Kirchenaustritt und Christen

Da eine Entweltlichung der Kirche in absehbarer Zeit nicht stattfinden wird, muss ich diese Kirche verlassen, um weiter Christ bleiben zu können, begründet Frank Behrenbruch seinen Kirchenaustritt.

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Die Kirche in Deutschland, anders als die christlichen Kirchen bei unseren Nachbarn in Österreich, in den Niederlanden und auch in Frankreich, von Polen und Tschechien einmal ganz abgesehen, orientiert sich strikt gesinnungsethisch und scheut sich dabei nicht, die Toleranz- und Antirassismuskeule derart zu schwingen, dass sie bei einer Reihe von Christen Wirkungstreffer hinterlassen hat, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Kirchenaustritte im Zuge der Willkommenskultur, zum anderen wohlwollende Neupositionierungen gegenüber den Kirchen seitens einer bisher kirchenkritischen Klientel.

Kardinal Woelkis Instrumentalisierungsinteresse

Kardinal Woelki aus Köln konnte es gar nicht fassen, dass er bei einem eher linksgrünen Milieu seinen Fuß wieder zwischen die Tür bekam, seitdem er „Zuwanderer in der überwältigenden Mehrheit seiner öffentlichen Auftritte eben ausschließlich als Opfer sah. So blütenweiß er das Bild von Zuwanderern zeichnet, so schwarz das von Zuwanderungskritikern- und -begrenzern. Letztere kommen bei ihm fast ausschließlich als Finsterlinge, braune Zeitgenossen oder zumindest als Irregeleitete vor“ (T.-R. Stoldt in: Welt v. 24.1.16 ). Hier ist sie, die Flamme der reinen Gesinnung, von der Max Weber spricht und die Woelki instrumentalisiert, um verlorengegangenes Vertrauen bei einigen Schäfchen zurückzugewinnen. Wenn Woelki Teile der  Realität, zumal der Zuwanderungsrealität, ausblendet, so macht er in nichtöffentlichen Gesprächen kein Geheimnis daraus, „dass er die Wirklichkeit differenzierter wahrnimmt“ (ebenda), es aber nicht für opportun hält, das wachsende Vertrauen bestimmter Milieus zur Kirche gegenwärtig zu beschädigen. Wenn es um eigene strategische Vorteile geht, ist der Kirche und  ihren gesinnungstüchtigen Vertretern jedes Mittel recht.

Max Webers Verantwortungsethik

Unseren Kirchenvertretern fehlt die Bereitschaft, menschliches Handeln unter eine verantwortungsethische Maxime zu stellen, bei der man für die vorhersehbaren Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Wer Hunderttausende unkontrolliert ins Land lässt, überschwänglich willkommen heißt, weil es geradezu Christenpflicht sei, ein Zeichen der Humanität zu setzen, fühlt sich nur dafür verantwortlich, „dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme des Protestes gegen die Ungerechtigkeit“ ( Max Weber, Politik als Beruf) der Welt nicht erlischt. Dass eine solche Haltung im Zusammenhang mit der Zuwanderung in Ansehung der Folgen für unseren Sozialstaat etwas Irrationales hat, macht den in seiner Gesinnungsethik Gefangenen nicht unsicher, denn wenn „die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung übel sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich“ (ebenda).

Christentum und die Asyl-/Flüchtlingspolitik
Jesus hat keine Willkommens-Kultur gepredigt
Der Gesinnungsethiker erträgt die ethische Irrationalität nicht. Anders der Verantwortungsethiker. Er erträgt die ethische Irrationalität insofern, als er nicht von vornherein Handeln verwirft, wenn der Zweck die Mittel heiligt. Die Feststellung der Identität all derjenigen z. B., die in Deutschland Schutz suchen, auch unter Zuhilfenahme von Ausleseverfahren ihrer Handys und Smartphones, mag man als verletzenden Eingriff in die Privatsphäre betrachten, ist am Ende aber verantwortungsethisch begründbar, wenn man das Vertrauen schon länger hier lebender Menschen in die ökonomische und soziale Vernunft  der politisch Handelnden und ihren Glauben in die Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates als Zweck betrachtet. „Hier, an diesem Punkt der Heiligung der Mittel durch den Zweck, scheint auch die Gesinnungsethik überhaupt scheitern zu müssen. Und in der Tat hat sie logischerweise nur die Möglichkeit, jedes Handeln, welches sittlich gefährliche Mittel anwendet, zu verwerfen“ (ebenda) und damit aber zwangsläufig  den Kontrollverlust des Rechtsstaates zu riskieren.

