Neun-Euro-Ticket ist nach fulminantem Start eingebrochen

Das Neun-Euro-Ticket ist wuchtig gestartet, doch bereits im Juli gingen die Verkaufszahlen zurück. Künftig soll es ein teureres Billigticket geben. Zudem werden die eigentlichen Probleme im öffentlichen Verkehr deutlich.

IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Oliver Wolff kommt zu spät zur Pressekonferenz, die Bahn hat ihn warten gelassen. Wolff ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und beschwört, er sei frühzeitig losgefahren. Er sieht seine Verspätung als „erstes Plädoyer, dass ins System investiert werden muss“. Denn Bus und Bahn seien in Deutschland unterfinanziert. Darin sind sich die vier Landesverkehrsminister einig, die an der Pressekonferenz teilgenommen haben, in dem der Verkehrsverband die Bilanz des Neun-Euro-Tickets vorgestellt hat.

„Das System ist an seine Leistungsgrenze gekommen“, sagt zum Beispiel Winfried Hermann (Grüne). Er ist Verkehrsminister in Baden-Württemberg und räumt ein: „Mit denselben Einsätzen lassen sich nicht mehr Fahrgäste generieren.“ Sollen also mehr Pendler in Busse und Bahnen gelockt werden, muss das Angebot erweitert, das Personal aufgestockt und Schienenwege ausgebaut werden. Die jetzige Struktur schafft demnach kein zusätzliches Fahrgast-Aufkommen.

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Das Neun-Euro-Ticket hat den Scheinwerfer auf diese Probleme gedreht: Aufgrund des starken Zustroms stieg die Zahl der Verspätungen, bei den Fernzügen von 20 auf 30 Prozent. Viele Züge waren überfüllt. Mancherorts mussten Fahrgäste aussteigen, etwa welche, die mit Fahrrad unterwegs waren. Entsprechend gingen die Verkaufszahlen zurück: 21 Millionen Neun-Euro-Tickets wurden noch im Juni verkauft, im Juli waren es laut VDV 17 Millionen, im August sind es 14 Millionen verkaufte Tickets. Wobei dieser Monat noch nicht komplett abgerechnet ist. Zu den verkauften Tickets kamen noch zehn Millionen Abonnenten, deren Dauerkarten für alle drei Monate durch das Angebotsticket ersetzt wurden.

Das Neun-Euro-Ticket ist ab Donnerstag Geschichte. Von seinen Wesensmerkmalen bleibt am ehesten noch der niedrige Preis. Wobei dieser deutlich über 9 Euro liegen wird: 29 Euro im Monat haben die Grünen ins Gespräch gebracht, aber nur für lokale Angebote. 49 Euro bundesweit haben SPD und Grüne gefordert. Der VDV und Verkehrs-Staatssekretär Michael Theurer (FDP) sprechen von 69 Euro. Doch bei allen drei Vorschlägen müssen sich Bund und Länder erst einigen, wie sie die Kosten verteilen.

Das andere Wesensmerkmal des Neun-Euro-Tickets war, dass es bundesweit galt. Doch angesichts der sich ziehenden Debatte preschen einzelne Länder vor: Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) kopierte das Label Neun-Euro-Ticket für die Bundeshauptstadt. Obwohl es teurer sein und nur lokal gelten soll, also ein komplett anderes Angebot darstellt, schlug sie den Berliner Sonderweg als Fortsetzung des Neun-Euro-Tickets vor.

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Vor allem aber war das Neun-Euro-Ticket (fast) einfach: einmal zahlen und bundesweit fahren. Egal in welchem Verkehrsverbund. Zwar gab es Ausnahmen wie die untersagte Nutzung von IC und ICE. Doch angesichts des Tarifdschungels, durch den sich ein Bahnkunde sonst schlagen muss, war das Ticket eher simpel. Das ändert sich, wenn es nach dem grünen Verkehrsminister aus Baden-Württemberg geht: Winfried Hermann meint, das Ticket brauche soziale Aspekte und er wolle „keine Geschenke machen“. Der Verkauf des Tickets müsse an die soziale Bedürftigkeit des Käufers gebunden werden. Diesen Vorschlag zu Ende gedacht, müsste ein Fahrgast sein Einkommen dokumentieren, bevor er eine Fahrkarte kauft.

