Kritik an Luxusgehältern, dazu ein Sex-Skandal und Ermittlungen der Kripo: In dieser Situation hat der mit zwangsweise erhobenen Gebühren finanzierte ORF in einer 15-stündigen Marathonsitzung einen neuen Chef gewählt. Es dürfte zu Wahlanfechtungen kommen.
picture alliance / APA-Images | Thomas Ramstorfer
Nach einer der längsten und konfliktreichsten Sitzungen in der Geschichte des ORF wurde in der Nacht auf Freitag bekannt: Der Medienmanager Clemens Pig (51) wird ab Januar 2027 die Geschicke des öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens Österreichs lenken. Der bisherige Chef der Nachrichtenagentur APA, der über fast keine TV-Kompetenz verfügt, setzte sich gestern in einer 15-stündigen Marathonsitzung des Stiftungsrats durch und erhielt im ersten Wahlgang 21 von 35 Stimmen. Pig gilt als der Kandidat der Kanzler-Partei ÖVP, auch wenn das niemand offiziell bestätigt.
Der ORF, der mit 3.600 Mitarbeitern, mehreren TV- und zwölf Radioprogrammen und einem umfangreichen Online-Angebot eine zentrale Rolle in der österreichischen Medienlandschaft einnimmt, kämpft mit gewaltigen Problemen: Im März 2026 trat der bisherige Generaldirektor Roland Weißmann nach schweren Vorwürfen sexueller Belästigung zurück. Eine Mitarbeiterin hatte Anschuldigungen erhoben, die zunächst als Belästigung kommuniziert, später aber als „unangemessenes Verhalten“ relativiert wurden. Weißmann bestreitet die Vorwürfe vehement und sieht sich als Opfer einer Intrige – die Frau, die ihn beschuldigte, ist mit einem ORF-Topmanager liiert, dem Weißmann eine zusätzliche Luxuspension nicht gewähren wollte. Der Skandal führte zu internen Ermittlungen, dann auch zu Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft, zu einer polizeilichen Handy-Ortung und zu weiteren personellen Konsequenzen: Der Chef der Werbevermarktung wurde beurlaubt, weitere Manager freigestellt. Seitdem führt die bekannte Journalistin Ingrid Thurnher die Geschäfte interimistisch.
Milliardenunternehmen unter Regierungs-Kontrolle
Der ORF verfügt über ein Jahresbudget von etwa 1,1 Milliarden Euro, dabei kommen 800 Millionen aus der sogenannten Haushaltsabgabe – einer Zwangsabgabe für alle Bürger, die theoretisch den ORF empfangen könnten. Seit 2024 ersetzt diese die frühere Rundfunkgebühr; sie ist mit 15,30 Euro pro Haushalt bis 2029 gedeckelt. Dem Sender wird schon seit Jahren vorgeworfen, zu wenig effizient zu wirtschaften, viel zu hohe Gehälter auszuzahlen und zu sehr parteipolitisch geprägt zu sein.
„Bestellungsfarce“
Die Wahl von Pig war von Beginn an hochpolitisch: Mehr als 70 Bewerber hatten sich gemeldet, neun kamen ins Hearing. Die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP galten als Unterstützer von Pig, während FPÖ-nahe Stiftungsräte scharfe Kritik übten. Peter Westenthaler (FPÖ) sprach von einer „ekelhaften Inszenierung“ und einer „Bestellungsfarce“. Er kündigte eine juristische Anfechtung an, weil Clemens Pig die Ausschreibungskriterien – etwa die geforderte TV-Erfahrung – nicht erfülle und die Regierungsparteien den Kandidaten bereits im Vorfeld festgelegt hätten. Im Hearing kam es zu hitzigen Wortgefechten: Westenthaler warf Pig etwa unter anderem vor, Teile seiner Bewerbung mit KI erstellt zu haben.
Der bisherige CEO der Austria Presse Agentur (APA) steht nun vor der Aufgabe, interne Reformen bei Österreichs größtem Medienunternehmen voranzutreiben, die Finanzen zu stabilisieren und die Unabhängigkeit zu verteidigen. Ob ihm das gelingt, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie stark parteipolitische Einflüsse künftig zurückgedrängt werden können.
Allerdings sehen Medien-Insider in Wien als Hauptgrund dafür, warum Clemens Pig den Job als Generaldirektor bekam, dass er schon während der Corona-Zeit die APA brav auf Regierungslinie berichten ließ – die in Umfragen abstürzende Dreierkoalition aus Volkspartei, Sozialdemokraten und den links-liberalen NEOS muss jedenfalls kaum befürchten, dass der neue ORF-Chef „nicht steuerbar“ sein könnte.

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