Rainer Hank – Was macht der Mensch mit der Macht?

In „Lob der Macht“ nimmt Rainer Hank eine Neuvermessung der Macht vor. Zwar verachten wir die Macht und die Mächtigen angeblich, insgeheim aber bewundern wir sie. Die Biografien einiger Machtmenschen aus der Wirtschaft zeigen die Machtspiele der Mächtigen. Ein Gespräch.

 

Rainer Hank zählt im eigenen Blatt, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, dessen Wirtschaftschef er ist, nicht zum linken Mainstream. Er, promovierter Literaturwissenschaftler mit Neigung zur katholischen Theologie, verteidigt unbeirrt den liberalen Kapitalismus.

Sein Buch „Links, wo das Herz schlägt“ war eine muntere Abrechnung mit dem Zeitgeist. Und nun setzt sein „Lob der Macht“ Nadelstiche ins Herz der real existierenden Dekadenz.

Wolfgang Herles: Erasmus von Rotterdam schrieb ein „Lob der Dummheit“, ein vergiftetes Lob. Ist Ihr Lob der Macht auch vergiftet?

Rainer Hank: Es ist affirmativ gemeint, nicht vergiftet. Ich finde, die Macht muss man loben. Denn erstens wird sie geleugnet. Fragen Sie irgendeinen DAX-Vorstand: Wie gehen Sie mit Ihrer Macht um, dann antwortet er, Macht sei keine Kategorie für ihn.

Macht sei Kommunikation, sagt man heute verharmlosend.

Genau. Man sagt: Verantwortung oder Einfluss, das ist schon das Maximum. Oder die Macht wird diabolisiert. Seit Jacob Burckhardt kann man diese Tradition sehen: Macht ist böse.

Weil man Macht mit Machtmissbrauch assoziiert. Und so ist es ja auch meistens. Wer zu lange zu viel Macht besitzt, missbraucht sie.

Herr Weinstein, der Hollywood-Tycoon, ist das beste Beispiel für Machtmissbrauch. Aber wer, weil Macht missbraucht werden kann, „igittigitt, wir wollen die Finger davonlassen“ sagt, wird das Verdrängte nur zurückbekommen.

Wundern wir uns wirklich über einen Weinstein?

Wir wundern uns darüber, dass die berühmtesten Schauspielerinnen dabei waren. Alle wussten es, keiner sprach darüber. Und irgendwann kippt das dann, und es kommt ans Licht der Öffentlichkeit.

Ich habe den Eindruck, dass die deutsche Öffentlichkeit die Macht an sich bewundert. Je länger sich einer an der Macht halten kann, desto erfolgreicher gilt er als Politiker. Aber es ist doch kein Verdienst, sich lange an der Macht zu halten?

Ist es schon. Es gibt zwei Perspektiven. Die Mächtigen selbst tun alles, die Kategorie Macht weit von sich wegzustellen. Aber die Leute, die Serien wie „House of Cards“ gucken und die Mächtigen bewundern, sagen, wenn jemand es lange hinkriegt, Status oder Geld zu bewahren, dann hat er Glanz, Charisma. Und bei Angela Merkel würde ich sagen, ist es tatsächlich eine Leistung, sich so lange an der Macht zu halten, denn normalerweise ist der Tag des Triumphs der Tag, an dem die Macht errungen wird. Und dann geht’s langsam, aber stetig bergab.

Bei Merkel bin ich anderer Ansicht, weil sie erstens nicht weiß, wozu sie die Macht gebrauchen soll, außer für ihre Macht selbst. Und zweitens finde ich es grundsätzlich schlecht, wenn jemand in einer Demokratie viermal Kanzler sein kann.

Ich lobe nicht Frau Merkel, sondern die Macht als Faszinosum. Sie hat am 22. September ein Viertel ihrer Wähler verloren und sagt, das reiche ihr für den Machterhalt. Diese Chuzpe muss man erst mal haben.

Sie weiß nicht, was sie hätte anders machen sollen.

Ein Viertel ihrer Wähler geht zur FDP und zur AfD, und sie tut so, als kümmere sie das gar nicht. Das ist zwar kein Machtmissbrauch, aber doch ein unverschämter Umgang mit der Macht.

Die meisten Zeitungen – auch in Ihrer habe ich das eine oder andere gelesen – bewundern das geradezu.

Es ist ein eklatanter Fall von Realitätsverleugnung. Aber seit dem Wahlsonntag wird die Nachfolgefrage gestellt.

