Grüne Landschaftsfresser

Auf breiter Fläche zerstört die Energiewende Kulturlandschaften und Wälder. Im Namen des Klimas werden seltene Vögel geopfert und Idyllen in Industrieparks verwandelt. Umweltpolitiker applaudieren zusammen mit der Lobby der erneuerbaren Energien.

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Deutschlands Wappenvogel ist eine Fehlbesetzung. Der See­adler könnte ebenso gut Polen, die Türkei, Island oder den Iran reprä­sentieren. Denn überall dort und in etlichen weiteren Ländern kommt er vor. Dennoch prangt der als „fette Henne“ verspottete Greif über dem Plenarsaal des Bundestags, ziert das Staatswappen und amtliche Dokumente.

Es gibt einen heimlichen Wappen­vogel. Der ist zwar ebenfalls Europäer, doch die meisten seiner Art leben tat­sächlich in den Grenzen der Bundes­ republik. Man könnte den Rotmilan biologisch korrekt als den deutschen Greifvogel bezeichnen. Leider zählt er zu den seltensten Vogelarten der Welt und wird immer seltener. „Für den Rot­milan sieht es nicht gut aus“, sagt Oliver Krüger, einer der führenden Ornithologen Deutschlands. „Und gerade für den Rotmilan tragen wir eine besondere Verantwortung.“ Krüger führte für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die sogenannte PROGRESS­-Studie durch, die bisher umfangreichs­te Forschung zum Konflikt zwischen Windwirtschaft und Vogelwelt. Die Ergebnisse wurden nur in aller Stille im Internet veröffentlicht, ohne Presse­konferenz oder Ministerwort.

Der Startschuss für den Sinkflug des Rotmilans fiel am 1. Januar 1991 und wurde vom CDU­-Umweltminister Klaus Töpfer abgegeben. Damals trat das Energieeinspeisungsgesetz in Kraft, Vorläufer des späteren Erneuer­bare­Energien­Gesetzes (EEG). Wer in Windkraft­ oder Biogasanlagen inves­tierte, bekam für den Strom eine staat­liche Abnahmegarantie für 20 Jahre zu hochsubventionierten Preisen.

Erst langsam, dann unübersehbar und immer rasanter begann damit die größte Landschaftsveränderung seit dem Zwei­ten Weltkrieg. Circa 28.000 Windkraft­anlagen prägen heutzutage das Gesicht Deutschlands: von Ostfriesland bis zur Pommerschen Bucht, vom Niederrhein bis zur Lausitz, vom Schwarzwald bis zum Harz. Etwa 1200 Anlagen wurden mittlerweile in Wäldern errichtet. Mo­derne Typen, wie die Enercon E126, sind 200 Meter hoch und haben einen Rotordurchmesser von 127 Metern. Um einen dieser Türme aufzustellen, müs­sen mehr als 5000 Quadratmeter Wald gerodet werden.

Ihr enormer Flächenbedarf ist der große ökologische Nachteil der alter­nativen Energien. Dies gilt besonders für Biogas, aber auch für Solarkraftwer­ke und Windindustrie. Als sich in den 80er­Jahren ein paar Windrädchen in den Gärten von Ökotüftlern drehten und allgemein bestaunt wurden, dach­te niemand an den Landschaftsfraß, den diese Technologie mit sich bringen würde. Um beispielsweise das Hambur­ger Kohlekraftwerk Moorburg durch Windkraft zu ersetzen, müsste die ge­samte Fläche des Stadtstaats mit Rotor­masten zugebaut werden.

