Die heimlichen Morde der Stasi

Dass östliche Geheimdienste vor Mordanschlägen nicht zurückschrecken, ist nicht erst seit der Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexei Nawalny bekannt. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier hat jetzt ein Buch über politische Morde der Stasi veröffentlicht.

Hat das Ministerium für Staatssicherheit Menschen umgebracht – und wenn ja, wie oft und auf welche Weise? Diese Frage ist bis heute zu großen Teilen unbeantwortet. Zwar betrieb die aufgelöste Stasi-Unterlagen-Behörde fast drei Jahrzehnte lang eine Forschungsabteilung mit zeitweise mehr als 50 Mitarbeitern. Doch keiner der dort beschäftigten Historiker nahm sich des Themas an. Dies ist umso überraschender, als verschleierte Mordanschläge östlicher Geheimdienste immer wieder die Öffentlichkeit beschäftigt haben – zum Beispiel in den Fällen Nawalny, Skripal oder Litwinenko.

Kein Wissenschaftler, sondern die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier hat jetzt die politischen Morde des Staatssicherheitsdienstes zum Gegenstand eines Buches gemacht. Auf über 300 Seiten erinnert sie an Menschen, die im Kontext der SED-Diktatur ums Leben gekommen sind. Ihr Buch, in dem über weite Passagen auch zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen, ist eine Art Tour d’Horizon über den Widerstand gegen den Kommunismus und seine manchmal tödlichen Folgen.

Kliers Interesse an dem kaum erforschten Thema hat mit einem persönlichen Erlebnis zu tun: Bei einer Fahrt zu einem Auftritt in Stendal im November 1987 verlor sie plötzlich die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Sie überlebte nur, weil ihr damaliger Mann Stephan Krawczyk geistesgegenwärtig ins Lenkrad griff. 32 Jahre später erhielt dieser einen Anruf seines ehemaligen Stasi-Vernehmers, der inzwischen schwer erkrankt war und vor seinem Tod noch um Entschuldigung bitten wollte. „Es stimmt, das Auto war manipuliert,“ erklärte er am Telefon. Kliers Vermutung: Die Stasi setzte sie damals mit einem Kontaktgift am Griff der Fahrertür außer Gefecht.

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Die Autorin hat dies zum Anlass genommen, sich näher mit dem Thema zu befassen. „Sehr lange schon habe ich die Namen der Dissidenten, Pfarrer, Schriftsteller der DDR zusammengetragen, bei denen ich keinen natürlichen Tod vermutete,“ schreibt sie in ihrem Vorwort. „Es sind jetzt etwa siebzig Menschen.“ Die Zahl der in ihrem Buch erwähnten Namen ist wahrscheinlich sogar noch höher, doch leider hat der Herder Verlag dem Buch kein Register angefügt. Klier erzählt die dahinterstehenden Schicksale in vier Kapiteln, die jeweils einem Jahrzehnt der DDR gewidmet sind.

Beim Blick auf die 1950er Jahre steht der jugendliche Widerstand gegen die beginnende sozialistische Diktatur in Ostdeutschland im Mittelpunkt. Klier berichtet von dem Studenten Herbert Belter, der in Leipzig Flugblätter gegen das undemokratische Wahlsystem verteilen wollte; von dem jungen Liberalen Arno Esch, der nach dem Abzug der Roten Armee in der DDR eine neue Partei gründen wollte; von dem Schüler Hans-Joachim Näther, der mit einem selbst gebauten Sender die Radioübertragung der Feierlichkeiten zu Stalins Geburtstag stören wollte. Sie alle wurden in Moskau hingerichtet. Der erste Tote, den die Stasi selbst auf dem Gewissen hatte, ist in Kliers Buch der geflüchtete SED-Funktionär Robert Bialek. Er wurde 1956 nach Ost-Berlin entführt, wo er vermutlich im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen ums Leben kam.

