Auf Plakaten steht „Merz an die Front“. Während der Bund 18-Jährige mit Pflichtfragen und ab 2027 mit Musterung erfassen will, marschieren Schüler dagegen auf. Bei „Fridays for Future" noch politmedial hofiert, legt sich eine junge Linke nun direkt mit der Regierungsn und den Hauptstadtmedien an.
picture alliance / Anadolu | Halil Sagirkaya
Berlin, Potsdamer Platz. Wieder Pappschilder, wieder Megafone, wieder Jugendliche, die ihrem Unmut Luft machen. „Warum wir und nicht ihr“, „Merz an die Front“ und „Friedrich Merz, leck meine Eier!“. Dazu Trommeln, Antifa-Fahne, Gewerkschaftslogo, ein paar palästinensische Fahnen am Rand. Wer genau hinschaut, erkennt eine überschneidende Klientel zu der von Fridays for Future. Jung, links, antiimperialistisch, Pro Palestine, Pali-Tücher, „Problem-Ponys“. Obwohl die Schnittmenge überdeutlich ist, gelten die Anti-Wehrpflicht-Demos interessanterweise als deutlich weniger wert.
Gute Demos, schlechte Demos
Bei Fridays for Future überschlugen sich Politik und Medien vor Begeisterung. Der Schulstreik war plötzlich kein Schwänzen mehr, sondern „Engagement“. Protagonisten wurden hofiert, herumgereicht, Talkshow-Türen standen offen, Preisverleihungen winkten, Minister überschlugen sich und lobten das „wichtige Signal“. Schulen und Lehrer förderten das Engagement oder standen selbst mit ihren Schülern in der ersten Reihe und winkte mit den Fahnen, damit sie in 68er-Feelings zusammen mit der Jugend die Welt retten.
Und jetzt das. Dieselbe Methode, dieselbe Altersgruppe, dasselbe Milieu. Nur das Thema ist aus politmedialer Sicht das falsche. Statt Klima geht es um Wehrdienst, Musterung, am Ende um die Frage, ob der Staat sich wieder Zugriff auf Jahrgänge organisiert. Da setzt sofort das andere Drehbuch ein: Schulpflicht, Konsequenzen, Sanktionen, Warnungen. Die Berliner Zeitung brachte es auf den Punkt: „Fürs Klima gerne, aber bitte nicht gegen den Wehrdienst“, verbunden mit dem Hinweis, dass in Medien vor dem „Verletzen der Schulpflicht“ gewarnt werde. Genau dort liegt der Nerv.
Der aktuelle Protest richtet sich gegen den neuen Wehrdienst, der offiziell freiwillig daherkommt, aber mit einem Pflichtkern beginnt. Junge Männer ab Jahrgang 2008 müssen einen Fragebogen ausfüllen. Ab Juli 2027 soll die Musterung für junge Männer verpflichtend eingeführt werden, stufenweise nach Kapazitäten. Und wenn die Zwischenziele verfehlt werden oder die Sicherheitslage es verlangt, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht aktivieren, notfalls entscheidet das Los, wer aus einem männlichen Jahrgang eingezogen wird. Das ist der Punkt, an dem „freiwillig“ zur Beruhigungsformel wird.
Kein Wunder, dass viele das als übergriffig empfinden. Auf der Bühne in Berlin ruft eine Rednerin: „Wir haben keinen Bock, im Schützengraben zu sterben.“ Andere fordern Geld für Bildung und Jugendeinrichtungen statt Aufrüstung. In den Resolutionen der Organisatoren taucht sogar die Deutung auf, die Wehrpflicht sei Teil eines Machtkampfs um „Märkte, Ressourcen und Handelswege“. Das ist ideologisch, ja. Es ist antiimperialistisch, wie es auch die junge welt mit dem Duktus „klassenkämpferisch“ beschreibt. Aber es ist dieselbe linksgrün geprägte Protestkultur, die beim Klima als moralische Avantgarde galt.