Während monumentale Windparks Landschaften zu Industriekulissen um­formen, sorgen am Boden Maismono­kulturen auf 2,5 Millionen Hektar für die grenzenlose Eintönigkeit des Pano­ramas. Eine Fläche so groß wie Sizili­en. „In den vergangenen 30 Jahren hat es eine Versiebenundzwanzigfachung der Maisanbauflächen gegeben“, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagd­verband. Das Einheitsgrün wird nicht allein für die Biogaserzeugung ange­pflanzt, auch viel Futtermais ist darunter. Doch allein die deutsche Energie­pflanzenerzeugung frisst 1,5 Millionen Hektar Fläche. Weder Hase noch Feld­hamster, weder Schmetterlinge noch Wildbienen können in der Maisödnis le­ben. Keine Lerche singt mehr und kein Kiebitz ruft. Grauammer, Wachtel und Schafstelze verschwinden.

Rebhühner waren einst die typi­schen Bewohner der Feldflur, die man auf Spaziergängen häufig sah. Ihre Be­stände sanken seit den 80er­Jahren um 94 Prozent. Bei anderen typischen Vo­gelarten der Agrarlandschaft liegen die Rückgänge der vergangenen 20 Jahre zwischen 20 und 50 Prozent. „Insge­samt muss man das bittere Fazit ziehen, dass Auswirkungen des Klimawandels selbst auf die biologische Vielfalt bisher wenig nachweisbar, die Auswirkungen der Klima­ und Energiepolitik dagegen dramatisch sind“, sagt Martin Flade, Ornithologe und Herausgeber der Zeit­schrift „Die Vogelwelt“.

„Das Hauptproblem im Natur­ und Artenschutz“, so Flade, „liegt in der Intensität der Landwirtschaft.“ Der Wegfall von Stilllegungsflächen, der vermehrte Maisanbau und der Ausbau der Windkraft multiplizierten sich ge­genseitig zu einem großen Problem. Während es früher mehr Brachflächen als Maisfelder gab, habe sich das Ver­hältnis umgekehrt. „Das wirkt sich unmittelbar auf den Bestand von Brut­vögeln aus“, sagt Flade. Mittlerweile liege das Verhältnis von Brache zu Mais bei 1 zu 20. Für den Vogelexperten ist das der „absolute Schlüsselfaktor“.

2013 erhielt Martin Flade für seine Ar­beit den Preis der Deutschen Ornitholo­gen­Gesellschaft. In der Begründung hieß es: „In der Folge des unüberlegten und übereilten Ausbaus erneuerbarer Energien aus landwirtschaftlicher Bio­masse und Windkraft hätten die Be­stände von fast 50 Prozent aller Vogel­arten deutlich abgenommen.“

Grüne Wände aus Energiemais

Nicht nur die Tiere, auch die Land­schaften selbst verschwinden. Ein Blick in die Weite ist nicht mehr möglich, wenn rechts und links der Landstra­ßen drei Meter hohe Wände aus Ener­giemais die Sicht verstellen. Johannes Bradtka ist Vorsitzender des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern. Der Förster im Staatsdienst begrüßte die Energiewende, doch die Umsetzung entsetzt ihn: „Die Energie­ wende ist vollkommen aus dem Ru­der gelaufen.“ Es handle sich um eine „schleichende und immer manifester werdende Zerstörung unseres über Jahrhunderte gewachsenen Landschafts­bilds“. Es nehme ihm das „Heimatge­fühl und die Identität“.

Obendrein ist fraglich, ob der Anbau von Energiepflanzen überhaupt einen Nutzen für das Klima bringt. Josef H. Reichholf, Ökologe, Bestsellerautor und Botschafter der Deutschen Wild­tier Stiftung, hält es für grundsätzlich falsch, mit Pflanzen Energie zu erzeu­gen. Der Aufwand an Energie sei viel größer als der Ertrag. „Um Mais für Bio­gas verwerten zu können, muss entspre­chender Dünger eingesetzt werden.“ Andernfalls kann nicht binnen weniger Monate aus einem Korn eine drei Meter hohe Pflanze emporwachsen. Doch in die Gesamtbilanz zur Verstromung von Biomasse würden weder dieser Dünger noch die Regenwaldabholzungen in Übersee berücksichtigt. Denn von dort kommt das meiste Futter für die Tiere, die die Gülle liefern.

