maybrit illner: Mit richtigen Journalisten könnten Talkshows Spaß machen

„Wie tragisch!“ rief Schumacher. „Alle fragen sich in der Partei ‘Wohin mit Martin?’ In Hintergrundgesprächen findet niemand ein positives Wort über den Parteichef ... Aber Schulz hat alles vergeigt!“ Das Publikum war enthusiasmiert und klatschte begeistert.

Screenshot ZDF

Weil Maybrit Illner unpässlich war, können wir die Gelegenheit nutzen, ein wenig über TV-Journalismus zu sinnieren. Und über die Frage, warum sich so viele Zuschauer zu Recht über die Polittalkshows aufregen.

Wir können davon ausgehen, dass nach „Maybrit Illner“ (nicht erörtertes Thema diesmal: „Kurs auf Schwarz-Rot – Merkels letzte Hoffnung?“) der zuständige Sendeabschnitts-Bevollmächtigte Frau Schausten telefonisch auf die Schultern klopfte: Bettina, haste fein gemacht. Frauenversteher Peter Altmaier lässt vielleicht morgen Blumen schicken (mit Kärtchen „Kanzlerin fand Sie auch toll“, P.A.), Hanseat Scholz dürfte das dann wohl eher für zu aufgesetzt halten. Ein stummer Händedruck am Ende der Sendung muss genügen.

Inhaltlich war die Chose erwartbar mau – Peter möchte so gerne mit den Sozis, Olaf weiß nicht so recht –, so haben wir uns gedanklich mit der Formatfrage befasst. Das Problem sind die Gastgeberinnen. Die sind entweder pseudo-frech und pseudo-fröhlich (Illner), pseudo-schlau (Schausten) oder pseudo-schlau und pseudo-frech (Will). Im Grunde harmlose Figuren, die Berufsschwadroneuren lediglich eine Bühne für abgenudelte Weisheiten liefern, quasi das Unterhaltungsprogramm zum Heizdeckenverkauf. Dass das anders ginge, zeigte der Gast Hajo Schumacher. Der hat 10 Jahre Spiegel auf dem Buckel (im letzten Jahrhundert, als das Blatt noch was taugte) und mal über „Führungsstrategien der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel im innerparteilichen Machtgeflecht“ promoviert.

Komische Oper
Alternativlos in die SchrumpfKo
Ein Beispiel. Es ging um Martin Schulz und den kommenden Parteitag der SPD. „Da wird er natürlich wiedergewählt.“ (Scholz meinte Schulz, ohne seinen Namen zu nennen, so als gäbe es diesen innerparteilichen Wettkampf: Wer Schulz als erster beim Namen nennt, hat verloren) „Wie tragisch!“ rief Schumacher. „Alle fragen sich in der Partei ‘Wohin mit Martin?’ In Hintergrundgesprächen findet niemand ein positives Wort über den Parteichef. Ein großer Parteichef – und die Partei hat doch ein paar fähige Leute (hier irrt der Hajo!) –, hätte eine große Rede gehalten. Aber Schulz hat alles vergeigt!“ Das Publikum war regelrecht enthusiasmiert und klatschte begeistert. Was Scholz antwortete? Egal, das Gesicht sprach Bände.

Gleich zu Beginn der Sendung bezeichnete Schumacher Frank-Walter als den „heimlichen SPD-Vorsitzenden“, weil der Maddin seine Führungsfähigkeit längst verloren habe. Und so nebenbei wurde damit auch der Erlauchte Frank-Walter auf das heruntergeholt, was er in erster Linie ist: Sozialdemokrat. Und dann erst alles weitere.

