Alibi-Jugendliche für Lauterbach? Ihr sprecht nicht für uns!

Unter „Wir werden laut“ werden Schüler für Lockdown und Impfzwang instrumentalisiert. Wieder mal phantasieren sich Politik und Medien eine Jugend herbei, die exakt ihre Meinung vertreten soll. Doch das tut sie nicht. Von Jerome May

Ab und an scrolle ich durch meine Foto-Galerie auf meinem Handy. Nach ein paar Minuten bin ich bei Fotos aus 2019 oder Anfang 2020 angekommen. Fotos, die mich Arm in Arm mit Freunden zeigen, Bilder von vollen Fußballstadien, von vollen Plätzen in Berlin oder anderswo.

Manche Bilder kommen mir inzwischen schon so fremd vor, als ob sie gar nicht von mir wären. Die sogenannte „Zeit vor Corona“ kommt einem wie ein vergangenes Zeitalter vor, ein Sehnsuchtsort. Jeder Jugendliche wird das Gefühl irgendwo nachvollziehen können. Eine Ewigkeit wartet man jetzt schon, dass es wieder so richtig losgeht. Auf den Moment, wo alles wieder „normal“ wird, halt so wie früher.

"Wir werden laut"
Bis dahin guckt man sich die tausendste Pressekonferenz an, in der mehrere alte weiße Männer einem erklären wollen, dass es doch noch viel zu gefährlich sei, jetzt Lockerungen auf den Weg zu bringen. Doch schon seit einiger Zeit ist das Maß voll, der Toleranzbereich ist längst ausgereizt. Die Zeit, als die Jugend noch lautlos mitgezogen ist, ist Vergangenheit.

In der Jugend brodelt es. Wir scharren mit den Füßen, weil wir’s kaum erwarten können, wieder loszulegen. Die Stimmung kippt, das spürt fast jeder. Wer nimmt Lauterbachs Bergpredigt schon noch ernst? Viele von uns haben Omikron durchgemacht, nichts gespürt und sich über den Genesenen-Status gefreut, um das blöde Testen loszuwerden. Unter Jugendlichen ist die erste Reaktion, wenn jemand sich infiziert hat, eben diese: „Boah hast du Glück, brauchst du keinen Test mehr.“ Das ist die traurige Wahrheit, so weit hat es die Politik getrieben.

Partys und Durchseuchung

Angst oder Furcht vor Corona hat von uns kaum einer mehr. Wir wollen wieder frei sein, uns gegenseitig ohne schlechtes Gewissen umarmen können (machen wir trotzdem) und uns kein Stäbchen mehr in die Nase stecken. Unser Abitur feiern, verreisen und Partys schmeißen. Doch davon kommt bei Lauterbach und Konsorten nichts an. Stattdessen reiht sich im öffentlichen Raum die eine Schulschließungsdiskussion an die nächste. Alibi dafür sind einzelne Schülersprecher, die stellvertretend für die ganze Jugend stehen sollen und deren Meinung gezielt von den Medien herausgepickt wird.

Wie zuletzt die Initiativ „Wir werden laut“. In einem offenen Brief sprechen sich einige Schülersprecher hier für eine Aussetzung der Präsenzpflicht aus, sie wollen das Corona-Infektionsrisiko senken, warnen vor Long Covid. Es sei wichtig „die Pandemie mit allen Mitteln zu bekämpfen“, heißt es in jenem offenen Brief, über den nahezu alle Medien groß berichtet haben. „Zu unserer Verärgerung wurden nicht alle zur Verfügung stehenden Werkzeuge eingesetzt.“

Weiter könnte ein Brief nicht von der Lebensrealität der meisten Schüler entfernt sein.
Wir leiden zuallererst unter den gesellschaftlichen Folgen von Isolationen und Lockdown. Doch statt die Sorgen und Wünsche der Jugend wirklich wiederzugeben, orientieren sich viele Schülersprecher an dem, womit sie eben groß rauskommen.

