Tichys Einblick
Achtung, Glosse

Energiewende als Exportschlager: Baerbock und das deutsche Vorbild für die Welt

Wozu Fakten, wenn man Fantasien hat? Die Außenministerin erfindet eine weltweite Nachfrage für angebliche deutsche Erfolgskonzepte. Das rettet zwar nicht unsere Wirtschaft, aber wenigstens das grüne Weltbild.

IMAGO

„Und so kommen wir aus der Freude gar nicht raus“, hat Otto Reutter 1930 gesungen. Übrigens, nach dem großen Berliner hat die Hauptstadt immer noch keine Straße benannt – noch nicht einmal einen Bolzplatz, wie nach dem US-Drogenkriminellen George Floyd. Aber ich schweife ab, wo war ich? Ach ja: Otto Reutter bewies mit seinem ursprünglich sarkastisch angelegten Couplet eine geradezu prophetische Gabe.

Notieren Sie sich bitte Datum und Uhrzeit, liebe Leser, denn heute ist es soweit: Es geht endlich aufwärts, und alles wird gut.

Zu verdanken haben wir das unserer Außenministerin Baerbock. Die hat ja einst den ersten grünen Bundeskanzler verhindert, weil sie vor der letzten Wahl den damals enorm populären Robert Habeck innerparteilich … wie sag‘ ich’s … terminierte. Sie wollte halt unbedingt Kanzlerkandidatin werden anstelle des Kanzlerkandidaten. Die Älteren erinnern sich.

Vermutlich hat Annalena Charlotte Alma, wie sie vollumfänglich heißt, mit ihrem übersteigerten Ehrgeiz nebst Absägen des Robert dem Land damals einen großen Gefallen getan. Vermutlich den mit Abstand größten ihres politischen Wirkens. Denn natürlich ist Olaf Scholz entsetzlich – aber wie wäre es wohl erst mit einem Kanzler Habeck geworden?

Nach der erfolgreichen Verhinderung eines grünen Regierungschefs hat Frau Baerbock jetzt ihren zweiten großen Coup gelandet, und von dem werden wir alle profitieren. Die grüne Meilen-Millionärin hat sozusagen im Alleinflug unsere wirtschaftliche Zukunft gesichert.

Sie hat die Energiewende zum Vorbild für die Welt erklärt und als Exportschlager identifiziert.

Das ist jetzt kein Witz, das muss man wohl dazu sagen. Bei einer Veranstaltung in Brandenburg – dort liegt ihr Bundestagswahlkreis – erklärte Frau Baerbock, es sei „zentral, dass wir zusammenarbeiten bei der globalen Energiewende.“ Denn dann könne man „aus Deutschland heraus ein Beispiel dafür setzen, dass erneuerbare Energien, dass grüne Technologien auch zur sozialen Sicherheit, zu Arbeitsplätzen der Zukunft beitragen“.

Genau. Gut, die Energiewende verläuft bei uns bisher eher schleppend und ruckelig. Aber das praktische Desaster hierzulande muss doch die restliche Welt nicht davon abhalten, die metaphysische Weisheit des deutschen Weges zu erkennen und unserem Vorbild zu folgen.

Als Beispiel für eine gelungene „Energiepartnerschaft“ nannte Frau Baerbock, wieder kein Witz, Südafrika. Das war taktisch womöglich ein klitzekleines Bisschen suboptimal, weil Südafrika seit Jahren in einer schweren Energiekrise steckt, weshalb dort regelmäßig der Strom abgeschaltet werden muss.

Die grüne Energiewende hat daran bisher nichts geändert und wird das absehbar auch in Zukunft nicht tun. Aber irgendwas ist ja immer. Und wer sich mit solchen Petitessen der Realität aufhält, dem fehlt einfach nur der Blick für das große Ganze.

Tatsächlich hat der Ansatz, Fehlschläge zu Exportschlagern umzudefinieren, enormes Potenzial.