Paradoxerweise waren die Grünen die treibende Kraft hinter dieser Entwick­lung. Eine Partei, die in den 80er­Jah­ren angetreten war, um die Natur zu retten, wandelte sich zum Sach­walter großflächiger Naturzerstörung. Ohne den Druck der Grünen und der ihnen verbundenen Umweltverbände hätten weder Kohl noch Schröder oder Merkel den Ausbau von Windkraft, Bioenergie und Solarstromerzeugung so forciert, wie sie es getan haben.

Als Landwirtschaftsministerin gab Renate Künast einst den verheeren­ Schlachtruf aus: „Bauern werden die Ölscheichs von morgen!“ Jürgen Trittin verkündete als Umweltminis­ter die fahrlässige Prognose, dass die Subventionierung von Windkraft nur eine Kugel Eis im Monat pro Haushalt kosten werde. Fatale Irrtümer. Die Naturzerstörung durch die flächenfres­sende Wind­ und Biogasindustrie ist „genau das Gegenteil von dem, was die Umweltbewegung einst forderte“, sagt der Ökologe Patrick Moore, der 1971 mit seinen Freunden Greenpeace gründete.

Da der Landschaftsfraß, anders als eine Ölpest oder ein Chemiefabrikun­fall, nicht plötzlich passiert, sondern sich über Jahre hinzieht, wird er von vielen Menschen nicht sofort wahrge­nommen. Seine Auswirkungen sind jedoch viel heftiger als solche punktu­ellen Umweltkatastrophen, denn der Wandel findet fast überall und auf brei­ter Fläche statt. Es gibt immer weniger Rückzugsräume für die wilde Natur.

Gemeinsame Sache mit der Lobby

Zwei Prozent ihrer Landesflächen wol­len die meisten Bundesländer für die Windkraft reservieren. Das klingt we­nig, doch es gibt nur die von den Roto­ren überstrichene Fläche wieder, der wahre Einwirkungsbereich auf die Vo­gelwelt liegt um ein Vielfaches höher. Sechs Kilometer soll der Abstand zu einem Schreiadlernest nach Ansicht der staatlichen Vogelschutzwarten be­tragen. Damit dürfte im gesamten Vorpommern kein einziges Windkraftwerk mehr aufgestellt werden.
„Zwei Prozent der Fläche können 100 Prozent unserer Landschaften zer­stören“, sagt Harry Neumann. Bis 2014 war er Landesvorsitzender des BUND Rheinland­-Pfalz. In diesem Bundes­land wurden bisher über 300 Wind­energieanlagen in Wäldern aufgestellt. Naturschützer wie Neumann mussten machtlos zusehen. Weil die nationale Führungsspitze des BUND jedoch den Ausbau der Windkraft unterstützt, trat Neumann von seinem Amt zurück.

BUND­-Chef Hubert Weiger verkündet dagegen: „Wir sind zum Schluss gekom­men, dass es aktuell keine Daten gibt, die in Deutschland eine Gefährdung von Populationen von Tier­- und Pflan­zenarten nahelegen oder belegen.“ Eine Einschätzung, über die Neumann und viele andere BUND­-Mitglieder nur den Kopf schütteln können, unter ihnen Enoch zu Guttenberg, Mitgründer des Naturschutzverbands.

Auch Klaus Richarz, der 22 Jahre lang die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland­-Pfalz und Saarland leitete, ist erschüttert, dass einige grü­ne Verbände den Naturschutz beiseite­ schieben und gemeinsame Sache mit der Lobby der erneuerbaren Energien machen. Seine Studie „Windenergie im Lebensraum Wald“ belegt eindrucks­voll die Dringlichkeit des Problems: Al­lein 12.000 Greifvögel fallen den Wind­kraftanlagen alljährlich zum Opfer. Mit einem Tempo von 300 Stundenkilome­tern kreisen die Spitzen der Rotorblät­ter, ihr Radius ist dabei so groß wie ein Fußballfeld. Gegen diese riesigen Pro­ pellerwände haben Rotmilane und an­ dere Gefiederte keine Chance.