Im Kapitel über die 1960er Jahre geht es vor allem um Proteste gegen das DDR-Grenzregime. Ausführlich schildert Klier das Schicksal des Jugendlichen Michael Gartenschläger, der aus Empörung über den Mauerbau einen Heuschober in Brand steckte und dafür zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Als er nach zehn Jahren Haft freigekauft wurde, baute er an der DDR-Grenze zwei Selbstschussanlagen ab – bis er beim dritten Versuch von Scharfschützen der Stasi erschossen wurde. Weniger bekannt dürfte das Schicksal von Kliers jüngerem Bruder sein, der als 17-jähriger auf der Straße westliche Musik hörte und nach einem Streit mit der Polizei zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Später wurde er in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, mit 30 Jahren beging er Selbstmord.

In den 1970er Jahren ist für Klier vor allem der Widerstand sozialistisch inspirierter Intellektueller prägend. Sie beschreibt, wie kritischen Künstlern wie Bettina Wegner oder Klaus Schlesinger in der DDR das Leben schwer gemacht wurde, bis sie sich zur Ausreise in den Westen bereit erklärten. Weniger Prominente landeten oftmals im Gefängnis – wie Reinhard Langenau, der nach seiner Freilassung in die Psychiatrie eingewiesen wurde und später Selbstmord beging. Klier schildert auch mehrere Fälle von Spitzensportlern, die sich illegal in den Westen abgesetzt hatten und dort von der Stasi weiter verfolgt wurden. Doch nur in einem Fall wurde ein Mordversuch gerichtsnotorisch – als ein Stasi-Informant wegen versuchten Mordes 1994 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt wurde; er hatte dem Fluchthelfer Wolfgang Welsch vergiftete Buletten serviert.

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Das interessanteste Kapitel behandelt die 1980er Jahre, in denen sich Klier am besten auskennt. Neben den Überlegungen, Bürgerrechtler wie Rainer Eppelmann durch fingierte Autounfälle umzubringen, führt sie noch zahlreiche ähnliche Fälle an. So berichtete ein ehemaliger Stasi-Informant dem SED-kritischen Pfarrer Gernot Friedrich nach der Auflösung der DDR-Geheimpolizei, dass diese ihn insgesamt fünfmal durch einen Unfall aus der Welt zu schaffen versucht hatte. Wenig bekannt sind auch die Fälle von Frieder Weiße und Bernd Brenzel, die von Bewusstseinsstörungen und Vergiftungserscheinungen im Zusammenhang mit ihrer Stasi-Haft berichteten.

Selbst nach der Wiedervereinigung wurden noch bei mehreren Stasi-Aufklärern – zum Beispiel bei Jürgen Fuchs und dem Autor dieser Zeilen – am Auto Radmuttern gelockert oder Bremsschläuche zerschnitten. Beklemmend liest sich jedoch vor allem die lange Liste von Bürgerrechtlern, die ungewöhnlich früh an Krebs starben. Klier vermutet, ihr Tod könnte eine Folge radioaktiver Vergiftungen sein, deren Wirkung in einer von der Stasi in Auftrag gegebenen „TOXDAT-Studie“ detailliert beschrieben worden war.

Dabei ist Kliers Aufzählung noch nicht einmal vollständig. So dokumentieren Unterlagen, wie zwei Stasi-Agenten den SED-Gegner Siegfried Schulze 1975 in einem West-Berliner Hausflur umzubringen versuchten. Nur weil die Pistole, die sie Schulze in den Mund schoben, versagte, überlebte dieser schwerverletzt, verschwand jedoch später spurlos von der Bildfläche. 1980 erdrosselte dann ein Stasi-Informant in Westdeutschland den Menschenrechtsaktivisten Bernd Moldenhauer. Detaillierte Planungen fanden sich darüber hinaus für die Ermordung der Deserteure Werner Weinhold und Rudi Thurow.

