Olympische Pleiten

Von maroder deutscher Sport-Infrastruktur, bürokratischer Überforderung der Ehrenamtler, systematischer Leistungssenkung und sportreporterlichen Meister-Fehlleistungen.

© Cameron Spencer/Getty Images
during the Opening Ceremony of the Rio 2016 Olympic Games at Maracana Stadium on August 5, 2016 in Rio de Janeiro, Brazil.

»Wann kommt endlich unsere erste Medaille?« Fragt BILD bang und musste tatsächlich »Gina-Lisa geht ins Dschungel-Camp« noch vor Olympia hochziehen. Tja, wann sie kommen endlich? OK, ein paar trudeln ein. (BILD kurz darauf: »Endlich Gold!«)

Nach dem ersten Schock, als die Sportler mit ihren Klamotten aus dem Adidas-Altkleidercontainer (Assoziation: kurze Hosen, Socken und Sandalen) eingelaufen sind, stellt sich heraus: Mit Siegen und Medaillen hat sie es nicht so, die deutsche Olympia-Mannschaft. Fürchten sich die Athleten zu sehr, als Sieger nachher bei Merkel und Gauck zu Shakehands antanzen zu müssen? Oder gar Merkel in der Umkleidekabine erleiden?

Diese Olympischen Spiele werden wohl eine noch größere Enttäuschung als die vergangenen werden. Wo sollen sie auch herkommen, die Talente, jene Sportler, die noch wie früher siegten?

Leistung uncool, Sport-Infrastruktur marode

Der deutsche Sport fällt political correctness zum Opfer; Leistung ist uncool und im Eimer. Nach mehr als 20 Jahren ohne Sieg bei der Fußball-Europameisterschaft stellten wir das nicht nur bei Fußballern fest. Weniger Mekka, weniger »La Mannschaft« – dafür mehr Training hätten der DFB-Auswahl vielleicht geholfen, den Leichtatleten vielleicht bessere Trainingsbedingungen.

Denn die sportliche Infrastruktur unterscheidet nicht sehr von jener von Straßen und Brücken: Alles Bruch! Allein das Beispiel der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden spricht Bände. Dort haben es rote und grüne Politiker geschafft, eine früher sehr von Erfolg gekrönte Sportförderung zu demontieren. In baufällige Sporthallen regnet es herein. Die Bahn des einzigen Stadions ist ruiniert und taugt noch nicht einmal für die Ausrichtung von Landesmeisterschaften.

Allein das, was euphemistisch mit »Flüchtlingen« bezeichnet wird, hat für einen Aufschrei gesorgt: Die einzige Leichtathletik-Halle der Landeshauptstadt sollte für die Unterbringung von »Flüchtlingen« herhalten. Fachleute inspizierten sie und stellten erschrocken Risse in den Wänden fest, es regnet herein. Befund: Für »Flüchtlinge« nicht geeignet, nur noch für Sportler.

Die klassischen Einstiege für Sportler über Schulen und Vereine funktionieren nicht mehr. Sie sind erfolgreich durch eine bedenkenlosen Schul- und Sportpolitik zerstört worden. Schon lange klagen Sportvereine über mangelnden Nachwuchs. Dem fehlt meist schlicht die Zeit, muss er sich nach Einführung des G8 in acht Jahren zum Abitur quälen, weil die Kultusbürokratie keine Entrümpelung der Lehrpläne schafft. Die Vereinsübungsleiter: »Schüler sind bis spätnachmittags in der Schule. Wann sollen sie noch Zeit für Sportvereine finden?«

Mit Bürokratie Ehrenamtler verjagen

Ein weiterer Tritt vors Schienbein der letzten Enthusiasten in den Sportvereinen ist das »Bundeskinderschutzgesetz«. Jeder, der Kinder und Jugendliche trainiert, muss sich danach ein polizeiliches Führungszeugnis beschaffen und seinem Verein vorlegen. Der darf das aus Datenschutzgründen nicht behalten, sondern muss es »nur« dokumentieren. Alle fünf Jahre muss das Ding erneuert werden. Den ganzen Schwindel wiederum müssen die Vereinsvorstände organisieren. Ein heilloser bürokratischer Aufwand, der da auf die ehrenamtlichen Übungsleiter geschwappt ist, weil bestimmte öffentlich bekannt gewordenen Leute ihre Finger nicht von Kindern lassen konnten.

