Moria: Die Deutschen überbieten sich gegenseitig – Europa hält die Füße still

Die Deutschen zelebrieren ihren Tugendstolz in einem absurden Wettbewerb der Aufnahmeforderungen. Währenddessen zeigt ein Blick in europäische Zeitungen: Moria und die dortigen Migranten interessieren außerhalb Deutschlands nicht besonders.

imago images / Willi Schewski

Eine seltsamer Überbietungswettbewerb ist da in Deutschland im Gange. Die Bundesregierung hat bislang nur 150 Minderjährige geboten. Viel zu wenig, tönt Claudia Roth und attestiert Seehofer „Totalversagen“. Der Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, eigentlich gar nicht zuständig, fordert 2000, Norbert Röttgen und Co erhöhen auf 5000, SPD-Chefin Saskia Esken kleckert nicht, sondern klotzt: Sie will eine „hohe vierstellige Zahl“ an Migranten aus Griechenland nach Deutschland holen.

Die Medien nehmen jedes neue Gebot eifrig auf, berichten unisono über jede neue Zahl. „Sind 150 Moria-Flüchtlinge genug für Deutschland?“ fragt die Bild-Zeitung Markus Söder, und die Antwort ist klar. Nein, natürlich nicht. Söder, auch er als Ministerpräsident gar nicht zuständig für außenpolitische Angelegenheiten, legt also nochmal nach: „substanziell mehr“. Das passt immer.

Am Ende wird erst Ruhe sein, so kann man wohl prognostizieren, wenn Angela Merkel – wie immer – ihr machtvolles Schlusswort sprechen wird. Und da sie gerade vor der Erfüllung ihres langjährigen Wunschtraumes einer schwarz-grünen Koalition auf allen Ebenen steht, kann man sich schon denken, wie es ausfällt. Womöglich sucht sie nur noch nach einer Sprachregelung, wie man die alleindeutsche Aufnahme fast aller Moria-Migranten mit der Phrase von der „europäischen Lösung“ vereinbaren kann. Jedenfalls will sie, so weiß Bild, „die Aufnahme von weiteren Flüchtlingen nach Deutschland, in jedem Fall Hunderte Kinder mit ihren Eltern, womöglich sogar tausende“ ermöglichen.

Denn eigentlich hat sich in den deutschen Leitmedien und dem Rest des Berliner Betriebes längst die Deutung durchgesetzt: Deutschland muss aufnehmen, weil die europäische Asylpolitik versagt hat. Unausgesprochen gehört dazu die Deutungsvorgabe: Weil Staaten wie Griechenland und andere zu sehr auf Abschreckung setzen, oder jedenfalls Armutszuwanderer nicht willkommen heißen. Der Tagesspiegel verstieg sich sogar zu einem Lob der Brandstifter: „Recht so, zerstört die Camps!“     

Es ist interessant zu vergleichen, wie groß die mediale Aufmerksamkeit für Moria in deutschen Zeitungen ist – und wie gering sie etwa in den großen Zeitungen Frankreichs und anderer EU-Länder ist. In Le Monde etwa, so was wie die Süddeutsche oder tägliche Zeit in Frankreich, findet sich auf der aktuellen Homepage (abgerufen am 14. September 11.05 Uhr) kein einziger Artikel über Lesbos, Moria oder die Frage, wieviele Migranten von dort nach Frankreich kommen sollen. Der letzte Artikel, der das Suchwort Moria enthält, erschien am 11. September, der vorletzte am 9. September, und in dem ging es um Deutschlands Aufnahmebereitschaft. Im etwas konservativeren Figaro ein ähnliches Bild. Beide Zeitungen interessieren sich mehr für den griechisch-türkischen Territorialstreit im östlichen Mittelmeer. Ein Blick auf den niederländischen Telegraaf zeigt dasselbe Bild. Nichts ist von Forderungen niederländischer Politiker nach Aufnahme von Migranten zu lesen, auch kein Kommentar in diesem Sinne, stattdessen ein Bericht über Seehofers Ankündigungen aus Deutschland. Auch der britische Guardian, die Postille aller rechtschaffen linksliberalen, EU- und einwanderungsfreundlichen Briten, interessiert sich überhaupt nicht für Moria. 

Fazit, außerhalb Deutschlands ist das Thema anscheinend schon abgehakt. Die Deutschen haben es schließlich übernommen. Das Empfinden, zuständig zu sein, wenn irgendwo auf der Welt Missstände herrschen, ist offenbar auch in Europa sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Deutschen jedenfalls fühlen sich unmittelbar zuständig für die Migranten auf Lesbos. Die anderen Europäer nicht, oder jedenfalls nur in sehr viel geringerem Maße. Sie halten, salopp gesagt, die Füße still und schweigen. So wie man es eben tut, wenn ein anderer sich darum reißt, einen Job zu erledigen, der viel Mühe macht und nichts einbringt. 

