Ich möchte keine Frau in Darmstadt sein

Sebastian Antrak fragt, ob es für eine Frau Schlimmeres geben kann, als ihr als Opfer kein Gehör zu schenken. Nach der seelischen und körperlichen Verletzung müssen die Alleingelassenen auch noch am überheblichen Wegducken knabbern, das den Führungsebenen dieses Landes in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Screenshot: Youtube, N24

Ich möchte keine Frau in Darmstadt sein. Zumindest keine, die Ende Mai dieses Jahres am Schlossgrabenfest teilgenommen hat. Moment, Sie wissen nicht, wovon ich schreibe? Haben Sie denn keine Ahnung vom großen Aufreger der letzten Tage? Informieren Sie sich nicht? Wie jetzt, Sie wissen alles über das, was AfD-Vize Gauland gesagt oder eben auch nicht gesagt hat? Nein, das meine ich doch gar nicht. Ja, Marco Reus fährt nicht zur EM – das ist ärgerlich, aber darüber echauffiert man sich doch nicht. Gut, Sie knallen mir völlig zu Recht die Titelseiten der Print- und Online-Medien vor die Nase. Sie fragen mich völlig zu Recht, welchen Aufreger ich denn nun meine. Sie erwarten von mir völlig zu Recht eine Erklärung, was in Deutschland nach Gauland und vor Fußball wichtiger sein könnte. Ich verrate Ihnen etwas: Nichts.

Es ist dann nichts passiert, wenn Sie die sexuellen Übergriffe in Darmstadt beim Schlossgrabenfest, einem jährlich stattfindenden Open-Air-Festival, als Nichtigkeit beiseite wischen. Und sich dadurch mit Medien, Politikern und Teilen der Gesellschaft, die das Gleiche tun, in bester Gesellschaft befinden. Denn wieder haben vermutlich mehrere Migranten Frauen unsittlich berührt, ihnen eindeutige sexuelle Avancen gemacht, ihnen nachgestellt, sie belästigt. Zum Zeitpunkt dieses Artikels sind es bereits 26 Anzeigen, und wir wissen aus den Erfahrungen von Köln, dass sich die Zahl noch deutlich erhöhen wird. Vielleicht sollte ich allerdings nicht von Erfahrungen sprechen, die aus dem Debakel in der Silvesternacht gezogen wurden.

Nach diesen erneuten Übergriffen von Männergruppen mit mutmaßlichem Migrationshintergrund bei einem öffentlichen Fest, schlägt die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) Alarm: „Solche Sex-Attacken wie jetzt in Darmstadt werden sich auch weiter häufen“, sagt deren Vorsitzender Rainer Wendt im Gespräch mit der Huffington Post. Wendt verweist auf die massenhaften Attacken von Köln, die Übergriffe beim Düsseldorfer Japan-Tag und die Vorfälle auf dem Berliner Karneval der Kulturen. Auch bei der Bergkirchweih im fränkischen Erlangen kam es zuletzt zu 14 sexuellen Übergriffen. Es sind also keine Einzelfälle.

Schweigen begründet Mitschuld

Denn wenn ein Fakt schockierte, war es das Unvermögen der deutschen Politik und Medien, adäquat zu reagieren und Stellung zu beziehen. Ganz im Gegenteil: Frauen durften sich hinterher noch anhören, dass es beim Oktoberfest wohl noch viel schlimmer zuginge. Viel wirkungsvoller sei es doch, einfach eine Armlänge Abstand zu halten, anstatt sich von der großen Mehrheit der schweigenden Politiker Hilfe zu erwarten. Ziehen wir jetzt unsere heimischen Publikationen zu Rate oder fragen Volksvertreter, lesen und hören wir wieder entweder nichts. Oder im besten Falle das erneute Wiederkäuen eines Imperativs, der bei passender Gelegenheit an verdrehte moralische Gesetzmäßigkeiten erinnert. So sei es doch nun erst einmal viel wichtiger, Einwanderer keinesfalls unter Generalverdacht zu stellen. Die Fakten abzuwarten, sich zu mäßigen. Gegen Hass, Rassismus und Hetze aufzurufen. Wir gewinnen den Eindruck, das Menetekel sei nicht etwa die sexuell aufgeladene Treibjagd in Darmstadt und anderswo, sondern das Erheben jener Stimmen, die diese Vorgänge zur Sprache bringen wollen. Inzwischen gehen mir die Adjektive aus, um zu beschreiben, wie groß und schier übermächtig das Schweigen ist, das zu solchen Verbrechen herrscht. Einigen wir uns vielleicht auf erschreckend.