Zwischen Antifa- und Regenbogen-Fahnen und selbstgebastelten „Das ist Berlin, nicht Panem“-Plakaten skandieren Jugendliche wie auch ältere begleitende Demonstranten ein „Friedrich Merz, leck meine Eier“ – obwohl die Polizei das doch eben noch untersagt hatte. Was diese U16-Jugendlichen wohl anstimmen werden, wenn’s an Social Media Verbot gehen wird? Man darf gespannt sein.
Nur diesmal läuft die Empörung in die falsche Richtung. Wer beim Klima den Unterricht verließ, war mutig. Wer beim Wehrdienst den Unterricht verlässt, ist plötzlich verantwortungslos. Der Mechanismus lässt sich inzwischen bis ins Konkrete verfolgen. Aus der Protestszene werden Berichte über Versuche genannt, Jugendliche vom Demonstrieren abzuhalten: Attestpflicht für den Tag, zugeschlossene Türen, Taschenkontrollen gegen Flugblätter, Genehmigungen erst nach dem Unterricht. Selbst wenn nicht jede Einzelschilderung überall stimmt, das Muster ist offensichtlich: Beim Klima öffnet man Türen. Beim Wehrdienst schließt man sie. Und wenn das nicht reicht, droht man.
Die Berliner Zeitung hatte diese Doppelstandards exakt beschrieben. Im Vorfeld des ersten Streiks gegen Wehrdienst wurde über Sanktionen bis hin zu Schulverweisen gesprochen. Wer damals die Schule fürs Klima verließ, bekam in vielen Debatten Applaus. Wer die Schule verlässt, um gegen Wehrdienstmodelle zu protestieren, hört plötzlich das harte Wort „Konsequenzen“. Gleichzeitig forderten Schülervertreter sogar Freistellungen, weil es um eine Entscheidung geht, die ihre Zukunft betrifft. Bei Klima war das moralisch selbstverständlich. Hier wird es als Zumutung behandelt.
Natürlich spielt auch die politische Nützlichkeit eine konkrete Rolle. Klimastreiks passten jahrelang in die Erzählung von Transformation, Degrowth, Verzicht und Umverteilung. Seit Klima nicht mehr läuft, Leitfiguren wie Greta Thunberg neue Geschäftsmodelle wie Pro Palestine erschließen und Flotillas besteigen und die Wirtschaft des Landes am Boden kraucht, ist hier auch kein Blumentopf mehr zu gewinnen.
Wehrdienstproteste wollen aber nun partout nicht in die derzeit liebste Erzählung der politmedialen Oberen von „Kriegstüchtigkeit“, Zeitenwende und Aufrüstung passen. Also dreht sich die Bewertung um, ohne dass sich die Methode geändert hätte.
Ziviler Ungehorsam ist nur dann edel, wenn er die richtige Richtung hat
Die Ironie ist bitter: Gerade dieses Milieu, das heute für Gaza und gegen Wehrdienst auf die Straße geht, war gestern die Wunschjugend vieler Redaktionen. Links, internationalistisch, antiimperialistisch, oft mit einem reflexhaften Misstrauen gegenüber „dem Westen“ und einer schnellen Bereitschaft, Medien wie Springer als Feindbild zu markieren.
In Berlin gingen beim Vorbeimarsch am Springer Hochhaus massenhaft Mittelfinger hoch. Und doch sollen genau diese Jugendlichen sich nun wieder brav im Klassenraum einsperren, wenn sie gegen staatliche Zugriffsinstrumente demonstrieren.
Wer das für eine Randposse hält, unterschätzt den Schaden. Ein Staat, der junge Menschen erst moralisch zum Streik erzieht und dann selektiv bestraft, sieht sich bald mit den Trümmern dieser Handlung konfrontiert. Und wer gleichzeitig mit Pflichtfragebogen, Musterung und Loslogik hantiert, muss sich nicht wundern, wenn Gerüchte über Ausweichstrategien kursieren und der Widerspruch weiter anwächst. Die Frage ist längst nicht mehr, ob diese Jugend politisiert ist. Sie ist es. Nur laufen sie jetzt mal gegen die Interessen und Vorhaben der Politoberen. Eine neue Erfahrung. Und das Echo darauf ist ein gänzlich anders.

Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Ich wüßte auch nicht, aus welchen Gründen ich für Leute wie Merz oder Klingbeil meinen Kopf hinhalten sollte. Sonst haben die nichts besseres zu tun, als Deutschland zu schaden, Millionen Fremde hereinzulassen und die Existenz von Grenzen zu leugnen. Aber dann die deutsche Jugend zu Drohnenfutter verarbeiten wollen. Niemals.
Wie viel Geld haben die linken NGOs für diese Demo springen lassen?
Bin mal gespannt, ob die deutsche Jugend sich an der Ostfront verheizen lassen wird.
Immerhin wurde der traditionelle Familienverband aufgelöst und man erzählte uns, dass die Menschen sich dadurch gegen Übergriffe der Obrigkeit besser wehren können.
Ich habe da so meine Zweifel. Aber ich lasse mich gerne überraschen.
Eine Desertion ins Ausland wäre ja schon ein Fortschritt. Die Jungs aus der Ukraine haben es vorgemacht.
Nur müssten unsere Jungs Europa vollständig den Rücken zukehren und niemehr zurückkommen.
Eine schwere Entscheidung.
Richtig, ihr jungen Leute habt recht. Lasst Euch von den Kriegstreibern Strack-Zimmermann, Kiesewetter, unserem Lügenkanzler und den vielen „Grünen“ und Co. nicht verarschen. Lasst die Maulhelden selber hingehen und verweigert Euch…
„Ziviler Ungehorsam ist nur dann edel, wenn er die richtige Richtung hat“ – ok, das ist jetzt nichts Neues. Ein anderer Punkt ist natürlich, dass Demonstrationen für das Klima so schön im Abstrakten geblieben sind. Klimawandel – nichts Genaues weiß man nicht. Aber Wehrpflicht? Da geht es dann schon um konkretes, sprich um die reale Störung des eigenen Wohlbefindens durch eine Musterung und eventuelle Einberufung. Eine Zumutung! Generation Schneeflöckchen empört sich. Hoffentlich führt das jetzt nicht zu einer Revolution…
Gegen Wehrpflicht? Why not?. Oder soll wieder gelten wie 1914: ein Tritt gegen den Brit´, ein Stoß gegen den Franzos´, ein Schuss gegen der Russ?. Echt jetzt? Die erzählten Erfahrungen und Erinnerungen meiner Großmutter, die den Kaiser, zwei Weltkriege ,Hungersnöte, zwei Währungsreformen (eher 3-4 wegen den heißen Währungsreformen WW1 und WW2) und sehr kalte Winter noch richtig erlebte, werde ich bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen und sie sind bereits an meine Nachfahren weitergegeben worden. Bedenke; wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt die alten Fehler zu wiederholen. Bedenke gut was du dir wünschst, Es könnte erfüllt werden.
Wenn sie nicht zum Dienstantritt erscheinen wollen können sie sich ja auf der Strasse festkleben, die Militärpolizei kommt dann und regelt das Problem.
Was bitte ist daran „ideologisch“? Glaubt denn wirklich noch irgendjemand, am Hindukusch und in Afghanistan wäre die deutsche Freiheit von der Bundeswehr verteidigt worden? Oder dass dies in der Ukraine oder im Iran der Fall wäre? Und genau um sich in diesen Regionen an den militärischen Interventionen der USA beteiligen zu können, soll ja die Wehrpflicht wieder eingeführt werden.
