Der stille Abschied vom christlichen Deutschland

Luther spaltete die Kirche. Kant stellte überlieferte Gewissheiten dem Anspruch der Vernunft. Napoleon entzog den Kirchen Macht. Hitler bedrängte sie. Das christliche Land überstand diese Erschütterungen. Heute gechieht der tiefste Wandel ohne staatliches Verbot. Von Heinz Bannasch

Über viele Jahrhunderte war Deutschland nahezu vollständig christlich geprägt. Noch 1950 – rund tausend Jahre nach der weitgehenden Christianisierung – gehörten in Westdeutschland 96 Prozent der Menschen der katholischen oder evangelischen Kirche an. 1989 waren es dort immer noch 82,8 Prozent. Selbst nach der Wiedervereinigung 1990 lag der Anteil im nun gesamtdeutschen Staat bei 72,3 Prozent. 2000 waren es rund 65 Prozent, 2025 nur noch 43,8 Prozent. Der Sprung von 1989 auf 1990 beruht wesentlich auf der Einbeziehung der stärker entkirchlichten DDR und ist kein plötzlicher Massenaustritt. Aber der anschließende Rückgang zeigt, wie schnell eine jahrhundertealte Selbstverständlichkeit zur Minderheitenposition werden kann.

Eine über tausendjährige Selbstverständlichkeit

Die Christianisierung der deutschen Gebiete vollzog sich vor allem vom 6. bis zum 10. Jahrhundert. Im Hochmittelalter war das Christentum nahezu überall die gesellschaftlich bestimmende Religion. Von einer buchstäblich zu 100 Prozent christlichen Bevölkerung lässt sich historisch nicht sprechen; als kulturelle Ordnung war das Christentum jedoch fast allgegenwärtig. Es prägte Recht und Moral, Ehe und Familie, Kalender und Feiertage, Bildung, Kunst und Musik.

Luther – die Reformation (ab 1517)

Mit Luthers Thesen von 1517 zerbrach die religiöse Einheit des westlichen Christentums. Katholiken und Protestanten bekämpften sich; der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) verwüstete große Teile Deutschlands. Doch die Reformation machte Deutschland nicht religionslos: Aus einem christlichen Land wurde ein katholisch und evangelisch geprägtes Land.

Kant – die Aufklärung (18. Jahrhundert)

Im Zeitalter der Aufklärung wurden überlieferte Autoritäten und Glaubensgewissheiten zunehmend am Maßstab der Vernunft geprüft. Kant formulierte 1784 den berühmten Aufruf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Dennoch blieb die christliche Zugehörigkeit für die große Mehrheit der Bevölkerung über Generationen selbstverständlich.

Napoleon – die Säkularisation (1803)

Unter dem Einfluss der napoleonischen Umwälzungen wurden mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 geistliche Fürstentümer aufgelöst, zahlreiche Klöster aufgehoben und kirchliche Besitzungen übertragen. Die Kirchen verloren weltliche Macht und Vermögen – nicht aber ihre tiefe Verankerung im Alltag der Menschen.

Hitler – die nationalsozialistische Diktatur (1933–1945)

Das NS-Regime versuchte, kirchliche Eigenständigkeit und Einfluss zu begrenzen. Die Kirchen reagierten widersprüchlich: Neben Anpassung und Verstrickung gab es Konflikte und Widerstand. Trotz Verfolgung, Diktatur und Krieg blieb die Bevölkerung überwiegend kirchlich gebunden. Auch nach 1945 blieb die kirchliche Zugehörigkeit gesellschaftlicher Normalfall.

1968: Der kulturelle Bruch – mit zeitlicher Verzögerung

Die Protestbewegung von 1967/68 steht symbolisch für einen grundlegenden Wertewandel, der bereits zuvor begonnen hatte und sich danach beschleunigte. Autoritäten, traditionelle Familienbilder, kirchliche Sexualmoral und überlieferte Pflichten wurden zunehmend infragegestellt. Selbstbestimmung, Individualität und persönliche Freiheit gewannen an Gewicht. Das brachte berechtigte Befreiung von Zwängen – schwächte aber zugleich die Selbstverständlichkeit gewachsener Bindungen. Die 68er-Bewegung war nicht die alleinige Ursache der Entkirchlichung, wohl aber Ausdruck und Beschleuniger eines längerfristigen Umbruchs. Der entscheidende Punkt: Der mit 1968 verbundene kulturelle Wandel schlug sich nicht sofort in den Kirchenstatistiken nieder. Viele Menschen gingen schon nicht mehr regelmäßig zur Kirche, ließen ihre Kinder aber weiterhin taufen, heirateten kirchlich und blieben Mitglied. Die Zugehörigkeit überdauerte den Glaubens- und Autoritätsverlust oft um Jahrzehnte. Erst als die nachfolgenden Generationen auf diese Rituale verzichteten und die Austritte zunahmen, wurde die längst vorbereitete Veränderung statistisch unübersehbar. Die Kirchenkrise von heute ist insofern auch die verspätete Folge eines kulturellen Wandels, der vor mehr als einem halben Jahrhundert an Fahrt gewann.

