Türkendeutsche: Herr Ober, bitte einen Stempel an Tisch 3

Offensichtlich war unser Wasser weniger prickelnd - dafür aber mit Stempel, naturlisch

Heute morgen lese ich auf Welt.de den folgenden Beitrag „Wo bleibt denn bitte der Einfluss unserer Türken? Neben Exkursionen über das leckerste Mineralwasser der Welt, fährt der Autor fort das äußere Erscheinungsbild der jungen türkischen Mitbürger zu beschreiben, die sich zum gleichaltrigen Durchschnittsdeutschen (auch bekannt als Durchschnittszausel in Vorbereitung auf Hartz 4) durch ein überaus gepflegtes Aussehen abheben. 




Dann wird darüber berichtet, dass, wenn man einmal oder auch mehrfach die Vorliebe für das beste Mineralwasser dem Ladeninhaber gegenüber zum Ausdruck gebracht hat, sich im folgenden nicht über anziehende Preise wundern darf, die der kulturellen Eigenart geschuldet sind und ohne Preisbindung und -schild eben starken Fluktuationen unterworfen sind. Der Preis stieg im Fall des Autors kurzerhand von sechs auf zehn Euro. Die Mitarbeiter des Ladens, die auch von der Vorliebe des Autors zu dem prickelnden Sprudelwasser wissen, beglücken ihn aber noch mit einem Durchschnittskurs von sieben Euro. Überlegenheit offenbart sich in solchen Situationen mit: über nationale Eigenheiten generös hinweglächeln, sich sogar noch viel mehr davon wünschen und eine bemerkenswerte Bereitwilligkeit, willkürliche Apothekenpreise gerne zu zahlen. Vermutlich regt sich der Autor regelmäßig über steigende Benzinpreise auf. Aber wenn es Türken sind .. denn:

„Die jungen türkischen Männer sind sensationell.“ – Jetzt sehen Sie bitte mich nicht so an. Das steht da. Genau so. Ob sich der Autor wirklich mehr von der offenen Homophobie der türkischen Kultur in Deutschland wünscht, noch mehr? Hoffentlich begegnet er diesen Machos dann nicht außerhalb des Schutzraumes Fitnessstudio.

„Sensationell sind jedenfalls die Jungmannen. Während ihre deutschen Altersgenossen rumlaufen, als bereiteten sie sich mit Fleiß auf ihren Hartz-IV-Status vor, sind türkische Zwanzigjährige fast durch die Bank gut angezogen, immer aber reichlich parfümiert. Von Gesprächen im Sportstudio weiß ich, dass viele von ihnen jede Woche zum Friseur gehen.“

Das „auf die Straße rotzen“ wird bei den jungen türkischen, gepflegten, parfümierten Männern kurzerhand zur Ersatzhandlung für jugendlichen hormonellen Überschuss geadelt, „die sich von selbst erledigt, wenn die sexuelle Grundversorgung gewährleistet ist“. Ah so. Deutsche Jugendliche bekommen Akne, türkische rotzen auf die Strasse. Hm. So einfach? Dazu möchte ich kurz anmerken, dass das „auf die Straße rotzen“ unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Konfessionszugehörigkeit funktioniert. Es ist keine pubertäre Kulturtat, sondern lediglich eine generelle LMAA-Haltung gegenüber Institutionen und – ja, eben auch diesem Land und seinen Werten (auch, wenn es inoffiziell nicht mehr so viele davon sein mögen).

Lustig wird es, als der Autor den türkischen Taxifahrer fragt: „Wieso habt ihr eigentlich keinen Ehrgeiz, den Deutschen kulturell ein bisschen mehr euren Stempel aufzudrücken?“ Und an der Stelle muss man sich schon ein kleines bisschen an den Kopf fassen und fragen, wo der Mann bisher seine Zeit verbracht hat – oder wie klein der Radius sein mag, in dem er sich Wochentags bewegt.

