Der Deutschlandfunk liest der Literatur die Leviten

Der Deutschlandfunk hat einen langen Weg zum woken Haltungsmedium hinter sich. Literaturkritik wird da neuerdings nach dem Muster eines Indizienprozesses betrieben. Das Ergebnis ist ein intellektueller Tiefpunkt.

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Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, vieles liegt dort unten, um nie wieder ans Licht zu kommen. Unter anderem auch der Deutschlandfunk, der einmal ein Sender war, in dem Redakteure sachkundig und sogar mit Scharfsinn über Literatur sprechen konnten. Im Archiv wird sich der eine oder andere Beleg dafür finden.

Mitarbeiter der ARD-Anstalt litten damals unter der beschränkten Sicht von Literaturkritikern, die noch nichts von intersektionaler Diskriminierung und dem politisch-poststrukturellen Deutungsgebot für alle Texte wussten. Kurzum, sie lebten und schliefen noch hinter den sieben Bergen, wo Proust und Kafka einander gute Nacht sagten, ganz anders als die erweckten und erwachten, also woken Literatursachverhaltsermittler, die natürlich wissen, wie vorvorgestrig das Verfahren ist, Literatur als Literatur zu lesen.

Seit einiger Zeit gibt es nicht nur beim Deutschlandfunk die Praxis, Bücher aus der Zeit vor diesem Erwachen noch einmal ganz neu und intersektional durchzukämmen und gegen die Autoren einen Indizienprozess anzustrengen, in dem Ermittlung, Anklage und Urteil praktischerweise zusammenfallen. So praktizierte es die Literaturkritikerin Katharina Döbler, als sie sich für den Sender kürzlich Thomas Manns „Buddenbrooks“ vornahm. Wenn Frau Döbler und Mann zusammenstoßen, dann klingt das so:

„’Buddenbrooks’ war beim Wiederlesen ein viel schlichterer Roman, als ich ihn in Erinnerung hatte. Natürlich gibt es großartige Passagen darin. Aber es ist kein Buch, das es verdient hat, immer noch an der Spitze des deutschen Literaturkanons zu stehen. Es repräsentiert vielmehr eine sehr eingeschränkte männlich-bürgerliche Sichtweise auf die Gesellschaft.“

Ganz neu ist das Verfahren nun auch wieder nicht. In der DDR warfen die Hochschulen tonnenweise Literaturtheoretiker aus, die bei Rilke, Kafka, Kraus, Proust, Flaubert, Wilde und auch Mann feststellten, es gebe in deren Werk durchaus die eine oder andere gelungene Stelle, aber alles in allem käme der Autor nie über seine beschränkte bürgerliche Sichtweise hinaus, statt seinen Lesern den Ausweg zum wissenschaftlichen Sozialismus zu weisen, wie er es bei Nichtbeschränkung zwingend hätte tun müssen. Dass diese angeblich so hochgebildeten Leute einen Determinismus nicht begriffen, den in der DDR jedes Schulkind kannte – was hätte die intellektuellen Grenzen dieser Schriftsteller besser beweisen können?

Zur Literatur unterhielten diese Beurteilungsschreiber ein ähnliches Verhältnis wie Trichinenbeschauer zur Kochkunst. Grundsätzlich gilt das noch immer; allerdings besteht das ungeschriebene Ruhmesblatt einer Katharina Döbler darin, die beschränkte bürgerliche zur beschränkten männlich-bürgerlichen Sichtweise weiterentwickelt zu haben. Wer jetzt fragt, welche Sichtweise ein männlicher bürgerlicher Autor eigentlich sonst einnehmen sollte, und ob Katharina Döbler einen Thomas Mann, hätte er um 1900 aus der unbeschränkten Sicht einer lesbischen Hererofrau geschrieben, dann nicht wegen kultureller Aneignung erst Recht zausen würde – wer so fragt, der lebt noch hinter der limitierenden Bergkette und geistig in Zeiten, als dieser Autor unbehelligt den Nobelpreis einsacken konnte.

Beschränkt waren früher alle. Selbst Shakespeares Sichtweise war beschränkt. Wer immer Shakespeare war – vermutlich handelte es sich um einen männlichen Engländer aus der Zeit von Elisabeth I – , er litt jedenfalls wahlweise unter bürgerlicher Begrenzung oder unter adliger, falls doch der Earl of Oxford hinter dem Nome de Plume stecken sollte, und über die Geierinnenperspektive einer Frau vom Deutschlandfunk verfügte er schon gar nicht.