Schillers Würdepostulat

Wie weit weg das Verhalten unserer Kirchenvertreter ist von dem, was Schiller unter Würde versteht, lässt sich ermessen, wenn man sich einen Moment mit seinen theoretischen Schriften beschäftigt. In seinem philosophischen Essay „Über Anmut und Würde“ entwickelt Schiller in Anlehnung an Kant seine Theorie des Schönen, wobei er seinen Gegenstand nicht wie in den Briefen „Über die Erziehung des Menschen“ staats- und geschichtsphilosophisch betrachtet, sondern sein Menschenbild unter systematischen Aspekten zu erläutern sucht. Für Schiller ist Schönheit dort gegeben, wo „Vernunft und Sinnlichkeit – Pflicht und Neigung- zusammenstimmen“ (Schiller, Über Anmut und Würde). Anders als Kant setzt Schiller nicht auf die einzelne sittliche Handlung, sondern setzt den Akzent auf den Menschen als sittlichem Wesen und plädiert für eine Sittlichkeit, die zugleich schön ist. Der Mensch „soll seiner Vernunft mit Freuden gehorchen“ (ebenda). Dort, wo Pflicht und Neigung harmonisch zusammenfinden, dort, wo der Mensch „seiner Vernunft mit Freuden gehorcht“ (ebenda), hat sich die Menschheit vollendet. Schiller ist sich allerdings bewusst, dass diese Idee der „vollendeten Menschheit“ (ebenda) in der Wirklichkeit unerreichbar bleibt.

Ohne Gott
EKD: Staatskirchentag im Land der Pastorentochter
Allein diejenigen, die Gottes Wort verkünden – insbesondere auch auf Kirchentagen – tun so, als könnten sie der ethischen Begrenztheit unseres Handelns ein Schnippchen schlagen und das Zeitalter vollendeten Menschseins einläuten. Aber auch das, was erreichbar wäre, nämlich sich der Realität in Würde zu stellen, misslingt den Glaubensverkündern der christlichen Kirchen in Deutschland unentwegt. Der Mensch als vernünftig sinnliches Wesen ist dem Streit zwischen Pflicht und Neigung unterworfen. Dem menschlichen Willen ist als moralische Kraft aber vorgegeben, sich auf die Seite der Vernunft zu schlagen, sich damit gegen die Neigung zu entscheiden, um moralisch groß zu handeln. Schiller nennt dies Würde. Diese Würde, die jeder christliche Glaubensverkünder praktisch werden lassen könnte, bleibt den meisten ihrer Zunft inzwischen allerdings fremd, wenn sie meinen, gegen die vielen Anfechtungen in dieser Welt  z.B. durch Grenzöffnungen ein Zeichen setzen zu müssen und dabei den Rechtsstaat in Bedrängnis bringen zu dürfen, indem dem Gesellschaftsvertrag, dem wir alle unterworfen sind, rechtsstaatlich nicht mehr vertretbare Belastungen aufgegeben werden.

Wenn man das Einzelinteresse von Parteien und Institutionen samt ihrer Vertreter bestimmend werden lässt, handelt man nicht mehr, um es mit Schillers Worten zu sagen, moralisch groß, weil Einzelinteressen nicht einer Vernunftidee, sondern der Befriedigung einer Neigung entspringen. In seinem Beitrag aus dem Cicero vom Mai 2013 bringt Alexander Grau die Mechanismen der Selbstentwürdigung der christlichen Kirche in Deutschland auf den Punkt, wenn er  sagt, die Kirchentagsbewegung ist das Abbild einer Kirche, „die sich (…) in ihrem Selbstverständnis (…) schon lange von dem Ideal nüchternen, rationalen Denkens entfernt hat, das für den modernen Protestantismus seit der Aufklärung charakteristisch war. Statt den Menschen intellektuelle Inspiration (…) zu vermitteln, präsentiert sich eine (…) Politikkirche, die ihre Würde verloren hat und sich gern von Stimmungen korrumpieren lässt“.

