Ausland sieht deutsche Energiewende nicht als Vorbild

Die Bundesregierung reklamiert immer wieder die globale Vorbildfunktion des doppelten Ausstiegs aus Kernkraft und Kohle. Doch vor allem im unmittelbaren Ausland sind Energieexperten wenig geneigt, Deutschland nachzueifern. Die meisten erwarten laut einer Umfrage eine Schwächung der deutschen Wirtschaft.

imago images / blickwinkel

Zur politischen Begründung der deutschen Energiewende gehört an erster Stelle deren Vorbildfunktion für den Rest der Welt. „Wer, wenn nicht wir, soll denn zeigen, dass man dem Klimawandel etwas entgegensetzen kann“, sagte Merkel kürzlich im Bundestag. Diese Formulierung ist zu einem Mantra Merkelscher Politik geworden. Nur so ist angesichts eines Anteils von rund zwei Prozent an den menschengemachten CO2-Emissionen der Total-Umbau der deutschen Energieversorgung im Dienste des Weltklimas zu rechtfertigen. Aber sieht denn überhaupt der Rest der Welt Deutschland als energiepolitisches Vorbild, dem man nacheifern wird?

Kaum. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie des Weltenergierates Deutschland, des deutschen Teils eines schon 1923 gegründeten globalen Netzwerks der Energiewirtschaft (World Energie Council). Bezeichnend ist, dass Deutschlands Energiewende gerade von den unmittelbaren Nachbarn in Europa nicht als nachahmenswert betrachtet wird. Je weiter weg (und damit wohl auch weniger informiert über die deutsche Energiewirklichkeit), desto größer das energiepolitische Ansehen Deutschlands. 

METZGERS ORDNUNGSRUF 50-2019
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Der Weltenergierat befragt alle zwei Jahre das globale Expertennetzwerk des World Energy Council im Rahmen der Umfrage „A blueprint for the world – Wie sieht die Welt die deutsche Energiewende?“ 77 % der 119 weltweit befragten Energieexperten aus 60 Ländern gaben an, dass die deutsche Energiewende beobachtet wird, zu Diskussionen oder sogar konkreten Maßnahmen in ihren Ländern geführt hat. Die Bewertung der deutschen Energiepolitik ist sehr unterscheidlich: 11 % der europäischen Experten bewerten die deutsche Energiepolitik als Blaupause für die Welt, im Vergleich zu 43 % der Experten aus dem nicht-EU Ausland. Das heißt aber gerade nicht, dass die Europäer das Klimaschutzziel nicht teilen. Im Gegenteil: Während für europäische Experten der Klimaschutz die wichtigste Motivation für eine Energiewende im eigenen Land ist (58 %), steht außerhalb Europas das Wirtschaftswachstum an erster Stelle mit 26 % vor Versorgungssicherheit (23 %) und Zugang zu Energie (17 %). 

Wie sich die Energiewende in Deutschland auf die Wirtschaftskraft auswirkt, ist umstritten: Laut Umfrage erwarten 67 % der europäischen Experten eine Abschwächung der Wirtschaftskraft Deutschlands aufgrund der Energiepolitik bis 2030. Demgegenüber steht eine Mehrheit von Experten aus dem außereuropäischen Ausland, die mittelfristig bis 2030 (57 %) bzw. langfristig bis 2050 (84 %) eine Stärkung der Wirtschaftskraft erwarten. „Die Ergebnisse zeigen, dass noch offen ist, wie sich die Energiepolitik auf die Wirtschaftskraft Deutschlands auswirkt. Erst wenn die Energiewende einen positiven wirtschaftlichen Effekt hat, werden insbesondere auch Länder außerhalb Europas sich stärker ein Beispiel nehmen“, kommentiert der Geschäftsführer des Weltenergierates, Carsten Rolle.

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Auch die Bereitschaft, für Klimaschutz höhere Energiepreise zu akzeptieren, wird in Europa zumindest für Haushalte höher eingeschätzt. Die Hälfte der europäischen Experten glauben, dass die Bevölkerung bis zu 20 % höhere Energiepreise für mehr Klimaschutz akzeptieren würde. Im Rest der Welt ist man skeptischer: Die Mehrheit glaubt nicht, dass eine Bereitschaft für höhere Energiepreise für Klimaschutz für Haushalte (66 %) und Industrie (57 %) vorhanden ist. Zugleich sehen über 80 % aller Befragten eine CO2-Bepreisung als wichtige Maßnahme für den Klimaschutz. 

