Saudi-Arabiens Öl-Ausweichroute getroffen – Europa muss Ersatz beschaffen

Der Drohnenangriff auf Saudi-Arabiens Öl-Infrastruktur macht US-Energie wertvoller und US-Schutz begehrter. Beides stärkt Trumps Position gegenüber Riad. Allerdings lässt sich fehlendes saudisches Öl kurzfristig nicht vollständig durch US-Lieferungen ersetzen.

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Erst die Straße von Hormus, jetzt auch die Ausweichroute durch die Wüste. Der Krieg im Nahen Osten trifft eine Lebensader der weltweiten Ölversorgung. Saudi-Arabien hat seine Ost-West-Pipeline nach Drohnenangriffen stillgelegt. Durch diese Leitung wird Rohöl aus dem Osten des Königreichs zu den Häfen am Roten Meer gepumpt. Sie sollte den Export gerade dann sichern, wenn Tanker den Persischen Golf nicht mehr zuverlässig durch die Straße von Hormus verlassen können. Nun ist auch diese Route versperrt.

Die Folgen erreichen Europa bereits. Nach Informationen von Reuters wurden europäischen Kunden September-Ladungen abgesagt; die Ölverladung in Yanbu wurde ausgesetzt. Saudi-Arabien macht irakische Milizen für die Angriffe verantwortlich. Aramco lehnte eine Stellungnahme ab. Die auf X verbreitete Behauptung, sämtliche europäischen Lieferungen seien bis November gestrichen, geht allerdings über den gesicherten Stand hinaus: Umfang und Dauer der Ausfälle sind weiterhin unklar.

Auch über die Reparaturdauer gibt es widersprüchliche Einschätzungen. Bloomberg berichtet unter Berufung auf britische Behörden, die Leitung könnte sechs Wochen weitgehend ausfallen. US-Energieminister Chris Wright erklärte dagegen am 15. September gegenüber CNBC, er rechne mit einer Wiederaufnahme binnen Tagen. Reuters nennt zudem die Möglichkeit, während laufender Reparaturen einen Teilbetrieb aufrechtzuerhalten.

Petroline

Die rund 1.200 Kilometer lange Verbindung, auch Petroline genannt, führt vom Ölzentrum Abqaiq quer durch Saudi-Arabien nach Yanbu. Die US-Energiebehörde EIA beschreibt eine reguläre Kapazität von fünf Millionen Barrel täglich, zeitweise erweiterbar auf sieben Millionen. Diese Leitung umgeht die Straße von Hormus und verbindet die saudischen Fördergebiete mit dem Roten Meer. Fällt sie aus, verliert das Königreich einen wesentlichen Teil seiner logistischen Absicherung.

Gleichzeitig verschärfen die vom Iran unterstützten Huthi die Bedrohung am südlichen Ausgang des Roten Meeres. Sie haben die Hafenstadt Mokka sowie drei strategische Inseln im Bereich der Meerenge Bab al-Mandab erobert. Damit können sie saudische Schiffe auf dem Weg nach Asien angreifen.

Europäische Lieferungen aus Yanbu berühren diese Auseinandersetzungen zunächst wenig: Tanker nach Europa können nach Norden in Richtung Suez und zur ägyptischen Sumed-Pipeline fahren. Sie müssen Bab al-Mandab nicht passieren. Der beschädigte Nachschub durch die Wüste trifft jedoch auch diese Route.

Wie unmittelbar der Druck wirkt, zeigt der polnische Raffineriekonzern Orlen. Er bezieht rund 40 Prozent seines Rohöls von Aramco und sucht laut Reuters zusätzliche Ersatzladungen unter anderem aus der Nordsee. Orlen erklärt zugleich, seine Versorgung aktiv abzusichern. Bereits im August hatte der Konzern einen Dreijahresvertrag mit Equinor angekündigt: Ab September sollen jährlich über neun Millionen Tonnen norwegischen Rohöls geliefert werden können. Das entspricht ungefähr einem Viertel des Konzernbedarfs.

Saudi-Arabien

Am Markt wird sofort verfügbares Öl besonders teuer. Brent schloss am Dienstag bei 108,75 Dollar je Barrel. Einzelne physische Ladungen kosteten deutlich mehr: Für die Nordseesorte Forties meldete Reuters 136,75 Dollar. Das sind unterschiedliche Marktgrößen: Der Terminkontrakt betrifft spätere Lieferung, die physische Ladung den kurzfristigen Bedarf. Gerade dieser Aufschlag zeigt, wie hart Käufer um rasch verfügbaren Ersatz konkurrieren.

