„Echtheit“ entscheidet Wahl im Saarland für die neue Ministerpräsidentin Rehlinger

Anke Rehlinger wird neue Ministerpräsidentin im Saarland. Die Sozialdemokratin hat die Wahl vor allem dank herausragender persönlicher Werte entschieden. Sie passt zum Land besser als ihr Vorgänger Tobias Hans (CDU).

IMAGO / BeckerBredel

Fans von Heldenfilmen wie Rocky kennen das: Bevor der Held den großen Triumph feiert, muss er erst tüchtig zu Boden gehen. In der Anke-Rehlinger-Story gibt es diese Momente zuhauf. Erst im Januar gibt die Katholikin die Trennung von ihrem Mann bekannt. Das Land hat die höchste Katholiken-Quote in Deutschland. Das hätte durchaus ein Faktor sein können, wird es aber nicht. Dann infiziert sich Rehlinger mit dem Corona-Virus, muss in Quarantäne und schickt stattdessen einen Pappaufsteller auf Wahlkampftour.

Erdrutsch an der Saar
Saarland: Anke Rehlinger (SPD) löst Merkelianer Tobias Hans (CDU) als Ministerpräsidenten ab
Doch die ehemalige Kugelstoßerin kennt diese Rückschläge. 2017 sah Rehlinger schon mal für wenige Wochen wie die künftige Ministerpräsidentin aus. Der „Schulz-Zug“ sollte sie in die Staatskanzlei bringen. Doch dann kamen Debatten darüber auf, ob die SPD auf eine rot-rot-grüne Koalition setzen soll. Für die Menschen im Saarland ein Warnsignal: Sie erlebten vor Ort, wie sich über Jahre der Linken-Gründer Oskar Lafontaine mit anderen Genossen an der Saar zoffte. Vor wenigen Wochen trat er im Streit aus, rief dazu auf, die Linken nicht zu wählen und wenigstens darin folgten ihm über 97 Prozent der Wähler.

Rehlinger hat daraus gelernt: Trotz guter Umfragen blieb sie bescheiden. Mit politischen Experimenten a la R2G drohte sie dem konservativen Wahlvolk an der Saar nicht. Die sind älter als im Bundesschnitt. Und gerade bei den Älteren punktete Rehlinger. Über 20 Prozentpunkte legte die SPD bei den Menschen über 70 Jahre zu. Etwa 13 Prozentpunkte Plus waren es im Landesschnitt.

Auf die Koalitionsfrage angesprochen betonte sie „Verlässlichkeit“ als wichtigsten Faktor. Ein klarer Seitenhieb gegen die Grünen. Die sind an der Saar traditionell zerstritten und skandalträchtig. Selbst am Wahlabend betont Rehlinger noch einmal, dass eine mögliche Koalition nicht „entlang eines mathematischen Ergebnisses“ gefunden werde. Sondern es müsse seitens der SPD auch bereits Vertrauen bestehen zum möglichen Partner und es müsse eine funktionierende Partei sein.

Saarland-Wahl: SPD-Triumph, CDU-Desaster
Wen sie meint, ist in dem Moment klar: Die Saar-Grünen hatten es in Folge interner Querelen nicht geschafft, zur Bundestagswahl zugelassen zu werden.
Nun wird Rehlinger voraussichtlich keinen Partner brauchen, es wird wohl für eine absolute Mehrheit reichen. Das ist Rehlingers Ergebnis. In allen Persönlichkeitswerten schneidet sie deutlich besser ab als Amtsinhaber Tobias Hans. Während die SPD im Bund bei 25 Prozent stagniert, hat Rehlinger in den Umfragen Wochen für Wochen zugelegt. Das ermöglichte ihr Hans mit seinen Fehlern. Der bisherige Klimaschützer stand plötzlich an einer Tankstelle und forderte in einem Selfievideo niedrigere Spritpreise.