"Wir werden laut"
Als mutige Sprachrohre der Jugend werden sie in Szene gesetzt. Coole hippe Teenies, die den alt-gewordenen Erwachsenen mal sagen, wie gefährlich das doch alles sei. Junge revolutionäre Freidenker sollen sie sein. Dass solche Jugendlichen ernsthaft die Stimme unserer Generation sein sollen, ist lächerlich. Als ob wir alle Lust hätten, uns auch noch die zehnte Maske während der Schule über die Nase zu ziehen. Revolutionär ist wohl das unpassendste aller möglichen Wörter, um eine Haltung zu beschreiben, die von der gesamten Bundesregierung und der versammelten Presse vertreten wird.

Jugendlich ist sie sowieso nicht. Denen da oben mal widersprechen, für seine Ansichten einstehen und sich von der von Schule, Eltern oder Politik vorgegebenen Meinung loszulösen – das wäre jugendlich. In Wahrheit geht es so manchem Schülersprecher doch nur darum, ein gut dotiertes Stipendium zu erschleichen.

Ich jedenfalls habe jetzt genug von Corona. Wenn es um Widerstand gegen mehr Normalität in der Schule geht – ohne mich. Ich möchte nicht vor Omikron beschützt werden, ich möchte meine Fotogalerie wieder mit genau den Bildern füllen, die ich früher geschossen habe.


Jerome May ist 17 Jahre alt und Schüler aus Berlin. Der Artikel erschien auch auf dem Jugendmagazin Apollo News. 

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Kommentare ( 32 )

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32 Comments
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Niklot
3 Monate her

“ wenn jemand sich infiziert hat, eben diese: „ Boah hast du Glück, brauchst du keinen Test mehr.“ Das ist die traurige Wahrheit, so weit hat es die Politik getrieben.“
Nicht nur Jugendliche denken so. Auch wir in der Familie. Endlich erst mal Ruhe. Und auch der Impfzwang ist vorerst vom Tisch. Wir waren sogar erkrankt, inkl. Kleinkind, und trotzdem froh. Irrsinn der Corona-Politik.

Last edited 3 Monate her by Niklot
Fieselsteinchen
3 Monate her

Ich respektiere den Mut des Autors seine Meinung öffentlich zu äußern. Gleichzeitig frage ich mich seit Jahren, wo die Rebellion der Jugend bleibt. Gründe dafür gibt es genug, schon vor Corona! Bildungsmisere zu allererst. Die deutschen Jugendlichen haben mehrheitlich nicht verstanden, dass sie aufgrund des ideologisierten Schulbetriebs bereits international abhängt sind, Themen: IT, MINT usw. Fortsetzung folgt an den Universitäten! Wo bleibt der laute Protest der Studenten? Unsere Tochter war mehrjährig Schülersprecherin und wurde u. a. auch gewählt, weil sie Missstände offen und konstruktiv ansprach, das kam im Rektorat nicht sonderlich gut an. Im 1. Lockdown 2020, kurz vor dem… Mehr

Dieter Blume
3 Monate her

Bei guter Führung werden uns Lockerungen in Aussicht gestellt. Dann müssen wir beim Hofgang keine FFP2-Maske mehr tragen, sondern nur noch eine OP-Maske. Dieses Land ist ein großer Knast geworden. Wenn wir nach Freiheit rufen, kommen die schwarz uniformierten Polizeitruppen des Regimes, kesseln uns ein und führen uns einer harten Bestrafung zu. Der Geist der Freiheit ist im deutschen Staatsapparat nicht mehr spürbar. Freiheit wird uns nicht gewährt! Die müssen wir uns durch Demonstrationen und Wahlentscheidungen zurückholen. Hoffentlich ist es Montag nicht so stürmisch!

Fred Schneider
3 Monate her

Nicht nur Ihre Generation sehnt sich zurück. Bei den Spaziergängen können Sie sehen, dass es alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen betrifft.

Stefferl
3 Monate her
Antworten an  Fred Schneider

…nur um dann am Tag danach in der Presse wieder zu lesen, dass da überall Nazis auf der Straße waren.

