Ein Polit-„Kommunikator“ versucht, die AfD zu entlarven. Dabei liefert er unfreiwillig eine präzise Zustandsbeschreibung von „Unsere Demokratie“. Seine Anklage gerät zur Beichte eines ganzen Milieus.
Screenshot X / Johannes Hillje
Den Namen Johannes Hillje können Sie, lieber Leser, gleich wieder vergessen. Wir brauchen ihn nur kurz an dieser Stelle, weil der Mann ein Buch geschrieben und ein Interview gegeben hat (das können Sie dann auch sofort von der Festplatte streichen).
Das Buch heißt „Propaganda 4.0“, ist knapp zehn Jahre alt und handelt von der AfD. Der Autor hat das Werk – wir nennen es ab hier aus guten Gründen Machwerk – jetzt überarbeitet, und es wurde neu aufgelegt. Das Branchenblatt „Politik & Kommunikation“ (P&K) hat es als „Standardwerk“ geadelt.
Damit ist schon viel gesagt, jedenfalls über das Blatt und über die Branche.
P&K hat mit dem Autor ein Interview geführt. Darin benennt Hillje „die vier Bausteine der AfD-Kommunikation“:
• Delegitimierung des Journalismus
• Aufbau eines eigenen Medienökosystems
• Erzeugung einer kollektiven Identität und
• extreme Polarisierung.
Es sind vier Eigentore. Denn viermal zeigt der Mann mit dem Finger auf die AfD – und immer, wie in solchen Fällen ja üblich, zeigen in diesem Moment alle anderen Finger auf ihn und auf sein Milieu zurück.
Demokratiefeinde sind immer die anderen
Hillje beklagt wortreich die „Delegitimierung des Journalismus“ durch die AfD. Im selben Atemzug etikettiert er ihm missliebige Medienangebote als „pseudo-journalistisch“, „Türöffner-Medien“ und „Hofberichterstatter“. Wer außerhalb des von „Unsere Demokratie“ eingemauerten Meinungskorridors sendet, ist für den Autor unseriös und populistisch.
Hillje beklagt also eine „Herabsetzung“ des Journalismus, während er den Journalismus herabsetzt.
Das ist kein Zufall. Es hat System. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther von der CDU hat Anfang 2026 bei „Markus Lanz“ im ZDF „Nius und solche Portale“ (er meinte auch TE) als „Gegner“ und „Feinde von Demokratie“ bezeichnet. Wenn die AfD „Lügenpresse“ ruft, heißt es Delegitimierung. Wenn ein CDU-Ministerpräsident regierungskritische Medien zu Demokratiefeinden erklärt, heißt es Haltung. Propaganda von rechts ist schlecht. Dieselbe Propaganda (oder eine schlimmere) von links ist gut.
Weltbilder können so herrlich einfach sein, wenn man auf Selbstdistanz verzichtet.
Die wahre Medienmacht
Hillje beklagt weiter, es gebe rechts ein „eigenes Medienökosystem“. Man mag es kaum glauben. Spürt der Mann sich noch?
Die SPD ist über ihre „Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft“ (DDVG) an erschütternd vielen Medienbetrieben maßgeblich beteiligt. Nach eigenen Angaben hält die Parteiholding unter anderem 23,083 Prozent an der Verlagsgesellschaft Madsack. Zu deren publizistischen Einheiten gehören Hannoversche Allgemeine, Leipziger Volkszeitung, Sächsische Zeitung, Tag24 und das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die „Neue Westfälische“ gehört über mehrere Gesellschaften vollständig zum DDVG-Geflecht.
Dazu kommt der milliardenschwere öffentlich-rechtliche Rundfunk mit schier unzähligen Fernsehsendern, Radiowellen, Internetportalen, Talkshows, „Faktenchecks“ und „Satireformaten“. Bekanntlich versteht sich dieser Apparat mittlerweile quasi vollständig als Sprachrohr der linken Reichshälfte.
