schief, fängt der Steuerzahler die Bank auf. Solche Asymmetrien müsste eine effiziente Regulierung in Angriff nehmen. Es ist Gift für jede Marktwirtschaft, wenn Entscheidungsgewalt und Haftung auseinanderfallen. Ein Ansatz könnte zum Beispiel sein, dass Banken nur von Managern geführt werden dürfen, die mit ihrem gesamten Privatvermögen haften.

Zehn Jahre nach dem Fall der Lehman Brothers gilt es also, das Problem der Systemrelevanz endlich nachhaltig und glaubwürdig anzugehen. Die Zeit drängt, denn eine Wirtschaftsordnung, in der große Unternehmen gleicher als andere sind, wird nach und nach das Vertrauen, das die Bürger in Wirtschaft und Gesellschaft haben, kaputt machen.

Gute Nachrichten aus der Welt der Indikatoren: Der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen von Börsen- und Finanzprofis verbesserte sich im September gegenüber dem Vormonat um rund ein Viertel, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte. Auch der Index zur Beurteilung der Konjunkturlage kletterte nach oben – um 3,4 Punkte auf plus 76,0 Punkte zum Vormonat. „Die erheblichen Befürchtungen hinsichtlich der Konjunkturentwicklung haben sich wieder etwas beruhigt, was auch auf das neue Handelsabkommen zwischen den USA und Mexiko zurückzuführen sein dürfte“, sagte ZEW-Präsident Achim Wambach.

Donald Trumps jüngste Aussagen zum amerikanisch-chinesischen Zollstreit haben die Wall Street am Freitag gleichwohl etwas ausgebremst. Der Schaden hielt sich letztlich aber in Grenzen: Der zuvor moderat freundliche Dow Jones Industrial drehte zwar ins Minus, konnte sich danach aber wieder berappeln. Zum Schluss notierte der US-Leitindex ein paar Punkte höher, bei 26.155 Punkten. Auf Wochensicht legte er damit um knapp ein Prozent zu.
Einem Agenturbericht zufolge treibt der US-Präsident die Einführung von zusätzlichen Zöllen auf chinesische Waren weiter voran. Trotz der Versuche seines Finanzministers, die Gespräche mit China wieder aufzunehmen, wolle Trump Zölle auf Waren in Höhe von 200 Milliarden US-Dollar einführen, erfuhr die Nachrichtenagentur Bloomberg von eingeweihten Personen.

Auch bei den anderen New Yorker Aktienindizes fiel die Kursreaktion indes verhalten aus: Der marktbreite S&P 500 ging 0,03 Prozent höher, bei 2.905 Punkten aus dem Handel, und der technologielastige NASDAQ 100 sank am Ende um 0,2 Prozent auf 7.546 Zähler.

Kursbewegende Unternehmensnachrichten waren vor dem Wochenende Mangelware. Die Titel des Elektroautobauers Tesla zogen um fast zwei Prozent an und erholten sich damit weiter. Sie profitierten von einem Bericht, wonach der Konzern auf Kurs zu seinen Quartalsproduktionszielen für das wichtige Massenmarktmodell Model 3 ist.

Ansonsten sorgten lediglich einige Analystenkommentare für Impulse. Die Aktien von Constellation Brands büßten über ein Prozent ein, nachdem das Investmenthaus Guggenheim die Beobachtung des Herstellers alkoholischer Getränke mit einer Verkaufsempfehlung aufgenommen hatte.

Die jüngst ebenfalls schon erholten Anteilsscheine des Chipherstellers Micron Technology legten um gut anderthalb Prozent zu. Nachdem sich die US-Investmentbank Goldman Sachs am Mittwoch negativ zur Branche geäußert und Micron abgestuft hatte, bekräftigte nun die Schweizer Bank Credit Suisse ihr Kaufvotum. Anders als Goldman rechnen die Schweizer mit dem Beginn einer Preisstabilisierung. Das dürfte einer Margenverbesserung Vorschub leisten. Zudem dürfte der Gegenwind auf der Kostenseite drehen und sich in Rückenwind verwandeln.