Dieses Land ist total schizophren: genauso wenig wie man einen Sozialstaat bei offenen Grenzen haben kann oder eine Industrienation mit Windmühlen Energie, oder ausreichend Wohnraum, wenn man jedes Jahr eine Großstadt einströmen läßt, oder ausreichend Gewerbesteuer, wenn man das Gewerbe ruiniert, usw usw, kann man nationales Soldatentum fordern, wenn man vorher den Begriff des Nationalen zum Objekt des Verfassungsschutzes gemacht hat. Wie kann man von einer Jugend erwarten, deren Angst vor dem Hitzetod man jahrelang polit-medial befeuert hat, daß sie nun keine Angst vor dem Sterben an der Fronthaben soll? Es gibt hier nur entweder oder, Tertium non datur..
Wie zu erwarten, spricht auch aus manchen Beiträgen in diesem Forum der Haß der Älteren auf die (männliche) Jugend im allgemeinen.
Das gibt es schon seit Jahrtausenden. Die Motive können vielfältig sein: Trauer über eigene Versäumnisse, unerfüllte Hoffnungen Erinnerung an den eigenen erniedrigenden, letztlich sinnlosen Wehrdienst…Neid auf eine Zukunft (wie immer sie aussehen mag), an der man nicht mehr teilhaben wird. Nicht zu vergessen: „biologische“ Gegebenheiten.
Die Älteren sind hauptsächlich CDU-Wähler. Die würden ihre Enkel eigenhändig in den Tod hetzen, wenn es dafür eine Gratis-Bratwurst gäbe.
Locker bleiben, die paar Hanseln in Berlin sind nicht „Die Jugend“. Heute fragten mich 2 meiner Schüler in BW (wahlberechtigt ab 16) was ich denn wählen würde, ich antwortete, das verrate ich nicht (ich bin doch nicht blöd). Sie sagten daraufhin, sie würden die AfD wählen. Ist eine Demokratie, das dürft ihr, meinte ich nur.
Ich bin jetzt weder für noch gegen Wehrpflicht, bin dann aber für ein Modell wie in Israel wo Männer und Frauen dienen ohne Wenn und Aber und da sollte es keine „Ich bin Pazifist“ Ausrede geben. So lange man nicht körperlich behindert ist sollte man Dienst leisten.
Die Frage ist nur: WOFÜR??? Ich stehe hinter jeden Jugendlichen, der sich nicht für dieses Siedlungsgebiet totschießen lassen will. Dieses Siedlungsgebiet, vormals Deutschland, hat nichts für seine Bürger übrig. Die ganze Politik ist gegen Deutschland gerichtet. Und dass sollen junge Leute mit ihrem Leben bezahlen? Kriegstreiberpolitik? Schon eine Jahreszahl für einen Krieg gegen Russland festsetzend? Das ganze Land geht kaputt. Wer sollte sich für ein Land einsetzen, was sich mit Lust deindustrialisiert, die Schulbildung herabgesetzt hat, den Islam in das Ende der Weisheit kriecht, was keine Rohstoffe hat und technologiefeindlich ist? Wer würde sich solch eine Rute ans Bein binden… Mehr
…vor allem in einem Siedlungsgebiet, welches den Angehörigen eines Todeskults in der Muttersprache erklärt, wie sie den Staat anschmieren können. Wo sind denn die flyer auf arabisch mit Werbung für den Wehrdienst?
Eine Generation die es wirklich hart trifft. Erst ein paar Wochen schulfrei wegen Corona, und nun noch 6 Monate Wehrdienst, der auch noch super bezahlt wird. Ich musste ganze 18 Monate zum Bund und mein Wehrsold betrug im Monat 135 DM.
Und wofür sollen die Jugendliche ihr Fell zu Markte tragen?
Mit 6 Monaten wären die doch heute noch mehr wehrloses Kanonenfutter als wir damals. Bei Zwangsdienst ist ohnehin keine Top-Leistung zu erwarten, zumal die Fitness im Schnitt heute weiter schlechter ist. Das Personal für die Polizei wird ja auch nicht ausgewürfelt. Also Berufsarmee, sonst kann man es gleich lassen.