Sie sind ja ein Wirtschaftsjournalist, und die Grundthese Ihres Buches ist: Macht ist dann gut, wenn sie sich auf einem Markt bewähren muss. Der Markt verhindert das Machtmonopol, der Markt bedeutet Wettbewerb. Und anders ist Macht in der offenen Gesellschaft nicht mehr vorstellbar.

Ich habe versucht, das Prinzip einer guten Wirtschaftsordnung auf den Wettbewerb der Macht zu übertragen. Zugespitzt heißt das: Macht ist deshalb gut, weil die Mächtigen entmachtet werden können. Oder auch: Mein Buch ist nicht nur ein Lob der Macht, sondern auch des Machtkampfs. Und auch der wird oft von Journalisten negativ beschrieben. Nein, es ist toll, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden, auch in einer Demokratie und auch in einer Marktwirtschaft. Wir sehen, wie viele CEOs aus guten Gründen gehen müssen, weil einer kommt und sagt, ich mach etwas viel Tolleres, weil sie nicht performt haben, und weg sind sie. Toll ist das nicht für den Einzelnen, aber für das System des Kapitalismus ist es großartig.

Wir Journalisten sind ja nur an zweierlei interessiert: am Aufstieg und am Sturz. Wir schreiben die Leute hoch und stoßen sie dann in die Tiefe. Dieser Aufstieg setzt einiges voraus. Eines, schreiben Sie, ist Selbstüberschätzung.

Ja. Selbstüberschätzung ist eine schlechte Charaktereigenschaft, aber wer an die Macht will und sich nicht selbst überschätzt, der sollte es bleiben lassen.

Deshalb kommen Intellektuelle dafür nicht infrage – sie sind die geborenen Skeptiker.

Handeln und Reflektieren kommen sich immer in die Quere. Und das Zweite ist: Macht benötigt Empathie. Die hat ja einen wahnsinnigen Boom gehabt in den letzten Jahren. Wer jedoch – zu Unrecht – Empathie für eine altruistische Gutmenscheneigenschaft hält, irrt. Empathie heißt einfach nur, ich kann mich einfühlen in Sie, in eine Gruppe, und das nutze ich perfekt aus.

Trump kann das. Man ergreift die Macht nicht, man wird von ihr ergriffen, wenn man den Interessen einer Gruppe dient. Eigentlich ein demokratisches Verhalten, aber auch ein populistisches.

Populismus wird häufig als Schimpfwort genommen, aber in der Demokratie heißt es doch auch, dem Volk aufs Maul zu schauen und zu kämpfen für die Maximierung der Wählerstimmen. Das geht nicht ohne Einfühlung. Manchmal wird so getan, als habe sich Trump an die Macht geputscht. Das ist nicht so. Es sind Machtzuteilungs- und nicht Machtergreifungsprozesse. Auch Hitler hat die Macht nicht ergriffen, sondern demokratisch bekommen und dann allerdings missbraucht bis zur perfiden Perversion.

Gilt das auch für Erdogan?

Nach allem, was man hört, ging das demokratisch. Was mich dazu bringt, leise Zweifel – darf man ja in Deutschland auch nicht – an der Mehrheitsdemokratie zu haben. Wenn ich eine Hierarchie der Werte zur Macht aufstellen müsste, würde ich sagen, Rechtsstaatlichkeit und Balance of Power sind immer wichtiger als Demokratie. Mit Mehrheitsdemokratie kann man Rechtsstaatlichkeit kaputtmachen. Dann wird die Mehrheit – sie kriegt auch etwas dafür – benutzt, um den Machtwettbewerb zu ersticken.

Das unterscheidet den mächtigen Amtsinhaber vom mächtigen Staatsmann. Adenauer, um ein Beispiel zu bringen, hat alle wichtigen Entscheidungen, von der Marktwirtschaft bis zur Westbindung, gegen die Mehrheit der damaligen Bevölkerung durchgefochten, sich nicht einfach an die Spitze der Mehrheit gestellt.

Man muss auch dabei eine Balance finden. Ein Mächtiger, der ganz und gar gegen die Mehrheit handelt, wird nicht mehr wiedergewählt.

Und wenn man dann an der Macht ist, braucht man etwas, was nichts Schönes ist, nämlich permanentes Misstrauen; ohne Paranoia kommt man offenbar nicht aus.