Denken Sie nur daran, was wir auf diese Weise plötzlich alles an fremde Länder verkaufen könnten: den Atomausstieg, zum Beispiel. Olaf Scholz hat Kernkraft ja als „totes Pferd“ bezeichnet. Im Rest der Welt weiß man aber noch gar nicht, dass der Gaul verblichen ist.

Fast überall auf dem Globus werden neue Atomkraftwerke gebaut – sogar in Afrika: In Ruanda errichtet das kanadische Unternehmen DualFluid gerade einen Testreaktor. Und sogar große Konzerne setzen mittlerweile auf das Atom: Microsoft zum Beispiel will für seine Server eigene Kernkraftwerke bauen.

In dem Zusammenhang wäre Energiemangel gleich der nächste deutsche Exportschlager.

Weil wir ja das angeblich tote Pferd nicht reiten wollen, das überall sonst auf der Welt quicklebendig herumspringt, geht uns der Saft aus. Deshalb importieren wir inzwischen reichlich französischen Atomstrom. Drehen wir den Spieß doch um: Führen wir stattdessen unsere Energieknappheit einfach nach Frankreich aus. Wir müssen Paris nur noch davon überzeugen.

Nach diesem Prinzip eröffnen sich für den deutschen Außenhandel Geschäftsfelder ohne Ende.

Die germanische Grenzsicherung ist ein weiterer heißer Kandidat: Dabei behauptet man einfach, dass man die Grenzen sichert. In Wahrheit registriert man nur alle, die einreisen – sonst tut man nichts. Man lässt weiterhin alle ins Land, die ins Land wollen. Gerade die Italiener würden uns das Konzept sicher aus den Händen reißen.

Genau wie die „Feministische Außenpolitik“. Baerbocks persönlichstes Anliegen sollte sich vor Interessenten nicht retten können. Gut, unter anderem bei den Besuchen unserer Chefdiplomatin im arabischen Kulturkreis waren die jeweiligen Gastgeber noch nicht völlig davon überzeugt und wollten dem deutschen Vorbild noch nicht sofort folgen. Aber steter Tropfen …

Dabei könnte lustiges Englisch à la Baerbock helfen, die Stimmung aufzulockern und Vorbehalte abzubauen. Ihr „Speck der Hoffnung“ („bacon of hope“) hat Deutschland inzwischen ja erfolgreich zur weltweiten Lachnummer gemacht. Und wenn eine friedensbewegte Grüne auf Englisch erklärt, Deutschland befinde sich „im Krieg mit Russland“ („at war with Russia“), wird alles nur noch glaubwürdiger.

Das muss sich doch exportieren lassen. Man wird auf der Welt doch noch anderswo Diplomaten finden, die lieber in schlechtem Englisch herumdilettieren, als einfach nur den Mund zu halten oder den Dolmetscher zu bemühen.

Doch das Beste – das, was früher Autos, Maschinen und Chemikalien aus Deutschland waren, nämlich weltweit gefragte Güter – das wird, so Baerbock will, künftig der Gedächtnisverlust.

Deutsche Politiker, allen voran der Kanzler, erinnern sich mittlerweile ja an nichts mehr. Nicht an ihren Amtseid. Nicht an Treffen mit dubiosen Investoren auf Rügen. Nicht an Treffen mit dubiosen Bankern in Hamburg. Nicht an Wahlversprechen. Nicht an die Wirklichkeit.

Diese Form der politischen Totalvergesslichkeit muss sich nun wirklich irgendwie gewinnbringend ins Ausland verkaufen lassen. Schließlich gibt es überall Volksvertreter und Regierungsmitglieder, die sich an sehr viele Dinge sicher sehr gerne nicht mehr erinnern wollen. Statt „German Angst“ dann eben künftig „German Amnesia“. Das wird unsere Außenhandelsbilanz retten, bestimmt.

Und so kommen wir aus der Freude gar nicht raus.

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