King Ralph – oder der unmögliche Thronfolger

Kann eine Nation von einem gänzlich unvorbereiteten Newcomer in der Führungsposition profitieren oder überwiegt die Gefahr, "den Laden" an die Wand zu fahren? Könnte das auch ein aktuelles Rezept gegen Wahlwiderwillen und Demokratie-Ermattung sein?

Screenprint: King Ralph

Während eines Gruppenfotos der königlichen Familie in Großbritannien kommt es zu einem tragischen Unglück, bei dem sämtliche Angehörigen der britischen Monarchie ihr Leben lassen. Nachdem sich die Nation vom Schock erholt hat, beginnt sogleich auch die fieberhafte Suche nach einem legitimen Thronfolger. Alles, alles neu.

Chance und Risiko liegen nah beieinander. Zu dem größten Entsetzen handelt es sich bei der Ausgrabung im Gen-Pool um einen übergewichtigen Amerikaner aus Las Vegas mit Hang zu Rock’n Roll und farbenprächtiger Garderobe, die nur einen Farbenblinden nicht aufschrecken lassen würde. („Wir haben einen Erben!“ – „Wer ist es?“ – „Sein Name ist Jones. Ralph Jones.“ – „Ist er alles worauf wir gehofft haben?“ – „Nun, er hat seine Stärken … und seine Schwächen. Sehen Sie, er ist Amerikaner.“ – „Schnell, was sind seine Stärken.“

Allein schon die ausladende Körpersprache des beleibten Mannes aus der neuen Welt stellt einen halben Affront für den englischen Adel dar.

Frisch aus der Bar und hinein in den Palast

Eifrig bemüht sich Sir Cedric Willingham darum, aus dem tölpelhaften und modischen Totalausfall Ralph Jones, der seine Brötchen bisher als untalentierter Musiker verdient hat, in Windeseile einen König zu formen. Was darf ein König – oder vielmehr: was muss er vermeiden und unterlassen. Ein Schulungsvideo, in dem Phipps Duncan ausführt, was ein König alles nicht darf: „Kein Kaugummi kauen. Keine Schimpfwörter benutzen. Nicht in der Nase bohren. Weiblichen Gästen, die zu Besuch kommen, nicht in den Ausschnitt starren. Nicht an den Weichteilen herumspielen.“ Und Ralph ernüchtert feststellen muss: „Oh man, was darf man denn überhaupt?“ Adrett in feinem Zwirn übt sich der tapsige Grobmotoriker in den Feinheiten einer englischen Teestunde und einer korsettartig, versteiften Konversation.

Als König Mulambon aus Sambesi auf Staatsbesuch kommt, zittern alle: Wird King Ralph die Herausforderung meistern? Amerikanisch sozialisiert, entfährt Ralph bei der Begrüßung eine Bro-mäßige Ansprache, über die sich nicht nur König Mulambon irritiert zeigt, sondern die Sir Cedric wohl nur haarscharf an einem Schlaganfall vorbeischlittern lässt. Aber das Eis ist schnell gebrochen – bei einer Partie Dart. Die beiden Könige unterhalten sich über Automobile, die König Mulambon eventuell in England fertigen zu lassen möchte. Über die Qualität von Motoren. Wobei Ralph die Frage nach dem wichtigsten Kriterium für die Kaufentscheidung stellt, das, was seines Erachtens den Konsumenten am Ende doch am meisten beschäftigt: „Wie wahrscheinlich ist es, dass ich in dem Wagen eine Frau aufreiße?“

Irritiert ist dann wiederum Ralph, als er König Mulambon zerknirscht fragt, ob man diesem auch „die Bräute vorschreiben“ würde und der darauf selbstbewusst und etwas entrüstet mit „Natürlich nicht. Ich bin der König.“ antwortet. Verkehrte Welt, denn Ralph wird erklärt, dass er seiner Schwäche für eine herzerfrischende Verkäuferin der britischen Arbeiterklasse nicht nachgehen darf, sondern eine norwegische Prinzessin zu ehelichen hat.