Rehlinger ging im Wahlkampf den anderen Weg. Wenn Hans hektisch alte Positionen aufgab, um sich bei neuen Wählern anzudienen, betonte die ehemalige Leichtathletin Konstanz. Wenn Hans laut und schrill wurde, blieb Rehlinger bewusst leise. Auf ihren Plakaten verknüpfte sie sich selbst mit dem Attribut „echt“ – und traf einen Nerv. Als echt wurde ihr Konkurrent nie wahrgenommen: Studienabbrecher, Sohn eines Spitzenpolitikers und kampflos ans Ministerpräsidentenamt gekommen.

Rehlinger hat Jura studiert, ist Teilhaberin einer Kanzlei. Bundespolitisch wurde sie bekannt durch einen Entwurf zur Erbschaftssteuer. Sie setzt langfristig auf das Thema, das mit ihrem Amt als Wirtschaftsministerin verknüpft ist: Arbeitsplätze. Im strukturschwachen Saarland das wichtigste Thema, wie Umfragen bestätigen. Die Menschen nehmen ihr das ab. Die Wirtschaftskompetenz der SPD steigt seit der letzten Wahl von 31 auf 40 Prozent. Die CDU bricht an der Stelle ein: von 50 auf 25 Prozent. Beim Thema Arbeitsplätze ist die Tendenz ähnlich.

+++Aktuelle Zahlen+++
Vorläufiges Ergebnis im Saarland: Grüne verpassen Einzug in den Landtag - um 23 Stimmen
Rehlinger ist Identitätspolitikerin. So ist sie acht Jahre Kreisvorsitzende einer Frauen-AG. Doch Rehlinger ist auch Realpolitikerin. Das Saarland ist stärker als andere Länder industriell geprägt – und von der postindustriellen Krise betroffen. Rehlinger kämpft um den Erhalt von Zuschüssen für die Stahlindustrie und Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie.

Die Anke-Rehlinger-Story kennt viele Rocky-Momente. Von Anfang an. Als sie 1998 in die Saar-SPD eintritt, ist dort Heiko Maas der kommende Mann. Partei-Granden wie Oskar Lafontaine, Reinhard Klimmt oder Ottmar Schreiner ebnen ihm den Weg nach oben. Drei mal darf ihr Protege zur Wahl des Ministerpräsidenten antreten – drei mal verbockt er es. Dann wird Maas mit Ämtern in Berlin abgefunden.

Erst jetzt darf Rehlinger ran. Dann entgleist der Schulz-Zug. Doch Rehlinger wäre keine Kämpferin, wenn sie liegen bleiben würde. Sie lernt aus den Fehlern und macht fünf Jahre später alles richtig: Ruhig und beständig bleiben – und damit um vieles wählbarer sein als ein schriller Wendehals.

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Kommentare ( 24 )

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Juergen P. Schneider
1 Monat her

Wer den Landkreis Saarland regiert ist am Ende ziemlich egal. Rehlinger ist natürlich glaubwürdiger als das berufslose Merkel-Hänschen. Sie hat zwar laut ihrer eigenen Aussagen noch immer nicht verstanden, dass die Energiewende gescheitert ist, aber es verbietet ihr ja auch keiner, klüger zu werden. Die strukturellen Probleme des Landkreises Saarland bestehen in erster Linie darin, dass man eine alte Monostruktur aus Kohle und Stahl durch eine neue Monostruktur namens Automotive ersetzt hat. Sollte Ford-Saarlouis die Werkstore schließen, sieht es trübe aus für das „Lyoner-Land“ an der Saar. Strukturell ist das Saarland als eigenes Bundesland nicht lebensfähig. Deutschland braucht eine Reform… Mehr

rainer erich
1 Monat her

Seit „Ukraine“ bzw dem, was danach hierzulande „passierte“, allen voran durch und mit Herrn Scholz, vernehme ich ich bei dem einen oder anderen Autor auf TE eine wahrlich erstaunlichen Optimismus. Worauf sich dieser geendet, erschließt sich mir nicht im Geringsten. Nun also die Frau Rehlinger von der SPD, die sich bislang, einige Kommentatoren haben es sehr zutreffend beschrieben, nicht unbedingt als Hoffnungstraegerin einer neuen, anderen Politik gezeigt hat. Im Gegenteil. Ich schätze es grundsaetzlich, wenn man offensichtliche Erwartungen an „etwas festmachen“ kann. Davon kann hier keine Rede sein. Immerhin ist die Dame in der SPD und man kann davon ausgehen,… Mehr

ketzerlehrling
1 Monat her

Echtheit? Nur weil Rehlinger eher authentisch rüberkommt, gilt dies für ihre Partei schon lang nicht mehr, auch nicht im Saarland. Und eine Rehlinger macht noch keinen Sommer und keine Änderungen.

