In Berlin erlischt die Ewige Flamme, in der Ewigen Stadt züngelt ein letzter Hoffnungsschimmer

Wer 200 Milliarden für einen „Doppelwumms“ ausgeben kann, dem kann es gar nicht so schlecht gehen, hört man in Rom. Während in Rom die Scheinwerfer Monumente bestrahlen und die Leute nach Einbruch der Dunkelheit speisen, dreht Berlin der „Ewigen Flamme“ das Gas ab.

IMAGO / Schöning

Abschied von Rom – Abschied von der Normalität. Berlin mag mit Sicherheit nicht dem deutschen Standard entsprechen; es gibt zahlreiche kleinere und mittlere Städte in Deutschland, die von den Verwerfungen der letzten 15 Jahre auf märchenhafte Weise verschont wurden, insbesondere in einigen ausgewählten Städten im Herzen Deutschlands. Doch Berlin ist gerade als Gipfel der Absurditäten und Spiegel des deutschen Zeitgeistes der Kontrapunkt zur Ewigen Stadt.

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Um den Mentalitätsunterschied zusammenzufassen, bedarf es nur weniger Beispiele. Berlin ist eines der Biotope jenes grünen Lebensstils, der sich nicht nur in Orten wie dem Prenzlauer Berg, sondern auch in politischen Persönlichkeiten und Wahlergebnissen manifestiert. Bei den letzten Abgeordnetenhauswahlen bestanden für Bettina Jarasch gute Chancen, die erste grüne Bürgermeisterin der Bundeshauptstadt zu werden – und derlei ist angesichts möglicherweise bevorstehender Neuwahlen und trotz Energiekrise weiterhin nicht ausgeschlossen.

Rom dagegen ist nicht nur die Heimat der als Ministerpräsidentin gehandelten Nationalkonservativen Giorgia Meloni. Bis 2013 regierte hier der rechtskonservative Gianni Alemanno, ein Parteikollege Melonis. Dass in einer europäischen Hauptstadt jemand rechts der etablierten Mitte-Rechts-Parteien das Potenzial hat, Bürgermeister zu werden, sagt einiges über Rom aus. Während in Berlin Trans*- und andere LGBT-Moden öffentlich zur Schau gestellt werden, sieht man in Rom nicht nur zahlreiche Nonnen im Straßenbild, sondern auch Priester, die sich nicht in Zivilkleidung verstecken.

Eine Parallele zwischen Rom und Berlin mag man einzig im Chaos finden, allerdings mit jeweils verschiedenen Ausprägungen; und nicht zuletzt Problemen in einigen Belangen der öffentlichen Ordnung, verlässt man die offensichtlichen Touristenpfade. Das ändert freilich nichts daran, dass ein gewisses Maß an sozialer Ächtung, wie es in der Bundesrepublik noch bis in die 1990er Jahre üblich war, wenigstens einige der größten Übel im Zaum hält, während Berlin jeder Vulgarität und Schamlosigkeit freien Lauf lässt. Wahrscheinlich ist Rom Europas einzige Millionenstadt, die dank der Präsenz des Vatikans und der allgegenwärtigen Erinnerung an vergangene Glorie strukturkonservativ geblieben ist.

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Im Gespräch zeichnet sich spürbar ab, dass man den Einwohnern und auch ausländischen Gästen kaum begreiflich machen kann, was in Deutschland los ist. Auch auf der Konferenz zum Italienischen Konservatismus erinnert man daran, dass die Regierung Draghi zum Energiesparen aufgerufen hatte und es für einige Tipps Spott und Häme gegeben habe. Doch diese Politik fiel der Regierung auf die Füße: Sie konnte nicht den Widerspruch auflösen, dass sie angeblich gute Arbeit geleistet habe, aber andererseits nun zum Sparen aufrief. Dementsprechend fiel das Ergebnis an den Urnen für die Draghi-Apologeten aus.

Doch auch auf Nachfrage erfährt man keine Anekdote, die vielleicht dem Waschlappen-Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann oder der Danksagungspropaganda Robert Habecks nahekommt. Dass Kretschmann in einem Video zeigt, wie man eine Heizung abdreht, oder ein vermeintliches Wissenschaftsmagazin im Kindergartenduktus neuerlich jede Beschneidung von Lebensqualität als einen weiteren Schritt zur Klimarettung verkauft, kann man vor Ort kaum nachvollziehen. Deutschland sei ein reiches Land: Wer 200 Milliarden von einer auf die nächste Woche raushauen kann, muss sich nicht wundern, wenn die Nachbarn denken, dass an Rhein und Elbe Geldbäume wachsen.