Der Widerspruch macht sichtbar, dass offenbar die Bereitschaft für den Klimaschutz Einbußen an Kaufkraft hinzunehmen, die den Deutschen nun zugemutet werden, im Rest der Welt nicht vorhanden ist. Oder anders gesagt: Man wartet lieber erst mal ab, wie es den Deutschen mit der Energiewende ergeht, ehe man ihnen folgt. 

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Kommentare ( 30 )

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Paul Pimmel - der Herr des Kosmos
1 Jahr her

Nur unter pubertierenden Jugendlichen ist der, der sich am bescheuertsten geriert, manchmal das Vorbild, und selbst das nicht immer. Die europäischen Nachbarn halten es mehr mit Hauptmann Fluellen aus „Henry V.“: „Wenn der Feind ein wirrer Depp und ein lärmender Dummkopf ist, sollen wir deshalb auch wirre Deppen und lärmende Dummköpfe sein?“ Die vorsätzliche Selbstvernichtung einer ehemals gefürchteten Macht wird vom Rest der Welt mit einem Lächeln quittiert.

Alfonso
1 Jahr her

Was sind das für Expertenumfragen, die feststellen, dass die Hälfte der Bevölkerung mit Energiepreissteigerungen bis zu 20 % einverstanden sind?

Jeder Befragte denkt wohl, naja, wenn meine Stromrechnung und evtl. der Spritpreis um 20 % ansteigt, das sind für mich Peanuts.

Ich glaube nicht, dass diese „Experten“ bei dieser Frage die Befragten darauf hingewiesen haben, durch eine Energiepreissteigerung sämtliche Preise für Waren und Dienstleistungen ebenfalls steigen, vom beliebten Fertiggericht bei Edeka über das Big Mac bei Mc Donalds, der Stundenlohn für den Handwerker, die Klamotten im Textilgeschäft, die Übernachtungskosten im Urlaub und das Feierabend-Bier in der Kneipe.

Politkaetzchen
1 Jahr her
Antworten an  Alfonso

Das Zauberwort heißt Suggestivfragen.

Pitt Arm
1 Jahr her

Der Deutsche ist von seiner Überlegenheit überzeugt, daß merke ich immer wieder in Alltagsgesprächen. Man informiert sich außerdem primär über „Systemmedien“, d.h. ÖR und linksgrün-geprägte Zeitungen und Zeitschriften. Daher muß hier erst das ideologische Konstrukt der Energiewende in der Praxis scheitern, wie bei allen sozialistischen Experimenten. Es muss richtig teuer werden und der Strom muß ausfallen, am besten mehrfach und umfassend. Dann wird der Michel vielleicht begreifen. Ich sprach vor einiger Zeit mit einem gebildeten Menschen darüber, daß allein durch sehr häufige Eingriffe in das Stromnetz (Redispatching, glaube eine Vertausendfachen ggü früher) die Versorgung am laufen gehalten wird; und daß… Mehr

Alfonso
1 Jahr her

… „Die Hälfte der europäischen Experten glauben, dass die Bevölkerung bis zu 20 % höhere Energiepreise für mehr Klimaschutz akzeptieren würde.“ …

Wieder so eine Nonsen-Studie.

Welche Rolle spielt das, 0b die Bevölkerung höhere Energiepreise akzeptiert oder nicht akzeptiert. Man könnte genauso fragen, ob die Bevölkerung akzeptiert, dass es nachts dunkler ist, als tagsüber.

Iso
1 Jahr her

Die Merkelmühle halte ich für eine ziemlich mittelalterliche Technik, und bin über die große Dummheit erstaunt, mit der diese sogenannte Energiewende vorangetrieben wird. Intelligenter ist es, Milliarden in die Entwicklung neuer Atomenergietechnik zu stecken, oder wenigsten die Gunst die Demographie zu nutzen. Weniger Verbraucher bedeutet weniger Emissionen, aber die sind nur das Scheinargumet, um nicht von der Endlichkeit der Ressourcen zu sprechen.

