Die schwarzen Schafe und das deutsche Baurecht

Dem NDR ist eine außergewöhnliche Reportage gelungen. Ein junger Unternehmer zeigt, was mit Wolle möglich ist, die sonst keiner haben will. Doch dann kommen die Behörden dazwischen...

Screenprint: Youtube/NDR Doku

Eine ungewöhnlich sehenswerte Dokumentation zeigte der Norddeutsche Rundfunk: Eine halbe Stunde über Marco Scheel, einen „Poken“ auf der Insel Rügen, und sein kleines Textilunternehmen „Nordwolle“. Er kauft die graue oder auch schwarze Wolle des Pommerschen Landschafs, die bisher kaum jemand mehr wollte, weil sie sich im Gegensatz zu weißer Wolle nicht bunt färben lässt – und macht daraus Jacken in Grautönen, wie sie auf den Schafen wachsen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in England und Wales sucht er schließlich im Wortsinne nach den schwarzen Schafen, deren Wolle kaum jemand sonst haben will. Und er findet sie.

Eine schöne, einfache Idee: Warum weiße Wolle künstlich schwarz färben, wenn es schwarze Schafe gibt? Und es ist ein Geschäft, das ganz im Sinne der Ökologie und nicht zuletzt der Sicherung heimischer, traditioneller Land- und Textilwirtschaft ist. Kleider made in Germany – gesponnen in Sachsen, gewalkt in Bayern, genäht in Thüringen und Mecklenburg.

Wer kann diesem schlagfertigen, im Wortsinne unternehmenslustigen Mann und seiner „Nordwolle“ nicht jeden Erfolg wünschen? Wer wollte ihm Steine in den Weg legen, wenn er mehr Raum zur Produktion braucht. Nun ja, schließlich kommt nach rund 20 Minuten die große Ernüchterung. Deutsche Bürokraten verhindern, dass Marco Scheel einen rund zweihundert Jahre alten Kuhstall für seine Produktion herrichtet. Sie wollen ihm einen Lotsen vermitteln für die Untiefen des Baurechts. Die Ablehnung der Renovierung des uralten Kuhstalls begründen sie mit der Verhinderung der Zersiedelung, während sie ihn zugleich überreden wollen, in einer neuen Metallhalle produzieren zu lassen.

Wie Scheel das vor laufender Kamera minutenlang kommentiert, ist nicht nur ein Bruch in der Doku und ihr überraschender Höhepunkt, sondern ein filmisches Mahnmal gegen den Wahnsinn der deutschen Bürokratie:

„Wir können nicht alle“, so Scheels Fazit, „mit ’nem MacBook und ’nem Chai Latte in Berlin in ’neuen Coworking Space sitzen und die zehnte DatingApp erfinden. Es gibt auch ein paar Leute, die was anfassen und sich die Hände schmutzig machen.“

Die ganze NDR-Doku hier:

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Kommentare ( 52 )

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52 Comments
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Arminius
1 Monat her

Kreative Unternehmer werden si lange gegängelt,
bis sie zu Unterlassern werden.

Typisch Deutsch

Jens Lueck
1 Monat her

Ich sag’s ungerne, aber ich würde das nach Osteuropa outsourcen. Z. B. Polen, das ist quasi um die Ecke und die meisten sprechen dort deutsch. Die Polen freuen sich über solche tatkräftigen und engagierten Unternehmer. Einfach in Deutschland den Laden dichtmachen und in Osteuropa Arbeitsplätze schaffen. Spart ganz nebenbei auch noch jede Menge Steuern.

steadyrollingman
1 Monat her

Da hab ich noch einen. Zu sehen auf dem Sparten-Sender DMAX. Da hat ein hier heimisch gewordener Engländer neben weiteren Erinnerungsstücken an seine Heimat in seiner Gartenkolonie einen ausgedienten Panzer stehen. Das Landratsamt meint, da der Panzer nicht fahrbereit ist, der Panzer gelte als Bauwerk und Gary brauche eine Baugenehmigung. Und nun kommen die „Steel Buddies“ aus Peterslaar ins Spiel. Sie schweißen an den Panzer einen Elektromotor, mit dem der Panzer einige Meter bewegt werden kann. So wird aus einem Bauwerk wieder ein Fahrzeug!

Severiener
1 Monat her

Das Video ist ein Spiegel des alltäglichen Wahnsinns in EU-Landen. Mein Tipp:

Mit den Füßen abstimmen und die Bude dicht machen.

Landdrost
1 Monat her

Und wer ist für den immer tieferen Paragraphen- und Vorschriftendschungel verantwortlich? Die EU-Sozialisten in den Altparteien. Dass ist bei den Bauvorschriften so, dass ist aber genauso, potenziell jeden betreffend, in der Sozialgesetzgebung. Völlig irre Regelungen die minimale Zusatzbeiträge generieren sollen. zB Krankenkasse. Anstatt endlich alle Einkünfte bis zu einer dann natürlich viel niedrigeren Beitragsbemessungsgrenze zum, am besten einheitlichen Krankenkassenbeitrag, mit Abschaffung der Trennung in gesetzliche und private Versicherung, heranzuziehen werden weiterhin nur die Einkünfte aus Arbeitseinkommen herangezogen. Mit solchen wahnwitzigen Regelungen, dass Abfindungen nicht nur im Jahr der Zahlung herangezogen werden, sondern potenziell auch die nächsten zehn Jahre, wenn man… Mehr

