Davos als ein Problem dieser Welt

Die Eintrittskarte kostet pro Person 19.000 Dollar. Dazu kommen die jährlichen Mitgliedsbeiträge - für die Basis-Mitgliedschaft 52.000 Dollar, die Industrie-Mitgliedschaft 137.000 Dollar, die Industrie-Partnerschaft 263.000 Dollar und die Strategische Partnerschaft 600.000 Dollar.

Inspiriert vom Kurort Davos in der Schweiz verfasste Thomas Mann seinen Roman „Der Zauberberg“. Das im Zauberberg beschriebene Sanatorium war das damalige Waldsanatorium, das heute als Waldhotel Davos firmiert, in welchem weltentrückte Gestalten eine eigenartige Faszination aus Krankheit und Intellektualität erzeugten. Der 24jährige Hamburger Kaufmannssohn Hans Castorp gewann deshalb den Eindruck, dass Krankheit den Menschen vergeistige und veredele, ihn in einer wunderlichen Art und Weise verzaubere. Und zauberhaft und wunderlich geht es auch heute noch in Davos zu, wenn jährlich das „Weltwirtschaftsforum“ tagt.

Ein globaler Stammtisch leitender Angestellter

Das Unternehmen namens „World Economic Forum“ mit Hauptsitz in Cologny im Schweizer Kanton Genf verfolgt nach eigenen Aussagen die Mission und Vision „to improving the state of the world through public-private cooperation. It builds, serves and sustains communities through an integrated concept of high-level meetings, research networks, task forces and digital collaboration. (…) The World Economic Forum engages political, business, academic and other leaders of society in collaborative efforts to shape global, regional and industry agendas. Together with other stakeholders, it works to define challenges, solutions and actions, always in the spirit of global citizen-ship.” Nun, man muss also nur die richtigen Leute an den richtigen Schalthebeln dieser Welt und mit der richtigen Gesinnung an einen Tisch bringen und der Zustand dieser Welt verbessert sich. „Sende aus Deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu.“

Während jedoch der Heilige Geist für alle Menschen kostenlos zu haben ist, der Mensch muss sich ihm innerlich nur selbst öffnen, öffnen sich die Türen in Davos, um am Tisch der dortigen Weltverbesserer Platz zu nehmen, nicht ganz so kostenlos. Wer keine Exklusiveinladung erhält und die erhalten nicht viele, bekommt eine Eintrittskarte nur als Mitglied des World Economic Forum. Die Eintrittskarte kostet pro Person bereits 19.000 Dollar. Dazu kommen die jährlichen Mitgliedsbeiträge, wobei vier Formen von Mitgliedschaften unterschieden werden. Die Basis-Mitgliedschaft kostet jährlich 52.000 Dollar, die Industrie-Mitgliedschaft 137.000 Dollar, die Industrie-Partnerschaft 263.000 Dollar und die Strategische Partnerschaft 600.000 Dollar. Kosten für Unterkunft und Verpflegung am Tagungsort sind in diesen Beiträgen natürlich nicht enthalten.

Dass sich bei diesen Preisen nur sehr wenige Eigentümer- und Familienunternehmer in Davos blicken lassen, sondern überwiegend leitende Angestellte von Großkonzernen, die sich zwar Unternehmer nennen, diese Mitglieds- und Tagungsbeiträge aber nicht selbst finanzieren, liegt auf der Hand. Die etablierten Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Medien, die für die herrschenden Verhältnisse überwiegend die Verantwortung tragen und an einem Wandel dieser Verhältnisse in der Regel nur sehr begrenzt interessiert sind, geben sich ein Stelldichein. Die von Klaus Schwab im Sanatorium Davos gezimmerte Weltverbesserungsbühne pflegt den Exklusivitäts- und Größenwahn und verzaubert durch diese Krankheitspflege die 2.500 Politiker, Manager und Wissenschaftler aus mehr als 100 Ländern in intellektuelle, veredelte und weise politische und wirtschaftliche Führer, die der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft weisen. „The World Economic Forum engages political, business, academic and other leaders of society in collaborative efforts to shape global, regional and industry agendas.”

Ob beim Weltwirtschaftsforum in Davos wirklich mehr für die Verbesserung des Zustands dieser Welt erreicht wird als beim Fondskongress in diesem Monat in Mannheim, bei dem eine Eintrittskarte nur 28,00 Euro oder ca. 30,50 Dollar kostet, ist jedoch höchst fraglich. Es könnte sogar umgekehrt sein. Das weltweite Agenda Setting von Klaus Schwab lebt von der Illusion, dass sich unsere Welt durch weltweite Vernetzung der Mächtigen und entsprechendes Agenda Setting verbessern lasse. Oftmals wird durch diese Imagination aber sogar eine Verdoppelung von schlechter Praxis bewirkt, die hinter dem Zauberberg aus Krankheit und Intellektualismus verborgen bleibt.

Der Fondskongress in Mannheim ist kein fauler Zauber

Beim Fondskongress in Mannheim suchen die Teilnehmer zwar lediglich nach Hinweisen für die möglichst erfolgreiche Verwaltung des eigenen Vermögens und des Vermögens der eigenen Mandanten. Durch Vermögensumschichtungen und neue Investments verändern sie aber die Welt, ohne dies eigentlich zu beabsichtigen. Und das ist kein fauler Zauber: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil“ heißt es bereits 1776 im „Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith. Dieser Befund verweist darauf, daß unter den Bedingungen der Moderne „individuelles Motiv“ und „sozialer Sinn“ entkoppelt sind.

Individuelle Vorteile und Anreize führen unter den Bedingungen eines entsprechenden Regel- und Institutionensystems zu gesamtgesellschaftlichen Wohlstand. Für die meisten Menschen sind Vorteile und Anreize jedoch das Gegenteil von Moral und Ethik. Dieses Phänomen lässt sich dadurch erklären, dass sich die heute immer noch vorherrschende moralische Tradition aus der zielverknüpften Stammesgesellschaft herleitet. Die meisten Menschen weigern sich auch heute noch, von den kleinen Verhältnissen der Stammesgesellschaft auf die großen Verhältnisse der modernen Gesellschaft umzudenken. Damit geht die Gefahr einher, dass sich die moderne Gesellschaft, die im beispiellosen Umfang Wohlstand für alle ermöglicht hat, selbst blockiert, wenn nicht gar selbst zerstört.

Die weltweiten Vernetzungsphantasien und Steuerungsillusionen des Weltwirtschaftsforums in Davos verdecken aufgrund des Zauberbergs aus Krankheit und Intellektualismus, dass das gesamte Projekt auf einer prämodernen Verweigerung des Umdenkens von kleinen auf große Verhältnisse beruht. Klaus Schwab behandelt die moderne Welt wie ein globales Dorf, das nach den Regeln der Stammesgesellschaft funktioniert. Davos löst damit nicht die Probleme dieser Welt. Davos ist dadurch Teil der Probleme dieser Welt.

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