Warum tun es dann die Deutschen? Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet sich ein Wort, das kaum in andere Sprachen übersetzbar, jedenfalls sehr deutsch ist: „Tugendstolz“. Christian Fürchtegott Gellert, ein im 18. Jahrhundert viel gelesener, heute fast vergessener Philosoph und Dichter, hat es laut Gebrüder Grimm als erster verwandt. Der Stolz, so schrieb er in seinen moralischen Vorlesungen, „entspringt oft auf dem Grunde und Boden der eifrigsten Tugend, und wir fangen an, auf den frömmsten Gedanken, auf den heiligsten Sieg über eine böse Leidenschaft, auf den besten Dienst, den wir der Welt geleistet, insgeheim stolz zu werden, und diese Geschöpfe der Tugend in Götter unseres Herzens zu verwandeln, und uns in ihnen anzubeten. … Lassen Sie uns insonderheit auf diesen Tugendstolz Acht haben. Wer zugrunde gehen will, dieses gilt auch von der Tugend, der wird zuvor stolz.“ (Hervorhebung im Original)

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Kommentare ( 440 )

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440 Kommentare auf "Moria: Die Deutschen überbieten sich gegenseitig – Europa hält die Füße still"

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Ja, der Deutsche kann nicht normal: er muss entweder die Welt erobern, die Welt belehren oder die Welt retten. Darunter macht es dieser hoch neurotische Narziss einfach nicht. Und die Klarsichtigen baden es dann aus. In Hamburg schreit man nach 500 Flüchtlingen – natürlich um sie dann in SPD-nahen Institutionen unterzubringen und öffentliche Gelder abzugreifen – und verkündigt gleichzeitig ein Rekordminus in den öffentlichen Kassen. Und es werden wieder Menschen mit Teddys, Keksen und Wasserflaschen am Bahnhof auf die Neuankömmlinge warten und sich in ihrem Bessersein und ihrer Hypermoral suhlen.

Aktuell auf NZZ: „Der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) hielt sich am Dienstag in Griechenland auf, um für die Überstellung der Flüchtlinge nach Deutschland zu werben. Berlin und andere Städte und Kommunen hätten die Kapazitäten dafür, sagte er.“

Mal sehen, wann wir von der ersten Straftat eines Morianers lesen… ich schätze mal in 6 Monaten, spätestens – und auch sich darüber aufzuregen, wird dann wieder ganz doll „Nazi“ sein…
Ist dieses ostinate Helfersyndrom der Gerneguten in unserer besten Regierung aller Zeiten eigentlich heilbar?

Letzten Samstag auf dem Marktplatz unserer Kreisstadt: Kundgebung der „Seebrücke“. Zum Großteil Frauen, Mädchen, einige junge Rastalocken-Menschlein. Alle zeigen sich in ihren vielen gleichförmigen Redebeiträgen „bestürzt, beschämt, verantwortlich, wir müssen usw, usw….
Applaus gibt es vom den umstehenden Zuhörern und ich frage meinen Mann, wieviel Migranten jeder einzelne von denen bei sich zu Hause wohl aufnimmt…

Ihr Kommentar passt zum obigen Bild und ich frage mich schon lange, warum immer Minimum 80% der Protestierenden/Fordernden weiblichen Geschlechts sind (ich hoffe Sie nehmen mir diese Feststellung nicht übel), was bei einem Bevölkerungsanteil von knapp über 50% doch etwas ungewöhnlich ist.
Ich würde sogar sagen der Protest bzw. die Kampagne ist eindeutig weiblich (ok ein paar alt 68’er Pensionisten und Schüler die vermutlich hauptsächlich den Mädels gefallen wollen sind auch mal dabei), meine Frau sieht das übrigens genauso, und ich/wir fragen uns schon ganz lange, auch in Diskussionen am Arbeitsplatz etc., warum das eigentlich so ist.

So lange es nicht an den eigenen Geldbeutel geht, waren die grün-/linken Gutmenschen schon immer seeeehr großzügig. Wenn’s dann aber ernst wird – ich denke da an die Bürgschaften für die erste Migrantenwelle – gibt man die Verantwortung liebend gerne an die Steuerzahlenden dieses Landes ab.
Die Parole „Wir haben Platz“ bezieht sich wohl eher auf zahlreiche Leerstellen im Kopf, da wo klar denkende Menschen Hirn haben …

Man fragt sich, warum sich Deutschland so gewandelt hat. OK: Deutschland hat vor etwa 80 Jahren 6 Millionen Juden auf unmenschliche Weise vergast oder anderweitig umgebracht. Dafür soll es jetzt eine Wiedergutmachung geben. Deutschland bemüht sich um die Weltmeisterschaft in Humanismus. Die Frage ist, ob man das bis zur Selbstzerstörung treiben darf. Auch wenn immer von einer europäischen Lösung die Rede ist. Die meisten europäischen Staaten werden den deutschen Unfug nicht mitmachen. Von Solidarität und Sozialismus kann man nicht leben. Unter Umständen kommt eine Beherrschung Deutschland durch den Islam (Einwanderung, Familiennachzug, Reproduktion) vor dem Untergang der Welt durch die Erderwärmung.… Mehr

1500 Migranten – sprich mindestens 500 Kinder plus a ein Elternpaar. Denn „alleinreisend“ sind die wenigsten – die Eltern warten berechnend im Hintergrund.