Johann Thiel
1 Monat her

Also, das ist doch alles nicht so schwer. Der gute Mann hat das nur falsch angefangen. Einfach das Zentrum für ökologische Wolle gegen „Rechts“ gründen. Flyer entwickeln mit dem üblichen linken blablabla, Logo drauf, dass ein bisschen an Grüne oder Antifa erinnert, irgendein blöder Slogan wie „Die Gesellschaft muss sich in die „Wolle“ kriegen“ und fertig ist die Laube. Zeichen setzen, Gesicht zeigen, Wolle zeigen, und schon läuft alles von ganz allein. Dann wird sich der Mann vor Unterstützung und Genehmigungen kaum noch retten können und kann seine Gebäude nicht nur renovieren, sondern gleich noch drei neue dazubauen. Und wenn… Mehr

binweitweg
27 Tage her
Antworten an  Johann Thiel

Sie sehen wohl nicht, daß dieser junge Mann viel zu taff ist , ideenreich und arbeitsam- und vor allem auf eine bereits lange Erwerbsbiografie zeigen kann. Schlichtweg alles keine Eigenschaften, um ihrer Idee zu folgen. Aber vielleicht sollten Sie dies mal der Rackete oder den schmuddligen Mädels aus der Liebig34 stecken- die könnten ja mit ihren Filzhaaren da einen neuen Trend begründen!

RandolfderZweite
1 Monat her

Es ist keine Inkompetenz in den Amtsstuben, es ist einfach der fehlende Hintern in der Hose! Was in den letzten Jahren an neuen Verordnungen und Gesetzen in Stein gemeißelt wurde (nicht von den Angestellten und Beamten an vorderster Front), passt schon lange nicht mehr in einen Einkaufswagen, hierzu braucht es schon einen Güterzug! Die Stimmen für eine echte Verwaltungsreform wurden nie gehört, stattdessen neue Gesetze, die den alten widersprechen und somit der Gesellschaft den Stillstand bescheren…die EU macht es uns vor! Wer hier den „Behördenmitarbeitern“ Inkompetenz vorwirft, sollte einen Schritt weiter oben anpacken und seinen Unmut an die politischen Gesetzgeber… Mehr

Freedomofspeech
1 Monat her
Antworten an  RandolfderZweite

Meine Erfahrung sieht ein wenig anders aus. In Landes- und Bundesministerien macht man als Beamter des höheren Dienstes vor allem damit auf sich aufmerksam, dem Minister/der Hausleitung neue rechtliche Regelungen vorzuschlagen. Es ist ja nicht so, dass sich Minister und Abgeordnete stets die rechtlichen Finessen ausdenken, mit denen der Staat dann die Bürger „beglückt“. Dazu fehlt es ihnen an Wissen und auch an Zeit. Idealtypisch wäre die Gesetzgebung aus den Reihen des Parlaments. Sie gibt es aber nur sehr selten. Die meisten neuen Gesetze und natürlich Verordnungen und Verwaltungsvorschriften schlägt die Ministerialbürokratie vor. Ihr Interesse ist es, sich über neue… Mehr

andreask90
1 Monat her

Kleine Anekdote: Nach der Wende war eine Kontrolleurin zuständig für die Anpassung von Schlachtereien im Osten. Eines Tages erzählte sie weinend einem Konkursverwalter, dass die Schlachtereien aufgaben, weil die Umbaukosten zu hoch waren. Wenn die von ihm betreute Schlachterei auch schließen würde, hätte sie keinen Job mehr. Es war die letzte in ihrem Zuständigkeitsbereich.
Deshalb haben wir jetzt nur noch „Tönnies“.

Wilhelm Roepke
1 Monat her

Die Redakteure des NDR sollen aufpassen, dass es ihnen nicht geht wie Herrn Maassen und ähnlichen Angehörigen des Verfassungsschutzes. Ruckzuck ist man Querdenker, Nazi oder Aluhutträger.

Metric
1 Monat her

Hoffentlich liest Herr Scheel mit: Das Problem ist, dass Behördenmitarbeiter oft die zutreffenden Gesetze gar nicht genau kennen. Mit einem Hinweis auf § 35 Abs. 4 Satz 1 Nr. 4 BauGB sollte das Problem erledigt sein.

Peter Mueller
1 Monat her
Antworten an  Metric

Ich denke auch, das könnte eigentlich möglich sein, allerdings bezieht sich dieser Abschnitt auf Abs. (2) und dort heißt es: „Sonstige Vorhaben KÖNNEN im Einzelfall zugelassen werden.“ Selbst als beruflich Betroffener maße ich mir nicht an, §35 BauGB vollständig richtig interpretieren zu können, aber: Das ist augenscheinlich eine reine Ermessensfrage. Und wenn die liebenswerten, redlichen und für die Volkswirtschaft unendlich wichtigen Verwaltungsangestellten mal wieder meinen, nicht wollen zu wollen, hat der wertschöpfende Bürger, der sie bezahlt, mal wieder Pech gehabt. Wie ich selbst mehrfach erlebt habe, ist es gerade bei Ermessensfragen des BauGB ein Riesenunterschied, ob man einfacher Steuerzahler ist… Mehr

Last edited 1 Monat her by Peter Mueller
Landdrost
1 Monat her
Antworten an  Peter Mueller

Also wieder mal tiefer Filz. Vielleicht sollte Herr Scheel da in die lokalpolitisch regierende Partei eintreten, ein paar Hände schütteln, Klinken putzen und, sehr wichtig, an die richtigen Leute die Aufträge für die Renovierung vergeben wollen, die dann wieder bei den Lokalpolitikern Druck machen, dann könnte es schnell gehen. Die Provinzfürsten wollen ja auch was zu entscheiden haben und davon profitieren. Kranke Geschichte.