Tiroler Landsturm
1 Jahr her

In Italien baute man nach den Krieg über 40 Staukraftwerke, und man schaffte es gleichzeiitig die Leitungen bis nach Sizillien Kalabrien zu verlegen, doppelt so lang Strecke , wie in Deutschland von der Ostssee nach Reichenhall, und dies in 8 Jahren. Die Bayern warten schon seit 15 Jahren auf Strom von den Windmühlanlagen an der Ostssee. Deutsche Hausverstandunfähigkeit kann man an den BER-Berlin messen. Windmühlen liefern keine sicheree Grundlast, der Blackout ist vorprogammiert. Was D/ mit seiner Elektroautopropaganda betreibt ist Doppelmoral hoch drei. Die Umweltbelastung durch den Sillizumabbau ist enorm, das Klima der Welt wird nicht gerettet, wenn die Schäden… Mehr

Dirk Badtke
1 Jahr her

CO² und was ist Klimaschutz? Schon Thatcher hat das CO²Ding in GB benutzt. Letztlich geht es um die effektive, smogfreie, kostengünstige Energierzeugung, alleine bessere Anlagen (Kohlekraftwerke etc.) abzustellen, weltweit werden auch schlechtere neu gebaut, ist doch effektiver Unsinn. Die ganzen Mittelanlagen (Hausanlagen sind ausdrücklich ausgenommen) mit 3000 Tonnen Beton, 1000 Tonnen Stahl, Verkabelung, Umspanner etc. mit 20 Jahren Laufzeit, erzeugen nicht mal die Energie die der Mumpitz verbraucht. Spannend wird das nächste Jahr, da laufen die ersten Förderungen aus. Motto: Aber wir machen was Gutes, wozu Denken, aber auch das ist ein Märchen, es geht nur um die Futtertröge und… Mehr

IJ
1 Jahr her

Deutschland kein Vorbild – wen wundert es. Wir sind seit über 100 Jahren kein Vorbild, sondern ein abschreckendes Beispiel für immer wieder neue ideologische Ultra-Spinnereien, die schnurstracks den halben Planeten in den Untergang reißen könnten – und unsere unmittelbaren Nachbarn zuerst. Das wissen Niederländer, Polen, Dänen, Tschechen, Franzosen, Belgier, Schweizer, Österreicher und Luxemburger aus historischer Erfahrung nur zu gut.

lioclio
1 Jahr her

Die näheren Nachbarn wissen es bereits und die in der Ferne werden es wissen, wenn nach einem Blackout die ersten „schönen“ Bilder um die Welt gehen werden. Selbst die Bewohner der Südseeinseln werden die sich fragen, was für „Traumtänzer“ da wohl gelebt haben, wenn sich die Insulaner bis dahin schon wieder von dem Trauma eines Besuches erholt haben.

Eggbert
1 Jahr her

Zitat: „Ausland sieht deutsche Energiewende nicht als Vorbild“ Das ist auch sehr einleuchtend. Die Energiewende hat uns die höchsten Strompreise in Europa beschert. Die Versorgungssicherheit ist gefährdet (Stichwort Wackelstrom). Bereits heute werden immer wieder Lasten (aus der Industrie) abgeworfen, wenn die Netzfrequenz zu sehr schwankt. Wenn dann die letzten AKWs und Kohlekraftwerke heruntergefahren werden wird es spannend, denn der Blackout wird dann nur noch eine Frage der Zeit sein. Das unsere Nachbarn nicht viel von unserer Energiewende halten ist ebenfalls nachvollziehbar. Dank Leistungsschwankungen im heimischen Stromnetz müssen unsere Nachbarn mal mehr Last liefern, mal überschüssige Last aus unserer Heimat aufnehmen.… Mehr

RauerMan
1 Jahr her
Antworten an  Eggbert

Die Meinungsfreiheit, vor einigen Jahren noch kein Thema, wird jetzt aber angezweifelt.
„Wahrheiten“ auszusprechen halten inzwischen viele Bürger für gefährlich, da evtl. mit beruflichen Nachteilen und/oder sozialer Ächtung zu rechnen ist.
Das haben wir besonders „demokratischen“ Kräften zu verdanken.