Häufig ist das so. In der Politik wie in der Wirtschaft. Thomas Middelhoff, den auch ich bewundert habe, ist mit großem Charisma ausgestattet. Er ist aber auch das Beispiel für ein Gesetz: Je länger einer an der Macht ist, desto schneller wird aus Selbstüberschätzung Hochmut. Wenn sich jemand für allmächtig hält, führt das zu Paranoia. Weil er natürlich weiß, wie er selbst hochgekommen ist und dass seine Macht angreifbar ist. Deshalb sieht er überwiegend Intrigen und Widersacher, und das macht ihn verrückt. 80 Prozent seiner Tätigkeit verwendet er dann nicht mehr darauf, die Umsätze zu steigern, sondern dazu, die Macht abzusichern mit einem Kreis von Günstlingen. Bei Merkel ist Volker Kauder der Inbegriff des Hofschranzen.

Die ganze Partei ist eine Hofschranzen­partei?

Das ist wohl wahr.

Selbst die römischen Feldherren hatten ja immer einen Sklaven hinter sich stehen, der ihnen sagte: Du bist sterblich, du bist fehlbar. So jemand fehlt da.

Da kommt dieser Satz: In dem Moment, in dem ich gewählt wurde, hab ich meinen engsten Freunden gesagt, sagt mir bloß, wenn ich abhebe. Wenn die das dann machen, korrigiert sich der Mächtige nicht, sondern dann ist der, der das sagt, unten durch.

So war es bei Kohl. Er hatte wunderbare Leute, Geißler, Biedenkopf, Weizsäcker, und am Schluss hielt er es nur noch in seinem Hofstaat aus. Bei Merkel ist das wahrscheinlich genau­ so. Dagegen gibt es nur ein Mittel: den Machtwechsel.

Ja. Spätphasen der Macht sind immer problematisch. Das haben Sie angedeutet: Ob man nicht die Amtszeit begrenzen sollte. Ich finde, das müsste diskutiert werden. Natürlich ist es der Volkswille. Die zweite und zugleich letzte Amtszeit, das sieht man in Amerika, gibt auch eine Freiheit. Statt dieses langsamen Siechtums, nicht von der Macht lassen zu wollen.

Es gibt seit jeher die Utopie von der Ab­ scha ung der Macht. Solche Utopien sind nicht bloß gescheitert, sondern haben sich stets in ihr Gegenteil ver­ wandelt, ins Totalitäre.

Der Gedanke ist erst einmal ein sympathischer. Macht bedeutet ja Über- und Unterordnung. Deshalb gibt es immer den Gedanken: Wäre nicht eine Welt schöner ohne Ungleichheit, ohne Unterwerfung?

Herrschaftsfreiheit hieße Gleichheit. Solange es Ungleichheit gibt, muss es auch Macht geben.

Das denke ich auch. Und umgekehrt: Machtverhältnisse konstituieren Ungleichheit, und deshalb ist die Macht auch so unbeliebt. Macht ist ein Produkt der Zivilisation, aber ungemütlich ist sie schon; das sollte man nicht verschweigen. Und da gibt es immer wieder Utopien der Machtfreiheit wie in der Apostelgeschichte. Alles soll allen gehören, keiner soll über den anderen herrschen. Das Blöde daran ist, wenn dem Menschen der Trieb trotzdem durchgeht, dann muss man aufpassen, dass sich nicht wieder einer über den anderen erhebt. Es wird sofort ein totalitärer Überwachungsstaat etabliert, der, wörtlich, jeden einen Kopf kürzer macht, der seinen Kopf rausstreckt.

Und zwar unter der Flagge der Moral, die so durch Macht missbraucht wird.

Es gibt einen Totalitarismus der Gleichheit. Das sind dann Systeme, die jede Kreativität und menschliche Individu- alität und Spontaneität ersticken und ein Terrorregime errichten.

Zum Lob der Macht gehört die Einsicht, dass Zivilisation ohne Macht nicht entstanden wäre. Was ist Macht? Es ist Dominanztrieb. Woher kommt er? Sie sagen, es sei eigentlich ein Rachebedürfnis.

Das hat viel mit Sex zu tun. Bewundert zu werden. Jetzt ist Weinstein das Scheusal, aber er ist auch bewundert worden. Er hat gesagt: Ich kann mit jeder Frau Sex haben.

In einem anderen Beruf, der mit Machtausübung verbunden ist wie kein anderer, dem des Dirigen­ ten, erzählt man sich die gleichen Geschichten.

Der Dirigent ist der bewunderte Held einer Gesamtheit.