Die ARD fragte 2024 zur besten Sendezeit: „Ist die AfD eigentlich ein Problem für die Demokratie?“ Unter den hundert als normale Bürger präsentierten Teilnehmern befanden sich ein SPD-Ortsvereinsvorsitzender, ein SPD-Gemeinderatsmitglied und ein ehemaliger stellvertretender SPD-Bezirksbürgermeister. Die Parteifunktionen wurden nicht eingeblendet. Die verantwortliche Redakteurin erklärte später, man frage die Teilnehmer grundsätzlich nicht nach ihrer Parteimitgliedschaft.
Ja, klar.
Beim ZDF unterstellte der als Satiriker verkleidete linke Polit-Aktivist Jan Böhmermann dem damaligen Präsidenten des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, bewusste und kompromittierende Kontakte zu russischen Nachrichtendiensten. Die damalige Innenministerin Nancy Faeser von der SPD konnte Schönbohm gar nicht schnell genug aus dem Amt feuern.
Blöd nur: Die Vorwürfe stimmten gar nicht.
Das Oberlandesgericht München bewertete Böhmermanns Aussage 2026 als unwahre Tatsachenbehauptung und als Verletzung von Schönbohms Persönlichkeitsrecht. Seinen Job bekam der unschuldige Mann trotzdem nicht zurück. Eine falsche Behauptung läuft vom öffentlich-rechtlichen Bildschirm ins Ministerium und ruiniert eine bis dahin tadellose Beamtenkarriere.
Aber ein „rechtes Medienökosystem“ soll das Problem sein? Ernsthaft?
„Unsere Demokratie“ gegen den Wähler
Endgültig lächerlich wird es, wenn Hillje der AfD den Aufbau einer „kollektiven Identität“ vorwirft.
Wenn in Deutschland eine kollektive Identität erzeugt wurde, dann von links. Dafür wurde der Kampfbegriff „Unsere Demokratie“ erfunden: Als rhetorische Fahne, hinter der sich die eigenen Truppen sammeln sollen. Hier die „Demokraten“, dort die „Demokratiefeinde“. Hier die Anständigen, dort die Unanständigen.
„Unsere Demokratie“ ist geradezu die Definition einer kollektiven Identität.
Und sie schließt immer größere Teile der Bürger ausdrücklich aus. Die „Zeit“, das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung, der Berliner Tagesspiegel, die Wirtschaftswoche und der Vermarkter Ströer starteten 2024 gemeinsam mit rund 500 Unternehmen, Stiftungen und Verbänden die Kampagne „#Zusammenland“. Offizieller Inhalt: für Vielfalt. Inoffizieller Inhalt: gegen die AfD. Die Initiatoren stellten Anzeigenplätze im Wert von mehreren Millionen Euro in Zeitungen, im Internet und auf digitaler Außenwerbeflächen bereit.
Das ist der Generalangriff einer kollektiven Identität auf die Souveränität des Wählers.
Neue deutsche Teilung
In seinem Machwerk wirft Hillje der AfD schließlich noch „Polarisierung“ vor. Das ist vielleicht die schlimmste intellektuelle Zumutung.
Denn die „Brandmauer“ ist nichts anderes als eine Polarisierung aus Beton. Sie ordnet nicht Argumente, sondern Absender. Sie behandelt selbst Zustimmung wie eine ansteckende Krankheit: Sobald die AfD einem Antrag anderer Parteien zustimmt, spielt der Inhalt plötzlich kleine Rolle mehr. Entscheidend ist dann nur noch, dass dieser Inhalt durch die Zustimmung der AfD sozusagen verunreinigt wurde.
Es ist schwierig, über einen Mann, der die Brandmauer vehement verteidigt und gleichzeitig ernsthaft der AfD Polarisierung vorwirft, nichts zu sagen, womit man sich dann nicht rechtliche Probleme einhandelt.
Propaganda im Spiegel
Was Hillje da macht, ist natürlich keine Analyse der Kommunikationsstrategie der AfD. Was er macht, ist klassische Propaganda.