Die langfristige Wertentwicklung von Ländern und Unternehmen kommt in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN) zum Ausdruck, die im Jahr 2015 verabschiedet wurden (Sustainable Development Goals, SDGs). Media Tenor International hat für die UNGSII-Stiftung untersucht, welche Rolle die SDGs in den Finanzgeschäftsberichten der größten globalen Unternehmen spielen, ob sich also ein Trend zur Nachhaltigkeit in der Strategie abzeichnet. Parallel dazu analysiert die Fondsgesellschaft Princeton Capital unter dem früheren Nasdaq-Chef Al Berkeley, ob sich die strategischen Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit für Anleger auszahlen. Matthias Vollbracht, Leiter Unternehmensresearch bei Media Tenor International in Zürich: „Über alle Branchen hinweg hat der Stellenwert von Nachhaltigkeitsthemen in den Finanzgeschäftsberichten in diesem Jahr zugenommen. Besonders stark fällt die Zunahme im Versicherungsbereich aus, bei der Lebensmittel- und Getränkeindustrie ist der Zuwachs am geringsten.“ Während in Asien, Afrika und Europa alle untersuchten Großunternehmen inzwischen Nachhaltigkeitsthemen im Finanzbericht adressierten, hinken laut Vollbracht die US-Unternehmen weiter hinterher, auch wenn sich die Lage gegenüber 2017 verbessert habe. Insgesamt zeigt sich ein Trend zur Verknüpfung von Nachhaltigkeits- und Finanzbericht. Unternehmen versuchen damit zu zeigen, wie die Verfolgung von Nachhaltigkeitszielen das geschäftliche Handeln und dessen Ergebnisse beeinflusst. Für Anleger offenbar ein lohnendes Geschäft: Im Jahr 2017 erwirtschaftete ein Investmentportfolio auf Basis der SDG ein Plus von über 27 Prozent, der MSCI World brachte es zur gleichen Zeit auf etwa 20 Prozent. Dass es zu einem solchen Ergebnis kommt, hat auch damit zu tun, dass von Land zu Land etwas anderes unter Nachhaltigkeit verstanden wird. Man denke nur an die Atomkraft: In Frankreich gilt sie wegen der CO2-Freiheit (und damit klimaschützend) als Beispiel für Nachhaltigkeit; in Deutschland wird sie als Teufelswerk geschmäht und hat keine Chance, in einem Nachhaltigkeitsindex Berücksichtigung zu finden. Kein Wunder also, dass sich Nachhaltigkeits-Portfolios konstruieren lassen, die die Standardindizes schlagen.

Die Preise der Industriemetalle Nickel, Kupfer und Co fallen immer tiefer. Die wachsende Angst vor einem Handelskrieg und einer weltweiten Konjunkturabkühlung drückt auf die Stimmung und somit auf die Notierungen. Leidtragende sind große Berg­baukonzerne wie Rio Tinto und BHP Billiton, deren Kurse im Keller sind. Für die Investmentbank JP Morgan sind die Titel aber inzwischen so günstig, dass Anleger zugreifen sollten. Immerhin liegen die durchschnittlichen Bewertungen der Bergbauriesen nun auf dem Niveau von 2013. Und eine steigende Metallnachfrage aus China könnte die Kurse schon bald wieder treiben.

Bereits der Vormonat verlief mit Kursverlusten typisch für den DAX. Auch der September zeigt sich Börsianern von seiner kühlen Seite. Zwar brachte die Woche eine Erholung im Leitindex, gleichwohl weist der mittelfristige Chart deutlich darauf hin, dass wir uns statistisch gesehen mitten im schlechtesten Monat des Jahres befinden. Anleger müssen im September 2018 die Augen nach mehreren Seiten offen halten: Der DAX notiert nahe einer wichtigen Unterstützung um 11.700 Punkte. Bricht er durch, kann es rasch weiter bergab gehen. Die Rahmenbedingungen sind nicht gerade erbaulich: Der schwelende globale Handelsstreit drückt auf die Stimmung, zudem ziehen die Zinsen in den USA an. Auch die Europäische Zentralbank steuert auf das Ende ihrer ultralockeren Geldpolitik zu. Das Volumen der Anleihekäufe soll ab Oktober auf 15 Milliarden Euro je Monat halbiert werden, zum Jahresende sollen sie ganz eingestellt werden, sofern die Konjunktur mitspielt. Das gibt dem Euro tendenziell Auftrieb, was wiederum den ohnehin vom Handelskonflikt belasteten deutschen Exporteuren das Leben erschwert. Ein veritabler Crash ist jedoch nicht in Sicht. Am Freitag schlossen die Kurse leicht höher.


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Kommentare ( 2 )

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Wir dürfen gespannt sein. Denn wenn die FED ihre Bilanz bereinigt, sprich Staatsanleihen in den Markt gibt, und Dollar vom Markt nimmt, die EZB ihr Kaufprogramm halbiert, dann läuft das Wasser aus der Wanne, und die Kurse dürften sinken.

Glueckwunsch zu dieser ganz ausgezeichneten Darstellung der Finanzkrise in wenigen Worten. Schade eigentlich, dass dieser Teil nicht fuer sich alleine steht und mit einem Namen verbunden ist. Chapeau!