Hegauhenne
1 Monat her

Alle haben verloren, außer der SPD. So sieht es doch aus.
Zählt man die Nichtwähler mit, relativiert sich das nochmal.
Im Prinzip hat der Stinkfinger gewonnen, eine Klatsche für die Politikerkaste allgemein. Aber wir ernähren sie trotzdem.

Monika Medel
1 Monat her

Was ich nicht ganz verstehe ist was Rehlingers Trennung von ihrem Mann bei den katholischen Wählern für eine Rolle spielen sollte. Erstens ist eine Trennung ohne standesamtliche Wiederheirat sogar amtskirchlich kein Problem, auch kein Kündigungsgrund, nicht mal bei hinzukommendem hwG. Zudem scheren sich die allermeisten Katholiken da nicht mehr um die offizielle Lehre. Wir sind nicht mehr in den Fünfzigern, schon gemerkt? O.k. es ist Nebensache, fiel mir gerade so auf.

Sonny
1 Monat her

Ich komme aus NDS und kenne Frau Rehlinger nicht. Aufgrund den Angaben des TE-Weckers zu ihr bin ich geneigt, Frau Rehlinger eine Chance zu geben, trotz ihrer spd-Mitgliedschaft, und sie nicht gleich abzuschreiben. Endlich mal jemand auf verantwortungsvollem Posten, der einen wirklichen Beruf besitzt und auch tatsächlich in der wirklichen Welt gearbeitet hat. Großartig finde ich allerdings die Abstrafung von cdu, grüne und linke. Das ist einfach nur wohltuend und hat außerdem den wunderbaren Nebeneffekt, dass keine Koalition eingegangen werden muss. Hoffentlich bleiben die grünen draußen. Was Frau Rehlinger allerdings in Bezug auf Corona sagt, ist nach wie vor ein… Mehr

Last edited 1 Monat her by Sonny
Jack
1 Monat her

Die Wahlbeteiligung lag bei ca. 61 % (Minus 8 %) somit sind fast 40 % der Wahlberechtigten nicht wählen gegangen. Tendenz fallende, auch das hat einen Hintergrund. Man nimmt es zur Kenntnis. Gut ist, wenn es so bleibt, dass die Grünen und die FDP die 5 % nicht geschafft haben. Die Linken sind völlig abgestürzt. Die SPD feiert es als gigantischen Wahlerfolg, vergisst dabei dass die CDU daran selbst einen großen einen Anteil hat.

elly
1 Monat her

ich kann mir das Wahlergebnis nur mit einer Persönlichkeitswahl erklären. Ich will nicht glauben, dass die Wähler und besonders Wählerinnen so vergesslich sind. Immerhin war die SPD von 16 Jahren „Merkel“regierung 12 Jahre dabei und trug wirklich alle Entscheidungen mit.

N. Niklas
1 Monat her

Impfpflicht, Gendern, Feminismus, Klimapolitik und unbegrenzte Migration. Und wo ist da jetzt der politische Unterschied? Wieder die alte Bunderepublik? Von wann: von 2021? Lächerlich.

John Beaufort
1 Monat her
Antworten an  N. Niklas

Die Wähler leben mittlerweile in einer Scheinwelt. Sie ignorieren einfach das Ende des Rechtsstaats und tun so, als hätten wir 1995.

Last edited 1 Monat her by John Beaufort
ioeides
1 Monat her

Als unbelehrbare Energiewende-Befürworterin wird Frau Rehlinger das absehbare Energie-Desaster der saaarländischen Industriebasis so wie die erwartbaren Sttromausfälle ganz alleine zu vertreten haben, ohne sich mit einem Koalitionspartner herausreden zu können. Dass sie nichts verstanden hat, weiß ich aus einem persönlichen Gespräch. Aber das geht 90% ihrer Wähler ganz genauso.