Nach Schätzungen von Hermann Hötker vom Michael­-Otto­-Institut im Naturschutzbund Deutschland liegt die Zahl der Vogelopfer insgesamt bei einem bis fünf Tieren pro Anlage und Jahr, folglich zwischen 28.000 und 140.000. Genaues ist schwer zu ermit­teln, da Ratten, Marder, Füchse, Wild­schweine und andere Aasfresser die Ka­daver nachts beseitigen.

Das sei nicht viel, sagt die Wind­kraftlobby, im Vergleich zu Millionen Vögeln, die mit Glasscheiben, fahren­ den Autos, Strommasten und anderen Hindernissen kollidieren. Ein Trug­schluss. Denn es kommt darauf an, welche Arten betroffen sind. Ob zehn Stadttauben gegen Autos fliegen, hat keine Auswirkung auf die Population der Vögel. Doch wenn ein brütendes Rotmilanweibchen von einem Rotor­blatt erschlagen wird, ist dies ein spür­ barer Verlust für die Art.

Alle 2,7 Kilometer ein Windrad

Wenn nur alle acht Jahre ein Rot­milan von einem Windpropeller er­wischt wird, sind dies bei der jetzigen Zahl von 28.000 Anlagen 3.500 Vögel weniger. Bei einer Gesamtpopulation von nur 15.000 Brutpaaren in Deutsch­ land ein relevanter Verlust. Wenn nach dem Klimaschutzplan der Bundes­regierung die Zahl der Windmasten verdoppelt wird, könnte es bald vor­bei sein mit dem heimlichen Wappen­vogel. Denn das würde bedeuten, dass durchschnittlich alle 2,7 Kilometer eine 200 Meter hohe Windenergieanlage aufgestellt wird, quer durch das Land, ohne Rücksicht auf Landschaft, Seen, Berge, Wälder, Städte. Nur werden die Anlagen nicht in den Städten stehen. Der Traum der städtischen Elite von der Energiewende wird auf Kosten der ländlichen Bevölkerung verwirklicht.

Große Vögel wie Störche, Greifvögel und Enten werden besonders häufig von den Rotoren erwischt. „Greifvögel“, sagt Oliver Krüger, „sind relativ selten, brauchen große Flächen, aber sie kol­lidieren überproportional häufig. Das ist eindeutig.“ Die PROGRESS­-Studie ergab, dass sogar der häufige Mäuse­bussard bei weiterem Ausbau der Wind­energie bedroht wäre. Es trifft nicht alle gleichmäßig, doch die Empfindlichsten ganz besonders heftig. Und leider sind unter diesen Verlierern die Juwelen des Naturschutzes.

Einer dieser Windkraftflüchtlinge ist der scheue Schwarzstorch, der versteckt in Wäldern nistet. Als in der hessischen Vogelsbergregion 170 Windkraftanla­gen errichtet wurden, verschwanden neun von 14 Schwarzstorchpaaren.

Völlig unzutreffend ist der Einwand, auch Glasscheiben und andere Hinder­nisse würden Opfer kosten, wenn es etwa um Fledermäuse geht. Durch ihre Ultraschallortung kollidieren die flie­genden Säugetiere fast nie mit solchen Barrieren. Sie schaffen es sogar, durch die sich drehenden Rotoren zu fliegen. Dennoch fallen sie tot vom Himmel. Ursache ist ein Barotrauma: Ihre Lunge platzt durch den Druckabfall hinter den Rotoren. Dies widerfährt circa 240.000 Fledermäusen pro Jahr. Die Dunkelzif­fer ist vermutlich wesentlich höher, weil die Tiere meist noch ein wenig weiter­ flattern. Seltsam: Bei Bauvorhaben wie Autobahnen, Flughäfen, Gewerbeparks oder Brücken löste das Vorhandensein einer Fledermauskolonie jahrelangen Streit aus oder verhinderte sogar das Projekt. Der Massentod der Tiere durch die Windindustrie rief bisher noch kei­ ne vergleichbare Empörung hervor.