Der französische Soziologe Jacques Ellul hat dieses Phänomen 1962 in seinem Buch „Propagandes“ umfassend analysiert (das ist übrigens tatsächlich ein Standardwerk). Er hielt fest:
„Der Propagandist wird dem Feind nicht irgendeine Untat vorwerfen; er wird ihn genau der Absicht bezichtigen, die er selbst hat. (…) Wer einen Krieg provozieren will, beteuert seine Friedensliebe und wirft dem Gegner Provokation vor.“
Der Sozialpsychologe Roger Mucchielli, auch ein Franzose, prägte dann 1970 in seinem Buch „Psychologie de la publicité et de la propagande“ den seitdem fest eingeführten Begriff „L‘Accusation en miroir“: Vorwurf im Spiegel. Er beschrieb das präzise als eine effektive Methode, bei der ein Propagandist dem Gegner genau jene Absichten und Verbrechen unterstellt, die er selbst hegt oder gerade ausführt. Der Zweck ist es, die eigenen Aggressionen als „präventive Selbstverteidigung“ zu tarnen.
Praktisch waren diese Techniken schon längst im Einsatz. Joseph Goebbels machte Medienlenkung, Gemeinschaftsmythos, Feindmarkierung und permanente Polarisierung zur Regierungspraxis. Kleiner Hinweis für „Unsere Demokratie“: Diese Propagandamethoden werden nicht demokratisch, nur weil ihre Anwender das Wort „Demokratie“ auf die Verpackung drucken.
Der vielleicht wichtigste Propagandatrick der Welt besteht darin, die eigenen Methoden einfach dem Gegner vorzuwerfen. Der Propagandist zeigt auf den anderen und ruft: Haltet den Propagandisten.
Johannes Hillje hat daraus ein Buch gemacht.
Die Illusion der Illusionisten
Es gibt doch einen Satz, dem man zustimmen kann. Hillje nennt es „erschütternd“, dass im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt alle Parteien außer der AfD nur gesagt haben, was sie verhindern wollen. Stattdessen müssten sie erklären, was sie erreichen wollen.
Richtig. Das ist tatsächlich die große Leerstelle des „Brandmauer“-Lagers: kein Angebot, nur Feindbewirtschaftung.
Doch der einen richtigen Erkenntnis folgt dann sofort wieder die nächste Halluzination: Als Gegenmittel schlägt der Mann etwas vor, das er „demokratischen Visionismus“ nennt. Statt vom lärmenden Bagger soll die Politik von der renovierten Turnhalle erzählen.
Oh mein Gott.
Das ist Werbesprech aus der PR-Hölle. Der Bürger will nicht immer noch mehr neue Versprechungen, von denen er ja weiß, dass sie sowieso nicht gehalten werden. Er sieht explodierende Kosten, jahrelange Verzögerungen und gesperrte Brücken. Er braucht kein emotionaleres Schild, auf dem steht: „Hier wollen wir bauen“.
Er will einfach nur, dass jemand endlich anfängt zu bauen.
Das ist die typische linke Illusion: Wenn wir schon keine Ergebnisse liefern können, dann dekorieren wir zumindest hübsch um. Kein Produkt, aber eine buntere Verpackung.
Standardwerk des Selbstbetrugs
Hilljes Buch ist Schrott. Nicht, weil es die AfD kritisiert. Kritik an der AfD ist legitim. Sondern weil seine Argumentation den einfachsten Belastungstest nicht übersteht: den Blick in den Spiegel.
Dass „Politik & Kommunikation“ dieses Machwerk so überhöht, entlarvt das ganze Milieu. Der Autor sitzt auf einem Podium des Quadriga-Campus und erzählt der Kommunikationsbranche, was sie hören will. Dafür bekommt er dann das brancheneigene Qualitätssiegel.
Echokammer zertifiziert Echokammer.
Große Teile der PR- und Werbeszene haben sich vom Volk – also von den Kunden – ebenso weit entfernt wie die Parteien und die selbsternannten Leitmedien.


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