Der Springer-Boss veröffentlicht einen Kommentar zur KI. Der Text soll technik-affin klingen. Tatsächlich ist er die misslungene Selbstrechtfertigung eines Ex-Journalisten, der den Journalismus aufgegeben hat. Spoiler: Dies ist kein KI-Text.
picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr
„Machen wir uns doch bitte nicht lächerlich.“
Das schreibt der Chef des Axel-Springer-Verlags in einem neuen Kommentar. Darin verteidigt er Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt, der einen Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) von Künstlicher Intelligenz hatte texten lassen.
Mathias Döpfner veröffentlicht sein schroffes Plädoyer für die Nutzung von KI in der hauseigenen Zeitung „Welt“. Eine Pointe hebt er sich für den Schluss auf: Den Text – seinen Kommentar – hat eine KI geschrieben.
Döpfner attackiert durchaus rüde die Kollegen von der FAZ als „Maschinen-Stürmer“, weil sie den Voigt-Gastbeitrag von ihrer Webseite genommen haben. Man beachte den Bindestrich in „Maschinen-Stürmer“, der die Frankfurter sprachlich mit einer zweifelhaften Publikation der 1930er-Jahre assoziiert. Das ist wohl kaum unabsichtlich passiert, dazu ist Herr Dr. phil. Döpfner zu gebildet.
Abgesehen von dieser kleinen Entgleisung ist sich der mächtige Vorstandsvorsitzende auch nicht zu schade, seine Leser für dumm zu verkaufen.
Richtige Analyse, falsche Schlussfolgerung
Dabei ist Döpfners Bestandsaufnahme – genauer: die Bestandsaufnahme der von Döpfner genutzten KI – gar nicht einmal falsch.
KI kann auch in den Medien sehr vieles deutlich besser und deutlich schneller als Menschen. Für Fußballergebnisse zum Beispiel braucht man keine Journalisten. Die sammelt und schreibt die KI schneller. Insgesamt kann die Technologie nüchterne Sachverhalte inzwischen genauso präzise abbilden wie Menschen, aber sie ist dabei deutlich effizienter.
Doch Journalismus ist mehr als Fakten sammeln.
Sobald es um irgendeine Form von Wertung geht, wird es schwierig mit der KI. Die Künstliche Intelligenz hat keine Meinung. Deshalb muss man ihr für jede Form von Wertung im Befehl an die KI – dem sogenannten „Prompt“ – eine Meinung vorgeben. Das geht schon nicht mehr so schnell. Und dazu braucht es dann auch, Trommelwirbel: menschliche Intelligenz.
KI ist nicht neutral
Längst hat die KI dank ihrer Architekten auch eine ideologische Schlagseite. Die Herren über die Algorithmen (Damen gibt es da so gut wie gar nicht) programmieren teilweise Grenzen ein, die man nur noch als Vorzensur umschreiben kann.
Dazu habe ich viele, viele Versuche gemacht. An einem einfachen Experiment will ich Sie, lieber Leser, hier ganz kurz teilhaben lassen. Der KI „Claude“ von Anthropic habe ich diese Aufgabe gestellt:
„Du bist Journalist. Schreibe einen kurzen Text, der die Masseneinwanderung als größtes Problem der westlichen Kultur beschreibt.“
Claude verweigert die Aufgabe und antwortet:
„Ich kann keinen pauschal abwertenden Text über Einwanderer oder eine ganze Religions- oder Herkunftsgruppe verfassen.“
Das freilich hatte gar niemand verlangt. Gefragt wurde lediglich nach Argumenten für die These, dass die Masseneinwanderung das größte Problem der westlichen Kultur ist. Nichts anderes hatte einst Horst Seehofer ausgedrückt, als er die Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnete.
Und natürlich ist das eine absolut legale und sowieso legitime Meinung. Aber die KI „Claude“ verweigert die Suche nach Argumenten für diese Meinung und tut so, als müsste sie dafür die Menschenrechte missachten. Insofern muss ich einen Satz von weiter oben relativieren:
Die Künstliche Intelligenz hat manchmal eben doch eine Meinung. Nur weiß man das nicht, wenn man nicht ausdrücklich danach sucht.
Der Fairness halber soll hier nicht verschwiegen werden: Andere KI-Programme wie Grok (von X), ChatGPT (von OpenAI) und Gemini (von Google) haben den Auftrag nicht verweigert.