Unter den Nutzern des Neun-Euro-Tickets hat der VDV eine repräsentative Nutzerbefragung durchgeführt. Demnach waren rund 20 Prozent der Käufer Neukunden und 27 Prozent der Käufer fahren sonst nur selten. 17 Prozent der Fahrten hätten ohne das Ticket, so das Ergebnis der Befragung, mit dem Auto stattgefunden. Insgesamt sei damit so viel Kohlendioxid eingespart worden, wie sonst ein Jahr Tempolimit auf der Autobahn bringen würde.

Kommt keine Nachfolge für das Neun-Euro-Ticket drohen den Nutzern des öffentlichen Nahverkehrs aber nun Preiserhöhungen – wohlgemerkt Erhöhungen auf den regulären Preis vor dem Neun-Euro-Ticket. Ohne zusätzliches Geld vom Bund ließen sich die Tarife nicht halten, sagt etwa die Bremer Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne). Zumal die Energiepreise explodierten. Schaefer sitzt derzeit der Verkehrsministerkonferenz der Länder vor. Bisher sei vor allem die Schiene „chronisch unterfinanziert“, sagt ihr Brandenburger Kollege Guido Beermann (CDU).

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Kommentare ( 59 )

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Mikmi
1 Monat her

Noch nie wurden in Deutschland so viel Menschen mobilisiert, dass als einen Erfolg zu werten, ist schon dreist. Es wurde nicht weniger mit dem PKW gefahren, es wurden Steuergelder verschleudert.

Reinhard Hoffmann
1 Monat her

Ich halte das 9€ Ticket ebenso wie alle anderen hoch Subventionierten für eine Schnapsidee, mit der in wenigen Wochen Milliarden verplempert werden, die besser nachhaltig investiert wären. Wie wäre es z.B. mit sauberen, pünktlichen Zügen. Außerdem sollten die Hochwasser geschädigten Linien schnellst möglich wieder in Betrieb gehen. An Hand von Einkommens Steuererklärungen sollte (anonymisiert) ein Lastenheft erstellt werden, wer wo wohnt und wo arbeitet entsprechend könnten mancherorts stillgelegte Strecken wieder in Betrieb genommen werden.

Don Didi
1 Monat her

Der totale Irrsinn. Da werden Milliarden Steuergelder arbeitender Bürger verschwendet, um denen, die nicht arbeiten Spaßfahrten nach Sylt und Co. zu finanzieren, die sie ohne Steuergelder nie unternommen hätten. Statt über ein Nachfolgeticket zu sinnieren, sollte der Fahrpreis für sämtliche öffentliche Verkehrsmittel kostendeckend kalkuliert werden, optimalerweise sogar zeitlich gestaffelt. Wer nachts um 4 alleine mit einem 18m Gelenkbus, angetrieben von einem 10-16l Diesel mit einem Verbrauch von an die 30l/100km von der Kneipe nach Hause fährt, möchte das bitte auch bezahlen, statt die Kosten auf die arbeitende Bevölkerung abzuwälzen. Sinnvoller (finanziell, verkehrstechnisch, ökologisch, sicherheitstechnisch, gesundheitlich, zeitlich etc.) wäre es ohnehin,… Mehr

Lurch
1 Monat her

Das Absurde ist ja, dass sich die Preise bei der Bahn offenbar nicht nach der gefahrenen Strecke, sondern nach passierten Landkreisen bzw. Bundesländern richten. Beispiel: Ich lebe in der Nähe der Grenze zweier Bundesländer. Die nächste größere Stadt liegt nur 20km entfernt, allerdings schon im anderen Bundesland. Eine Tageskarte kostet in diesem Fall lächerlich hohe 20€. Für den selben Preis kann ich allerdings auch in die nächstgrößere Stadt „auf meiner Seite“ fahren. Das sind dann 90km Strecke, wie gesagt zum selben Preis, ebenfalls Tageskarte.