Wunschdenken Weltrettung

Tote Fledermäuse und andere öko­ logische Kollateralschäden schieben die Anhänger der Energiewende mit der Begründung beiseite, eine globale Klimakatastrophe müsse verhindert werden. So etwa die ehemalige grüne rheinland­pfälzische Ministerin Eveli­ne Lemke zur Zerstörung des Soonwal­ des im Rhein­Hunsrück­-Kreis durch Windkraftanlagen: „Ohne das Klima zu schützen, wird’s hier keine Artenviel­ falt mehr geben.“ Die Rettung der Welt sei wichtiger als die heimische Natur. Mittels Windkraft, Solaranlagen und Biogas soll Deutschland seine Kohlendioxidemissionen senken und dadurch die globale Erwärmung bremsen.

Doch bisher ist das Wunschdenken. Denn trotz des rasanten Ausbaus und fast 30 Milliarden Euro ausgeschüt­teter EEG­-Vergütung pro Jahr hat die alternative Stromerzeugung nach deut­schem Rezept bisher keine Senkung des CO2­-Ausstoßes erbracht. Im Gegenteil: Er stieg sogar leicht an, weil abgasfreie Atomkraftwerke abgeschaltet wurden.

Immer wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint („Dunkel­flaute“), müssen in Reserve befindliche Kohlekraftwerke hochgefahren werden, damit es nicht zum Blackout kommt. Und da nützt in der Flaute auch eine Verdopplung oder Verdreifachung der Windkraftkapazität nichts. Dreimal null ist null. Das ist Mathematik und nicht Politik.

Und keiner glaubt mehr das Märchen, dass es immer irgendwo ein bisschen Wind gäbe. Wenn die Groß­wetterlage Windstille anzeigt, reicht diese von Holland bis Polen, von Dä­nemark bis Österreich, und das kommt nicht selten vor. Dann retten nur noch alte österreichische Ölkraftwerke, pol­nische Steinkohlekraftwerke oder französische und tschechische Kernkraft­werke die deutsche Stromversorgung. Wie Mitte Januar, als Deutschland kurz vor dem Blackout stand.

Neues Thema der „Rechtspopulisten“

Und wenn es dann bei Starkwind zu ei­nem Überangebot von Strom kommt, schalten wir in Deutschland die Wind­kraftwerke ab und zahlen trotzdem die Einspeisevergütung. Oder exportieren diesen nicht zu gebrauchenden Strom an unsere Nachbarländer und zahlen noch drauf, damit sie uns diesen Überschussstrom abnehmen. Nahezu die Hälfte des Windstroms wird auf diese Weise ins Ausland verschleudert. Die Betreiber bekommen trotzdem ihren zugesicherten Profit. Und die Differenz bezahlen die deutschen Stromkunden.

Ob Deutschland überhaupt in der Lage ist, das Weltklima zu beeinflus­sen, ist fraglich. Bei circa fünf Prozent liegt der Anteil des von Menschen ver­ursachten CO2­Ausstoßes am Kohlendi­oxidgehalt in der Atmosphäre (95 Pro­zent sind natürlichen Ursprungs). Von diesen fünf Prozent gehen gerade ein­ mal 2,2 Prozent auf das Konto des In­dustrielands Deutschland. Verglichen mit China (28,2 Prozent) ist die Bundes­republik ein CO2­-Zwerg.

Was die meisten Politiker nur hinter vorgehaltener Hand zugeben, ist die Tatsache, dass durch den Zubau durch Windkraft in Deutschland null CO2 ver­mieden wird. Das europäische Handels­system von CO2­-Zertikaten führt dazu, dass durch den Bau von Windkraftanla­gen Zertikate freigesetzt werden, die in ganz Europa Verwendung finden. Mit anderen Worten: CO2 wird in gleichem Maße, wie es hier eingespart wird, an­derswo in Europa zusätzlich ausgesto­ßen. Ein Nullsummenspiel.