Aus richtiger & wichtiger Sicht werden im Deutschlandfunk nicht nur Männer wiedergelesen, sondern auch Frauen, beispielsweise Hannah Arendt. Der Sender wies in einem Beitrag kürzlich Rassismus in Arendts Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ nach; sie spreche dort zu gut über die Kolonialherrschaft in Afrika und übernehme „weitgehend die Sichtweise der europäischen Eroberer“. Weswegen der Deutschlandfunk die Forderung erhebt: „Arendt nicht aus der Verantwortung entlassen“.

Stattdessen müsse man und frau sich jetzt verstärkt mit den „blinden Flecken“ der Philosophin beschäftigen. Wobei von künftigen Gegenlesern und Anklägern noch zu klären sein wird, ob in der Formulierung „blinde Flecken“ nicht der Ableismus sein hässliches Haupt erhebt.

Wer nun glaubt, damit wäre der stolz ausgekrähte Gesinnungskitsch ans Ende jeder denkbaren Skala gelangt, der kennt den Deutschlandfunk schlecht. Mann und Arendt könnten sich ja noch darauf hinausreden, dass sie im dumpfen Damalsland schrieben. Aber wie verhält es sich mit Gegenwartsautoren, die vor dem DLF-Spezialgericht landen? Das geschah jetzt mit Monika Maron und ihrer Erzählung „Bonnie Propeller“, dem ersten Buch, das in ihrem neuen Verlag Hoffmann und Campe herauskam. Gutachterin Wiebke Porombka setzt für die DLF-Hörer schon einmal den richtigen Rahmen:

„Die wegen neurechter Positionen bei ihrem ehemaligen Verlag vor die Tür gesetzte Schriftstellerin Monika Maron hat nun bei Hoffmann und Campe eine Erzählung veröffentlicht.“ Und informiert: „‚Bonnie Propeller“ kann sehr verschieden gedeutet werden.“

Aber erst einmal geht es bei Porombka um die Autorin selbst, gewissermaßen zur Feststellung der Personalien:
„Über Monika Maron wurde in diesem Herbst kontrovers diskutiert: Sowohl über ihre Nähe zu neurechten Positionen, ihre Veröffentlichung in der umstrittenen Exil-Reihe der Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen und die Entscheidung des S. Fischer Verlags, nach rund vier Jahrzehnten die Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin aufzukündigen. Ebenso wurde über die Meldung diskutiert, dass Maron – anders als von einigen Kritikern gemutmaßt – nicht lange ohne Verlag blieb, sondern rasch bei Hoffmann und Campe unter Vertrag genommen wurde. Eine Entscheidung, die nicht zuletzt deshalb von einem Missklang begleitet wurde, weil die Stimme des Hoffmann-und-Campe-Verlegers Tim Jung fehlte, der seine Entscheidung selbstredend hätte begründen und vertreten müssen. Verlegerisches Format sieht anders aus.“

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Tatsächlich? Tim Jung sagte – in dutzenden Quellen gut zu finden – zu Marons Wechsel: „Monika Maron ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart, die mit ihrem Schaffen dem gesellschaftlichen Diskurs, der für eine lebendige Demokratie unabdingbar ist, immer wieder wichtige Impulse gibt.“ Offenbar war es nicht ganz das, was die Deutschlandfunkmitarbeiterin von ihm erwartet hatte, sie schwindelt also dreist, seine Stimme würde fehlen, und folgert aus ihren alternativen Fakten einen „Missklang“. Offenbar geht es ihr gegen den Strich, dass Maron zu einem renommierten Verlag wechselte, obwohl sich viele Feuilletonmitarbeiter alle Mühe gegeben hatten, ihr das Schildchen ‚neurechts’ anzukleben. Ja, liest das denn bei Hoffmann und Campe in Hamburg niemand?