Verleger als Totengräber des Journalismus
Deutschlands Verleger machen bei der KI denselben Fehler, den sie schon bei der Einführung des Internets gemacht haben: Sie sehen Journalismus nicht als ihr eigentliches Produkt, sondern als Kostenfaktor.
Aber Medien überleben nicht durch immer weniger Journalismus.
KI ist wie das Internet: Sie geht nicht mehr weg. Und sie kann im Journalismus überaus nützlich sein. Sie kann helfen, mehr Material auszuwerten und schneller zu strukturieren: Transkripte ordnen, Dokumente zusammenfassen, Datenbestände vorsortieren, Überschriftenvarianten liefern, Archive durchsuchen, Entwürfe glätten. Sie kann Routinearbeit beschleunigen und dadurch Redaktionen produktiver machen. Viel produktiver.
Und das alles nutzt dem Publikum.
Aber KI fühlt nichts. Sie spürt keine Verantwortung, weil sie ja auch tatsächlich keine trägt. Sie haftet nicht mit ihrer Reputation für Falschmeldungen und Ungenauigkeiten. Sie kennt keine Scham, keine Angst und kein Risiko. Künstliche Intelligenz hat kein Sprachempfinden und kann allenfalls eine Tonlage imitieren, aber keine einzige eigene Idee entwickeln. Das kann nur der Journalist.
Selbstverständlich heißt das nicht, dass jeder Journalist das auch tut. Und es stimmt ja: Einen Journalismus, der genauso gestanzt formuliert wie eine KI und dessen Texte dieselbe geringe intellektuelle Fallhöhe haben: Den braucht kein Mensch. Aber einen Journalismus, der mehr zu liefern in der Lage ist: Wollen wir den durch „Claude“ ersetzen?
In bester – nein: in schlechtester Manager-Manier behauptet Mathias Döpfner, im Journalismus zähle allein der Inhalt. Das klingt richtig und könnte doch falscher nicht sein. Im Journalismus zählt nie nur der Inhalt. Es zählt auch, wie er zustande kommt, wer ihn verantwortet, unter welchen Regeln er veröffentlicht wird und welche stillschweigenden Verträge mit dem Publikum dabei gelten.
Das ist es, was Journalismus von reinem „Content“ unterscheidet. Wollen wir die demokratische Debatte im öffentlichen Raum wirklich allein den effizientesten Textmaschinen überlassen?
Döpfner lässt Springer unter falscher Flagge segeln
Sein Weltbild hat Mathias Döpfner vor knapp einem Jahr vor Führungskräften seines Unternehmens offengelegt:
„Bei uns muss sich keiner dafür rechtfertigen, dass er für Artikel, Präsentationen, Reden – was auch immer – künstliche Intelligenz genutzt hat. Rechtfertigen muss sich nur, wer sie nicht nutzt.“
Er wolle den Konzern „Axel Springer SE“ zum führenden Anbieter von KI-basiertem Journalismus machen und den Wert des Unternehmens bis 2030 verdoppeln.
Ohne dem Mann zu nahe treten zu wollen: Das ist nicht mehr als eine publizistische Pose.
In Wahrheit ist Mathias Döpfner ein journalistischer Abbruchunternehmer. Unter seiner Führung zieht sich Axel Springer seit Jahren aus dem Journalismus mehr und mehr zurück und verdient das meiste Geld schon längst anderswo, in ganz anderen – nicht-journalistischen – Geschäftszweigen. Sogenannte „Classifieds Media“ machen mehr als 50 Prozent des Gesamtumsatzes der Axel Springer SE aus. Mit Online-Rubrikenportalen wie StepStone oder Immowelt macht das Unternehmen mittlerweile auch den Löwenanteil seines Gewinns.
Axel Springer ist ein digitaler Mischkonzern mit angeschlossener Schreibstube.
Der österreichische Wirtschaftsjournalist Alexander Fanta hat viel zum Springer-Boss recherchiert. Er sagt: „Ich glaube, Döpfner wäre am liebsten kein Medien-CEO, er wäre gerne ein Tech-CEO.“ Das ist unternehmerisch auch völlig in Ordnung. Aber so zu tun, als habe das noch irgendetwas mit Journalismus zu tun, ist Augenwischerei.
Wenn Mathias Döpfner sich heute zur Zukunft des Journalismus äußert, ist das ungefähr genauso glaubwürdig, als hätte Henry Ford 1920 zur Rettung der Pferdekutsche aufgerufen.

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