Börsenwoche: Inflation, KI-Optimismus fordert nun Geschäftsmodelle

Haupttreiber der Teuerung sind weiterhin die Energiepreise. Eine Erhöhung der Leitzinsen durch die EZB wird wahrscheinlicher. Wer in letzter Zeit in Rechenzentren, Chips, KI-Anwendungen investierte, bekam fast automatisch Vorschusslorbeeren. Jetzt hat sich der Ton geändert. Die Investoren glauben noch immer an KI – aber sie stellen die Frage: Wann verdient ihr damit Geld?

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Die Inflation in Deutschland hat im Juli spürbar zugelegt. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden aufgrund einer ersten Schätzung mitteilte, stieg die Teuerungsrate auf 2,8 Prozent, nach 2,3 Prozent im Juni. Für Ökonomen war das keine Überraschung, war doch zum Halbjahresende der Tankrabatt ausgelaufen. Ohne diesen Sondereffekt zeigt sich nun wieder das tatsächliche Preisniveau.

Haupttreiber der Teuerung sind weiterhin die Energiepreise. Laut ADAC erreichten die Kraftstoffpreise in Deutschland während der Ferienzeit ein historisches Hoch; an Autobahnen entlang der Hauptreiserouten kostet Treibstoff teils mehr als 2,50 Euro je Liter. Der Ölpreis selbst schwankt stark mit der geopolitischen Lage im Nahen Osten und notierte zuletzt bei 88 Dollar je Fass der Sorte Brent, nach zwischenzeitlich über 100, aber auch schon unter 70 Dollar. Die EZB wird die Preise sicher im Auge behalten, eine Erhöhung der Leitzinsen nach der Sommerpause wird jedenfalls wahrscheinlicher.

Während am Markt gerade über den Schluckauf der KI-Aktien – unter dem Motto „aus Visionen müssen Geschäftsmodelle werden“ – diskutiert wurde, kam es am Donnerstag zum „großen Tech-Reset“ (Stephen Innes, Managing Partner von SPI Asset Management). Nachdem Investoren wochenlang ihr Engagement reduziert, Portfolios abgesichert und das KI-Thema neu bewertet hatten, bescherten die starken Geschäftszahlen von Microsoft den Investoren neue Zuversicht und der Nasdaq eine rasante Erholung. Der Nasdaq 100 konterte eine sechstägige Verluststrecke mit einem Kurssprung um 3,4 Prozent auf 28.106 Punkte. Die Marktkapitalisierung von Microsoft stieg an einem einzigen Tag um 450 Milliarden auf 3,35 Billionen Dollar. Die Titel des Softwarekonzerns sprangen um 15,5 Prozent nach oben. Mit dem größten Tagesgewinn seit 2008 erreichten sie den höchsten Stand seit etwa zwei Monaten. Umgekehrt herrschte enorme Enttäuschung über die Resultate und den Ausblick von Meta, die Titel des Social-Media-Konzerns sackten um acht Prozent ab. Außerhalb des Tech-Sektors war der Rückenwind ebenfalls spürbar. Der stärker von Standardwerten geprägte Dow Jones Industrial stieg um 1,2 Prozent auf 52.208 Zähler. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 1,7 Prozent auf 7.438 Punkte nach oben.

Gleichwohl sind die Flitterwochen im KI-Segment vorbei. Monatelang hatte an der Börse dieses Schlagwort gereicht. Wer Milliarden in Rechenzentren, Chips oder neue KI-Anwendungen investierte, bekam fast automatisch Vorschusslorbeeren. Jetzt hat sich der Ton geändert. Die Investoren glauben noch immer an KI – aber sie stellen eine neue Frage: Wann verdient ihr damit eigentlich Geld?

Microsoft hat diese Frage am Donnerstag eindrucksvoll beantwortet. Der Konzern zeigte, dass sich die Milliardeninvestitionen der vergangenen Jahre nun auszahlen. Das Cloud-Geschäft wächst weiter kräftig, und Künstliche Intelligenz entwickelt sich zunehmend vom Zukunftsprojekt zum Ertragsbringer. Genau darauf haben die Anleger gewartet. Microsoft profitiert dabei von einem Vorteil, den viele Wettbewerber erst noch aufbauen müssen: Das Unternehmen verfügt über eine riesige Kundenbasis, die neue KI-Anwendungen direkt in den Arbeitsalltag integrieren kann. Das macht den Unterschied zwischen einer guten Idee und einem guten Geschäft.