Systematisch ausgewertet wurden bislang weder die entsprechenden Stasi-Dokumente noch die Ermittlungsakten aus der Zeit nach der Wiedervereinigung. Einzig der Mitgründer des Instituts für Deutschlandforschung in Bochum, Dieter Voigt, veröffentlichte 1996 einen Aufsatz unter dem Titel „Mord – Eine Arbeitsmethode des Ministeriums für Staatssicherheit“. Eine Ahnung von der Skrupellosigkeit der Stasi vermittelt zudem das Buch des verstorbenen Bürgerrechtlers Thomas Auerbach über die sogenannten Einsatzgruppen für Sabotageakte in der Bundesrepublik. Vor diesem Hintergrund kann man nur hoffen, dass sich vielleicht doch noch ein Historiker findet, der eines der dunkelsten Kapitel der DDR-Geschichte wissenschaftlich aufarbeitet.


Freya Klier, Unter mysteriösen Umständen. Die politischen Morde der Staatssicherheit. Herder, 304 Seiten, 26,00 €


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Kommentare ( 24 )

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Peter Pascht
12 Tage her

Die geheimen politischen Morde ohne Urteil, sind eine Spezialität schon aus Zeiten der Stalin Ära (insgesamt etwa 5 Millionen Menschen), wieso sollte es bei der stalinistischen STASI anders gewesen sein.
Nur ihn späterten Zeiten, kurz vor dem Untergang, hat aber nicht einmal das mehr interessiert, solche Morde geheim zum halten.
Morden war zum gübten und erlaubten politischen Usus der stalinistischen Diktaturen geworden, mit der immer gleichen Begründung. für den Sieg des Sozialismus. (Solshenizin, beschreibt es in seinem Buch)
Schon Lenin entschuldigte sich für seine Massenmorde
„das brauchen wir nur solange bis wir im Sozialismus angekommen sind“

Joerg Mathes
13 Tage her

Bereits im Jahr 2003 berichtete der „FOCUS“ über ungeklärte Stasi-Morde.Hintergrund war die Verhaftung von Jürgen G. bei Rheinsberg,der Angehöriger eines geheimen Killerkommandos des MfS der DDR gewesen sein soll.Nun wurden auch einige mysteriöse Todesfälle in Ost-und Westdeutschland wieder neu aufgerollt.Besonders berührend war für mich das Schicksal von Hans Peter Köhler(38),Plakatmaler in Westberlin.Er wurde in der Nacht vom 11.zum 12.August 1986 vermutlich von zwei Männern in seiner Badewanne ertränkt.In Köhlers Toilette fand die Polizei später einen versteckten Zettel,den der Künstler offenbar in größter Not an eine Freundin geschrieben hatte: Stasi-Agenten wollten ihn für einen Spionage- auftrag in Charleston/USA anwerfen,um dort Militär-… Mehr

Peter Gramm
17 Tage her

Sind die Mordaktivitäten der Geheimdienste nur etwas was den östlichen Geheimdiensten zugeschrieben werden darf? Wie sieht die Bilanz bei der CIA oder dem Mossad aus?

Fritz Wunderlich
18 Tage her

Ich halte es aufgrund der Beweislage für unzulässig, die Nawalny-Vergiftung kritiklos dem russischen Geheimdienst zuzuschreiben. Alleine das Verhalten der deutschen Regierung, die ihre Tests nicht der Öffentlichkeit oder der russischen Regierung zur Verfügung stellten, lässt einen völlig unvoreingenommenen Beobachter an der Geschicht stark zweifeln. Die Begründung der deutschen Regierung, sie brauchte den Russen ihre Tests nicht bekanntgeben, weil die miesen russischen Mörder wüssten ohnehin alles, ist doch an Merkwürdigkeit den Powell’schen PowerPoint Geschichten gleichzusetzen. Ich hätte kein Problem damit, den russischen Geheimdiensten einen Mord zuzutrauen, detto auch den bitischen oder den US – Diensten, aber auf diese hanebüchene Art lasse… Mehr

