Die Anschläge in der europäischen Hauptstadt Brüssel sind Teil eines Krieges gegen Europa

Die Wehrhaftigkeit der Demokratie ist offenbar schon lange kein immanenter Teil der westlichen Werteordnung mehr.

Die Terroranschläge von Brüssel erschüttern Europa und die westliche Welt. Doch nicht die Anschläge sind das Hauptthema, sondern die Politik des Westens steht auf dem Prüfstand. Die Wehrhaftigkeit der Demokratie ist offenbar schon lange kein immanenter Teil der westlichen Werteordnung mehr.

Innenminister Thomas de Maizière fühlt sich offenbar dafür zuständig und sagte gerade diesen intelligenten Satz: „Ein Zurückweichen darf es nicht geben“. Er kündigte an, „den Kampf gegen den Terrorismus hart und entschlossen zu führen“. Schon nach den Anschlägen von Paris im November 2015 hatte sich der Chor der Würdenträger der Groko auf das Lied eingesungen, dass „Wir“ mit weiteren Anschlägen nun leben müssten. Absolute Sicherheit gäbe es schließlich nicht.

Welches sind die Ursachen für solche Anschläge, verehrte Damen und Herren Machthaber in der Groko und in Europa? Gibt es überhaupt vernünftige Analysen, Einschätzungen, Think Tanks zu diesem Thema oder gibt es nur plumpe Ideen und plumpe Polizeimaßnahmen, reaktiv und Polizisten gefährdend?

Der nächste Anschlag kommt mit Sicherheit, vielleicht in Berlin. Wenn es sich um einen asymmetrischen Krieg auf europäischem Boden handelt, dann braucht man nicht de Maizièresche Redereien vom harten Durchgreifen, dann braucht man intelligente und weise Strategen. Gibt es eine Strategie in diesem „Krieg“? Nach den Anschlägen in Paris hatte Hollande erklärt: „Wir werden einen Krieg führen, der gnadenlos ist“. Haben die 28 EU-Regierungen überhaupt den Ansatz eines solchen Verteidigungsplanes für Europa, außer punktuellen Sicherheitsvorkehrungen? Wissen die europäischen Regierungen, dass sie eine Bringschuld in Sachen Gefahrenabwehr jedweder Art gegenüber ihren Bürgern haben?

Haben die europäischen Regierungen mehr zu bieten, als ihre bekannten Reflexe nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und ein jüdisches Geschäft in Paris und den Pariser Anschlägen von November letzten Jahres, nämlich sofort den Kampf gegen Rechts zu intensivieren, um zu vermeiden, dass ein Anschlag „Wasser auf die Mühlen“ der Rechten werden könnte?

Nach den Anschlägen in Paris war es in Mode gekommen zu sagen: Wir werden uns unsere westliche Lebensart nicht von Terroristen kaputt machen lassen, jetzt erst recht Minirock und Rockmusik, Café-Besuche und freies Reisen!

Ob der Anschlag in Brüssel wieder eine für den Westen schmerzliche Niederlage und ein Sieg für die Täterseite wird, das hängt von der Frage ab, ob der Westen sein Wertesystem über Minirock und Freizügigkeit hinaus überhaupt wieder erkennen und anerkennen will und zu verteidigen in der Lage ist oder ob sich der Westen mit sich selbst beschäftigt und seinem Lagerkampf frönt, nach dem jeder Anschlag, wie in Paris oder jetzt in Brüssel zwar schlimm, sogar sehr schlimm sei, aber doch sehr viel tolerabler wäre, als missbräuchliche Reaktionen irgendwelcher nebensächlicher Rechter im eigenen Land oder irgendwelcher Bürger, die in den sozialen Netzwerken Unmut oder gar, besonders schädlich, ihre Ängste artikulieren würden.

Wer ist der Feind?

Diese Frage scheint offenbar nicht so leicht zu beantworten zu sein.

Der Medienhype, der jetzt anlaufen wird, in dem es um jedes Detail des realen „Actionthrillers“, wie es leider bei solchen Ereignissen leicht inzwischen rüberkommt, geht, stellt die Weichen der Reaktion des Westens falsch.

Natürlich gibt es Informationsinteresse, wie die Terroristen vorgegangen sind, was passiert ist, und die Opfer haben einen Anspruch auf pietätvolle Berichterstattung. Aber politisch-kriegstechnisch gesehen, war noch jeder Medienhype um terroristische Anschläge kontraproduktiv: Das ist das Hauptkapital von Terroristen. Wie oft wird ihre Person, ihre Aktion, wie oft der Anschlag kommuniziert, die Clickrate ist die Währung der Terroristen.

In der Realität laufen alle Terroranschläge dieser Art nach demselben Prinzip ab. Voyeurismus ist unangebracht. Die Politiker müssen gestellt werden, wie denn ihre realistische Beurteilung des Krieges aussieht und was sie politisch, auch innenpolitisch, zur Gefahrenabwehr beitragen wollen. Nicht der Terror ist das eigentliche Thema, sondern die Politik des Westens steht auf dem Prüfstand.

Denktabus und ideologische Stereotypen, die nach jedem Terroranschlag zu hören sind, sind ein unmoralischer Schlag gegen die Opfer und gegen die Gesellschaft.

Jede Gesellschaft bekommt den Terrorismus, den sie verdient, könnte man zynisch sagen. Und deswegen steht zu befürchten, dass dieser kriegerische Terror weitergeht, solange es nicht ein Umdenken und ein tatsächliches Umsteuern in der europäischen Politik gibt, die eigenen Werte auch tatsächlich wertzuschätzen. Lagerkampf, den es angeblich nicht mehr gibt, muss nicht im Vordergrund stehen, sondern ganz und gar im Hintergrund. Es haben wieder Menschen ihr Leben verloren und viele haben schwere Verletzungen erlitten und dafür sind nicht irgendwelche Rechten verantwortlich, selbst dann nicht, wenn Einzelne die Anschläge für ihre Zwecken missbrauchen sollten. Sondern zuvörderst sind die Täter verantwortlich, aber auch diejenigen, die die Wehrhaftigkeit der Demokratien in Europa nicht ausreichend und nicht aktiv genug im Fokus ihrer Arbeit haben.

Die großen sogenannten Terrororganisationen von IS bis Al-Kaida usw. stehen nicht allein da. Sie haben Unterstützung vielfältiger Art. Amerikanische Bomben gegen den IS-Terror und neuerdings sogar Bodentruppen und der Kampf des Westens gegen Putin, gegen Rechts und neuerdings auch noch gegen Donald Trump sind offenkundig keine Allheilmittel gegen kriegerischen Terror.

P.S. 14 Uhr Dienstag 22.März 2016

In einer vorinstallierten Medienschau (Briefing) auf meinem Tab liefert die Deutsche Welle in einer Liste von ca. 50 für wichtig erachteten Artikeln diese beiden Top-Storys: Platz 1 „Gewaltsame Proteste gegen Uber in Indonesien“, Platz 2 „Explosionen“ in Brüssel verunsichern Anleger“. Genau!

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