Oder beim Fall Glyphosat. Altmaier erklärte aus-ufernd-und-führlich von EU-Abstimmungen, bei denen es üblich sei, dass sich der Fachminister in Brüssel enthält, wenn in der Bundesregierung unterschiedliche Meinungen bestehen. Wir wurden daran erinnert, dass ein gewisser Sigmar Gabriel als Umweltminister (der kann alles, der Teufelskerl, nur nichts richtig) mal beim Thema Genmais absprachewidrig abgestimmt hat. Scholz nannte das Verhalten Schmidts einen „Dummerjungenstreich“. Und so wäre das nichtssagende Geplänkel weitergegangen, wäre nicht Schumacher hiermit um die Ecke gekommen: „Stimmt es, dass Merkel den Minister entlassen wollte, aber seinen Namen vergessen hatte?“

Amtliche Irreführung
Merkelland angebrannt? In Wahrheit 6 Mio Arbeitslose?
Natürlich steht zu befürchten, dass sich unsere gewählten Nichtssagenden, wenn ein Moderator solche Spitzen ohne Vorwarnung abschösse, nicht mehr in solchen Sendungen blicken ließen, aber wäre das ein Verlust? Hier müssen wir anführen, dass auch Dorothea Siems, promovierte Volkswirtin und Redakteurin der Welt, sich als ebenso schlagfertig und deutlich erwies und an der Sache orientiert. Als der unsägliche Herr Kahrs (SPD) erwähnt wurde, der drohte, nach dem Glyphosat-Vorfall „würde es teuer für die Union“, stellte sie klar, dass, sollten sich die Spezialdemokraten durchsetzen, es mitnichten teuer für die Union würde, sondern teuer für die Bürger. Man wünscht sich mehr Siems in der Welt.

Die Illner-Redaktion spielte ein Filmchen ein, das eine Merkel-Dämmerung andeutete, und Scholz erlaubte sich die Frage, ob bei Merkel „die Kraft noch reicht“. Altmaier, derzeit nicht nur Kanzleramtsminister, sondern auch Finanzminister, in erster Linie aber Merkels Butler, beschwor so fromm wie falsch die Notwendigkeit einer neuen GroKo, und log sich das Land schön (am Beispiel der extrem frisierten Arbeitslosenstatistik) und behauptete, dass Deutschland für politische Stabilität stehe (hat er wahrscheinlich in der Zeitung gelesen). Auch Scholz ging auf das Spielchen ein. Wichtigste Frage sei Europa! (Gibt’s da was Neues?) Und wir bräuchten einen politischen Plan (heißt das, dass die GroKo bis dato keinen hat?). Frau Siems erlaubte sich den Hinweis, dass im Bundestag über Europa und seine Krisen noch nie richtig geredet wurde.

Steuererhöhungen und Zwangsversicherung
Die neue GroKo als großer Abkassierer
Des Weiteren wurden Neuwahlen (Tenor: bloß nicht!) durchgenommen und eine Minderheitsregierung erwogen: Gar nicht so schlecht, fanden alle außer Peter. Der bekniete nochmal den Olaf. Seit 10 Jahren hätten wir keine Gesundheitsreform mehr gemacht, jammerte er, und das klang wie eine Drohung. „Großartig, wie Sie in wenigen Tagen vom Umwelt-Peter zum Malocher-Peter“ switchen können, lobte zynisch der Hajo. Peter war so verdutzt, dass er sagte: „Sie können ja sagen, der Altmaier sei ein Warmduscher, weil er noch nie einen Ordnungsruf im Parlament bekommen hat“. Das passte zwar nicht hier her, aber zeigt, wie man mit unkonventionellen kleinen Provokationen die gestanzten Floskeln aufbrechen kann. Wenn man es kann.

Zum ersten Mal wurde übrigens nicht über die AfD in Absentia gerichtet, sondern von der Redaktion dem nicht anwesenden Schulz das Abschiedslied gesungen: „He’s a real nowhere man, Sitting in his nowhere land, Making all his nowhere plans for nobody“ von den Beatles.

Damit wir aber nicht vergessen, dass auch Merkel und ihr Butler im Nowhere-Land ihre Pläne schmieden, schließen wir mit den Worten Peter Altmaiers von den „zwei so großen und erfolgreichen Volksparteien“. Er meinte die CDU/CSU (32%) und die SPD (20%). Sancta simplicitas.

