Bei Anne Will statt Talkshow psychotherapeutische Sitzung zur Linderung linken Seelenschmerzes

Mit sichtlich leidendem Gesicht breitete Anne Will aus, wo überall die nicht geladene FDP die beiden anderen - Grüne und SPD - über den Tisch gezogen hätte. Schneller hat sich noch keine Möchte-Gern-Koalition verkracht und sich selbst bemitleidet.

Screenprint: ARD/Anne Will

Um die Finanzen heute und in Zukunft sollte es – laut angekündigtem Thema – gestern Abend bei „Anne Will“ gehen. Als Teilnehmer waren der noch amtierende Finanzminister und Kanzler in spe Olaf Scholz, Grünen-Parteichef Robert Habeck, der bekanntlich in Konkurrenz mit Christian Lindner auf das mächtige Finanzressort spekuliert, sowie die Leiterin der evangelischen politischen Akademie in Tutzing, Professorin Ursula Münch, und der für seine wirtschaftsliberalen Positionen bekannte frühere Journalist Rainer Hank angekündigt. Automatisch stellte sich die Frage, warum ausgerechnet beim Streit ums Geld kein Vertreter der FDP anwesend war. Hätte man deren Parteichef Christian Lindner heute morgen gefragt, warum kein Liberaler mit an Wills Tisch saß, hätte er in seiner bekannt spöttischen Art geantwortet: „Es gibt drei Gründe. Der Erste davon, niemand von uns wurde eingeladen.“ Tatsächlich war die FDP nicht angefragt worden. Anne Will versucht ihre eigene Politik zu machen und den Anspruch der FDP auf das Finanzministerium zu negieren – ihr wäre Habeck schon eher recht. Es könnte so schön sein, wenn endlich mal ungebremst linke Politik gemacht werden könnte! Diese Koalitionsverhandlungen führt also auch die ARD?

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Gleich nach Beginn der Talk-Runde wurde klar, da hätte wirklich niemand vom angeblich so netten, immer noch wahrscheinlichen Koalitionspartner FDP dazu gepasst. Will hatte die Sendung einfach anders konzipiert. Der größte Teil nahm sich wie eine psychotherapeutische Sitzung für die beiden Linken im Dreierbunde, also SPD und Grüne, aus. Mit sichtlich leidendem Gesicht führte Will aus, wo überall die FDP die beiden anderen über den Tisch gezogen hätte. Die ganze bekannte linke Litanei wurde heruntergebetet. Keine Steuererhöhungen, weiter Schuldenbremse und das Schlimmste: Das Tempolimit fiel hinten runter. Wahrscheinlich, so Will, damit Lindner weiterhin fröhlich Porsche fahren kann. Nur einmal blitzte bei Habeck ein Moment Realitätssinn auf, als er richtigerweise bemerkte, dass für alles „die Mehrheiten eben nicht gereicht haben“. Was er damit so launisch meinte, war nicht weniger als das Wahlergebnis. Folglich hätte man sich und vor Allem den Zuschauern das ganze Wundenlecken sparen können.

Freilich wäre bei Anwesenheit der FDP-Spitze der Mitleids- und Jammereffekt verloren gegangen. Jeder einigermaßen vernünftige Gebührenzahler würde, zumal nicht alle Will-Zuschauer links gewählt haben, fragen, wofür hier sein Geld vergeudet wird. Möglicherweise teilen uns ja heute die ARD-Oberen mit, dass die Sendung demnächst „Auf der Couch mit Anne Will“ heißen wird. Auf der könnten dann Woche für Woche die jeweiligen Verlierer und Trostsuchenden Platz nehmen. Wäre doch auch mal was.

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Noch einmal zur Klarstellung: Das große Pech von SPD und Grünen war, dass sich nicht genügend Phantasten fanden, die ihre Stimme der, trotz mehrfacher Umbenennungen, unverändert real existierenden SED gegeben haben. Notgedrungen musste man also den Dreier mit der FDP zumindest mal probieren. Alles andere bedeutete am Ende eine Fortsetzung der Großen Koalition, nur diesmal unter SPD-Vorsitz. Denn auch eine Jamaika-Lösung aus CDU, Grünen und FDP ist beim derzeitigen mentalen Zustand der Christdemokraten nicht einmal anzudenken. Also ist es jetzt, so wie es ist!