Dass das ganze Projekt in Deutschland unter dem kindischen, wenn auch wenig überraschenden Slogan #Doppelwumms läuft, stellte ich erst bei der Rückkehr fest. Auch wieder so ein Bild: Während der Staat die Steuergelder verteilt, sollen sich die Steuergeldzahler vor jedem Luxus hüten. Luxus, das heißt heute: die Heizung auf Stufe 5 zu stellen.

Während einige deutsche „Influencer“ in den Sozialen Medien von ihren heroischen Ersatzkriegshandlungen berichten, dass sie die Heizung nun jeden Abend etwas kühler drehen oder schon vorab die Fenster geöffnet hätten, um sich gegen die Kälte abzuhärten, erscheint den Blattgold-versierten katholischen Italienern der schwäbische Pietismus im neuen grünen Gewand fremd. Sicherlich wird der einen oder anderen Nonna aus dem Bedürfnis, mit ihrer spärlichen Rente den Winter zu überleben, nichts anderes übrigbleiben; aber dann doch eher aus Not denn aus nach außen getragener Tugend. Armut und Elend ist nicht zelebrierungswürdig, wenn ihm der ideologische Unterbau fehlt. Auch auf der Konferenz wurde eher das Bedürfnis betont, die geopolitische Ausrichtung zu verändern und auf der Erzeugerseite nachzubessern, statt den Heiligen Franziskus im Armutsgelübde übertreffen zu wollen.

Denkmäler in nächtlicher Finsternis
In Deutschland gehen die Lichter aus
Um das zu wissen, müsste man eigentlich nicht nach Italien reisen. Doch es gibt einige plastische Momente, die sich als Gegenbilder einprägen. So das unbefangene Nachtleben auf der Piazza Navona nach 21 Uhr in einer Lichtflut, wie man sie in deutschen Großstädten abgestellt hat. Zwar laufen auch in einigen Städten – etwa Turin – Überlegungen, die Beleuchtung von Monumenten abzustellen. Doch einige dieser Überlegungen wurden bereits an anderen Orten verworfen: Die beleuchteten Sehenswürdigkeiten spendeten Licht und sorgten für Sicherheit. In Rom ist das allzu offensichtlich: So manche beleuchtete Kirchenfassade spendet auch den anliegenden Gassen, die sonst in Dunkelheit lägen, erhebliche Helligkeit. In der Diskussion beim Essen fiel auch das Argument, dass so das Sicherheitsgefühl von Frauen nicht beeinträchtigt würde. In Deutschland sind derlei Diskurse natürlich unvorstellbar, prinzipiell sollten Cis-Frauen sich seit 2015 am besten sowieso nicht außer Hause aufhalten, so hat man landläufig den Eindruck.

Vielleicht ist Deutschland damit nur eine Blaupause für Italien, sollten sich die energiepolitischen Verwerfungen zuspitzen. Vielleicht ist Deutschland aber auch in einer größeren energiepolitischen Bedrängnis, als man bisher dachte; die Antwort dazu wird sich im Winter zeigen. Was sich bereits jetzt zeigt, ist jedoch ein anderer Umgang mit Covid-19. Wer am 30. September noch mit dem Zug nach Rom fuhr, musste eine FFP2-Maske tragen; wer am Sonntag wieder zurückfuhr, nicht mehr.

Während Deutschland in dieser Oktoberwoche in alte Gewohnheiten zurückfällt, geht Italien wieder einen Schritt in Richtung Normalität. In einem letzten Aufbäumen versuchte Gesundheitsminister Speranza durch Dekrete Fakten zu schaffen, bevor die Nachfolgerregierung den Staffelstab übernimmt. Seinen Appell im Wahlkampf, die Rechtsparteien sollten doch die Impfkampagne im Herbst fortführen, blieb unbeantwortet.

Man sollte sich überdies nicht über die Konsequenzen, Schäden und anhaltenden Gewohnheiten aus zwei Jahren Corona-Krise in einem Land täuschen, das in Europa als erstes getroffen wurde. Obwohl keine Maskenpflicht herrschte, trugen auch an Tag zwei im Fernzug von Neapel nach Mailand etwa 80 Prozent der Fahrgäste Maske. Das galt auch für Kinder – teils nur um die zehn Jahre alt. Einzig die Zugbegleitung trug demonstrativ keine Maske. Offenbar nicht nur, um den Fahrgästen zu zeigen, dass es auch ohne ging, sondern vermutlich selbst darüber froh, nach Monaten wieder frei atmen zu können. Auf der Fahrt von Mailand nach Venedig trug nur noch eine Minderheit Maske. Anmerkung am Rande: Dass man mittlerweile in drei Stunden von Mailand nach Rom mit dem Hochgeschwindigkeitszug fahren kann, ist ein Hinweis, dass Deutschland auch auf diesem Feld den Anschluss verloren hat. Die Strecke ist mit Berlin–München vergleichbar.