Sehr konkret in diesem Zusammenhang wird auch der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio bezüglich der Fluchtbewegungen im September 2015, wenn er auf der Synode der EKD in Bremen den versammelten Kirchenvertretern zu verstehen gibt, dass man nicht einfach aus einem humanen Imperativ heraus Grenzen aufreissen kann. Welche Neigung Bischof Dröge auf dem Kirchentag in Berlin geritten hat, als er in einem Streitgespräch davor warnte, das Thema Christenverfolgung und Islamisierung zu dramatisieren, muss offen bleiben. Fakt ist, dass nur einen Tag später koptische Christen in Ägypten – und dies nicht zum ersten Mal – von Islamisten ermordet wurden.  Für den christlichen Glaubensvertreter Bischof Dröge ist Gott universal und damit ungeeignet, von Christen für ihre Zwecke bei Glaubenskämpfen instrumentalisiert zu werden. Dem will der Bischof wohl mit seinem Entdramatisierungsappell Rechnung tragen, und insoweit könnte man ihm sogar folgen. Er vergisst dabei aber, dass es hier nicht um den universalen Gott geht, sondern um universelle Prinzipien, die auch dem Christen das Recht einräumen, gegen Willkür und Unrecht aufzubegehren. Aufbegehren lässt sich nicht in Anmut, hierzu braucht es Würde und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Die Verweltlichung der Kirche

Die Kirche, der ich nicht mehr angehören möchte, räsoniert vorzugsweise über Asyl-Friedens-Sozial- und Wirtschaftsordnungen ohne Mandat der Mehrheit ihrer Kirchensteuer zahlenden Gläubigen. Tonangebend, was die Themensetzungen und Inhalte angeht, insbesondere auch auf evangelischen Kirchentagen, sind die moralisch Entrüsteten aus dem linksgrünen Spektrum, die zwar längst die Kirche verlassen haben, die Kirchentage und ihre kirchlichen Funktionsträger aber geschickt für  ihre Botschaften in Anspruch zu nehmen wissen. Die EKD hat sich dem linksgrünen Zeitgeist unterworfen, ihrem Kerngeschäft hat sie längst den Rücken gekehrt. Und auch die katholische Kirche geht „mit politischen Bekenntnissen hausieren, verdunkelt den Dom, wenn ihr eine Demonstration nicht passt, zelebriert die Messe auf einem Flüchtlingsboot“ ( in Tichys Einblick online vom 28.4. 2017) und wird dem einen oder anderen auch die Kommunion verweigern, gebenedeit von einem Pontifex Maximus, der kürzlich – offensichtlich in Unkenntnis dessen, was in deutschen KZ’s an Unmenschlichkeit geschah – Flüchtlingslager mit eben diesen KZ’s verglich.

Man wird nicht verhehlen, dass für uns Heutige der Rechtfertigungslehre Luthers etwas Unbedingtes und Lebensfremdes anhaftet. Für Luther ist der in der Erbsünde gefangene Mensch im irdischen Leben stets Sünder und Leidender und nur durch den Glauben und die Gnade Gottes erlöst. Nun aber zu glauben, allein die gute Tat hebt mich hervor, prädestiniert mich und macht mich moralisch unangreifbar, hat etwas von der Hybris, der das Scheitern wesensgemäß ist, denn die gute Tat ist immer nur Teil einer Kausalkette, deren Folgewirkungen sich häufig dem Gutmeinenden entziehen.

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Auf der Synode in Bremen wies Ex-Verfassungsrichter Udo Di Fabio auf diesen Sachverhalt hin, wenn er zwar einerseits das historisch gewachsene wohlwollende Staat-Kirche-Verhältnis in Erinnerung rief. Grundlage dieses historisch gewachsenen Verhältnisses sei, dass der Staat die Kirchen schätze und brauche. Die Kirchen hätten bei dem, was der Staat tue, eine gewisse Korrekturfunktion, die dieser nicht missen möchte. Aber umgekehrt benötigen Christen auch „verlässliche Institutionen“. Christen müssten „das Eigenrecht das Staates“ akzeptieren. Dies bedeutet auch, dass der Staat die Sicherung seiner Außengrenzen rechtsstaatlich begründbar betreiben darf. Di Fabio kritisiert, dass die Kirchen dazu neigen, dem Staat seine Eigenlogik abzusprechen, im Zusammenhang mit der Migrationsproblematik sein Recht zur Sicherung und notfalls Schließung der Grenzen.

Letztlich ginge es darum, so Matthias Kamann auf weltonline am 18.2.16, „dass sich die Kirchen ihrer Partikularität stellen. Sie sind nicht das Ganze (…), sie sind ein Teil“ und aufgefordert, den Staat als den Träger der Gesamtverantwortung zu respektieren. Der Staat sei kein Individuum, er könne nicht nur das Einzelschicksal betrachten, sondern sei dem Gemeinwohl verpflichtet und muss die Folgen seines Tuns bedenken, weil er für sie aufkommen muss. Dies ist auch der Grund – so Di Fabio auf weltonline vom 19.10.15 -, weshalb das Recht der „politischen Deckung, also der Macht, es mit Zwangsmitteln durchzusetzen“, bedarf. Hierzu ist eben nur der Staat als Wahrer des Gemeinwohls in der Lage. Und „die Entscheidung darüber – so Di Fabio weiter -, wer Aufenthalt in einem Land nehmen darf, trifft nicht der Einreisewillige“ – im Übrigen auch nicht die Kirche -, „sondern die Volksvertretung mit dem Gesetz, in Deutschland dem Aufenthaltsgesetz“.

