Das Schicksal der subventionierten Windkraft: 23.000 Jobs in Gefahr

Die deutsche Offshore-Windindustrie steht vor einer existenziellen Krise: Bis zu 23.000 der 49.000 Arbeitsplätze könnten in den nächsten vier Jahren verloren gehen, wenn der Ausbau auf See weiter stockt. Die Gründe dafür waren vorhersehbar.

Windpark in der Nordsee. IMAGO / Jochen Tack
Windpark in der Nordsee.

Gleichzeitig mit der Job-Krise droht ein Umsatzausfall von 24 Milliarden Euro, dazu könnte ein erheblicher Teil der Wertschöpfung könnte ins Ausland abwandern – das ist das Ergebnis einer neuen Analyse des Marktforschungsunternehmens wind:research im Auftrag des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO).

Für diese Entwicklung nennen die Windkraft-Lobbyisten gegenüber dem Handelsblatt folgende Gründe: Seit zwei Jahren ist in Deutschland kein einziges neues Offshore-Windparkprojekt mehr auf den Weg gebracht worden. Verschobene Ausschreibungen, verzögerte Netzanschlüsse und unsichere Großprojekte haben die Auftragsbücher vieler Zulieferer geleert. Projekte mit einer Gesamtleistung von mindestens 16 Gigawatt stehen auf der Kippe. Konzerne wie BP und TotalEnergies prüfen die Rückgabe von Konzessionen für bereits ersteigerte Flächen in der Nordsee. Die ursprünglich für 2026 geplanten Ausschreibungen wurden auf 2027 verschoben oder blieben ganz ohne Gebote – so wie die Auktion im August 2025.

Die Ursachen sind ein gefährlicher Mix aus massiv gestiegenen Material- und Baukosten, hohen Zinsen und unsicheren politischen Rahmenbedingungen. Nach Branchenschätzungen gehen inzwischen bis zur Hälfte der Kosten für Bau und Betrieb eines Windparks auf See für die Finanzierung drauf. Gleichzeitig hat sich die Verhandlungsmacht zunehmend zu den Turbinenherstellern verschoben. GE Vernova nimmt keine neuen Aufträge mehr an; auf dem europäischen Markt bleiben de facto nur noch Siemens Gamesa und Vestas. Der BWO-Vorstandsvorsitzende Benedikt Scheel warnt in der FAZ noch deutlicher: „Wenn wir nicht handeln, könnten 34.000 der 49.000 Arbeitsverhältnisse verloren gehen. Das sind Fachkräfte, Jobs auf Produktionsstandorten und bei mittelständischen Unternehmen, die wir für den Erhalt einer breiten Industrie brauchen – von der Hafenwirtschaft über die Stahlindustrie bis zu Werften in Rostock und Papenburg und bei Technologiekonzernen.“

Mehr Konkurrenz aus China

Erste Auswirkungen sind bereits spürbar. Der weltweit führende Monopile-Hersteller EEW Special Pipe Constructions in Rostock will bis Jahresende 100 der etwa 1.000 Stellen der Kernbelegschaft streichen. In einem internen Schreiben rechnet das Unternehmen bis einschließlich 2028 mit einer geringen Auslastung. Neben dem fehlenden Auftragseingang aus Deutschland verweist EEW auf den wachsenden Konkurrenzdruck chinesischer Hersteller. Vorgeformte Stahlfundamente aus China gelangen zollfrei in die EU und erhöhen den Preisdruck auf europäische Produzenten.