Die DDR als Warnbeispiel

In der DDR (1949–1989) beschleunigten staatlicher Druck und die Förderung der Jugendweihe die Entkirchlichung. Nach 1990 kehrte die frühere kirchliche Bindung nicht automatisch zurück. Wo eine Tradition über Generationen nicht mehr weitergegeben wird, lässt sie sich nicht einfach wieder einschalten.

Der unterbrochene Generationenautomatismus

Über Jahrhunderte wurden Kinder in aller Regel getauft, religiös erzogen und später selbst Eltern, die ihre Kinder taufen ließen. Mit dem Austritt oder der bewussten Nichtzugehörigkeit der Eltern wird diese Kette durchbrochen. Nicht getaufte Kinder wachsen häufig ohne kirchliche Praxis auf und treten als Erwachsene nur selten aus eigenem Antrieb ein. Ihre Kinder wiederum erleben Kirche noch weniger als selbstverständlich. Die Kirchen verlieren damit nicht nur Mitglieder, sondern ihre künftige Mitgliederbasis. Ein individueller Wiedereintritt bleibt möglich; die unterbrochene Weitergabe über mehrere Generationen ist dagegen kaum von selbst umkehrbar. Kirchliche Skandale, Vertrauensverlust und Kirchensteuer verstärken die Austritte, erklären aber allein nicht diesen tieferen Strukturbruch.

Nicht nur Kirchen, sondern eine ganze Kultur

Der Wandel betrifft weit mehr als den Glauben: Vorstellungen von Ehe, Familie, Autorität und die sogenannten preußischen Tugenden – Pflichtbewusstsein, Disziplin, Fleiß, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Gemeinsinn – verlieren teilweise ihre frühere gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Auch Rituale, moralische Leitbilder und gesellschaftliche Bindungen verändern sich. Das bedeutet nicht, dass konfessionslose Menschen weniger moralisch wären. Freiheit und Gleichberechtigung sind bedeutende Errungenschaften. Doch neue gemeinsame Orientierungen müssen erst entstehen und sich bewähren. Gerade das ungewöhnliche Tempo birgt ein Risiko: Eine kulturelle Ordnung, die über mehr als tausend Jahre gewachsen ist, verliert innerhalb weniger Generationen einen ihrer wichtigsten Träger. Wenn überlieferte Bindungen schneller verschwinden, als neue gemeinsame Grundlagen wachsen, können Orientierungslosigkeit, Polarisierung und gesellschaftliche Zersplitterung zunehmen. Daraus folgt kein zwangsläufiger Verfall – wohl aber ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Risiko.

Deutschland 2060 – ein möglicher Ausblick

Die Freiburger Kirchenprojektion erwartet für die katholische und die evangelische Kirche zusammen bis 2060 ungefähr eine Halbierung der Mitgliederzahl gegenüber 2017. Verbindet man diese Projektion mit gesonderten Annahmen zur Entwicklung der muslimischen Bevölkerung, ergibt sich folgendes illustratives Szenario – keine einheitliche, gesicherte Bevölkerungsprognose:

Religiöse Zugehörigkeit 2060

Möglicher Anteil

Konfessionslose und übrige Gruppen

ca. 54 %

Katholiken

ca. 17 %

Muslime*

ca. 15 %

Protestanten (EKD)

ca. 14 %

*Der Muslimanteil ist eine Szenarioannahme, keine gesicherte Prognose. Die Anteile sind gerundet; die vier Werte sind nicht als gemeinsames amtliches Prognosemodell zu verstehen.

In diesem Szenario wären Katholiken, Protestanten und Muslime im Jahr 2060 annähernd gleich große Bevölkerungsgruppen. Daraus folgt jedoch nicht, dass der Islam das Christentum verdrängt: Entscheidend ist vor allem, dass christliche Zugehörigkeit in immer weniger Familien selbstverständlich an die nächste Generation weitergegeben wird.

Der stille Abschied

Luther spaltete die Kirche. Kant stellte überlieferte Gewissheiten unter den Anspruch der Vernunft. Napoleon entzog den Kirchen Macht. Hitler bedrängte sie. Das christlich geprägte Deutschland überstand diese Erschütterungen. Heute vollzieht sich der tiefste Wandel ohne staatliches Verbot.

Die Menschen entscheiden frei – und geben die Tradition immer seltener weiter. 1968 verschwanden die Kirchen nicht. Doch der beschleunigte Wertewandel wurde erst Jahrzehnte später in Austritten und ausbleibenden Taufen voll sichtbar. Die entscheidende Frage ist nicht, wie man Menschen zur Kirche zurückführt, sondern wie eine freie Gesellschaft ihre kulturellen Bindekräfte erhält, wenn deren Weitergabe in historisch kurzer Zeit abreißt.


Heinz Bannasch ist Physikingenieur und ehemaliger Industrie-Manager – u.a. als Prokurist bei der Rheinmetall Waffe Munition GmbH und verbundenen Unternehmen im Rüstungs- und Pyrotechnikbereich. Er unterstützt weiterhin technisch Projekte in diesem Umfeld (z. B. Radar- und Täuschkörpersysteme).

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