Slomka ist Partei statt Moderatorin, Maas und Scheuer schließen die Reihen

Die Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel, verlässt vorzeitig eine Vorwahlsendung, moderiert von der Nachrichtensprecherin Marietta Slomka. Wie kam es dazu? Eine Chronologie deutscher Politik- und Medienpraxis.

Screenprint: ZDF/wie geht's, Deutschland?

Berlin, Osthafen, Spree. Noch ein paar Wochen bis zur Bundestagswahl. Marietta Slomka moderiert im blauen Hosenanzug und erklärt, offensichtlich im Geiste des Kommunarden Rainer Langhans, das Private wäre ja oft genug politisch. Die Sendung heißt „Wahl 2017: Wie geht’s Deutschland?“ Wer also bei der ehemaligen Nachrichtensprecherin Dunja Hayali versöhnlich dachte: Ok, Hauptsache Slomka macht weiter nur Nachrichten, wurde jetzt mit der öffentlichen-rechtlichen Realität konfrontiert.

Marietta Slomka ist sonst der Emotionsvulkan des ZDF. Ihr Verdienst ist es, dass man die noch nicht ausgesprochene Nachricht bereits am Gesicht der Verkünderin ablesen kann. Schräg gelegter Kopf, zitronig, madig, fies. Aber immer betroffen. Persönlich betroffen. Sigmar Gabriel kann ein Lied davon singen, wie es ist, von Frau Slomka interviewt zu werden. „Sie sagen jetzt, das ist Quatsch, das ist jetzt eine besondere Art der Argumentation.“, belehrte sie den damaligen SPD-Vorsitzenden vor Millionen Zuschauern. „Herr Gabriel, Sie werden mir jetzt bitte nichts unterstellen“, Mund leicht empört geöffnet haltend.

Diese Vorgeschichte ist nötig, um die Sendung zu verstehen, welche die Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel vorzeitig verlassen hat. Hier moderiert Frau Slomka. Geladen sind Frau von der Leyen (CDU), Jürgen Trittin (Grüne), Andreas Scheuer (CSU), Katja Kipping (Die Linke), Katja Suding (FDP) und Heiko Maas (SPD). Keine reine Diskussionssendung, man folgt dem Modell Plasberg mit filmischen Einspielern, Bürgerbeteiligung und Diagrammtäfelchen im Studio. Es wird also für die vielen geladenen politische Vertreter kaum Zeit sein, sich vorzustellen. Ihr Partei zu vertreten. Punkte zu machen. Ein Hauen uns Stechen also vorprogrammiert. Aber wer gegen wen?

Zunächst spricht man über die schlecht ausgerüstete Polizei, gelobt Besserung. Es liegt dann an Alice Weidel als letzte Gefragte der Runde mal durchzudeklinieren, warum es überhaupt mehr Polizei braucht, warum mehr eingebrochen wird, was es auf sich hat mit den osteuropäischen Einbruchsbanden, die „über die offenen Grenzen einfallen“. Slomka erinnert schnell daran, dass wir doch aber in den 1990er Jahren den höchsten Stand an Einbrüchen hatten, da hätte es noch keine offenen Grenzen gegeben. Das Publikum klatscht begeistert, sah es doch aus, als hätte sie Weidel den Wind aus den Segeln genommen. „Aber bevor wir jetzt die europäischen Grenzen wieder hochziehen …“, unterbricht Slomka. Und dann kommt Trittin von der Seite und berichtet von einer ihm in den 1990er Jahren geklauten Plattensammlung. Bei anderen Prominenten musste lange geforscht werden, was die so auf dem Plattenteller hatten. Glücklicherweise erspart uns Trittin seine Favoriten. Der Einbruch wäre ein blödes Gefühl gewesen. Da nutze es doch nichts, ablenkende Diskussionen zu führen, erklärt er Richtung Weidel.

Trittin schreit Weidel ins Ohr, die sich kurz halten muss, streitet sich aber zum dem Zeitpunkt noch mit Scheuer, den sie „Scheurer“ nennt: Ungeschick oder Provokation. „Das führt uns jetzt an dieser Stelle nicht weiter.“, so oder so ähnlich führt Slomka durch die Sendung, der schon alleine der Einspieler wegen einer Inszenierung folgen muss, um verständlich zu bleiben. Man hat sich viel vorgenommen. Zu viel? „Gewalt beginnt immer im Kopf.“ erklärt Heiko Maas und verteidigt schnell noch sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Damit meint er allerdings nicht die verurteilten oder gesuchten Gewalttäter auf der Straße, sondern „Trolls“ im Netz, die also für ihn offensichtlich tickende Zeitbomben sind und das Hauptproblem.