Das gesinnungstüchtige Individuum ignoriert im Zweifel die Folgen seines Handelns, orientiert sich an einer moralischen Eingebung und macht beim Scheitern seines Handelns die Welt oder die Dummheit der Menschen verantwortlich. Das Individuum muss nicht zwingend, wenn es A gesagt hat, auch B sagen. Der Staat muss, wenn er A gesagt hat, im Zweifel nicht nur B, sondern womöglich auch C, D und E sagen. Die Kette der Verantwortung und Verantwortlichkeiten hört dann nicht mehr auf, sondern wird länger und länger und kann in einem Kontrollverlust enden. Vor einem solchen Kontrollverlust muss der Staat sich wappnen können. Die Forderung der Kirchen nach unbegrenzter Zuwanderung lässt sich ethisch nicht begründen, schon gar nicht unter Verweis auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der barmherzige Samariter hilft nicht nur dem Opfer, sondern bezahlt aus eigener Tasche auch dessen Unterkunft. Hier zeigt sich, dass sich bei Jesus Hilfeleistung ohne den Zwang der Mitwirkung Dritter vollzieht. Jesus zwingt niemanden, zu glauben oder zu helfen. Genau dies tun aber die Kirchen im Verbund mit der Politik. „Sie bürden den Menschen große Lasten auf, doch sie selbst rühren keinen Finger, um diese Lasten zu tragen. Mit allem, was sie tun, stellen sie sich zur Schau“ ( Matthäus 23,4).

Die Wiederkehr der Macht des Klerus
Die Wahl des Bundestagspräsidenten – Dokument der Abkehr vom Laizismus
Seit dem Sachbuch von Robin Alexander, welches sich mit der Grenzöffnung im Jahre 2015 befasst, wissen wir, dass Merkel die Grenze nicht aus christlicher Nächstenliebe geöffnet hat, sondern um unschöne Bilder zu vermeiden und gleichzeitig in einem guten Licht zu erscheinen, und zwar national und international. Dass der deutsche Steuerzahler die Zeche dafür bezahlen muss, ist ihr egal, solange sie von den Eliten in Kirche und Medien entsprechenden Beifall bekommt. Das sichert Macht und vorübergehend auch Mehrheiten. „Auch auf die katholische Soziallehre kann sich nicht berufen, wer die aktuell praktizierte Asyl- und Flüchtlingspolitik befürwortet. Denn sie steht im Widerspruch zu grundlegenden Prinzipien dieser Soziallehre: sie kommt nicht vornehmlich den wirklich Bedürftigen zugute, sie wird systematisch als Vehikel für illegale Einwanderung mißbraucht, sie ist keine Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort und nicht so ausgestaltet, dass die tatsächlichen oder vermeintlichen Flüchtlinge ihrer Verantwortung für sich selbst und ihre Mitmenschen in der Heimat wieder gerecht werden (können), und die legitimen Interessen der Kritiker finden nicht ausreichend Gehör und faire Berücksichtigung“ (Ansgar Neuhoff, in: Tichys Einblick online vom 17.9.17).

Wenn man Glück hat, akzeptieren einzelne Kirchenvertreter in der Diskussion zur aktuellen Flüchtlingspolitik ein irgendwie geartetes Grenzregime an den Außengrenzen der EU in der irrigen Annahme, dass, wenn man statt der eigenen die EU-Außengrenzen schützt, dies eine höhere moralische Qualität besäße. Konsequenter noch als einzelne Kirchenvertreter versagt der derzeitige EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm dem Staat sein Eigenrecht, wenn er in Bremen für sich und seine Kirche feststellt : „Humanität und Menschenwürde kennen für uns keine Grenzen“. Sein individualistischer Ansatz sieht das Einzelschicksal, ohne am Ende fähig zu sein, für die Folgen eines möglichen Scheiterns seiner propagierten ethischen Handlungsmaximen geradezustehen. Geradestehen darf dann der Staat und mit ihm der Steuerzahler.