Den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman trifft die Krise im Kern seines Wirtschaftsmodells. Mit Öleinnahmen finanziert Saudi-Arabien den Umbau seiner Wirtschaft, Tourismusprojekte und neue Industrien. Doch höhere Weltmarktpreise helfen wenig, wenn weniger Öl verkauft werden kann. Laut dem vorliegenden Bloomberg-Bericht erwartet Ökonomin Monica Malik bereits einen Wirtschaftsrückgang um 3,1 Prozent. Bei einem einmonatigen Pipeline-Ausfall ohne ausreichenden Ersatz über Hormus könnten daraus 4,5 Prozent werden.

Bin Salman sucht deshalb Unterstützung im Ausland. Bei seinem Treffen mit Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi stand am Dienstag auch die Sicherheit der Schifffahrt im Mittelpunkt. Eine konkrete militärische Zusage wurde öffentlich nicht bekannt.

Für Europa bleibt die Konsequenz: Selbst wenn Ersatzöl verfügbar ist, müssen Raffinerien es kurzfristig beschaffen und bezahlen. Aus einem Angriff auf eine saudische Pipeline entsteht so zusätzlicher Kostendruck für Diesel, Transporte und industrielle Produktion.

Das ist auch deshalb besonders kritisch, weil aus dem Nahen Osten nicht nur Rohöl, sondern auch viele Raffinerieprodukte – vor allem Diesel und Kerosin für Flugzeuge – kommen. Dazu wurden im Nahen Osten große Raffineriekapazitäten gebaut, die preiswerter als europäische Anlagen lieferten. Hier wurden in der Folge viele Kapazitäten stillgelegt. Die Kehrseite macht sich jetzt mit einem Mangel an Diesel bemerkbar, der dadurch deutlich teurer als Benzin wird.

Russland

Auch Russland fällt als Lieferant teilweise aus. Nach einer Reuters-Recherche haben im September sechs große, zusammen für etwa die Hälfte der russischen Dieselproduktion stehende Raffinerien ihre Produktion nach Drohnenangriffen eingeschränkt oder eingestellt. Dies zeigt, wie breit die Störungen inzwischen reichen.

Europa beschafft auch Ersatz aus anderen Regionen. Ein konkretes Beispiel ist die Dangote-Raffinerie bei Lagos: Im zweiten Quartal lieferte sie rund 80.000 Barrel Flugzeugkerosin täglich nach Europa. Ihre gesamten Diesel- und Gasölexporte stiegen im bisherigen Jahresverlauf um 23 Prozent auf 48.000 Barrel täglich. Diese Mengen gehen unter anderem nach Westafrika und Europa.

Das mildert die Knappheit, ersetzt aber nicht sämtliche Ausfälle. Reuters berichtet, dass sich die Kraftstoffbestände im nordwesteuropäischen Handelszentrum auf dem niedrigsten Stand seit zwölf Jahren befinden.

Die durchschnittlichen Schweröl- beziehungsweise Fuel-Oil-Exporte des Nahen Ostens lagen von März bis August laut Kpler bei 447.000 Barrel täglich – 45 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Reuters nennt unter anderem Ausfälle der kuwaitischen Raffinerie Al-Zour. Gleichzeitig verarbeiten Raffinerien mehr schwere Zwischenprodukte zu höherpreisigem Diesel und anderen Kraftstoffen. Damit bleibt weniger Schifftreibstoff übrig. Der wird zugleich jedoch vermehrt benötigt, denn Umwege um Afrika erhöhen den Treibstoffbedarf der Schiffe.

Für Europa heißt das: Der relativ begrenzte direkte Rohölbezug aus dem Golf ist nur begrenzt aussagekräftig. Europa konkurriert zusätzlich um Diesel und Kerosin auf dem Weltmarkt.

USA

Hier springen die USA in die Bresche, die zum größten Exporteur von Öl und Gas geworden sind. Die USA können die Krise erheblich abfedern, besonders durch wachsende LNG-Lieferungen und ihre großen Öl- und Kraftstoffexporte. Dort laufen die Raffinierien bereits mit mehr als 98 Prozent Auslastung.

Die gesamten Ausfälle am Golf können sie freilich kurzfristig nicht ersetzen. Beim Öl begrenzen Raffineriekapazitäten die Hilfe; beim Gas ist der Ausbau der LNG-Terminals eine entscheidende logistische Größe.

Mohammed bin Salman hat Trump bereits um militärische Unterstützung gegen die Huthi gebeten; Washington bot zunächst nachrichtendienstliche Hilfe und Unterstützung bei der Zielaufklärung an, aber keinen direkten Kriegseintritt. Das verschafft den USA politischen Spielraum.

Die Krise macht amerikanische Energie wertvoller und amerikanischen Schutz begehrter. Beides stärkt Trumps Position gegenüber Riad. Allerdings lässt sich fehlendes saudisches Öl kurzfristig nicht vollständig durch US-Lieferungen ersetzen. Die Folgen, nicht zuletzt die höheren Preise an den Tankstellen, bleiben daher auch für Trump ein Problem.

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