In der Pressemeldung zu Maron hatte Hoffman und Campe die Schriftstellerinn zitiert, die sagte, sie freue sich, jetzt zu dem Verlag Heinrich Heines zu kommen, denn der sei ihre literarische Jugendliebe gewesen. Porombka macht daraus: „Eine andere Komponente des Missklangs: In der Pressemeldung zum Verlagswechsel wurde ausgerechnet Bezug auf den jüdische Exilanten Heinrich Heine genommen, einer der großen historischen Namen von Hoffmann und Campe.“ Tatsächlich: da bezieht sich also jemand, der zu Hoffman und Campe geht, ausgerechnet auf den bekanntesten Autor dieses Verlags. Worin die Deutschlandfunk-Rezensentin einen Missklang erkennt, verrät sie nicht direkt, bimmelt aber penetrant mit dem Adjektiv „jüdisch“ herum, als hätte sie Maron bei einer unstatthaften kulturellen Aneignung erwischt. Wenn Porombka unbedingt darauf besteht, sollte sie allerdings auch mitteilen, dass Maron erstens polnisch-jüdischen Vorfahren hat, Heine zweitens nicht ins Exil nach Paris ging, weil er aus einer jüdischen Familie stammte, und Maron sich drittens weder mit Heine noch dessen Exilantenstatus identifiziert, sondern offenbar einfach den Autor mag.

Ganz kurz müssen an dieser Stelle die Umstände von Marons Verlagswechsel erwähnt werden. Begründet hatte S. Fischer den Hinauswurf der Autorin nach fast 40 Jahren mit einer Argumentation, die erhebliche Logik- und Datierungsfehler enthielt. Schuld sollte ein Bändchen mit älteren essayistischen Texten sein, die Maron – mit Zustimmung von Fischer – im Frühjahr in der Edition des Dresdner Buchhauses Loschwitz herausbrachte.

Dann hieß es aus Frankfurt, nicht daran störe man sich – sondern an dem Umstand, dass dieser Band von Antaios vertrieben werde, einem Unternehmen, das Götz Kubitschek leitet, dessen Institut für Staatspolitik wiederum der Verfassungsschutz beobachtet. Bei Antaios handelt es sich ganz überwiegend um einen Buchvertrieb, erhältlich sind dort auch andere Werke aus dem Haus Fischer, etwa die Kafka-Biografie von Reiner Stach, außerdem eine Menge anderer Publikationen, etwa „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ von Alice Hasters.

Marons Essayband erschien im März, den Bruch mit der Autorin vollzog der Fischer-Verlag aber erst im Herbst – nachdem er sogar einen Maron-Essayband zu deren 80. Geburtstag für 2021 angekündigt hatte. Offenbar gab es bei Fischer tatsächlich den Plan, die Autorin zu entfernen, weil sich aufrechte Verlagsmitarbeitern über Marons Kritik an der Migrationspolitik aufregten („neurechts“); vorher wollte das Holzbrinck-Unternehmen aber noch ein bisschen Umsatz mit ihren Texten machen. Es sollte nur keine neuen Buchverträge mehr mit ihr geben. Dann ging die Trennung doch schneller, weil Maron im Sommer eine ziemlich spontan entstandene Erzählung über ihre Hündin Bonnie Propeller anbot, die der Verlag ungelesen ablehnte mit dem begleitenden Kommentar, Maron sei „politisch unberechenbar“, deshalb müsse jetzt Schluss sein. Ihre Hunde-Erzählung hatte sie also vor dem Bruch mit Fischer verfasst, nicht danach.

Für die Deutschlandfunk-Rezensentin gibt es allerdings kein unpolitisches Maron-Werk, auch, wenn es sich um 50 Seiten über eine schwarze Hündin handelt, ein neues Tier, nachdem Marons alter Begleiter Momo verstorben ist. Die hässliche und übergewichtige Bonnie Propeller gefällt Maron erst überhaupt nicht, dann schließt sie das Tier doch ins Herz. Darin besteht schon die ganze Geschichte. Aber nicht für Wiebke Porombka, die Marons Erzählung auseinandernimmt wie ein DDR-Grenzer einen Westwagen, um ein Schmuggelversteck für verbotene Dinge nachzuweisen. Denn, so die Rezensentin, es gebe „verschiedene Deutungen dieser Erzählung“. Um draufloszudeuteln:
„Möglich wäre etwa: Die Erzählerin, alter Ego der Autorin, bekennt sich zu einer Art innerem Exil. Den Hund nämlich, so heißt es, brauche sie vor allem, um jemanden zum Reden zu haben.“ Worin das innere Exil einer Autorin bestehen soll, die höchst präsent und streitlustig ist, kann sie nicht weiter vertiefen, denn gleich geht es zu Verdacht Nummer zwei:
„Oder aber, nähme man „Bonnie Propeller“ als Parabel, wäre auch folgende Lesart möglich: Bei dem struppigen, abgelehnten Wesen handelt es sich um Monika Maron selbst, die abgelehnt wird und nur darauf hoffen kann, dass ihre eigentlichen Qualitäten – das Hündchen, wie sich herausstellt, kann virtuos Pirouetten drehen – schließlich doch noch erkannt werden.“