Unter dem Motto „Unser Kreuz  hat keine Haken“ demonstrierten die Kirchen gegen den Parteitag der AfD in Köln. Dieses Motto ist nicht nur „anmaßend“, wie Alexander Kissler auf  Cicero online am 21.4.17 feststellt, es hat auch etwas von dem, was in der Psychologie als Projektion beschrieben wird und Abwehrmechanismen kenntlich macht, nämlich die eigenen unerwünschten Impulse oder quälenden Schuldgefühle einem anderen Menschen oder einer anderen Gruppe zuzuschreiben. Die beiden christlichen Kirchen in Deutschland leiden berechtigterweise unter der Schuld, die sie auf sich geladen haben unter den besonderen Bedingungen des Dritten Reiches. Sie werfen anderen aus taktischem Kalkül und zur Wahrung ihres Selbstbildes reißerisch und undifferenziert  Humanitätsverstöße vor, verdrängen dabei aber die eigenen Geschichte gewordenen Verfehlungen, und das mit einem Eifer und einer Unerbittlichkeit, die jedes christliche Maß neurotischer Aufladung sprengt und nur noch als würdelos bezeichnet werden kann.

Chronik des laufenden Wahnsinns III
Abschlussbericht vom Grünen-Parteitag der EKD
Die Reaktion der Kirchen ist unreif. In dem Wahn einer totalen Ausgrenzung des Unerwünschten ist die Verleugnung eigener Schuld immer auch enthalten. Und in Ansehung dieses Phänomens suchen sich derzeit unsere Kirchenvertreter ein noch höheres und damit noch weniger von der Realität akzeptiertes Idealbild. Moral bekommt so etwas Maskenhaftes. Nicht Weniges von dem, was von den beiden Kirchen der ins Fadenkreuz geratenen Neupartei an xenophober  Programmatik vorgeworfen wird, ist entweder Teil offizieller Flüchtlingspolitik geworden oder wird von einzelnen Mandatsträgern der Regierungsparteien zur Aufhebung des bestehenden Kontrollverlustes im Bereich der Flüchtlingspolitik eingefordert. Fallen diese Politiker jetzt auch unter das Ausgrenzungsverdikt der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen? Steht der künftige Kanzler der Republik Österreich inzwischen auf dem Index der katholischen Kirche und wir wissen nichts davon?

Danken die deutschen Gläubigen ähnlich dem Gebet der Pharisäer inzwischen in ihren Gebeten Gott , „dass sie nicht so sind wie die anderen Leute“, all diese „Ungerechten“ in Polen und anderswo? Die Pharisäer aus den Tempeln der Moral, unterstützt von mächtigen Medienvertretern, geben die Antwort, und sie fällt erwartungsgemäß aus:  Ein „zahlenmäßig breites Zeichen“ für Toleranz und gegen „gegen Ausgrenzung“  muss man setzen. „ Weil es egal ist, wo Menschen herkommen“(ebenda), will man Menschen, die in Köln zum Parteitag der Neupartei kommen, die rote Karte zeigen. Vielfalt will man reduzieren, um „ vielfältig“ zu bleiben. „Kurz: Intolerant  will man werden, um für Toleranz ein breites Zeichen zu setzen. Rhetorischer Universalismus trifft auf praktizierten Partikularismus“(ebenda).

Der Pluralismus der Kirchen erweist sich zunehmend als monoton, ihre Buntheit als einfarbig. Die Politisierung der christlichen Kirchen in Deutschland ist dysfunktional, es bedarf diesen Engagements nicht, weil die demokratischen Strukturen in Deutschland funktionieren. Wenn die Kirchen meinen, in dieser Situation ein allgemein-politisches Mandat ausüben zu müssen, dann spaltet die Kirche die Gesellschaft und lässt den Teil der Christen ratlos zurück, der sich im Rahmen unserer verfassungsrechtlichen Garantien eine von der Kirche abweichende Meinung leistet und sich vom Staat Lösungsansätze zum Beispiel in der Zuwanderungsfrage erhofft, die verantwortungsethisch fundiert sind und  von den Kirchen nicht ständig rhetorisch, manchmal auch ganz praktisch, z. B. im Rahmen des Kirchenasyls, gesinnungsethisch unterlaufen werden.