„Zunächst einmal ist es doch begrüßenswert, dass es ja doch noch Einzelfälle gibt, die integrierbar sind.“, sagt Weidel Richtung syrischer Gast, der Jäger ist, perfekt integriert und deutsch spricht. „Eine Frechheit“, unterbricht Katja Kipping und schäumt: „Da spricht ein wahres Integrationshindernis“. Und Frau Slomka unterbricht, als Weidel gerade Zahlen nennen will: „Ja, die Zahlen haben sie schon häufiger genannt …“ Alice Weidel bittet aufgebracht, nun endlich ausreden zu dürfen: „Lassen Sie mich endlich ausreden, ansonsten kann ich mir das hier sparen.“ Ihre Hand zeigt schon die Richtung, die sie in Kürze nehmen wird, die aus dem Studio. „Huuu“, kommentiert Marietta Slomka. Und Heiko Maas riecht seine Chance: „Da wird sie keiner daran hindern, glaube ich.“ Na klar, denn aus der Sendung löschen kann er die Weidel ja nicht. Weidel schafft es noch, zu erklären, dass sich die AfD durchaus Zuwanderung wünscht. Aber bitte nach kanadischem und australischem Vorbild.

Frau von der Leyen lässt es sich nicht nehmen, sich beim syrischen Gast noch einmal für die „Kälte“ der Frau Weidel zu entschuldigen. Meint sie das Gesagte oder den Eindruck, den die AfD-Spitzenkandidatin hinterlässt? Wohl beides. Ja, Politik ist ein hartes Geschäft und im Wahlkampf gelten noch einmal härtere Gesetze ebenso wie später im Bundestag. Es gibt keine Generalproben. Das gilt auch für Frau Weidel. Ihre Spitzenkandidatur bleibt Notstandsprodukt der AfD aus dem Streit zwischen Petry, Gauland und Meuthen. Und Scheuer mit seiner CSU-Position macht es der AfD besonders schwer, sich abzugrenzen. Damit zeigte sich die CSU rhetorisch als die bessere AfD. Es war der Notausgang, nicht Inszenierung. Das johlende Publikum, die Isolierung – das kostet Kraft.

Auf der anderen Seite, der von Frau Slomka, vergisst man dafür die Pflicht des Journalisten, nicht selbst zur Politikerverachtung beizutragen. Politiker, auch wenn man sie nicht mag, werden gewählt, Journalisten eben nicht. Das gebietet ein Maximum an Höflichkeit. Ausgewogenheit ist sowieso Pflicht. Moderation heißt Ausgleich, Gastgeber sein, nicht Schlachtermeister. Hart fragen, freundlich bleiben im Ton. Offensichtlich aber eine verlorene Kunst, die mit Fritz Pleitgen und Friedrich Nowottny untergegangen ist, wo sie auch als Vorbild hätte erhalten bleiben können. Beide machten sich klein, die Größe lag in der Frage. Die Slomkas plustern sich auf als Herrscher der Welt; nur die Fragen sind dünne. Und so stellt sich die zentrale Frage, ob nicht das ZDF, ob nicht die Öffentlich-Rechtlichen auf diese Art und Weise, wie es diese Sendung exemplarisch vorführt, mehr Zuschauer verlieren, als die anderen Parteien an die AfD. Das ZDF weist natürlich alle Vorwürfe zurück und steht hinter Slomka: „Marietta Slomka hat die Runde mit sieben Politiken und sechs Bürgern fair und gelassen moderiert“, so ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

Nun ist Frau Weidel nicht an diese Sendung gebunden wie Frau Slomka. Wenn Slomka ginge, wäre es schwierig, die Sendung fortzuführen. Ob nun also Überforderung, Inszenierung oder einfach ein nachvollziehbarer Abgang: Jeder hat das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, sich selbst gegenüber souverän bleiben zu dürfen. So wie beispielsweise Wolfgang Bosbach (CDU) bei Sandra Maischberger zu entscheiden, die Sendung zum G-20 zu verlassen. Und sicher ist auch, was Bosbach empörte, schwerer zu verstehen gewesen, als das, was Weidel letztlich zum Gehen veranlasste.