Langsam, aber sicher spricht sich das herum. Und je fragwürdiger die Energie­wende wird, desto mehr naturlieben­ de Menschen engagieren sich gegen Landschaftszerstörung und Vogeltod. 800 Bürgerinitiativen gegen Windkraft
wurden in jüngster Vergangenheit ge­gründet. Nicht allen geht es um die Natur. Manche fürchten in erster Linie den Wertverlust ihrer Häuser, wenn sie von Rotoren umstellt werden. Doch vie­len geht es wie dem Förster Johannes Bradtka, der die Zerstörung von Kultur­landschaften nicht mehr hinnehmen will. Da alle im Bundestag vertretenen Parteien dies ignorieren, gelingt es in­zwischen den Rechtspopulisten, sich mit diesem Thema in der Bevölkerung beliebt zu machen. Von den traditionel­len Parteien engagiert sich nur die FDP als außerparlamentarische Opposition gegen Landschaftsfraß und Subven­tionsirrsinn.

Je mehr der Widerstand wächst, desto rüder die Methoden der Wind­kraftinvestoren. Immer häufiger wer­den gezielt Bäume gefällt, auf denen geschützte Vögel wie Rotmilan oder Schreiadler nisten. Denn in der Nähe solcher Brutplätze dürfen keine neuen Anlagen errichtet werden.

Wer Regionalzeitungen durchblät­tert, findet zahlreiche Fälle solcher Zerstörungen über die ganze Republik verteilt. Laut NDR wurden allein 2016 im Landkreis Vorpommern­-Greifs­wald 16 zerstörte Greifvogelhorste re­gistriert. „Für uns“, sagt Kreissprecher Achim Foitzheim, „zeichnet sich eine Struktur ab, ein Tatmuster. Dem liegt ein gewisses Maß an krimineller Ener­gie zugrunde.“ Der Deutschen Wildtier Stiftung wurden innerhalb nur eines Jahres 80 solcher Fälle gemeldet. Im­mer wieder steht neben Seeadler und Schreiadler der Rotmilan im Faden­kreuz der Zerstörer.

Es geht dabei um viel Geld. Die Pacht­zahlung für eine Windkraftanlage, die ja über die Stromrechnung aller Bürger bezahlt wird, beträgt mittlerweile bis zu 80.000 Euro. Jährlich, 20 Jahre lang. Hat man also eine Fläche für ein Wind­feld von zehn Anlagen anzubieten, lockt ein Ertrag von 16 Millionen Euro für den Grundeigentümer. Das weckt auch kriminelle Energie.

Daher fordert die Deutsche Wildtier Stiftung von der Politik, dass in Plange­bieten, in denen ein Horst zerstört wor­ den ist, zehn Jahre keine Windkraftanla­ge mehr gebaut werden darf. Eine solche Regelung hat in Sizilien gut gewirkt. Dort hat die Mafia aufgehört, Wälder anzuzünden, nachdem eine zehnjährige Landnutzungssperre nach Waldbränden gesetzlich eingeführt worden war.

Am Beginn der Umweltschutzbewe­gung stand 1962 ein Buch, in dem es viel um Greifvögel ging: „Der stumme Früh­ling“, verfasst von der amerikanischen Biologin Rachel Carson. Sie deckte auf, dass der übermäßige Gebrauch be­stimmter Pestizide den Weißkopfsee­adler, Wappenvogel der USA, an den Rand des Aussterbens gebracht hatte. Im heutigen Deutschland wird der Rot­milan von einer Industrie vernichtet, die mit der Rettung des Weltklimas für ihre Interessen wirbt. Viele, die sich für Umweltschützer halten, applaudieren dazu – und die im Bundestag vertretenen Parteien schauen weg.