Kein Projektionsbedürfnis ohne Schuld

Wenn Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, unter Verweis auf Luther meint, daran erinnern zu sollen, dass kein Mensch sich selbst gut machen kann und muss, dann wirkt das wie Hohn angesichts der gesinnungsethischen Fixiertheit der christlichen Kirchen, denn die Kirchen scheinen nichts anderes im Sinn zu haben, als sich selbst gut zu machen. Wie wohlfeil das heutige gesinnungsethische Engagement der christlichen Kirchen ist, zeigt sich, wenn man sich zurückversetzt in die Zeit der Hitler-Diktatur, in der die christlichen Kirchen ihren ganzen Mut hätten zusammennehmen dürfen, um den Menschen Modell zu sein für ein prinzipiengeleitetes moralisches Handeln. Bis auf Ausnahmen hat die Kirche als moralische Instanz und Kontrapart zum Nationalsozialismus versagt. Die Schuldgefühle in dieser Causa wirken bis heute nach und erklären  das Projektionsbedürfnis der Kirchen und den gesinnungsethischen Fundamentalismus.

„Bundes-Propaganda-Behörde“
Die Aktion #Gutmensch
Es bestätigt aber auch, dass Kirche eine unerfreuliche Neigung zur Dysfunktionalität im Politischen hat: Ethische Maximalforderungen gegenüber politischen Strukturen, die nach demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln funktionieren und ethisches Duckmäusertum gegenüber politischen Systemen, die gehörig aus dem Ruder gelaufen sind. Der politische Opportunismus unserer Kirchenvertreter hat fast etwas Komisches, wenn wir hören oder auch lesen konnten , dass Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm ihr Kreuz bei einem Besuch auf dem Tempelberg unaufgefordert in der Hosentasche verschwinden ließen. Wer die beiden in dieser Situation mit ihrer treuen Unschuldsmine auf dem Bildschirm sehen konnte, war an Oliver Hardy und Stan Laurel erinnert, zu Stummfilmzeiten auch  Dick und Doof genannt.

Wenn die Kirchen gemäß dem oben zitierten Motto die Neupartei mit dem Hakenkreuz in Verbindung bringen, ist dies zunächst Ausdruck einer moralischen Hybris seitens ihrer Vertreter, denn ihr Kreuz zeigt vielfältige und blutige Haken, die allerdings immer wieder erfolgreich dem Blick des Betrachters entzogen werden konnten oder im fortlaufenden Prozess der Geschichte ihre Sprengkraft einbüßten. Tatsächlich hat die christliche Kirche und haben ihre Funktionsträger nur selten in der Geschichte diktatorischem Terror etwas entgegengesetzt, häufig genug hat die christliche Kirche im Namen des Kreuzes Kriege geführt, im 30jährigen Krieg halb Europa verwüstet, die Menschen mit ihren Inquisitionsprozessen in Angst und Schrecken versetzt, in der Kolonialzeit der Sklaverei die Hand, nicht zuletzt Hitler den Finger gereicht und seinen Schergen über die sogenannten „Rattenwege“ eine Flucht nach Italien und anderswohin ermöglicht.

Damit aber nicht genug. In praktisch jeder Ecke dieser Welt haben Vertreter der katholischen Kirche systematischen Missbrauch von Kindern betrieben. Die Aufdeckung, Aufklärung und Aufarbeitung der Missbräuche wurde seitens der Kirche nur halbherzig betrieben. Bis in die 90iger Jahre hinein hat die katholische Kirche in Spanien Beihilfe zu Säuglingsraub und Menschenhandel geleistet. Spanische Mütter gebaren tausendfach und jahrzehntelang Kinder, die von Ärzten für tot erklärt wurden, um sie auf diesem Weg ihren leiblichen Eltern zu entziehen und begüterten kinderlosen spanischen Ehepaaren zu überlassen. Die katholische Kirche gab diesem Kindesraub ihren Segen und schützte das System des Menschenhandels bei allzu heftigen Nachfragen der Eltern, indem sie Falschbehauptungen der Ärzte unwidersprochen ließ und damit gleichzeitig das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchte.

Politik statt Religion
Politaktivisten der Kirchenjugend: Wenn Gender wichtiger ist als Jesus
In Süditalien sind Vertreter der Kirche in die Fluchthelfer- und Schleuserszene verstrickt und geben diesen kriminellen Organisationen mit ihrer Beteiligung den Schein des Legalen und Menschlichen. In der DDR haben sich Kirchenvertreter zum Büttel des Staates gemacht und dienten dem Regime als Inoffizielle Mitarbeiter. Gefragt, was Jesus zu den heutigen Terroristen sagen würde, sagt Margot Käßmann,  ehemalige EKD-Vorsitzende, man solle ihnen mit „Beten und Liebe“ begegnen. Und Käßmann weiter: „Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Er (Jesus) hat sich nicht verführen lassen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation.“ Für die meisten dürfte es eine Provokation und Ausdruck moralischen Unernstes sein, wenn eine frühere EKD-Vorsitzende fordert, den heutigen Terroristen mit Liebe zu begegnen und gleichzeitig in Köln ihr Nachfolger im Ratsvorsitz Parteitagsdelegierte der AfD zu Aussätzigen macht, wenn die Neupartei unter dem Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“ mit Hakenkreuzen zusammengedacht werden soll und rund 6 Millionen Wählern damit gleichsam das Stigma des Hakenkreuzes angeheftet wird.