Nach Slomka, Kipping und von der Leyen, wendet sich noch Heiko Maas an sie mit einer bissigen Kritik. Auch das sollte sie aushalten können, muss sie aber nicht. „Im Übrigen Frau Weidel, Sie sind doch selbst ein Flüchtling, sie sind aus der Schweiz nach Deutschland geflohen, wenn wir sie integrieren, dann schaffen wir das bei vielen anderen auch.“ So und anders zauberte der Justizminister Frau Slomka eins ums andere Mal ein Lächeln aufs Gesicht und schallendes Lachen in die Zuschauerreihen, auch wenn es dann letztlich für die ganz große Maas-La-o-La noch nicht ausreicht. Ein paar solche Bezahl-Klatscher könnte die AfD zukünftig auch buchen; das stärkt den Rücken.

„Völliger Blödsinn hier. Völliger Blödsinn“, kann Frau Weidel noch einwerfen, erwidern indes darf sie nichts mehr. Man merkt schon, der Weidel‘sche Kessel war am überlaufen. Und sie maulte von da an leise weiter Richtung Maas und vor sich hin. Frau Kipping erinnert in diese Stimmung hinein daran, dass der Kumpel von Todeslisten-Franco-A. AfD-Mitglied sei, es wäre also noch viel zu tun.

„Es ist wirklich in der Tat eine Zumutung, hier zuhören zu müssen.“, erwidert ihr die aufgebrachte AfD-Spitzenkandidatin merkwürdig versteift jetzt und wird wieder sofort von Maas unterbrochen, sie solle hier nicht die „Mimose“ geben, „Da ist wirklich lächerlich.“ Marietta Slomka schmunzelt, genießt und schweigt. Das Publikum applaudiert frenetisch, die ersten stampfen sogar schon mit den Füßen auf den Studioboden. Weidel schafft es dennoch noch einmal, das Ansteigen der realen Kriminalität aufzuzählen, und nicht der, die Maas meinte, „in den Köpfen“, wird dann aber wieder von Slomka abgewürgt: „Jetzt haben sie schone eine Menge aufgezählt …“

Die steil ansteigende Erregungskurve  der Alice Weidel mag auch Andreas Scheuer aufgefallen sein. Jagdinstinkt geweckt. Als Weidel ihm dann in seinem minutenlangen Vortrag eine Zwischenfrage stellt, ob illegale Einwanderung nun legalisiert werden soll, nutzt Scheuer die Chance zum finalen Blattschuss: „Ja, Frau Weidel, bevor sie da jetzt rumstänkern, machen sie erst einmal den Zuschauern klar, dass sie sich von Herrn Gauland und Höcke distanzieren. Von einem Herrn Gauland, der Höcke als die Seele der AfD bezeichnet hat, für mich ist er einfach ein Rechtsradikaler und das ist die Abgrenzung der AfD.“

In dem Moment verlässt Weidel das Studio unter johlendem Applaus der Gäste. Die geladene Runde freut sich mit. Und Scheuer begleitet den Abgang mit der Vermutung, es läge an den Häppchen, die hinten gereicht werden. Na, so etwas hätte er mal beim Unionskollegen Altmaier wagen sollen. Aber beim Mädchen von der AfD scheut der bayrische Macho nichts. Das ist tatsächlich auf üble Weise halbseiden. Hätte er gar nicht nötig gehabt, denn in der Sache war er besser. Vermutlich kostet sein rhetorischer Sieg der CSU jede Menge Stimmen, denn jetzt kommt`s:

„Können wir nicht aufrücken? Dann schließen wir die Reihen.“, flüstert Heiko Maas zu Trittin. Besser hätte er sein Begehren tatsächlich nicht ausdrücken können. „Rücken sie ein bisschen auf?“ bittet also Slomka folgsam die Runde. „Jetzt wird’s gemütlich!“ freut sich Andreas Scheuer. Und mehr muss man dazu dann eigentlich auch nicht mehr sagen zu dieser Sendung.

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