Renaissance der Atomkraft

In Deutschland gehen am 15. April die verbliebenen Atomkraftwerke vom Netz. Von einer einst stolzen und weltführenden Industrie bleiben nicht einmal Ruinen, denn auch die Kühltürme werden abgerissen. Japan hingegen macht den vollzogenen Ausstieg aus der Atomkraft rückgängig. Auch Frankreich weist Kritik an seiner Atomstrategie zurück.

IMAGO / Dirk Sattler

Vor der verheerenden Tsunami-Katastrophe 2011 war Atomkraft für 30 Prozent des in Japan produzierten Stroms verantwortlich. Es war sogar geplant, diesen Anteil auf 40 Prozent zu steigern. Stattdessen verwüstete ein durch ein massives Erdbeben verursachter Tsunami das Land, welcher 20.000 Menschen das Leben kostete. Das Land stieg aus der Atomkraft aus, schneller und brutaler als es Deutschland tat. Von 2010 bis 2012 fiel der Anteil von Atomenergie am Strommix von 29 Prozent auf 2 Prozent. 2014 hatte Japan gar keine Reaktoren mehr im Betrieb.

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Seitdem steigt der Anteil wieder – 2021 waren es wieder mehr als 7 Prozent. Reaktivierung und Ausbau der Atomkraftwerke sind nötig, um die japanischen Klimaziele zu erreichen. Japan will bis 2050 komplett CO2-emissionsfrei sein; bis 2030 ist ein Zwischenziel von 46 Prozent Reduktion im Vergleich zu 2013 zu erreichen. Bis dahin soll der Anteil der Nuklearenergie am Strommix 22 Prozent betragen.

Der Großteil der AKWs in Japan ist mehr als 30 Jahre alt, vier Reaktoren sind sogar älter als 40 Jahre. Bevor sie wieder ans Netz gehen dürfen werden sie extensiven neuen Sicherheitstests unterzogen. Laufzeitverlängerungen werden nunmehr auch nur für 10, statt wie bisher 20 Jahre vergeben. Die Japanische Regierung hat außerdem erklärt die Entwicklung neuer Reaktorformen fördern zu wollen.
Ein Endlager für Atommüll ist auch in Japan noch nicht gefunden. Im Gespräch sind mehrere Möglichkeiten auf Hokkaido, der nördlichsten der großen japanischen Inseln.

Frankreich weist Kritik an Atomstrategie zurück

Der Wirtschaftsminister Frankreichs, Bruno Le Marie, weist indes deutsche Kritik an der Strategie seines Landes zurück. Der ARD sagte er: „Ich respektiere die souveränen Entscheidungen jedes einzelnen Staates, jeder kann seinen Energiemix unabhängig wählen“. Auch Frankreich erkennt in der Atomkraft einen entscheidenden Baustein der eigenen Atomstrategie. Den Vorwurf, die französischen Anlagen seien „Schrottreaktoren“, weißt er zurück. Es habe zwar „technische Schwierigkeiten“ gegeben, auch mussten Reaktoren wegen Schäden vom Netz genommen werden. Diese Schwierigkeiten seien aber größtenteils behoben.

Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, sieht eine Renaissance der Atomkraft. „Es passiert gerade sehr viel, beileibe nicht nur Absichtserklärungen“, sagte Grossi der ARD. „Länder stecken Geld in die Entwicklung oder bauen neue Atomkraftwerke.“
Das ist auch unvermeidbar, denn so Grossi weiter: „Schaut man sich in der Welt um, sieht man: Die meisten Länder versuchen, in ihrem Energiemix als Grundlast rund 15-20 Prozent Atomkraft zu haben, damit sie dann Erneuerbare Energien besser in ihre Stromnetze integrieren können“

Internationale Atomenergiebehörde sieht Renaissance

Die wahre Macht im Klimaministerium
Patrick Graichen: Der Mann, der Ihre Heizung will
Das Bundeswirtschaftsministerium bleibt bei seiner Ablehnung der Atomkraft. Staatssekretär Patrik Graichen sagte: „Also man muss immer unterscheiden zwischen Hype und realen Investitionen. Wenn man sich reale Investitionen anschaut, dann ist das, was gerade global passiert, der große Wind- und Solarboom. Wenn ich mir die realen Zahlen und Investitionen angucke, weiß ich, dass wir auf dem richtigen Kurs sind und die Mediendiskussion, die alle Jahre eine neue Sau durchs Dorf treibt, die kann ich dann auch gut an mir vorüberziehen lassen.“

Graichen und seine Familie sind eng verwoben mit deutschen Erneuerbare-Energien-Lobbyorganisationen.

