Britischer Epidemiologe: „Lockdown wird in der Geschichte als monumentaler Fehler bewertet werden“

Professor Mark Woolhouse von der Universität Edinburgh sagt, dass mehreren Analysen zufolge der Lockdown als solches keinen großen Effekt bei der Bekämpfung von Infektionen hatte. Damit knüpft er an Ergebnisse der Johns-Hopkins-Universität an.

IMAGO / Design Pics Editorial
Die leergefegte britische Hauptstadt London im Lockdown 2020

Im Vereinigten Königreich hat der Epidemiologe Mark Woolhouse ein resignierendes Resümee hinsichtlich der weltweiten Pandemiebekämpfung gezogen. Woolhouse, der an der Universität Edinburgh lehrt, hat jüngst ein Buch mit dem Titel „The Year The World Went Mad“ (Das Jahr, in dem die Welt verrückt wurde) veröffentlicht, in dem er die britische Corona-Politik scharf kritisiert. Gegenüber der Presse sagte Woolhouse: „Ich denke, dass der Lockdown aus einer Reihe von Gründen von der Geschichte als monumentaler Fehler auf globaler Ebene angesehen wird.“

„Der offensichtlichste Punkt ist der immense Schaden, den der Lockdown mehr als jede andere Maßnahme in Bezug auf die Wirtschaft, die psychische Gesundheit und das Wohlergehen der Gesellschaft angerichtet hat“, führte Woolhouse aus. Er bestreitet nicht, dass in der Situation etwas hätte getan werden müssen. „Viele Analysen deuten jedoch darauf hin, dass der Lockdown selbst keinen großen Einfluss auf die Verringerung der Gesundheitsbelastung hatte. Das wurde auf andere Weise erreicht.“

Lockdown-Politik in Großbritannien wird offener als früher diskutiert

Woolhouse bewertete den Lockdown vor allem deswegen kritisch, weil er nicht zielführend gewesen sei, um die tatsächlichen Risikogruppen zu schützen. „Wir haben uns auf die Idee konzentriert, dass es ausreichend wäre, die gefährdeten Personen zu schützen, wenn wir die Übertragung des Virus unter allen stoppen würden“, sagt er. „Aber das war es nicht.“ Zudem hätte in einem solchen Fall der Lockdown früher durchgeführt werden müssen.

Der Epidemiologe stimmt damit in einen lauter werdenden Kanon ein, der die britische Corona-Politik und die globale Ebene der Pandemiebekämpfung nach dem Ende der meisten Maßnahmen infrage stellt. Bereits Anfang des Jahres hatte die Studie der Johns-Hopkins-Universität für Aufsehen gesorgt, dass Lockdowns praktisch keine Leben gerettet hätten. Viele Akademiker hatten gegen eine solche Deutung Stellung bezogen.

Doch auch die Kritiker haben eingeräumt, dass Teile der Studie richtig sind. So hatte der Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz der Studie eine „schlechte Qualität“ bescheinigt, andererseits gesagt, dass die „generelle Idee“ hinter dem Papier richtig sei. Insbesondere die „Stay-at-Home“-Regel habe sich als unbrauchbar erwiesen.

Insbesondere die „Stay-at-Home“-Regel hat sich als unbrauchbar erwiesen

In ihrem Gesamtumfang hatte die Studie festgestellt, dass Lockdowns keine Leben im großen Umfang gerettet hätten. Zwei weitere Studien hatten bestätigt, dass insbesondere die „Stay-at-Home“-Regel kaum einen Effekt hätten. Eine der Studie bescheinigte, dass durch diese Regel die Zahl der Corona-Toten um weniger als 3 Prozent reduziert worden sei.

Woolhouse hatte bereits im September 2020 die Corona-Maßnahmen kritisiert und eine „schwedische Lösung“ favorisiert. Man müsse „mit Covid leben“. Beide Vorstöße hatten ihm viel Kritik vonseiten der britischen Presse eingebracht. In Großbritannien wird unter „Lockdown“ in erster Linie die „Stay-at-home“-Regel verstanden.

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