Meta verfolgt dieselbe Richtung – nur mit deutlich mehr Gegenwind. Der Facebook- und Instagram-Konzern investiert weiterhin Milliarden in den Ausbau seiner KI-Infrastruktur. Das Management ist überzeugt, dass sich dieser Kraftakt langfristig auszahlen wird. Die Börse hätte allerdings gerne schon heute ein paar Belege mehr dafür. Die Reaktion auf die Zahlen machte deutlich, wie hoch die Erwartungen inzwischen sind. Niemand zweifelt ernsthaft an der Bedeutung von KI. Doch die Zeit der unbegrenzten Geduld scheint vorbei zu sein.

Nachbörslich meldete dann noch Amazon die Zahlen für das zweite Geschäftsquartal. Das Ergebnis je Aktie verbesserte sich von 1,68 US-Dollar auf 5,75 US-Dollar und fiel damit deutlich besser aus als am Markt erwartet worden war. Die Analystenschätzungen für das EPS hatten im Vorfeld bei 1,82 US-Dollar gelegen. Allerdings schließt das auch zusätzliche Buchgewinne etwa durch die Neubewertung der Beteiligung an der KI-Firma Anthropic ein. Sie lagen vor Steuern bei 53,4 Milliarden Dollar. Unter dem Strich sprang der Gewinn so von 18,1 Milliarden Dollar im Vorjahr auf knapp 62,65 Milliarden Dollar in diesem Jahr hoch. Anleger schauten sich die Zahlen natürlich ohne diesen Sondereffekt an. Beim Umsatz ging es von 167,70 Milliarden US-Dollar vor Jahresfrist auf 200,6 Milliarden US-Dollar. Die Markterwartungen, die sich im Vorfeld auf Umsätze in Höhe von 197,03 Milliarden US-Dollar belaufen hatten, wurden somit übertroffen. Die Amazon-Aktie zeigt sich nachbörslich an der NASDAQ 9,36 Prozent im Plus bei 257,55 US-Dollar. Ob das hält, muss sich noch zeigen, wenn die Anleger länger über den Sondereffekt nachgedacht haben.

Nachdenken müssen sicher auch noch einmal die Investoren in Apple. Der Gesamtumsatz des iPhone-Konzerns erhöhte sich im zweiten Quartal zwar um 16 Prozent auf gut 109,4 Milliarden Dollar, und der Gewinn legte um 27 Prozent auf knapp 29,8 Milliarden Dollar zu, gleichwohl fiel der Aktienkurs nachbörslich nach diesen Rekordzahlen um acht Prozent. Hier könnte es zu einer Gegenbewegung kommen.

Neben der Berichtssaison bleiben auch Inflation und Geldpolitik im Fokus. Die US-Notenbank hat die Zinsen zwar unverändert gelassen, doch die Diskussion über den weiteren Kurs ist damit keineswegs beendet. Gleichzeitig sorgen geopolitische Spannungen und schwankende Energiepreise weiter für Unruhe. Am Dienstag wird die Veröffentlichung der Quartalsergebnisse von SpaceX viele Börsianer interessieren, gegen Ende der kommenden Woche berichten dann auch die deutschen Schwergewichte Allianz, Deutsche Telekom und Siemens.

Zum Juli-Abschluss legten die US-Börsen am Freitag erst einmal weiter zu. Anleger brauchten etwas Zeit, um die besonders rasante Erholung an der Nasdaq-Börse vom Vortag zu verarbeiten, denn eine Zeit lang mussten sie um ihre Anschlussgewinne fürchten. Mit den gefeierten Zahlen des Online-Händlers Amazon im Rücken war das Ergebnis dann aber positiv, auch wenn Apple enttäuschte.

Der technologielastige Nasdaq 100 ging 0,6 Prozent höher bei 28.274 Punkten ins Ziel, nachdem er früh bis zu 1,8 Prozent gewonnen hatte. Andere US-Indizes schlugen im Tagesverlauf weniger stark aus, folgten aber der Nasdaq nach oben. Der Dow Jones Industrial legte um 0,5 Prozent auf 52.485 Punkte zu. Der marktbreite S&P 500 stieg um 0,7 Prozent auf 7.490 Zähler.