Diese stets zur Schau getragene Gesinnungstüchtigkeit führender Vertreter der evangelischen Kirche – für die katholischen Amtsträger gilt im Übrigen Gleiches – desavouiert sich schon durch ihre Inkonsistenz bei der Bewertung gesellschaftlicher Sachverhalte. Feindesliebe zu predigen, also das ganz große moralische Rad zu drehen, gleichzeitig aber all diejenigen aufs Böswilligste zu verunglimpfen, die sich erlauben, dem politischen und kulturellen Mainstream den Rücken zu kehren, einem Mainstream im Übrigen, der keiner Idee mehr folgt und der, ohne es zu merken, längst Instrumentalisierungsopfer einer nach Selbsterhalt strebenden Elite in Politik, Kirche und Medien geworden ist.

Die meisten Christen haben der  Kirche trotz ihrer katastrophalen Verfehlungen immer wieder verziehen. Doch die stete Gnade, die die Kirche bei ihren Mitgliedern gefunden hat, wird zunehmend missbraucht. Der Eifer und die Gnadenlosigkeit, mit der ihre Vertreter all denjenigen entgegentreten, die in der Willkommenskultur ein untaugliches Mittel zur „Abgeltung  deutscher Schuld“ (W. Streek, in: FAZ, 16.11.17) sehen, ist zutiefst unchristlich, weil Moral taktisch und zur Selbstheiligung in Anspruch genommen wird und nichts von der Verantwortungsethik Max Webers oder dem Würdepostulat Schillers hat. Und als Projektionsfläche dient dann bei alledem die Neupartei, die zum Zwecke der eigenen Selbsterhöhung „zur Vogelscheuche“ (ebenda) gemacht werden musste.

Oberstudienrat Frank Behrenbruch unterrichtete an einem Gymnasium die Fächer Deutsch, Sozialwissenschaften und Erziehungswissenschaft.


chrismon bringt aktuell sein 3. Flüchtlingsheft „Bleiben“ auf Arabisch und in Farsi heraus.

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Kommentare ( 141 )

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Vor einigen Tagen hat der amerikanische Präsident Donald Trump Jerusalem offiziell zur Hauptstadt Israels erklärt. Die Aufregung in den arabischen Ländern, speziell in Palästina war dementsprechend groß. In Jerusalem sind zwei Weltreligionen vertreten, das Christentum und der Islam. Das Judentum kann nicht als Religion betrachtet werden, sondern ist einzig und allein eine Glaubensgemeinschaft, der von Gott die Tora übergeben wurde mit dem Vertrauen daß die Israeliten die darin aufgeführten Gebote und Gesetze einhalten werden. Irgendjemand mußte Gott ja die Schriften übergeben und warum den Juden, kann ein Mensch nicht ergründen. Nun führten politische Missstände, Neid,Hass, Imperialismus zur Vertreibung des jüdischen… Mehr

Das was die Kirchenfürsten von oben diktieren ist noch lange nicht das was die kleinen Pfarrer auch so empfinden oder gar weitergeben. Meine Erfahrung.
Deshalb trete ich auch nicht aus. Marx und Bedford-Strohm und seine willige Vollstreckerin Käsmann werden bald Geschichte sein.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis mit circa 5 Jahren, da musste ich im Gottesdienst bei meinen Eltern ganz brav und ruhig stillsitzen. Der Prediger erzählte eine Einleitung aus dem Alltag, und wenn dann Alle brav zuhörten, machte er schwupdiwupp eine „Tapetentüre auf und verschleppte seine erwachsenen Zuhörer in seine Religionswerkstatt und da bekamen die Anwesenden so richtig in die Schuldigkeits-Fresse gehauen“ und ich dachte, Mannomann was sind die Erwachsenen doch doof, was lassen die sich denn alles gefallen. Da ich gehört hatte der Prediger habe privat auch Hühner, und ich sah dass er den Kopf schief hielt, so wie… Mehr
Naja, so einfach ist die Gleichung nicht. Das Konkordat mag zwar vom frisch gewählten Reichskanzler Hitler unterzeichnet worden sein. Ausgehandelt wurde es aber vor der „Machtergreifung“. Und mit dem „benefit of hindsight“ Hitler schon 1933 zu dämonisieren, ist auch ein bisschen billig. Eine Auflösung des Konkordats hat nichts mit „Entnazifizierung“ zu tun. Dann müsste man auch solche Wohltaten wie Nachtzuschläge abschaffen, die während des 3. Reiches eingeführt wurden und sich bis heute gehalten haben. Oder die ersten Tierschutzgesetze. Oder: Nichtraucherabteile in Zügen wurden ebenfalls erstmals in dieser Zeit eingeführt. Der Tabakphobiker Hitler wollte sogar ein Rauchverbot in der Wehrmacht durchsetzen,… Mehr