Auch die Grünen haben mit einer von ihnen in Auftrag gegebenen Studie nachgelegt. Atomkraft, so behauptet das von der Technischen Universität Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erarbeitete Papier, sei schlichtweg zu teuer. „Eine Gesamtbewertung des Systems Atomkraft ergibt heute dasselbe Ergebnis wie auch in den letzten Jahrzehnten: Selbst bei Vernachlässigung externer Kostenfaktoren (…) ist der Bau und der Betrieb von Kernkraftwerken nicht ökonomisch, und es gab und gibt kostengünstigere Alternativen“, so eines der Ergebnisse. Die Grünen haben also eine ganz eigene Erklärung für die Strompreise in Deutschland, die zu den höchsten der Welt zählen.

Der Atomausstieg wird in Deutschland am 15. April vollzogen sein. Der Energiemix Deutschlands besteht dann vor allem aus Kohle- und Gasstrom.

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Kommentare ( 32 )

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giesemann
10 Monate her

Kohleverstromung mit CO2-Recycling, das kann man machen. Die schwankenden el. Ströme aus Wind und Sonne liefern den nötigen Wasserstoff aus Wasser/Elektrolyse. So kann man das speichern, in Form von Methanol, Siedepunkt 65°C, daher gut handhabbar und ungefährlich. Wasserstoff ist der limitierende Faktor, weil der eigentliche Energieträger. Der hat einen sehr dünnen Kopf, schlüpft überall hindurch, muss aufwändig gekühlt werden zur Speicherung, ist hochexplosiv und somit äußerst gefährlich. Mit Methanol kann man Gas-KW betreiben, als Erdgasersatz. El. Strom kann er auch direkt machen, für die Wärmepumpen. So kann der Energieüberschuss im Sommer und der windigen Übergangszeit im Frühjahr und im Herbst… Mehr

Hueckfried69
10 Monate her

Meines Wissens gehörten 2022 die beiden Länder Dänemark und Irland, die den höchsten Anteil an Windkraft im Energiemix haben (DK: ca. 40%; IR: ca. 30%) nach Deutschland und Belgien zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen. Deutschland hat mit ca. 30.000 Windmühlen die mit Abstand größte Anzahl europaweit in Betrieb, dafür aber auch die höchsten Preise. Ich vermute, dass dies vor allem deshalb der Fall ist, weil sich Investitionen in Windkraft nur bei langfristig hohen Strompreisen überhaupt rentieren. Das ist kein Wunder bei einer Technologie, die im Jahresdurchschnitt bestenfalls 1/4- 1/3 ihrer installierten Leistung erreicht. Die Rede vom billigen Windstrom… Mehr

Nibelung
10 Monate her

Die falsche Standortwahl kann dem Menschen auch zum Verhängnis werden und das war sicherlich in Fukushida der Fall. Daraus aber eine generelle Katastrophe für die Welt zu erzeugen war eine politische Handlung, die in Gemeinschaftsarbeit zwischen den Grünen und einer Kommunistin initiiert wurden, während man die Atomanlagen in der Ukraine unberührt gelassen hat und diese konnten ihren Mist selbst aufräumen, wo alles zugesehen hat, aber keiner groß den Finger gerührt hat, außer sich zu echouffieren. Der Fall Fukushida war lediglich der Anlaß um alte Antiatom-Träume zu erfüllen und ohne zu überlegen sind sie dann zur Tat geschritten, während andere gerade… Mehr

Eberhard
10 Monate her

Wenn Atomkraft zu teuer, warum steigern andere dann enorm ihre Anwendung? Warum haben wir dann ohne, trotzdem mit die höchsten Strompreise weiterhin? Das versteht nur wer will. Wenn Menschen gemachtes CO2 tatsächlich unser Klima so negativ beeinflusst, wie behauptet, warum müssen dann ausgerechnet fossile Energiequellen mit hohem CO2 Ausstoß, und hier vor allem teures Gas mit aufwendigem Transport jetzt für den deutschen Grundlastersatz für unseren Strom herhalten? Etwa weil damit die immer weitere Erhöhung der Stromkosten auf Jahre gesichert wird? Widersprüche über Widersprüche formen alle grüne Forderungen. Sie scheinen dazu eine eigene Mathematik zum Erfolgsnachweis für ihren ideologischen Blödsinn anzuwenden.… Mehr