Auch ohne Anwesenheit saßen die liberalen Bösewichte als „Schutzmacht der Reichen im Land“ auf der Anklagebank. Zu Wort kommen lassen wollte man die Beschuldigten aber nicht. Ebenso wenig schätzte man das Mittun von Unternehmern oder wirtschaftsnahen Experten. Auch diese hätten der traurigen Begräbnisfeier linker Illusionen den Charme genommen. Münch und Hank bemühten sich redlich, einige andere Akzente zu setzen. In der Bedeutungshierarchie der Gäste waren sie automatisch zur Statistenrolle verdammt. Anne Will weiß eben, wie man´s macht. Mit informativen und fairem Journalismus hatte der Seelen-Strip gestern allerdings noch weniger zu tun als Anne-Will sonst schon. Die Sendung gab einen Vorgeschmack auf die nächsten vier Jahre. Das Zusammenspiel zwischen Rot-Grün und der „Will-Truppe“ wird hervorragend funktionieren. Man darf schon jetzt gespannt sein, wenn nach der Phase der Neuerfindung der CDU, einer deren Vertreter zur verbalen Hinrichtung ins Willstudio stolpert. Denn auch bei dieser Form von Realsatiren verhält es sich wie bei der, die Stärke von Erdbeben messenden Richterskala – nach oben offen! Hier besser – nach unten offen!

Klar wurde aber auch, welche Rolle die FDP zukünftig ertragen muss: Die des ewigen Nein-Sagers, der den Durchmarsch ins rotgrüne Schlaraffenland verhindert. Es könnte so schön sein ohne FDP! Oder wenn sie nur DIE LINKE wäre. Wenigstens eine Botschaft wurde damit deutlich: Die zunächst vorgeführte Einigkeit der künftigen Koalitionspartner hält nicht mal bis zum Traualtar der Regierungsbildung. Sie kloppen und sie zoffen sich schon heute.

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Kommentare ( 88 )

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Nibelung
1 Monat her

Manche haben doch keinen Gesichtsausdruck mehr seit der Verjüngungskur um das Alter jünger erscheinen zu lassen, was ja ein Ausdruck innerer Unsicherheit darstellt und es damit übertünchen zu wollen. Diese Art der unnatürlicher Vergüngung scheint heute das neue Narrativ zu sein, weil man mit dem Alter nicht fertig wird und sogar noch Menschen im höchsten Alter erreicht, die dem Tod nicht ins Auge blicken können, der aber so oder so kommt ob mit oder ohne Falten im Gesicht. Warum läßt man diesem linken verquirlten medialen Mist eigentlich noch Aufmerksamkeit zukommen, was doch völlig kontraproduktiv ist und nur die schöne Seite… Mehr

Or
1 Monat her

Nu ja. Letztendlich konsequent.
Verkamen doch die Baerbock Einladungen bei Anne Will immer zu‘n Tratsch von „alten Freundinnen“ .

Maja Schneider
1 Monat her

Diese ganz Aufregung kann ich nicht so recht verstehen. Die sogen. „Leitmedien“, schlimmer noch „Qualitätsmedien“ regieren doch spätestens seit 2015 mit, und da ihr Personal bekanntermaßen eher links-grün ist, dürfen wir uns über nichts mehr wundern, am aller wenigsten über die zwangsfinanzierten ÖR. Insofern war Anne Will nur konsequent, und die Bevölkerung will es offensichtlich mehrheitlich so. Herrn Lindner dürfte inzwischen längst klar geworden sein, welche Rolle ihm zugedacht ist, aber auch ihn locken die Pfründe bzw. natürlich „die große politische Verantwortung dem Volk (!) und dem Land gegenüber. „

Molymeme
1 Monat her

Apropos „Schmerz“: Mein Cousin hat mir erst kürzlich geklagt wie schwer es sei neue Kontakte (speziell hier bezogen auf Frauen) während der Corona-Regelungen zu machen. Selbst in einer Beziehung habe ich das so nie bedacht gehabt aber es stimmt wahrscheinlich. Corona dürfte demografisch einen weiteren Knick abwärts verursachen.