Ralf Stegner etwa lässt sich gewohnt arrogant seitenweise auf seinem Twitter-Account über die Verfehlungen Gaulands aus. Justizminister Heiko Maas zwitschert derweil, wie man die Mietpreisbremse noch stärker reglementieren könne. Darmstadt und die Erniedrigung von Frauen werden mit keinem Wort erwähnt. Die beiden stehen als Beispiel für eine ganze Reihe von Politikern, die stets wortgewaltig und moralinsauer den Deutschen einen angeblich latenten Rassismus austreiben wollen und nicht müde werden, Kritikern und Warnern vor einer nicht mehr beherrschbaren Asylpolitik nationalsozialistische Brandstiftung zu unterstellen. Sich aber zu belegbaren Taten von Migranten bedeckt zu halten, weil der Tätertypus nicht den Wunschvorstellungen entspricht.

Der Oberbürgermeister schwafelt herum

Nun könnte man Worte des Bedauerns für die Opfer finden. Der Oberbürgermeister Jochen Partsch von den Grünen und Stadträtin Barbara Akdeniz erklären dazu im Beschwichtigungs- und Schwafelton:

“ Wir tolerieren keine Form von Gewalt und verurteilen sexuelle Übergriffe ebenso wie häusliche Gewalt. Täter, egal wo sie herkommen, müssen bestraft, Opfer müssen geschützt werden.“

Häusliche Gewalt? Es war Gewalt auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Aber davon soll abgelenkt werden, die Straftaten gedanklich in den Bereich der Einheimischen verschoben werden. Und weiter:

Die nächste verharmlosende Formel folgt sogleich:

Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist in unserer Gesellschaft ständig präsent.“

Genau darum aber geht es nicht – es geht um konkrete Fälle: Die Gewalt hat massiv zugenommen; Attacken in solche Zahl sind bisher nicht bekannt, sie wurden im Zuge der Einwanderung des letzten Jahres importiert. Das wird damit verwässert.

Und weiter wäscht der OB schmutzige Wäsche weiß:

„Zugewanderten Menschen erklären wir klar und verständlich gemeinsam mit der Polizei Regeln, Werte und Normen im Geschlechterverhältnis und erläutern kontinuierlich den hier geltenden Verhaltenskodex. Eine solche Strafverfolgung mit den entsprechenden Konsequenzen halten wir in jedem Falle sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt für unumgänglich. Eine Verallgemeinerung auf alle Migranten lässt sich daraus nicht ableiten.“

Das wird die betroffenen Frauen sicherlich erleichtern, dass die Stadt den Tätern erklärt, dass sie das zukünftig nicht mehr tun sollen – offene Opferverhöhnung könnte man es nennen. Gerne möchte man an solchen Lehrstunden teilnehmen: Man darf Frauen nicht einfach unter den Rock und an die Bluse fassen? Dududu!

Und es schwingt durch, dass die Täter nur mit Müh und Not als solche bezeichnet werden sollen: Die Selbstverständlichkeit der Strafverfolgung wird extra betont („halten wir für unumgänglich“) – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Oder war eigentlich dran gedacht, darauf zu verzichten und man lässt sich herab, doch noch das Strafgesetzbuch zu Rate zu ziehen? Gilt es noch für Alle? Offensichtlich nicht in Darmstadt.

Die breite Verharmlosung

In den Publikationen der großen Verlagshäuser suchen die Verantwortlichen derweil offensichtlich bemüht nach jedem Strohhalm, um nur nicht über derartige Taten berichten zu müssen. Trumps Aversionen gegen die Medien und das Verbot von Plastiktüten bei Rewe sind dann doch wichtiger als verletzte und missbrauchte Frauen. Die Widerlichkeiten verschwinden unter dem Berg von Nichtigkeiten.

Ich frage mich, ob es für eine Frau Schlimmeres geben kann, als ihr als Opfer der Übergriffe kein Gehör schenken zu wollen. Nach der seelischen und körperlichen Verletzung der Tat müssen die Alleingelassenen nun auch noch am überheblichen Wegducken knabbern, das den Führungsebenen dieses Landes so in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sie hören kein Wort des Bedauerns, müssen sich aber den Vorwurf gefallen lassen, vielleicht AfD-Sympathisantinnen zu sein, die eine erfundene Tat für die Bestätigung ihres Rassismus‘ nutzen wollen.

Ich möchte keine Frau in Darmstadt sein.

Sebastian Antrak ist nach vielfältigen Erfahrungen von Journalismus bis Werbebranche freier Autor.

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