Und der potenteste Affe. Der Anführer der Affenhorde. Macht konstituiert sich tatsächlich aus der sexuellen Potenz?

Es gibt einem Großen Nähe. Dazu kommt der Neid. Auch ein Trieb, der als sehr negativ gilt. Neid heißt auch, mal sehen, ob ich nicht auch kann, was ein anderer kann. Neid treibt uns an. Gäbe es nicht den Neid, säßen wir noch immer wie die Affen auf den Bäumen.

Eigentlich müsste man dieses Muster doch durch Zivilisierung überwin­ den, aber in Wirklichkeit benutzt die Zivilisation die Macht nur in anderem Gewand.

Das muss man so sagen. Es ist noch sehr viel von einer Triebstruktur da, die sich nicht geändert hat. Und da muss man die Zivilisation ein bisschen ankratzen, denke ich.


Das Interview mit Rainer Hank ist in Tichys Einblick Ausgabe 12/2017 erschienen.


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von Rainer Hank

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Kommentare

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  • Michael Völkel

    Macht ist ihrem Wesen nach übergriffig. Sie stellt den Eingriff eines Willens in die Freiheit anderer Willen (des Menschen oder des „blinden“ Willens der Natur) dar, sie braucht den Widerstand, ähnlich der Elektrizität. Letztlich gehört sie zur Aggressivität des Lebens schlechthin (von Heraklit und Hegel beschrieben), weshalb sie ein Faszinosum darstellt und sich letztlich auch gegen den Inhaber von Macht richtet. Das Gegenteil wäre Übereinstimmung, die nichts Aggressives an sich hat und das große (wohl unerreichbare) Ideal des philosophischen Anarchismus gewesen ist. Vielleicht aber auch die Freiheit oder um es mit den Worten von Erich Fried zu sagen: „Freiheit herrscht nicht“.

  • SBgB

    „Mit Mehrheitsdemokratie kann man Rechtsstaatlichkeit kaputtmachen.“

    Und wenn die Mehrheitsdemokratie schwindet, mache ich Jamaika und der Rest schert mich einen Dreck.

  • Sandrine Märzthaler

    Vielen Dank für das interessante Gespräch mit dem geschätzten Herrn Hank, der zu den gar nicht mehr so vielen bei der FAZ zählt, welche die tradierten Werte dieser renommierten Zeitung hochhalten.

    Schmunzeln musste ich aber, als das Gespräch auf Dirigenten, ihre Macht und Potenz kam: Echte Könner am Dirigentenpult treibt nicht die Gier nach Macht oder gar Sex, sondern sie sind schlicht und einfach beseelt von der Musik. Alles andere entspringt – ich bitte um Verzeihung – eher der Phantasie feuilletonistischer Möchtegernkünstler und hat mit der Realität wenig zu tun. Das heißt freilich nicht, dass es – auch berühmte – Dirigenten ge(ge)ben (haben) mag, bei denen es dann doch so ist. Die aber sind künstlerisch selten die Besten.

  • Herbert Wolkenspalter

    Diese geradezu ausschließlich negative Sicht auf Macht kann nur über eine westlich gefilterte Sicht der Dinge verstanden werden auf Basis schlechter Erfahrungen.

    In Ostasien würden die Leute dieses Thema ganz anders verarbeiten und intellektuell zu prinzipiell anderen Ergebnissen kommen – auch wenn es dort wie überall Beispiele mit schwarzen Schafen gibt, die im Westen beliebter Stichwortgeber sind: Nordkorea und China.

    Der Ausübung von Macht und ihrer Entwicklung quasi schon naturgesetzlichen Anstrich zu geben wie dieser Artikel, bleibt ganze denkbare Landschaften schuldig und erhebt Wahrnehmungen sowie Schlussfolgerungen auf ein unangemessen hohes Niveau des ausschließenden Wissens.

    Obwohl es auch im Westen noch Rudimente guter Macht gibt, die allerdings kaum mehr als eine symbolische Rolle spielen, scheint es aus der Perspektive mancher in westlichen Köpfen nur schwarze Schafe im Zusammenhang mit Macht zu geben, folgt man dem Artikel, der nicht der einzige seiner Art ist.

    Bei dieser einseitigen und extremen Sicht bereits in der theoretischen Abhandlung, wo auch andere Überlegungen zunächst zu einer positiven Bildung und dann der Funktion von Macht Platz finden könnten und die Erfahrung mit Macht „on the job“ eine verbessernde Rolle spielen könnte, geht eine Menge des Denkbaren und Möglichen an Gutem verloren.