Scharfe Warnung der OECD
Energiewende: Wegmarken zum Ruin – und die Rettungsoption
Dirk Briese, Geschäftsführer von wind:research, sieht die Lage kritisch: „Spätestens ab 2028 sieht es bei der Auftragslage für viele Zulieferer schon jetzt schlecht aus. Wenn länger als ein oder zwei Jahre nichts gebaut wird, wird es einen erneuten Fadenriss in der Offshore-Industrie geben.“ BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm ergänzt: „Wenn Deutschland den Ausbau der Offshore-Windenergie ausbremst, während der internationale Wettbewerbs- und Importdruck steigt, gefährden wir unsere eigene industrielle Basis.“ Seit Juni 2025 wurde keine Offshore-Ausschreibung mehr erfolgreich abgeschlossen. Hersteller, Häfen, Installateure und maritime Dienstleister brauchen aber Jahre im Voraus belastbare Aufträge, um in Fabriken, Schiffe und Personal zu investieren.

2,1 Milliarden Euro Förderung 2025

Dabei galt die Offshore-Windkraft lange als – hoch subventionierter Hoffnungsträger der Energiewende. Langfristig strebt Deutschland 70 Gigawatt Leistung bis 2045 an. Eine frühere Studie von wind:research hatte für 2025 noch 14,6 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und 49.000 Beschäftigungsverhältnisse ausgewiesen, mit starker Beteiligung des industriellen Binnenlands, etwa von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Bei Zielerreichung könnte die Branche auf 120.000 Beschäftigte und über 50 Milliarden Euro Wertschöpfung wachsen. Ein stockender Ausbau würde diese Perspektive gefährden und Erinnerungen an die Solarindustrie wecken, deren Wertschöpfung weitgehend ins Ausland abgewandert ist.

Die Branche fordert nun klare politische Weichenstellungen in der Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes – und vermutlich auch eine Dauer-Subvention durch die Steuerzahler. 2025 flossen 2,1 Milliarden Euro Steuergeld in die Subventionierung von Offshore-Windkraftanlagen, 2024 waren es 1,9 Milliarden Euro. Jeder der angeblich 49.000 Jobs war somit im Vorjahr mit 42.800 Euro gefördert. Das wären im Schnitt knapp über 3.000 Euro Monatsbezug (bei 14 Gehältern) für jeden einzelnen der 49.000 Mitarbeiter – ohne einen Handgriff für eine Windkraft-Anlage tun zu müssen.

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 4 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

4 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Karl Renschu
10 Minuten her

Eine nur auf Subventionen aufgebaute Industrie kann keine Werte schaffen. Eher im Gegenteil: Offshore Windenergie verteuert durch notwendigen Netzausbau und Backupkraftwerkswirtschaft sowie Subventionen nur den Strom!

Kraichgau
15 Minuten her

wenn eines Tages mal klar wird,das diese „Offshore-Windturbinen“ einen beträchtlichen Anteil daran haben,das dringend benötigter Regen Küstennah abregnet,anstatt in das Inlandgebiet weiter zu ziehen,wird dieser ganze Quatsch SEHR schnell abgewrackt werden….

Der Ingenieur
16 Minuten her

„Gleichzeitig mit der Job-Krise droht ein Umsatzausfall von 24 Mrd. Euro, dazu könnte ein erheblicher Teil der Wertschöpfung ins Ausland abwandern“ Diese Aussage finde ich perfide. Denn gerade durch die Windenergie entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von mind. 50 Mrd. € pro Jahr! Alleine 18 Mrd. € müssen Steuerzahler pro Jahr für die EEG-Umlage zahlen. Hinzu kommen Unsummen, weil bei Wind dem Ausland noch Geld gezahlt werden muss, damit es den überflüssigen Strom entsorgt. Bei Flaute muss dagegen zu wahnsinnig hohen Preisen Strom im Ausland gekauft werden, damit es nicht zum Blackout kommt. Hinzu kommt noch, dass ganze Industrien durch die… Mehr

Last edited 8 Minuten her by Der Ingenieur
Haba Orwell
27 Minuten her

> Bis zu 23.000 der 49.000 Arbeitsplätze könnten in den nächsten vier Jahren verloren gehen, wenn der Ausbau auf See weiter stockt.

Wie traurig. Wieviele Stellen sind dran, wenn betrügerische CallCenter geschlossen werden?