November Man
1 Monat her

Eines ist mal sicher, wenn die Grünen an die Macht kommen sollten, wandert ein Teil unserer Wirtschaft ins Ausland ab, mit samt den bestens ausgebildeten deutschen Fachkräften und Arbeitsplätzen.
Mit Analphabeten, Syrern und Afghanen kann man keine Wirtschaft erhalten und aufbauen, außer im Görlitzpark. Das freut aber nur die grünen Giftler.
Das wars dann wohl für Deutschland. Existenzgrundlage dieses Landes hat sich erledigt. 

Thorsten
1 Monat her

Da die Ampel an der Realiät scheitern muss, wird auch ein schwarzes Schaf gebraucht.
Da kommt nur die FDP in Frage, denn SPD und Grüne haben das „Patent“ auf die Guten zu sein …

November Man
1 Monat her

Habeck als deutscher Finanzminister. Da lachen ja die Kühe. Gegen über seinem letzten hoch blamablen Auftritten bezüglich Finanzen und Pauschalen hat sich Habeck leicht verbessert auf von dumpfem nicht Wissen bis zu mangelhaftem hochglänzendem nichts wissenden Halbwissen. Wie man schon vor den Wahlen lesen konnte verteilen die Grünen schon die Ministerposten, wobei Herr Habeck anscheinend als deutscher Finanzminister vorgesehen ist. Wer sich mal ein Bild über die Fachkompetenz des Herrn Habeck machen möchte sollte unbedingt dieses kurze aber alles entlarvende Video anschauen. Zwei Minuten harter Tobak. Robert Habeck erklärt VWL und Finanzen! Die Grünen! Geballte Kompetenz in Finanzen und Wirtschaft… Mehr

Sani58
1 Monat her
Antworten an  November Man

Die brauchen keine Fachkompetenz. Die haben doch ihre Berater aus den etablierten Medien.

Dr. Rehmstack
1 Monat her

Jetzt dürfte es auch Herrn Lindner klar geworden sein, auf was er sich da eingelassen hat und welche Rolle er zukünftig in der Ampelkoalition spielen soll: den Sündenbock für alles. Wenn die FDP jetzt nicht die Reißleine zieht, ist sie verloren. Sollen die doch eine Minderheitsregierung anstreben. Ich hatte bisher vieles für möglich gehalten, aber dass Anne Will so schnell für Klarheit gesorgt hat, hat mich dann doch überrascht; Einmal mehr haben die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten so bewiesen, dass sie sich an die Auflagen des Rundfunkstaatsvertrages nicht zu halten gedenken und keiner der Verantwortlichen fordert dies ein. Das war eine… Mehr

Betty Boop
1 Monat her

Was zum Teufel habt ihr alle denn erwartet? Die BRD, wie wir sie kannten (zumindest ich noch als Ausläufer der alten Bonner Republik), existiert nicht mehr, diese ist nach und nach ersetzt worden durch ein Sammelbecken hochgradig dekadenter, intellektuell überforderter Individuen, die aus eben diesem hart erwirtschaftetem Wohlstand hervorgegangen sind. Mein einziger Trost ist, dass das nicht mehr lange so gehen wird und kann. – Nein, wird es nicht, glaubt an meine Worte. Aber bis es aber soweit ist, wird es keinen … interessieren!

Abschließend zur FDP: Ähem – really…?

Last edited 1 Monat her by Betty Boop
Peter Klaus
1 Monat her

FDP ist nur mit dabei, weil die LINKEN zu wenig Stimmen hatten.
Ziel von RG ist eine richtige Ampel: ganz lange rot, kurzes, einmaliges gelbes Aufblinken und dann wieder lange grün. Über die Länge der Rot- bzw. Grünphasen wird man sich schon untereinander einig werden.