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Maron erhielt unter anderem den Kleist-Preis und den Deutschen Nationalpreis, ihre Bücher – von „Flugasche“ bis zu „Artur Lanz“ gehören seit 40 Jahren zu den intensiv besprochenen Texten in Deutschland. Und diese Autorin soll also mit fast 80 Jahren über ein Hundegleichnis das Bedürfnis haben zu beweisen, dass sie ein bisschen schreiben kann, in der Hoffnung, doch noch anerkannt zu werden? Und wer lehnt Maron eigentlich ab? Ihre Leser nicht, ihr neuer Verlag auch nicht. Es geht aber beim Deutschlandfunk noch totaler und verstrahlter, als man es sich bis jetzt überhaupt vorstellen kann:
„Oder, noch einmal anders: Das struppige Hündchen, das ist die heterogene, gar nicht mehr heroische Gesellschaft, über die Maron immer wieder ihr Missfallen zum Ausdruck gebracht hat…Will sie uns also sagen, dass sie sich vielleicht doch noch mit dem Erscheinungsbild der aktuellen Gesellschaft anfreundet?“

Merkwürdigerweise kommt Porombka gar nicht auf die Idee, dass es sich bei dem (schwarzen!) Hund in Wirklichkeit um einen Migranten und der Erzählung folglich um einen rassistischen Programmtext handeln könnte. Oder noch einmal anders: Um eine Verächtlichmachung Peter Altmaiers oder ein verdecktes Lob für Donald Trump. Immerhin ist der Hund ja übergewichtig.

Eine Möglichkeit scheidet beim Deutschlandfunk von vorn herein aus, nämlich die, dass Maron in „Bonnie Propeller“ einfach nur über ihre Hündin namens Bonnie Propeller schreibt. Wie heißt doch das Credo der Merkel-Ära? Bloß keine einfachen Lösungen.

Die Rezensentin hätte sich einen Text aus eigener Produktion in der ZEIT zu Herzen nehmen können. Tat sie aber leider nicht. Ihre Meinungshaltung muss einfach hinaus ins Sendegebiet.

Jedenfalls, ganz gleich, ob der Hund nun das innere Exil, Maron selbst oder die Gesellschaft verkörpert (oder eben Trump), Porombka warnt dringend, der Neurechten auf den Leim zu gehen:
„Man sollte solcherart Versöhnungsspekulationen unbedingt skeptisch gegenüberstehen. Nicht nur setzen sie sehr viel guten Deutungswillen der Lesenden voraus.“

Man sollte? Bei diesen Spekulationen handelt es sich ja um nichts anderes als um eine Serie von Sockenschüssen im Kopf der Buchbesprecherin, einer zum Gotterbarmen dämlicher als der andere. Und ganz nebenbei: Mit wem müsste sich Monika Maron denn versöhnen? Mit den Benimmtanten aus dem Gebührenfunk und sonstigen Moralbetriebsnudeln, die selbst in einer völlig unpolitischen Erzählung noch nach ideologischen Geheimbotschaften stochern?

Was der DLF über Maron sendet, ist so brülldumm, dass es sich selbst von identitätspolitischen Thomas-Mann-und Hannah-Arendt-Exegesen und vielen anderen Grotesken des Senders noch einmal deutlich absetzt. Ein Homeshoppingkanal-Moderatorin ist wenigstens ganz bei sich, wenn sie etwas über Kosmetik und Halsketten erzählt. Sie berichtet über ihre Gegenstände mit Sicherheit kompetenter, wahrscheinlich sogar raffinierter als Wiebke Porombka über Literatur. Vorerst ist die ARD-Anstalt damit in der Talsohle des Blöden angelangt – was aber nicht heißt, dass es nicht noch weiter abwärts gehen kann, auch, wenn momentan noch die Phantasie dafür fehlt, wo und wie genau. Um einem Missverständnis zu entgehen: Der Autor dieses Beitrags beschäftigt sich mit Porombka, Döbler et al. nicht, weil die Personen so interessant wären, weil es sich um Symptome handelt.