    Wenn die kreative Lösung vor allem aus Vorschlägen von Begrenzung und Abschaffung besteht, zeigt dies, wie unkreativ es in den Köpfen zugeht, wie immer, wenn ein Trend gegen Null geht.

  • Ruhrpottlerin

    Weder das Buch noch Herr Hanks Ansichten interessieren mich. Die Nachfolgefrage wird gestellt? Ja, wer es wird ist doch auch egal. Das Problem der Einwanderung wurde seit den 80er Jahren nicht diskutiert, bzw. durfte nicht diskutiert werden. Heute haben wir außer der AfD nur Einwanderungsparteien. Es macht also für die Bevölkerung keinen Unterschied, wer die Nachfolge antritt.
    Es ist auch völlig wurscht wer das deutsche Volk abschafft, ändert nichts am Ergebnis, oder?
    Das Einzige was mich interessiert wird hier bei Tichy nie diskutiert. Wie die Deutschen sich die Macht zurückerobern könnten. Oder wie die Massen die nicht auswandern können, noch ein bißchen ihren Hintern retten könnten.

    PS: Und mit der Emphatie ist es wie mit der Macht. Kommt immer drauf an welcher Mensch , mit welchem Ziel sie benutzt. Aber es scheint mir symptomatisch zu sein, daß man nun auch die Emphatie über Bord werfen muß, als wäre sie aus sich heraus korrumpiert. Wie kommt man bloß zu solchen Erkenntissen?

  • Peter Gramm

    ich brauche keinen, der irgendein Buch schreibt und sich darin ausstülpt. Es genügt ein Blick in’s tägliche Leben und ein Vergleich mit historischen Ereignissen. Im alten Rom gab es die Sklaven, eine mehr oder minder wohlhabende Mittelschicht und die ganz oben, die sich auf Kosten der Sklaven und der Mittelschicht ein feudales Leben leisteten. Ist es heute so viel anders. Glaube kaum. Wir haben das Prekariat, die Abgehängten auf Hartz IV Niveau, die Aufstocker (auch nicht viel besser dran), dann den Mittlestand mit Einkommensbeziehern bis ca. 45.000,- € p.a. und dann die Abgehobenen die auf Steuerzahlerkosten sich ein feudales Leben leisten können (Politiker, Ministerialbürokraten, wie auch die elitäre Schicht (CEO’s, Milliardäre usw). Denen da unten erzählt man permanent wie schwierig die Finanzierung ihres kümmerlichen Daseins ist und sie sich gedulden müßten. Sobald aber Situationen eintreten deren Lösung und/oder Beseitigung der etablierten Schicht am Herzen leigt sind innerhalb kürzester Zeit Unsummen von Geld und anderen finanziellen Mitteln (Bürgschaften u.a.m.) vorhanden. Es gilt ja den eigenen Status zu retten. Aus diesem Grunde ist es völlig egal welche Parteienkonstellation uns regiert. Das oben und unten wird sich nicht verändern bis zum bitteren Ende. Insofern kann ein Blick in die Geschichte durchaus erhellende Erkenntnisse bringen. Es war immer schon so.Die Revolte kam immer von unten wenn die Lebensverhältnisse für die da unten im Verhältnis zu denen da oben unerträglich geworden sind. Nachdem aber der Spruch „Gier frisst Hirn“ zeitlos ist, werden die da oben dies erst merken wenn es zu spät ist. Das Spiel beginnt dann wieder von vorne.