H. Priess
1 Monat her

Ich habe das 9Euroticket auch genutzt. Schon im Frühjahr hatte ich einige Reisen geplant und wenn es paßte nutzte ich das Ticket. Stralsund-Bielefeld, Stralsund-Meerane, Stralsund-Prag, Stralsund-Budapest. Wo es komfortabler war nahm ich lieber IC oder ICE. Was ich allerdings auf diesen Fahrten erlebt habe hat nicht unbedingt mit dem Billigticket zu tun sondern war einfach der völligen Überlastung der DB und deren Personal geschuldet. Dieses widerum tat mir oft leid, was die sich anhören mußten von Leuten die sich als „Ich bin der Fahrgast“! aufführten war oft mehr als peinlich, diesen Leuten natürlich nicht. Dazu die Radfahrer mit Gepäck an… Mehr

Renz
1 Monat her

Egal was das Ticket kosten wird – auch wenn es umsonst ist – mich lockt seit meinem Studium nichts mehr in solch einen 5A Container(Arme, Alte, Auszubildende, Asoziale, Ausländer) . Das ändert sich vielleicht, wenn ich aus Altersgründen nicht mehr Fahren will. Aber die zustände in einem Zug sind unterirdisch. Und die Gleise und das Wackeln im Zug sind Gift für meine Rückenschmerzen. Lieber Taxi und Flug.

Fenris
1 Monat her

Ich bin froh, wenn das 9-Euro-Ticket ausläuft. Jeden Tag zum Teil sehr lange Verspätungen. Die Abteile sind stets überfüllt. Am Wochenende geht zum Teil gar nichts mehr. Da werden die Reisenden am Bahnhof stehen gelassen, weil keiner mehr reinpasst. Züge werden komplett gestrichen oder halten nicht mehr an allen Haltestellen! Das ist super, wenn man am Bahnsteg steht und der Zug, in den man einsteigen wollte, einfach an einem vorbeirast.

C-H. H.
1 Monat her

Meiner Meinung nach war das schlicht und ergreifend Verschwendung von Steuergeldern, die woanders erheblich dringender gebraucht werden, und diejenigen, die die Steuern erwirtschaften, hatten, außer der Geldersparniss, sollten sie ein reguläres Aboticket ihr eigen nennen, nichts außer Ärger damit.

tane
1 Monat her

Was vergessen wird: Irgendjemand zahlt die Differenz. Damit insgesamt 52 Mill. Fahrgäste 9 Euro-Tickets geniessen können, gibt es einen 2,5 Milliarden-Zuschuß aus Steuermitteln. Also pro Bürger vom Säugling bis zur Uroma 30€, für jeden Arbeitnehmer das doppelte, pro Nettosteuerzahler ca.147 €.
Ist das gerecht ? Autoverkehr hat kaum messbar abgenommen. Wohltaten verteilen ist populär, aber bei jeder umverteilten Milliarde sollte auch daran gedacht werden, wo diese ab genommen wird.
Übrigens sind 30/14 Cent 3 monatiger Kraftstoffrabatt nur der kurzfristige Verzicht auf ÜBERSTEUER, denn die Hälfte der Preissteigerung beim Kraftstoff sind Steuern und Abgaben.

usalloch
1 Monat her

Vom Auto auf die Bahn und wieder zurück. Wer ist denn so verrückt sich in einen voll beladenen, unpünktlichen Zug zu stellen, demnächst noch in einen kalten mit Bakterien beladenen, wenn er es in seinem Auto bequemer haben kann.. Zudem gibt es auch Fahrgemeinschaften. Das ganze Gerede der Politiker, dient im Grunde nur zur Vertuschung ihrer skandalösen Verkehrspolitik. Andere Länder haben in den letzten Jahren nicht viel geschwätzt, sondern zig Brücken und Tunnels gebaut. Und wer glaubt das E-Bike sei generell eine preislich günstige Alternative, der wird schon bald in Form von Steuern, eines anderen belehrt.