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Altmaier ist der personifizierte Schleimer und Realitätsverdränger. Er sagt: Wir haben gute Politik gemacht, da sollte er sich einmal fragen, warum dann die Stimmenverluste? Der Wirtschaft in Deutschland geht es auch nur gut, weil da überwiegend Menschen am Werk sind die ihr Handwerk verstehen, also das genaue Gegenteil wie in der Politik! Den größten Fehler, den die SPD machen kann ist eine weitere Koalition mit Merkel, denn dann geht es erst richtig bergab. Für die Bürger wäre eine Minderheitsregierung der bessere Weg. Es wäre vorbei mit der Hinterzimmer – Connection die durch Koalitionszwang den Bundestag eigentlich überflüssig machen. Es müssten… Mehr
Dass die Meinungsmacher der „Qualitätsmedien“ fast ausschließlich Grüne und Linke Positionen einnehmen, kann man zwar jeden Tag an deren „Produkten“ sehen und lesen, aber nur ganz selten outen sich diese „Journalisten“ selbst. Ein wenig Hybris schwingt schon mit, wenn zum Beispiel Heribert Prantl die Edelfeder von der umstrittenen „Süddeutschen Zeitung“ sagt: „Das Wahlvolk gibt (nur) DIE Stimmungen wieder, die wir, die Journalisten berichten.“ (Phoenix Runde vom 21.11.2017) Noch klarer, was das Selbstverständnis ihrer journalistischen Arbeit angeht, erklärt es Bascha Mika, nach Selbsteinordnung „die einzige ChefredakteurIN einer überregionalen Qualitätszeitung“, gemeint ist das Pleiteblatt „Frankfurter Rundschau“, an dem die SPD beteiligt war… Mehr

FR-Online lese ich nur zur Belustigung. Was für ein Schmierblatt.

Ist Masochismus lustig?

ich sehe mir schon lange zeit nichts mehr im fernsehen an und habe auch alle abonnierten zeitungen und zeitschriften gekündigt. dafür entschädigt mich te mit solchen berichten, wie den über illner. und ich werde immer wieder bestätigt, daß ich mir das nicht mehr selbst antue.

Dann hätten Sie ja jetzt Kapazitäten/Ressourcen frei, um das Qualitäts-Printmedium „Tichys Einblick“ zu abonnieren, um diesen Rufern in der („Leidmedien“-)Wüste das finanzielle Überleben zu erleichtern;) Gilt natürlich auch für andere Leser der Online-Ausgabe, die es sich leisten können: Ist allemal billiger, als das, was uns eine GroKo in Kürze abverlangen wird …

Unbedingt empfehlenswert. Bei TE erfahren Sie alles, was wichtig ist.

Prächtig, prächtig, werter Herr Paetow. Um sich diesen Schwachsinn antun zu müssen,
verdienten Sie eigentlich eine Honoraraufbesserung. Nur gut für Sie, dass zwei Ihres
Berufsstandes das Theater aufhübschten. Tut sich etwa bei der Medienmeute etwas?

So ist es, Frau Siems. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten schadet nicht der CDU, sondern den Bürgern und die Genossen wundern sich zur allgemeinen Verwunderung , warum sie nicht aus dem 20%-Ghetto kommen.

Ws gibt eine Lösung für das Talkshgow-Dilemma: einfach Illner, Plasberg, Will & Co nicht mehr einschalten!

Immer wieder Wahnsinn, zu sehen, von was für Leuten man regiert wird oder hier im Lande das Sagen haben. Eine Schande!

Vollkommen richtig.
Aber sie wurden gewählt.
Nun kann man über die Deutschen im Allgemeinen und Besonderen diskutieren;-)

Ich schaue mir, wenn´s zeitlich passt, gerne den „Talk im Hangar-7“ auf Servus TV an. Diskurs ohne allzu viel Rumschwurbelei. Ein neutraler, sachlich, aber konsequent nachfragender Moderator. Ein breites Spektrum an Gästen, die passend für das jeweilige Thema eingeladen werden – nicht die üblichen 12 Verdächtigen der deutschen Pseudodiskursrunden.