Schon in der Übergangszeit zwischen der tiefen Vergangenheit hinter den sieben Bergen und der Gegenwart, nämlich 2011, hatte Wolfgang Herrndorf mit einem Vertreter der „Tagesthemen“ ein Interview vorbesprochen und dabei als Bedingung genannt, „dass sich das Interview ausschließlich um Literatur drehen wird“. Um dann noch während des Telefonats festzustellen, wie er wegen dieser Forderung als komischer Kautz abgebürstet wird, und das TV-Gespräch abzulehnen. In „Arbeit und Struktur“ notierte er: „Dann doch lieber gleich RTL Explosiv, die müssen sich wenigsten nicht den ganzen Tag vormachen, einem vor Jahrzehnten schon in die Tonne gekloppten Rundfunkauftrag zu genügen.“

Während seiner Krebserkrankung hatte Herrndorf „Buddenbrooks“ und „Zauberberg“ noch einmal gelesen. In „Arbeit und Struktur“ heißt es: „Ich überprüfe mein Urteil mit zwanzig. Da gab es in diesem Fall ausnahmsweise nicht viel zu korrigieren, nur die Reihenfolge hatte sich geändert: Jetzt waren mit die ‚Buddenbrooks’ doch lieber.“ Um dann auf die technische Brillanz von Mann hinzuweisen, die „Desillusionsmaschine“, wie er sie nennt, eine technische Ebene, die kaum ein deutscher Romanautor danach je wieder erreichte. Herrndorf wusste, dass die Qualität eines Buchs herzlich wenig an dem Geschlecht und der sozialen Stellung des Autors hängt, sondern an dessen Intelligenz im Umgang mit dem Text. An dem, was der Deutschlandfunk und auch andere Öffentlich-Rechtlichen heute zur Literatur funken, wird auch noch für den letzten Gutwilligen deutlich: Es gibt dort praktisch niemand mehr, jedenfalls nicht in der Riege des immergleichen Frauentyps, der ans Mikro darf, der überhaupt einen Text als Text beurteilen kann. Denn auch dazu braucht es ein bisschen Handwerk.
Übrigens: Auch Herrndorfs Werk wartet natürlich darauf, endlich auf schlimme Stellen gegengelesen zu werden. Allein aus dessen Roman „Sand“ lassen sich so viele Rassismus- und andere Verdächte sieben, dass die Arbeit ein ganzes DLF-Pensionat auslastet.

Die anstehende, aber hoffentlich nicht stattfindende Beitragserhöhung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf 18,34 Euro im Monat begründen Senderhierarchen, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt, auch mit ihrem kulturellen Angebot, das es in dieser Art sonst nirgends geben würde.

Zum Glück.

Es wäre auch geschenkt noch zu teuer.

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Kommentare ( 49 )

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MeHere
10 Monate her

Der DLF ist in den letzten 5 Jahren qualitativ derart abgeschmiert, dass es weh tut.
Schlimm: all die aufgeregten Männlein/Weiblein/Transen/Binäre etc. die dem Höhrer den ganzen Tag anstelle von Nachrichten, ihre Sicht der Dinge als allein richtige aufzwingen wollen. Medialer Totalitarismuss dummer Menschen, die ein Mikrofon bekommen haben.
Noch viel schlimmer: B5 „aktuell“ = Totalschaden …

Schwabenwilli
10 Monate her

auch der Deutschlandfunk will etwas von den 86 Cent abhaben. Da muss man gewisse Kreise halt bei Laune halten. Die GEZ muss weg ich habe keine Lust für etwas zu zahlen dass ich nicht in Anspruch nehme oder von dem ich radikalisiert würde wenn ich es als alleiniges Medium verwenden würde.

Ben Goldstein
10 Monate her

Ja, die „Riege des immergleichen Frauentyps“ ist mir auch ein Dorn im Auge. Es ist schon auffällig, dass diejenigen, die sich am meisten über Stereotypen aufregen, aber auch jede negative, typisch weibliche Eigenschaft zu mindestens 120% ausfahren. Ich musste bei dem Satz „Verlegerisches Format sieht anders aus“ erst mal durchatmen und hab dann doch gelacht. Es sind ja nicht alle Frauen so. Und die Vernünftigen sehen die immer gleichen Pappenheimer ja auch.