Ich denke, es geht dabei auch um massive wirtschaftliche Interessen.
Ich behaupte gerne polemisch die größten Nutznießer der Flüchtlingskrise seien die Familienclans und die Amtskirchen.

Das Problem der Kirchenleute ist, dass sie nicht verstehen wollen, dass außer Jesus niemand niemand die Technik der wundersamen Brotvermehrung beherrscht – und vielleicht war das bei Jesus damals auch nur ein Trick…

Entscheider der ev. Kirche verdunkeln die Glaubensbotschaft der Gnade durch Eigenwilligkeit und Widersprüchlichkeit. Dadurch verhindern sie, dass Suchende zu Christus und seinem Wort finden oder Christen gestärkt werden. Das genannte Beispiel des barmherzigen Samariters sehe ich auch so: ein Einzelner entscheidet aus eigener Verantwortung und damit auf seine eigenen Kosten, einem Notleidenden zu helfen, ohne dabei Dritte zu zwingen. Und er macht seine Hilfe nicht abhängig von der Gesinnung des Notleidenden. – Wer aus Eigenverantwortung anderen keine Last auflegen will, wird auch andere nicht unangemessen schuldig sprechen. – Der unbestechliche Rechtsstaat als fester Boden für ein gerechtes und zuverlässiges Zusammenleben… Mehr

wäre ich nicht schon vielen Jahren ausgetreten, ich würde es jetzt tun.
Als ich vor vielen Jahren gelesen hatte, dass die üppigen Saläre der Bischöfe und Kardinäle, sowie deren großzügigste Alterversorgung von Bund & Ländern, also den Steuerzahler/Innen des Landes, gezahlt werden bin ich ausgetreten. Ich hatte beschlossen, dass ich nicht noch zusätzlich Kirchensteuern zahlen muss.
Damals wusste ich bereits, daß sich die Kirche ihr „soziales“ Engagement in Einrichtungen wie Kindergrärten, Seniorenheimen, Krankenhäusern von den Nutzern der Einrichtungen und der öffentlichen Hand gut bezahlen lässt.
http://www.kirchensteuer.de/node/81

Herr Behrenbruch hat so was von recht. Ich bin aus genau den oben genannten Argumenten vor einigen Monaten ausgetreten. Eine katholische Kirche, die sich derart gegen den Kern der eigenen Mitglieder wendet, kann und werde ich nicht mehr mit meinen Steuern unterstützen. Desweiteren habe ich alle Spenden überdacht, die ich normalerweise jährlich an diverse (kirchliche) Sozialorganisationen geleistet habe. Keinen Cent mehr gibt’s. Das Geld versaufe ich lieber oder – besser – sehe zu, dass ich es an sehr kleine, mir bekannte Hilfsorganisationen oder lokal Bedürftige gebe. Ich hab diesen scheinheiligen Verein so was von satt …

Der Kardienal ist überrascht , dass die Kirchen bei den Grünen Zuspruch findet. Die Kirchen vertreten doch die poltiische Auffassung der Grünen, die ohne Substanz ist. Eine vernünftige Einwanderungspolitik fehlt. Kriegsflüchtlinge waren zu keiner Zeit für Deutschland ein Thema. Was wir seit der unrühmlichen Einladung unserer Kanzlerin erleben müssen, hat damit nichts mehr zu tun. Es fliehen auch Menschen aus Nicht-Kriegsländern. Sie nehmen mit oder ohne Papiere unser Land ein. Das Schengenerabkommen macht klare Vorgaben . Die christlichen Kirchen fühlen sich ihrer Verantwortung für ihre Glaubensmenschen nicht mehr verpflichten und loben selbst die Täter. Sie begrüßen sie gern in ihren… Mehr
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