Prof. Dr. Fritz Vahrenholt ist Alleinvor­stand der Deutschen Wildtier Stiftung. Er schrieb eines der wirkmächtigsten Bücher der aufkommenden Umwelt­bewegung („Seveso ist überall“), war später Umweltsenator in Hamburg, Gründer des Windkraftunternehmens REpower und mit der Firma Innogy einer der größten Windkraftinvestoren. Seine dort gesammelten Erfahrungen brachten ihn dazu, an dieser Form der Stromerzeugung zu zweifeln.
Michael Miersch ist Geschäftsführer für Bildung und Kommunikation bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Als Autor und Redakteur großer Zeit­schriften und Sender schrieb er über Umweltthemen und drehte Natur­filme. Viele seiner Bücher und Artikel erhielten Preise für Wissenschafts­journalismus.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 05/2017 von ‚Tichys Einblick‘ Print erschienen:

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Kommentare

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  • Noone

    Der Witz ist gut,

    erst ist Herr Prof. Vahrenholt der bestverdienende Windmüller Deutschlands und dann schreibt er so einen Unsinn.

    Das sieht schon ein wenig merkwürdig aus.

    Ich mache mein Statement kurz:

    Der Flächenverbrauch der Windenergie wird sich drastisch reduzieren sobald die Größenordnung, die jetzt offshore Verwendung findet, auch an Land genutzt wird.

    Aus 28.000 Windenergieanlagen werden dann nur noch 14.000 bei gleichzeitig 11-facher Energieproduktion im Vergleich zu heute.

    Ich gehe davon aus, dass dieser Umbau innerhalb der nächsten 25 Jahre stattfinden wird. Ich gehe ferner davon aus, dass wir in 14 Jahren Anlagen mit bis zu 18 MW Einzelleistung an Land sehen werden und mit durchschnittlich 4.500 Volllastbenutzungsstunden am Referenzstandort nach EEG.

    Mit so einer Anlagenflotte lässt sich dann auch unsere gesamte Energieversorgung auf Erneuerbaren Strom umstellen.

  • Trallala Hopsassa

    Seit rund 10 Jahren ist das alles bekannt, und eskaliert nun langsam immer stärker. Lokale und kleinteilige Nutzung von Wind, Sonne und Biomasse geht okay, die industrielle, flächenverbrauchende und landschaftsbildzerstörende Nutzung mit ihren ökologischen Folgeschäden ist ideologischer Wahn, und aus dem Ruder gelaufen. Nur Politik kann und muss das wieder einfangen, also die Geister, die man rief, wieder loswerden.
    Deutschland will, mal wieder, die Welt retten. Auf dem Weg zum Musterenergiewendeland kippt man alle übrigen Grundsätze einschließlich des Naturschutzes über Bord. Da sich mit der Energiewende dank EEG und Lobbyarbeit inzwischen satt Geld verdienen lässt, gibt es mächtige Gegner der „Wende der Energiewende“. Mit dem aktuellen Kohleausstiegswahn der Grünen wird das Problem noch verschärft. Energiesparen ist unser beste Energiequelle. Nicht mit quecksilberhaltigen oder fahlen Energiesparleuchten, sondern durch intelligentes Energiemanagement und lokale, locker vernetzte Systeme. Auch gut funktionierende AKW’s mit hohem Sicherheitsstandard (das sind nun mal deutsche AKW’s) sollte man zunächst laufen lassen, um eine emissionsfreie Grundlast bereitzuhalten. Wenn schon Wind, dann offshore. Da weht er kontinuierlicher, es wird kein Landschaftsbild zerstört, große leistungsfähige Anlagen sind möglich. Aber Wind und Solar können nur Ergänzung sein, so lange Speichertechnologie fehlt. Die simpelste Speichertechnologie ist Wasser, im Pumpspeicherwerk oder als Wärmespeicher. Es wird nicht DIE Lösung geben. Viele kleinere lokale Lösungen ergänzen industrielle Lösungen da, wo es sinnvoll ist.