Schon lustig zu sehen, wie lange sich gestandene Menschen als Vereinsvorstände solche Schikanen freiwillig gefallen lassen, anstatt das Handtuch zu werfen und nicht mehr mitzumachen. (»Spinnt ihr?«) Dann würde dieser elendige neuerliche Spuk aus Berlin ganz schnell verschwinden. Dabei pfeift es von allen Dächern, dass solche Aktionen nichts bringen. Kein Kinderschänder wird aufgrund bürokratischer Hürden seine pädophilen Hände von Kindern lassen.

Anforderungen senken

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte vor den Olympischen Spielen in seiner Not, Athleten zum Beispiel für den Marathonlauf in Brasilien zu finden, das getan, was deutsche Schulpolitik so erfolgreich vormacht: Normen senken. So kommen doch alle zum Abitur und mehr Marathonläufer nach Rio. Dabei sein ist eben alles.

Großartig aber die mediale Leistung aus Brasilien. Nicht nur, daß bei der TV-Übertragung eines Tennisspieles die Anstalt die Übertragung in der spannendsten Phase kurz vor Schluss beendete, ohne die letzten entscheidenden fünf Minuten zu senden, das ist so, wie beim Fußball während des Elfmeterschießens umschalten. Bewundernswert auch, wie die Reporter es schaffen, in der Sportberichterstattung aus Brasilien das Thema »Flüchtlinge« hochleben zu lassen und eine sportlich keine Rolle spielende »Flüchtlingsmannschaft« zum medialen Großereignis aufzubauschen.

Bewunderung der Pressefuzzis erregte, dass eine Läuferin aus Königswinter in ihrer Heimatstadt »Flüchtlingen« hilft. Allerdings ist das Olympische Komitee noch nicht so versifft wie die Universität zu Heidelberg. Die vergibt Examens-Pluspunkte, wenn das Studierende angibt, sich für »Flüchtlinge« zu engagieren. Ohne zu prüfen, versteht sich. Prima für den Hundertmeterlauf: Leider nur lahme 11,2 Sekunden. Plus 10 Refugeepoints: Macht Gold.

Sportreporter unterbietet Bundespressekonferenz

Nein, auch die ersten Fragen an eine olympische Sportschützin waren sinnreich: »Was sagen Sie« – nein, nicht zu Ihrem Sieg – sondern »zum Massaker in Orlando?« Darauf können nur Sportreporter kommen, die ja noch die Kollegen von der »Bundespressekonferenz« (Warum überkommt mich beim Schreiben plötzlich ein Würgreiz?) übertreffen. Beiden – Bundespressedings und Sportleuten – ist gemein, dass sie den Gegenstand ihrer Berichterstattung auf Händen durch die Welt tragen. »Wahre Patrioten eben«, wie bei Facebook kommentiert wurde.

Die passende Antwort jedenfalls hatte Schützin Kim Rhode: »Sie fragen ja Schwimmer auch nicht nach ersoffenen Menschen.« Die Frau tickt normal, der Reporter nicht.

Die Berichterstattung ergeht sich weithin im Bashing gedopter russischer Sportler und übt im Übrigen peinliche political correctness. Reporter erzählen wieder und wieder ergriffen und dramatisch begeistert Geschichten über eine Schwimmerin, die schwimmend vor dem Bürgerkrieg floh und jetzt bei Olympia – keine Rolle spielt. Geprüft hat die Geschichten natürlich niemand.

Das ZDF hat sinnigerweise Böcke zu Gärtnern gemacht und frühere DDR-Sportler, die selbst natürlich nie und wissentlich gedopt haben, als Sportreporter angestellt; die sollen jetzt über gedopte russische Schwimmerinnen berichten und sie befragen (»Und was nimmst Du so?«).

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