Biskaborn
3 Monate her

Ob die Jugend wirklich wieder ihre Freiheit will oder eher zur Seite dieser Schülersprecher tendiert, da bin ich nicht sicher. Befürchte eher Letzteres. In der Schule dürfte es wie im Rest der Gesellschaft sein.. Die Mehrheit will nicht anecken, insbesondere nicht bei den Lehrern die lieber sofort die Schulen wieder schließen möchten. Geld kommt auch wenn sie nicht Frontalunterricht in der Schule durchführen müssen bzw. nur einen oberflächlichen Distanzunterricht von zu Hause aus durchführen. Da indoktriniert man schon gerne die Schüler im entsprechenden Sinne. Von der Einstellung vieler Eltern, besser gar nicht zu reden!

Physis
3 Monate her
Antworten an  Biskaborn

Das Gefühl habe ich auch. Immer wieder wird vom „Recht auf Homeoffice“ gesprochen. Ich glaube da installiert sich gerade etwas, was der sog. Transformation immer näher kommt. Und es gibt immer weniger Menschen, die im Homeoffice eben kein Handwerk ausführen können. Oder warum macht hier die Handwerkskammer Werbung für entsprechende Berufe? Zitat: Handwerk liegt in der Natur des Menschen.Was hindert so viele daran, es zum Beruf zu machen?Das Problem ist daher vielleicht gar nicht Corona und nicht gefüllte Fotogalerien, sondern der Rückzug in die bequemliche Spassgesellschaft. Das heisst zwar nicht, dass ich die Politik hinter Corona toleriere, aber vielleicht genügt… Mehr

Last edited 3 Monate her by Physis
Reinhold
3 Monate her

Bisher hat jede Diktatur Kinder und Jugendliche für ihre Zwecke eingespannt und vorgeschickt. Warum nicht diese rot-grüne?

Soeren Haeberle
3 Monate her

😉 .“wir werden laut“ … die Jungen Wilden in der Politik sind meist über dreißig, etwas mehr Rücksicht (Ironie off)

FG-NI
3 Monate her

Geh mit spazieren. Und überzeuge die gleichdenkenden auch davon. Spazierengehen hat seine Unschuld nicht verloren.

Bernd Bueter
3 Monate her

Tja werte Jugend. Dann denkt mal intensiv über euer aller Wahlverhalten nach. Ich war als Jugendlicher mal ganz kurz in der Jungen Union (CDU Jugendklonanstalt, gibt es für jede Partei). Zu dritt haben wir uns das dann angeguckt und festgestellt: die wollen uns dort zu Spiegelbildern der Parteifürsten machen. Klonen. Nein Danke, da geht dann Parteibuchideologie vor Wähler vertreten. Sowas brauchen und wollen wir nicht. Dazu dann schon damals die offene politische Korruption im Gemeinderat (wann wird mein Land Bauland usw.) Die Macht der Parteien ist über das Listenwahlrecht schon lange am „nur Mitwirken“ lt. Grundgesetz vorbei geschossen. Statt die… Mehr

Last edited 3 Monate her by Bernd Bueter
cernunnos
3 Monate her
Antworten an  Bernd Bueter

Genau wie die Alten. Mit dem Unterschied von mehreren Jahrzehnten Lebenserfahrung.

josefine
3 Monate her
Antworten an  Bernd Bueter

Ich wundere mich oft, was für schräge Gestalten im BT vertreten sind.
Klar, Vertreter der Grünen, über die Liste in den BT hereingekommen. Also nicht demokratisch vom Volk gewählt, nur auf „Befehl“ oder wegen „Sympathie“ der Partei ins Spiel gebracht..
Die Grünen machen sich besonders für Minderheiten stark, durch die Partei erlangen sie eine größere Macht, als ihnen zusteht, und genau aus diesem Grund wählen sie viele „Außenseiter“. Sie sehen eine Chance für sich und andere, ihr Anliegen laut zu vertreten und evt. Karriere zu machen.

Alter Schwede2222
3 Monate her

Respekt, Jerome, mir geht es nicht anders und ich könnte Ihr Großvater sein.
Ich will auch keine Masken, keine Fäuste die mir entgegengehalten, keinen unsinnigen Abstand usw. mehr sehen.
Ich will wieder Menschen die Hand geben können und genau wie Sie diese umarmen können.
Haltet durch, ihr seid noch jung.
Bei mir wird es langsam eng, trotzdem gebe ich nicht auf.