Last edited 18 Tage her by Fritz Wunderlich
Th. Nehrenheim
18 Tage her

Fürchterliche Schicksale, wenn auch einige selbst provoziert gewesen sind, denn es war bekannt, dass man sich als „Republikflüchtling“ nicht berechenbar an der innerdeutschen Grenze aufhalten sollte. Unser Bundesgrenzschutz hat zwar getan, was er konnte, aber wir hatten ja keine Sperranlagen, wohingegen die ihre Anlagen öffnen und durchfahren konnten. So hat auch eine damalige Freundin von mir beim Joggen um Schöningen im Halbdunkel des Abends einen Militär-PKW der DDR mit voller Besatzung in Uniform gesehen. Er kam ihr entgegen. Sie lief nur weiter, hatte Angst, aber es ist ihr nichts geschehen. Der Tod des Fußballspielers Lutz Eigendorf ist auch so ein… Mehr

Kuno.2
18 Tage her

Ich denke, dass alle Geheimdienste dieser Welt Morde planen und durchführen. Nur dass diese dann nur Tötungen genannt werden, obwohl der juristische Unterschied dort bekannt sein dürfte. Der Grund liegt in der jeweiligen aktuellen Politikkonstellation. Das muss nicht, zumal hier im Westen, nicht immer ein Unfall sein, auch Selbstmorde dürften sehr beliebt sein.

Last edited 18 Tage her by Kuno.2
Ralf Poehling
19 Tage her

Die Kunst, es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Oder wie einen natürlichen Tod. Nicht immer funktioniert es. Und erst dadurch wird klar, wer hier agiert.
Hochinteressantes Thema, das mehr Beachtung verdient. Weil es immer noch aktuell ist…

Mike
19 Tage her

Sehr gut, Sie hier zu lesen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die alten Stasi Seilschaften immer noch existieren, ja, dass sie sogar im System Merkel aktiver geworden sind als zuvor in der BRD. Ihr Fall spricht ja Bände. Ebenso, dass ein Mann wie Geisel in Berlin ein so hohes Amt bekleidet. In Ihrer Behörde hat man mittlerweile den Bock zum Gärtner gemacht. Und wir leben im besten Deutschland, dass es je gegeben hat. Für Steinmeier, einen Ex Kommunisten, wie weit er sich von einstigen Utopien gelöst hat, weiß kein Mensch. Die Dystopie, zu der Deutschland immer mehr wird,… Mehr

Wolfgang Richter
19 Tage her

Der Tod des geflüchteten Ex-DDR-Nationalfußballers Lutz Eigendorf ist in der Auflistung nicht erwähnt. Und es dürfte derer noch ein paar mehr geben. Wäre vielleicht interessant, wenn „das Netz“ seine Erkenntnisse zum Thema irgendwo bündelt.

Lee Bert Aire
19 Tage her
Antworten an  Wolfgang Richter

An den habe ich direkt gedacht. An Lutz Eigendorf klebte eine ganze Stasi-Kompanie. Fußball-Fan Mielke nahm die Republikflucht eines Fußballers seines Lieblingsvereins persönlich. Als Eigendorf vom FC Kaiserslautern nach Braunschweig wechselte, zog der gesamte Tross mit um. Irgendwann kam der Zeitpunkt zum losschlagen.

Jens Lueck
19 Tage her

Die Geheimdienste in Westeuropa bedienen sich bis heute Rechtsextremisten, um die etwas „schmutzigeren“ Aufträge zu erledigen. Nach dem 2. Weltkrieg gab es diverse sogenannte „Stay-Behind-Organisationen“, wie z. B. „Gladio“. Auf Druck Italiens wurde Gladio angeblich 1990 aufgelöst. Angeblich. Faktisch existiert Gladio bis heute fort. Der „NSU“ war, wenn man so will, nichts anderes als der deutsche Zweig von Gladio. Sozusagen Germanio. Eine über Jahrzehnte vom Verfassungsschutz finanzierte und angeleitete Killertruppe. Wenn der NSU gemordet hat, hat ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes vor Ort den Ablauf überwacht. Im Prinzip weiß das doch jeder im NSU-Untersuchungsausschuss. Aber man will eben keine Probleme bekommen.… Mehr

Th. Nehrenheim
18 Tage her
Antworten an  Jens Lueck

Mann, Mann, Sie ziehen aber ordentlich vom Leder. Da gehört manches nicht zusammen.