Klaus Uhltzscht
10 Monate her

Das Perverse an der Siegesparty der Grünen gegen die Kernkraftwerke am nächsten Wochenende wird die Sprengung der Kühltürme sein. Diese symbolische Hinrichtung wurde durch den grünen Maoisten Winfried Kretschmann, Ministerpräsident in Baden-Württemberg beim Kernkraftwerk Philipsburg erstmalig exerziert. Wie eine öffentliche Kreuzigung symbolisiert sie den alleinigen Machtanspruch des Herrschers und warnt die Untertanen davor, sich aufzulehnen. Zwei Tage nach vollendeter Abschaltung der Kernkraftwerke und Sprengung ihrer Kühltürme, am 17. April 2023, wird Angela Merkel das Bundesverdienstkreuz verliehen. Eine weitere perverse Denkungsart der Grünen ist, selbst nach ihrem Sturz den Deutschen eine gesprengte und zerstörte Infrastruktur zu hinterlassen. Wie z.B. auch beim… Mehr

Niklot
10 Monate her

Mir ist es völlig egal, welche Energieträger angezapft werden. Wollen wir nicht wie in der Steinzeit leben, muss Energie immer verfügbar und billig sein. Es sollte Technologieoffenheit geben, da es einen Unterschied macht, ob eine Glühbirne leuchten, ein Auto Fähren oder ein Haus beheizt werden soll.

Diogenes
10 Monate her

Und niemand geht eigentlich nur Stunden, vor dem Sieg der wahnsinnigen Merkel-Erben auf die Straßen.
In Frankreich unvorstellbar, daß widerstandslos, ohne zigtausende Demonstrierer, auch nur ein einziges, völlig intaktes KKW abgeschaltet wird.

E-Ingenieur
10 Monate her

„Atomkraft, so behauptet das von der Technischen Universität Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erarbeitete Papier, sei schlichtweg zu teuer.“ Grüne:Innen haben es doch nicht so mit Zahlen oder der Realität. Wie käme man denn sonst auf die Idee Volksvermögen (KKWs, Industrie…) zu zerstören, gepaart mit dem tiefen Wunsch, Deutschen eine Sado-Maso-Behandlung (Enteignung, Verbote, Angstpsychosen…) zukommen zu lassen? Mag sein, dass dies die bisher unerforschten Spätfolgen von „Sims 2“ oder „Second Life“ sind, die wir jetzt auszubaden haben. Ach so, KKW sind teurer! Wie wäre es denn mal mit konkreten Zahlen, die solche Blödsinnsbehauptungen untermauern würden, angesichts der… Mehr

giesemann
10 Monate her
Antworten an  E-Ingenieur

Stimmt, deswegen heizen die Franzosen direkt mit billigem Atomstrom, ohne umständlich Wärmepumpen damit zu betreiben. Ob Häuptling „Warme Pumpe“ das wohl weiß? Klimaanlagen allerdings, die betreiben sie mit Atomstrom.

AlterDemokrat
10 Monate her

Wer im Südwesten am Rande des westlichen Schwarzwald lebt, hat die alten, französischen Kernkraftwerke in nicht gerade weiter Entfernung, wer dort am Rhein lebt, gar in Sichtweite. Wer in der Nähe der großen US-Basis von Ramstein in der Pfalz lebt, sorgt sich bei dem derzeitigen Säbelrasseln von insbesondere Grünen und FDP vielleicht ebenfalls um atomare Bedrohung, doch ein Klimaminister Habeck hält die AKW in der Ukraine für in Ordnung, sind ja schließlich gebaut, Tschernobyl hin oder her.

Innere Unruhe
10 Monate her
Antworten an  AlterDemokrat

Es ist ja nicht so, dass die Grünen ihre Abneigung gegen die Atomkraft je verborgen haben.
Sie haben ausreichend Wähler damit gewonnen. Auch andere Parteien haben den Atomausstieg beschlossen.
Deutsche Bürger wollen aber lieber Probleme lösen, deren Lösung außerhalb ihres Einflusses liegt – Klima!
Dafür sind sie bereit die innere Sicherheit = Migration und den Wohlstand = Energiestabilität zu opfern. Alles, was sie selbst über die Technologie und Lebenswandel beeinflussen können, geben sie aus der Hand.
Nun ja. Mir tut lediglich jene Leid, die sich in der Wahlkabine aktiv gewehrt haben. Der Rest hat es nicht anders verdient.

Zett80
10 Monate her

Dadurch das ich auch ab und an eine NZZ in Papierform kaufe weiß ich das es kein auf mich zugeschnittener Algorithmus ist in dem ich nur noch darüber lese was unser 14,8% Kanzler wieder neues erlassen hat.
„Meiner“ FDP der ich nach dem Wahlbetrug von Westerwelle weiterhin Vertrauen geschenkt habe wird es genauso ergehen wie 2013 weil Sie einfach nicht verstehen das der FDP Wähler weder Stammwähler noch Ideologe ist… Entschuldigung ich schweife ab und das gehört hier nicht mehr hin.