An dieser Stelle herzlichen Dank an Herrn Paetow, dessen Leidensbereitschaft ich bewundere und dessen ironische Zusammenfassungen ich genieße.

By the way….könnten Sie mal ein paar Reflexionen über den Männertypus aus der Feder hauen, den Frau Merkel neben, nein: unter sich toleriert?

Das kann ich bestätigen, gestern heftige Diskussion auf Servus TV über Flüchtlinge und Grenzen des Sozialstaats. Welch eine Kontrast in der Gesprächsführung zu deutschen Talkshows. In diesem Zusammenhang ein kurzer Bericht über eine Phönix Runde mit Herrn Kalnoky aus Bupapest, schreibt für die Welt, Udo von Kampen, jetzt bei Bertelsmann (der argumentiert wirklich so schlicht wie er aussieht) voher ARD Korrespondent in Brüssel und irgendein Politikprof, der meinte, daß Orban durch seine Flüchtlingskritik an Angel Merkel erst die AfD stark gemacht hätte. Ungläubig ob dieses Schwachsinns, fragt Kalnoky noch mal schüchtern nach, ob das wirklich gemeint sei. Da sah Udo… Mehr

Servus- TV ist eben kein Staatssender und nach meiner persönlichen Meinung um Meilen besser als mancher andere Privatsender.
Vielleicht sind die Österreicher einfach anspruchsvoller…;-))

Stimme Ihnen zu. Sehe mir auch, wenn möglich, „Talk im Hangar-7“ auf Servus TV an. Ist wesentlich interessanter und der Moderator um Längen besser.

Bei dem Satz, IM LETZTEN JAHRHUNDERT, ALS DER SPIEGEL NOCH WAS TAUGTE, fiel mir ein, dass ich ihn bei meinen Besuchen in der alten BRD, die mir Dank Familienverhältnissen erlaubt waren, den Spiegel stundenlang durchgeforstet habe. Mein Vater hatte an die 20 Exemplare gesammelt, die ich dann bis in die Nacht gelesen habe. Alles Vergangenheit, seit langem ist mir das Durchblättern vergangen. Dafür lese ich jetzt Tichys Einblick mit der selben Begeisterung und Herrn Paetows Beiträge hier bei TE sind doch immer wieder erfrischend und ersparen die Aufregung beim Ansehen dieser unseelige Talkshows.

Ich denke das immer mehr Bürger hier im Lande langsam mitbekommen wie uns die gewählten „Volksvertreter“ am nasenring durch die manege führen.
Wacht auf liebe landsleute sonst sind wir bald ruiniert unfrei und versklavt.
Kein Politiker oder Medienvertreter sagt uns die nackte erschütternde Warheit wie es um unser Land steht.
Habe die erste Rede von Frau Wiedel gesehen das gibt mir Hoffnung auf bessere Informationen und Zeiten.

Alles neu macht der Dezember. Da muss ich doch gleich mal die neue Kommentarfunktion ausprobieren. Ich halte Herrn Schumacher nicht unbedingt für einen „richtigen Journalisten“, aber er kann manchmal recht unterhaltsam sein. Besipiele: „Stimmt es, dass Merkel den Minister entlassen wollte, aber seinen Namen vergessen hatte?“ oder „Großartig, wie Sie in wenigen Tagen vom Umwelt-Peter zum Malocher-Peter“… Das macht schon Spaß. Das Lied der Beatles ist einfach phantastisch, habe es schon länger nicht mehr gehört. Die Beatles sind einzigartig. „Zum ersten Mal wurde übrigens nicht über die AfD in Absentia gerichtet…“! Tja, das ist schon etwas ganz Besonders. Die Versuchung,… Mehr
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