„Alle Taxifahrer fallen dann regelmäßig aus allen Wolken. Ein Deutscher, der etwas von ihnen will? Das kann doch nicht wahr sein. „Doch, doch“, sage ich. „Die Italiener haben uns in den Sechzigerjahren die Eisdielen gebracht, die Griechen in den Siebzigern ihre Küche, und alle anderen Einwanderer haben hier ebenfalls zumindest die Gastronomie bereichert, manche sogar gehoben. Warum kommt in der Hinsicht nichts von euch? Fatih Akins Film ,Gegen die Wand‘, Feridun Zaimoglus Romane und Erzählungen: Das kann doch wohl nicht alles sein, nach drei Generationen nun auch schon in diesem Land!“

So, so – so ist das also, wenn man die Welt außerhalb des Newsrooms nur noch aus dem Taxi wahrnimmt. Vermutlich werden wir bald ein Plädoyer für einen Kopftuch-Zwang lesen; ist ja auch zu dumm, dass die Türkendeutschen nicht alle so rückständig leben wie in Anatolien, sondern die Vorzüge des Westens und Deutschland genießen und oftmals sogar gegen die Aufgabe deutscher Werte durch die Deutschen antreten. Schließlich ist seit jeher der Mercedes das Auto der Wahl und Familie ein hoher Wert – bei den Türken, nicht bei den Deutschen.

Zu dumm auch, dass vermutlich die Hälfte der Türken deutscher sind als die Deutschen, ganz ohne Zwang. Aber Klischees sind ja dazu da, schriftlich bestätigt zu werden. Schon mal darüber nachgedacht, dass Integration bedeuten könnte, das elende Leben zu Gunsten des Fortschritts abzustreifen? Und die Griechen haben in den Siebzigern also ihre Küche dagelassen. Und ich hab gedacht, die hätten in den Siebzigern bloß ihre Demokratie hier vergessen, aber jetzt geht es um zu lang gegrilltes Souvlaki.

Wenn der Autor gerade aus einem Flugzeug aus Istanbul gestolpert sein sollte: Hurra. Ein wenig mehr Lebensqualität und -freude, etwas weniger Ernsthaftigkeit, ja, das wäre schon ganz nett hier und das könnte ich unterschreiben. Ein bisschen mehr Sezen Akzu, ein bisschen mehr Mustafa Sandal. Na klar! Da bin ich dabei. Die Zustände in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder Köln-Ehrenfeld, Bremen etc. scheint der Autor aber da ja nicht zu beschreiben, in dem Wonnigwohlig-Preiswürfel-Wunderland gegenüber seiner Arbeitsstätte.

In Marxloh sagte dann auch mal eine kleine alte weisshaarige Dame deutscher Herkunft leise und vorgebeugt in eine Kamera von Spiegel-TV: „Schauen Sie sich doch mal um. Hier sind wir die Ausländer.“ Da ist er, der Stempel von der Größe der Merkez-Moschee.

Und weil in Marxloh nicht die weltoffenen, religionsaversen jungen gepflegten türkischen, wohlfrisierten und parfümierten Männer, wie man sie aus der Metropole Istanbul und Izmir kennt, die absolute Mehrheit stellen, sondern mehr der anatolische Anteil Umland Ankara und weiter östlich, wird’s knifflig. Warum nicht noch ein bisschen mehr Stempel aufdrücken? Voilá:

Sprachwandel – „Gehst Du Bus?“ – Kiezsprache gibt’s bald ohne Kiez“Mehr Moscheen als katholische Kirchen, Türkische Machokultur ist Integrationshindernis, So chaotisch geht es an deutschen Schulen zu

Ich erklär dann mal meiner Schwiegermutter, dass sie zukünftig aus Angst vor jugendlichen türkischen, hormonell überschüssigen aber gut frisierten, wohlriechenden, weil parfümierten jungen Männergruppen nicht mehr die Strassenseite wechseln muss. Weil wenn die dann erstmal ordentlich was zu knattern kriegen, werden die sie auch nicht mehr zu Boden rempeln äääääh stempeln wie schon zweimal geschehen und vermutlich auch nicht mehr auf die Strasse „rotzen“.

Und wenn ich gehe, lasse ich meine Küche da. Das ist auf alle Fälle besser, als Korruption, Unfähigkeit, Klientelismus und der ganze Tsipras-Kram; der kann gerne bleiben, wo er ist. Versprochen!

Teşekkür ederim!




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