Damit übertritt Deutschland Resteuropa wieder mal bei Weitem und die weltweite Nachricht kann nur lauten: Richtet Euch an Deutschland, fackelt Eure Lager ab, dort ist das Paradies, welches früher oder später auf jeden wartet

In Libyen sitzen zur Zeit ca. 1 Million Migranten fest. Viele sehnen sich nach einem schönen Leben in Europa und in der BRD. Die humantäre Lage soll in den Lagern Libyens katastrophal sein: https://foreignpolicy.com/2019/10/10/libya-migrants-un-iom-refugees-die-detention-center-civil-war/ https://www.unhcr.org/libya.html Was soll man den Migranten in Libyen jetzt vorschlagen ? Alle nach Moria auf Lesbos verlegen, damit sie dort eine bessere Chance auf eine Überfahrt in die BRD bekommen oder gleich die Lager in Libyen abfackeln und auflösen lassen ? Die Chance von Libyen in die BRD zu kommen, soll im Moment sehr gering sein. Mein Vorschlag wäre da eher ein direkter Fährdienst von Libyen… Mehr

„Was soll man den Migranten in Libyen jetzt vorschlagen ?“

Ganz einfach: Geht heim.

Die anderen wollen das nicht und können in der EU nichts machen, da die linksgrüne Kanzlerin alles blockiert und hier alles kaputt machen will. Man sollte wirklich alle kommen lassen. Folge wird sein, dass sich die anderen Staaten aus der EU verabschieden, da Deutschland ohne Kreditwürdigkeit nicht mehr interessant ist. Die Industrie, ich meine die, die noch Geld verdient wird weiter auswandern und mit ihr die Leistungsbereiten dieser Republik. Sollen die Freitagshüpfer doch dann den BiBaButzemann tanzen mit ihren Schutzbefohlenen! Ich bin sowieso weg und komme ja nur noch ab und zu vorbei. Die Lust für das ab und zu… Mehr

„Die humanitäre Lage soll in den Lagern Libyens katastrophal sein“
Libyen? Ist das ein deutsche Buntesland?
Oder warum kümmert sich die in Deutschland nur für Deutschland zuständige Regierung darum?

Brennen diese Lager schon? Es sollte rechtzeitig damit angefangen werden, damit der ganze Kladderadatsch auf einmal erledigt werden kann, damit wir uns mal um unsere Probleme kümmern.
Ach so, Terminschwierigkeiten,
der Termin wurde mit den deutschen NGO’s noch nicht festgemacht.

Die „Gruppe-Merkel“ arbeitet fleissig am Import von Fluchtursachen nach Deutschland.

Nein, Herr Knauss, es sind m.E. nicht die Deutschen, die die Brandstifter nach DE holen wollen. Das will vor allem eine kleine Clique, die wie die Spinne mit ihrem Netz die Politiker und Medien umspannt. Deswegen brauchen wir für unsere – wie die letzten Jahre mit ihren zahlreichen Rechtsbrüchen seitens der Regierung gezeigt haben -, nur unvollkommene Demokratie dringend Volksabstimmungen als absolut notwendiges Korrektiv. Es geht doch nicht, dass nur eine kleine Minderheit dermaßen wichtige Entscheidungen trifft, die unsere und unserer Kinder Zukunft entscheidend (und m.E. sehr negativ) beeinflussen werden. Ist das demokratisch, dermaßen krass gegen den Willen des Souveräns… Mehr

Ja, die großen Moralisten und Menschenfreunde, allen voran Kanzlerin Merkel. Aber, es ist dennoch ein Trick. Man kann zwar Flüchtlinge aufnehmen wollen und dies vollmündig verkünden. Aber die Griechen lassen keine Migranten aus Moria nach Westeuropa. Wegen Brandstiftung. Gut so. Denn solche Erpressung darf nicht Schule machen. Also sind es Krokodilstränen, die die Bundesregierung vergießt. Sie weiß selbstverständlich, dass sie keine Flüchtlinge aus Moria bekommen wird. Da kann man freilich das Maul groß aufreißen. Es ist wie immer: Wir haben Berufsheuchler in der Regierung.