Theos Meinungsfreiheit
10 Monate her

Wenn es um den DLF geht, dann tröstet mich, dass ich dort – im Rheinland – während der Bonner Republik großartige Redakteure erlebt habe. Einer ist der großartige Herr Dr (h.c.) Wilhelm Fricke, den man in den 50ziger Jahren aus Berlin (WEST) ind die damalige Sowjetische Besatzungszone / DDR nach Berlin (OST) entführt hatte. Vorwurf: Geheimdienstliche Tätigkeit, weil er in seinen Reportagen des DLF angeblich über „Insiderwissen“ berichtet habe. Fricke wies wohl seinen Häschern nach, dass er anhand der Ostpresse seine Informationen aus den Zeitungen selbst, respektive Schlussfolgerungen aus dem Lesen „zwischen den Zeilen“ ziehen konnte, die dann meist „ins… Mehr

fatherted
10 Monate her

Shakespeare geht gar nicht….war Rassist…man denke an Othello….nein…muss weg…oder umgeschrieben werden….wie Pipi Langstrumpf. Buddenbrocks…da kommen keine POCs drin vor…außerdem ist die Lübecker Kaufmannsfamilie ein Sinnbild für die Ausbeutung der Dritten Welt….die haben damals schon Waren aus Indien/Afrika und Co. importiert und weiterverkauft….sowas macht man nicht…bähh! Überhaupt….Literatur….da muss man ja den Kopf anstrengen…..bei rot/grünen Redakteuren tut der dann nach 2 Minuten weh….da hilft nur eine Packung Schmerz-Cannabis (Joint) und die neuste Ausgabe von Clever + Smart….auf dem Niveau kann Literatur dann gedeihen.

H. Hoffmeister
10 Monate her

Herr Wendt,
„brülldumm“ ist zutreffend, aber gleichzeitig angstmachend. Brülldumme Menschen sind zu vielem fähig.

Auswanderer
10 Monate her
Antworten an  H. Hoffmeister

Das Problem ist nur, dass wir zu viele brülldumme Menschen in Deutschland haben und die auch noch an den Schaltstellen sitzen! Ich muss bei unserer Gesellschaft immer nur noch an die Farm der Tiere denken. Nur dass wir wohl erheblich mehr Schweine haben. Und wie das wieder ins Lot kommen soll bei der hohen Anzahl der Schweine ist eine der schwierigsten Fragen!

Heinrich Wolter
10 Monate her

Die Werke von William Shakespeare wurden nicht von William Shakespeare geschrieben, sondern von einem Engländer gleichen Namens!

Theos Meinungsfreiheit
10 Monate her
Antworten an  Heinrich Wolter

Schallendes Gelächter … der ist wirklich gut … woher haben Sie das 🙂

daldner
10 Monate her

Ich lese gern – was ich will -und höre den DLF nicht. Also sollen die erzählen, was sie wollen.

Auswanderer
10 Monate her
Antworten an  daldner

Nur für so einen Mist sollen wir alle bezahlen. Die Quacksalber sollen sich ihr Einkommen bei ihrem Publikum mit dem Klingelbeutel holen und uns in Ruhe lassen!

Wolfsohn
10 Monate her
Antworten an  Auswanderer

Solange alle der Meinung sind, man könne eh nichts ändern und brav weiter zahlen, wird sich auch nichts tun.
Erst wenn alle (!) in den Beitragsstreik gehen, werden sie wach – wetten?

Wolfram_von_Wolkenkuckucksheim
10 Monate her

Ja, der Deutschlandfunk, mein einst so geliebter Deutschlandfunk, hat enorm an Qualität nachgelassen. Er lief mal bei mir ständig. Als Schüler und Student bot er mir ab 2001 (ab da an hörte ich ihn) einen weiten und tiefen Blick in die Welt. Jetzt ist es nur linksgrüner Gesinnungsfunk. Der Niedergang begann schon vor einigen Jahren; er war die letzte Bastion im ÖRR, der noch die Stellung hielt.

Till Kinzel
10 Monate her

Alexander Wendt hat, wie jeder, der leidend die Entwicklung des DLF gelegentlich verfolgt hat, unterschreiben kann, völlig recht. Er ist aber doch noch eine Art Optimist, wenn er meint, die Talsohle der Blödheit sei schon erreicht. Da wird im Gegenteil noch einiges auf uns zukommen, wenn man daran denkt, wie es erst bei der nächsten Generation von „Literaturkritiktreibenden“ aussehen wird….Immerhin wird ja durch die jetzige Schmähkritik noch auf den einen oder anderen Autor hingewiesen, den zu lesen lohnen muß, wenn man schon so offensichtlich zum Framing-Besteck greift.