Auf Wochensicht ergaben sich für die drei Leitindizes Gewinne von bis zu einem Prozent. Zu Ende ging am Freitag auch der Juli, dies aber mit einem getrübten Bild an der Nasdaq. Während der Dow den Monat 0,3 Prozent höher beendete, bleibt für den Nasdaq 100 trotz der jüngsten Erholung ein deutlicher Abschlag von 6,6 Prozent in den Büchern. Er war zuletzt schwer gezeichnet von Sorgen um den KI-Megatrend.

Amazon stand mit einem Kurssprung um 15 Prozent im Gegensatz zur Apple-Aktie da, die in den vergangenen Wochen mit einer Rekordserie aber auch einen besseren Lauf hinter sich hatte. Die Titel des Handelsriesen erreichten den höchsten Stand seit Ende Mai, während die Anteile des iPhone-Herstellers mit minus sieben Prozent unter einem enttäuschenden Umsatzausblick litten. Apple machen vor dem Start der nächsten iPhone-Generation Engpässe bei wichtigen Bauteilen zu schaffen.

Amazon profitierte im Quartal weiter vom KI-Boom vor allem über die Cloud-Sparte AWS, die Anleger überzeugte. Der Handelsriese steigerte den Umsatz und Gewinn deutlich. Das zweite Quartal sei genau nach dem Geschmack der Bullen gewesen, kommentierte Analyst Brad Erickson von RBC. Dass noch mehr Geld in den Ausbau der KI-Infrastruktur fließen soll, beunruhigte die Anleger nun nicht mehr. Doug Anmuth von JPMorgan kommentierte dazu, dass sich die Investitionen auszahlen würden.

Zahlen für das zweite Quartal legten auch zwei große Öl-Konzerne vor. Da ExxonMobil die Gewinnerwartungen von Analysten etwas verfehlte, sank der Aktienkurs um ein Prozent. Chevron hingegen schnitt besser ab als es vom Markt erwartet wurde, und so legte das Papier um 2,4 Prozent zu. In der Branche stand auch der am Freitag wieder etwas höhere Ölpreis im Fokus.

Mit Reddit und Roblox gerieten zwei Internet-Aktien wegen enttäuschender Nutzerzahlen in einen tiefen Abwärtsstrudel: Ihre Kurse brachen um 21 respektive 27 Prozent ein. Der Coinbase-Kurs rutschte außerdem um mehr als zehn Prozent ab, nachdem der Umsatz der Kryptobörse im zweiten Quartal die Markterwartungen verfehlt hatte.

Der Dax hatte zuvor nach einem anfangs klaren Gewinn bis knapp unter sein Rekordhoch den Rückwärtsgang eingelegt und war kaum verändert aus dem Handel gegangen. Am Ende gewann der deutsche Leitindex knapp 0,1 Prozent auf 25.629 Zähler, nachdem zeitweise weniger als zehn Punkte bis zur Bestmarke von 25.900 Zählern gefehlt hatten. Auf Wochensicht resultierte daraus ein Gewinn von 2,1 Prozent. Für den Monat Juli steht ein Anstieg von 2,5 Prozent zu Buche. Der MDax schloss am Freitag hingegen 0,7 Prozent tiefer bei 31.981 Punkten.

Im Dax sprangen Infineon mit plus 3,7 Prozent an die Spitze. Im MDax gewannen Aixtron Prozent und profitierten nicht zuletzt von einer Hochstufung der Bank Oddo BHF auf „Outperform“. Für Siltronic ging es um 2,9 Prozent aufwärts. Gleich drei Analysehäuser hatten die Aktie des Waferherstellers nach starken Quartalszahlen vom Vortag hochgestuft.

Siemens Healthineers pendelten nach durchwachsenen Quartalszahlen sowie geänderten Jahreszielen zwischen kräftigen Gewinnen und Verlusten. Am Ende blieb ein Kursrückgang von 0,9 Prozent übrig.

Negativ ragten im MDax Schaeffler mit einem Minus von mehr als zwölf Prozent heraus. Wegen der schlechten Lage in der Autoindustrie strich der Auto- und Industriezulieferer seine mittelfristigen Geschäftsziele zusammen. Hensoldt litten nach Halbjahreszahlen unter Gewinnmitnahmen und büßten fünf Prozent ein. Der Rüstungselektronik-Spezialist profitierte von der Aufrüstung der Nato-Staaten und verdoppelte den Auftragseingang in den ersten sechs Monaten. Hensoldt ist aber laut JPMorgan-Analyst David Perry das „am höchsten bewertete Rüstungsunternehmen“, das er beobachte, auch wenn das Produktportfolio nach wie vor hervorragend sei.

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