Das heißt alles nicht, dass in Italien alles besser wäre. Es sagt auch nichts darüber aus, was in ein, zwei Monaten sein könnte. Aber es zeigt, dass zumindest aktuell keine Bestrebungen in Rom herrschen, dem deutschen Weg nachzufolgen. In Rom brennt wenigstens noch ein kleines Licht der Hoffnung, während Berlin kürzlich selbst der Ewigen Flamme auf dem Theodor-Heuss-Platz das Gas abgedreht hat.

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Kommentare ( 23 )

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H. Priess
1 Monat her

Überall soll man heute Zeichen setzen und Haltung zeigen und dann wird ausgerechnet DEM Zeichen, welches die Haltung zu Freiheit, Recht und Friede zum Ausdruck bringt, der Hahn zu gedreht! Muß man mehr wissen um den Zustand unserer Gesellschaft zu beschreiben? Da hätte man die Inschrift gleich mit entfernen können und durch das neue Motto ersetzen: Wir Sch**ßen auf euch!

LadyGrilka55
1 Monat her

Das Bild spricht Bände:

Für FREIHEIT, RECHT und FRIEDE wird das (Gas)Licht abgedreht.

Wie symbolisch für das Deutschland der letzten Jahre!

StefanB
1 Monat her

Jetzt können die linksgrünen Bekloppten

  • Ökosozialismus
  • Solidarität
  • Wohlstandsverzicht

eingravieren. Passt perfekt zur ausgeschalteten Flamme.

grenzenlos
1 Monat her

Eine sich selbst als Elite wähnende classe politique – unentwegt damit beschäftigt, Haltung zu zeigen und Zeichen zu setzen – merkt nicht mehr, welche Signale sie unbewusst Tag für Tag aufs neue gibt. Und immer mehr Menschen sehen das.

LadyGrilka55
1 Monat her
Antworten an  grenzenlos

„Und immer mehr Menschen sehen das.“

Hoffentlich! Ihr Wort in Gottes Ohr!

RMPetersen
1 Monat her

Dass in Berlin die Gas-Flamme an dem Monument „Freiheit – Recht – Friede“ abgestellt wurde, ist nur folgerichtig.
Keine dieser Grundsätze passt zur momentanen Politik in Berlin.

P. Pauquet
1 Monat her

Erst erlischt der Verstand, dann die Flamme! – Dann wird’s dunkel!

Wilhelm Roepke
1 Monat her

Hurra, hurra, wir sparen jetzt, hurra!

Franz Reinartz
1 Monat her

Man muss dafür gar nicht mal Berlin bemühen. In einem Düsseldorfer Kaufhaus bewunderte ich jenen heroischen Mut des Managements, eine Rolltreppe mit dem plakativen Hinweisschild auf den Beitrag zum Energiesparen abzuschalten, es läge kein Defekt vor. In einem Siegburger Baumarkt war die Rolltreppe tatsächlich defekt, dafür verwunderte mich die schummrige „Beleuchtung“ in der Lampenabteilung und die frostige Kühle zu Herbstbeginn. Schön, dass ich mich auf der Heimfahrt im Auto aufwärmen konnte. Passend dazu entnahm ich dann dem hiesigen Lokalblatt, dass meine Kleinstadt heuer auf Weihnachtsbeleuchtung, beleuchteten Weihnachtsbaum und Adventskalender (beleuchtete Rathausfenster) verzichten wird. Die üppige Straßenbeleuchtung wurde schon ausgedünnt. Mal… Mehr

Rob Roy
1 Monat her

Eine Flamme, die symbolisch für Freiheit, Recht und Frieden stehen soll, zu löschen, hat ebenfalls eine symbolische Bedeutung …

Alfonso
1 Monat her

Das deutlichste Zeichen dafür, dass es zu Ende ist mit der Freiheit, Demokratie und damit mit der freien Meinungsäußerung in Deutschland ist doch die Vorschrift, sich den Mund mit einem Lappen zubinden zu müssen.