  • Michael Sander

    „Rechtsstaatlichkeit und Balance of Power sind immer wichtiger als Demokratie. Mit Mehrheitsdemokratie kann man Rechtsstaatlichkeit kaputtmachen.“
    Vorsicht – hier ist mal wieder der typisch deutsche „Demokratiedünkel“ am Werk!
    Es ist durchaus richtig: Mit Mehrheitsentscheiden kann man auch den Rechtsstaat aushebeln, wie jüngst das Beispiel Türkei gezeigt hat. Mit Mehrheitsentscheid kann man das Recht jedoch auch ganz „legal“ ändern. Wenn die Türken z.b. mehrheitlich der Meinung sind, die Macht des Präsidenten sehr weit auszudehnen und die Pressefreiheit zu beschränken, dann kann das auch ganz „rechtsstaatlich“ über eine Änderung der Verfassung und der Gesetze geschehen. Ich sehe dazu auch keine Alternative. Wer soll sonst über das Recht bestimmen, wenn nicht die Mehrheit? Eine elitäre Minderheit etwa?
    Der Sinn des Rechtsstaats besteht ohnehin nicht darin, einen „Schutzwall gegenüber der Mehrheit“ aufzubauen. Der Sinn besteht besteht vielmehr darin, die jeweiligen Machtinhaber an das Recht zu binden und damit Willkürentscheidungen zu verhindern. Genau das ist jedoch bei Merkels Grenzöffnung und der Aushöhlung des Asylrechts in Deutschland geschehen. Wenn also irgendwo der Rechtsstaat versagt hat, dann in Deutschland. Gleichzeitig hat die Balance of Power versagt, die einen solchen Mißbrauch eigentlich verhindern sollte. Und das führt dann zu der Frage, wer eigentlich darüber bestimmen darf, wer diesen „Power Zentren“ angehören darf und wer diese kontrolliert. Auch das kann letztendlich nur wieder die demokratische Mehrheit sein.
    Es ist nicht die demokratische Mehrheit, die die Balance of Power gefährdet. Es ist vielmehr die Abwesenheit dieser demokratischen Kontrolle, die zum Versagen dieser Institutionen führt. In Deutschland ist die Balance of Power dadurch schwach, weil überall die Parteien im Boot sitzen und diese naturgemäß wenig Interesse daran haben, sich selbst zu kontrollieren. Deutschland zeigt damit exemplarisch, dass Rechtsstaatlichkeit und die Balance of Power nicht ohne ausreichende demokratische Kontrolle zu haben ist.

  • Eloman

    Wie sagte schon Lord Acton? Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut. Dem ist nichts hinzuzufügen. Man schaue sich nur mal exemplarisch unseren Parteien-Feudalstaat an.

    • Heinz Stiller

      Ausserdem sagte derselbe Lord Acton: „Almost all great men are bad men“. Napoleon überliess auf dem Palästinafeldzug seine kranken Soldaten dem Feind (ein sicheres Todesurteil) und liess den Duc d’Enghien entführen und töten, Churchill freute sich offen über die Versenkung der Lusitania und war ein offener Rassist, Alexander der Grosse ermordete seine treuesten Helfer… und, und, …
      – In der Kunst, in den Spitzen der Wirtschaft und in der Politik braucht man gelegentlich Persönlichkeiten, die man im normalen Leben als „krank“ bezeichnen würde, wenn man Grosses oder Schwieriges erreichen will.
      Es kömmt nur darauf an, sie zu bändigen. In der Kunst und in der Wirtschaft ist das leicht.
      In der Demokratie ist es nur dann leicht, wenn sie eine echte Demokratie ist, mit einer funktionierenden Justiz und einer Presse, die ihre Rolle erfüllt.
      Sonst gibt es ein Problem… Zur Behebung dieses Problems hat die Geschichte die schöne Institution der Revolution vorgesehen. Aber die ist ja nicht unserer Verfassung vorgesehen. Leider.

  • Daniela Gmeiner

    Wer keine Empathie und Selbstdisziplin sein Eigen nennt, wird sowohl in Politik
    und Wirtschaft an seine Grenzen stoßen und nutzt dann seine Macht, diese
    Defizite zu verbergen. Akzeptanz und Vertrauen entsteht so nicht.

    Klare Haltung und Patrotismus, Verantwortungsbewußtsein und Weitsicht wären in beiden Bereichen das Qualifikationsprofil.
    Kleines Beispiel: Wolfgang Grupp als Unternehmer und Lichtgestalt in der
    deutschen Textilindustrie.
    Hätte Angela Merkel nur einen kleinen Teil dieser Eigenschaften, dann wäre die
    wohlwollenden Schreiberlinge und „TV-Welterklärer“ obsolet.

  • Robert Polis

    Danke für dieses richtig schöne Interview!
    Die Antworten Herrn Hanks zeigen eine tiefe Einsicht in die „Mechanismen“, die viele bereits im Berufsleben erfahren haben. Es gibt wohl einige wenige „Grundantriebe“ für uns Menschen, zum Beispiel die Sieben Todsünden, aber auch das Missionarische und eben Macht – immer dann von Übel, wenn im Übermaß vorhanden und nicht durch „mâze“ oder „ne quid nimis“ gezähmt.

    Im übrigen war ich als Erstabonnent der FASZ im letzten Jahr versucht, den Bezug zu kündigen; Herr Hank und seine Redaktion haben mich davon abgehalten.