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Rein ins kalte Wasser

Bei der Partie Dart unterliegt König Mulambon gegen einen geübten Ralph, woraufhin zu einem größer angelegten „Dartspiel“ unter freiem Himmel – mit Speeren anstelle kleiner Pfeile – ausgeholt wird. Die Presse hat ihre prachtvollen Bilder – und Ralph wird aufgrund seiner unkonventionellen Art als „frische Brise“ gefeiert.

Beseelt von diesem Erfolg will Ralph eine Lockerung des ihn umgebenden Zwangs heraushandeln, erhält aber nur die unterkühlte Aussage: „Was heute noch eine frische Brise ist, kann morgen schon als schaler Smog gelten.“ Also weiter an die Arbeit.

Natürlich gibt es noch Romantik, Verwicklungen, jede Menge Intrigen und erstaunliche Wendungen.

Und an einer Stelle, an der niemand damit rechnet, zeigt Ralph sich dann tatsächlich als genau der Monarch, zu dem die Ereignisse ihn haben reifen lassen.

Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre

Der Film stammt aus dem Jahr 1991, mit einem liebenswerten John Goodmann in der Hauptrolle. Natürlich ist er etwas klamaukig und er mag daher nicht jedermanns Sache sein. Allerdings ist die unverdorbene und herzliche Art des Protagonisten King Ralph, mit der er in die Welt der Diplomatie und der politischen Ränkespiele hineinstolpert und diese damit gleichsam in Frage stellt, ein echter Hochgenuss.

Unweigerlich stellt man sich die Frage: Wie wäre das, wenn Politiker gemeinsam auf einen langen Urlaub gingen und zu Frau Käßmann auf die Insel reisen – und an ihre Stelle ein Mann oder Frau treten würde, den/die man ggf. per Los herausgepickt hat? Jemanden, der/die nicht jahre- oder jahrzehntelang eine Karriere in der Politik durchlaufen hat, bevor er den Job an der Spitze übernehmen kann; wo auf dem langen Weg nach oben immer weiter Vorhaben über Vorhaben über Bord gegangen ist, Versprechen an Wähler vergessen wurden. Jemand, dessen Spezialität es nicht ist, „Gegner zu bekämpfen“, wie der große Soziologe Max Weber schon vor dem 1. Weltkrieg formulierte, sondern jemand, der noch an Ergebnissen orientiert ist? Denn die Politik ist voller Widersacher. Der Spruch „Feind, Todfeind, Parteifreund“ kommt nicht von ungefähr.

Wie wäre das also, wenn da jemand unvermittelt und unverbogen hineinstolpern würde? Jemand, der nicht unbedingt eine Universität von innen gesehen haben muss, dafür aber für seinen Lebensunterhalt in der freien Wirtschaft bestritten hat. Jemand, der keine 18 Semester Studium absolviert hat, bevor dann nahtlos und ohne Umwege direkt ein Wechsel in die Politik erfolgte. Jemand, der spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Völlig befreit von immer neuen Wörtern, die umständlich umschreiben sollen, was nicht sein darf und die uns zunehmend mehr aufs Auge gedrückt werden. Viele Menschen würden einiges dafür geben, allein schon nicht mehr die langen und umständlichen Grußformeln „Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer“ zu hören, sondern schlicht und einfach „Hallo!“. (Für die Vorstellung sehen Sie bitte mal für einen Moment über übliche Fragen und Einwände hinweg, wie z.B. dass derjenige tollpatschig auf den Atomknopf drücken könnte oder nicht weiß, wo er sein Büro findet.)

So ein King Ralph mit einer maximalen Amtzeit von 2 x 4 Jahren, könnte das auch das Ende der Politikverdrossenheit von 50% der Nichtwähler bedeuten, was denken Sie?

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Kommentare ( 25 )

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