Der fatale Floskel-Feldzug des Philipp Amthor

Dass die CDU ausgerechnet Philipp Amthor durch alle Sender schickt, um ihr Wahldebakel schönzulabern, zeigt, wie hoffnungslos verkalkt die Partei ist. Mit einem Füllhorn veralteter Floskeln führt er einen Feldzug gegen die Zeitläufte. Bei Hart aber Fair dreht er schließlich völlig frei.

Screenprint: ARD / hart aber fair

Schon am Wahlabend setzte Amthor in der ARD erste Duftmarken, und die rochen gar nicht gut. Wie versteinert stand er da und spulte unbeirrt herunter, was seine Klischee-Kladde so hergab: „Die AfD selbst ist angetreten damit, die anderen Parteien verächtlich zu machen, zu zerstören, das ist ihr Ansatz. Wir haben einen anderen Ansatz. Wir stehen für eine Politik der Menschlichkeit. Die AfD, sie steht für das Gegenteil davon.“

Am Montag früh dann gleich der nächste Aufschlag bei Phoenix. Es gehe nicht um Rechts oder Links, sondern um „die Konfliktlinie zwischen Stabilität und Chaos“. Und die AfD habe „ein gestörtes Verhältnis zu Institutionen“.

Dann am Abend gleich weiter ins Hart-aber-Fair-Studio. Hier dreht Amthor völlig frei. Er komme nicht „mit dem üblichen Besteck, wie man so eine Wahlniederlage erklärt“, sagt er, nur um dann genau das zu tun. Mit nervenzehrender Ausdauer wiederholt er stumpf all jene abgedroschenen Worthülsen, die seine Partei dorthin gebracht haben, wo sie heute steht: unter 20 Prozent. Die Fehler lägen „offensichtlich bei uns“, das gibt er noch zu, doch schon im nächsten Satz verfällt er wieder in die alten Rollenmuster: Die AfD sei „eine gesichert rechtsextreme Partei“, die CDU werde die Reformen weiter fortführen. Und, ach ja, das Debakel könne man auf keinen Fall an Friedrich Merz festmachen.

Sonderbare Sondersendung zur Wahl
Bei Lanz: Chrupalla und Wagenknecht erwidern das Kreuzfeuer
Unbelehrbar, mit typisch schulmeisterlichem Gehabe und famoser Gesichtskirmes, teilt er aus. Doch er bekommt auch Gegenwind. Ines Schwerdtner (SED/Die Linke) erinnert ihn daran, dass der Kanzler der zweiten Wahl seit Monaten die Menschen beleidige: „Es gibt Leute, die arbeiten jeden Tag, und die werden beschimpft. Dass Sie das nicht mal merken, das ist so arrogant.“

Fabio de Masi, Parteichef des BSW, wundert sich, dass Amthor überhaupt plötzlich so sehr im Rampenlicht steht: „Das letzte Mal habe ich Herrn Amthor gesehen, als er Aktienoptionen hatte von einem Unternehmen, für das er lobbyiert hat.“ Dem CDU-Mann friert das Gesicht ein. Seine Lobby-Affäre rund um Augustus Intelligence wähnte er wohl als vergessen. Doch de Masi ist noch nicht fertig. Man solle endlich die Aktienpakete der Abgeordneten offenlegen, um zu erkennen, wer eigentlich in wessen Interessen handele.

Nun mag man Amthor zugute halten, dass er eine schwere Kindheit hatte. Die Legende erzählt Tragisches: Mit Schlips geboren, bei einem Schulausflug im Bundestag vergessen und dann von der CDU aufgezogen wie das Dschungelkind Mogli von den Affen. Amthor kann nicht aus seiner Haut. Und so wie Mogli die Affensprache beherrscht, kann Amthor eben Merz-Sprech. Allerdings ausschließlich Merz-Sprech, und das genau ist das Problem.

In der direkten Konfrontation mit einem AfD-Mann sind das denkbar schlechte Karten. Markus Frohnmaier (stellvertretender Fraktionschef) fragt ihn direkt: „Nennen Sie mir eine gute Reform oder Initiative dieser Regierung. Die gab es nicht. Sie haben die Lebensverhältnisse der Bürger in Deutschland kein Stück verbessert.“ Amthor gerät ins Stammeln: „Das ist doch völlig … also …“ Nur Klamroth kann ihm jetzt noch den Kopf aus dieser Schlinge der Stille ziehen. Indem er ihn unterbricht. Und kaum hat sich Amthor wieder gefangen, zickt er Frohnmaier an: „Wenn Sie hier so große Töne spucken, dann können Sie ja mal zeigen, ob Sie was können. Da bin ich ja mal ganz gespannt!“

Die CDU hat die Wende eingeleitet:
Wie Friedrich Merz die Welt von Neu-Wandlitz aus sieht
Frohnmaier kommt die ganze Sendung über aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Wenn Amthor sagt, die CDU stehe für ein menschliches Miteinander, antwortet er lächelnd: „Da freue ich mich drauf.“ Nebenbei enttarnt der AfD-Mann den jungen „Influencer“ Hannes Kreschel, der neben ihm sitzt, als SPD-Mitglied. Klamroth und die Regie haben das verschwiegen. Sie zeigen Kreschel vielmehr, wie er in Straßenumfragen das AfD-Programm ins Gegenteil verkehrt und Fake News verbreitet. Zum Beispiel, eine besondere Betreuung für lernschwache oder behinderte Kinder bedeute: „Dein Kind ist weniger wert“. Klamroth sendet das genau so. Mehr noch: Als Frohnmaier Kreschel als SPD-Mann outet, unterbricht ihn Klamroth sofort.

Kreschel hat offenbar seine eigene Klatschklasse mitgebracht. So kassiert er – zusammen mit Schwerdtner – als Einziger an diesem Abend Applaus aus dem Klamroth-Publikum.

Noch einen weiteren, besonders auffälligen Gast präsentiert der Moderator: Aras Badr, 2015 aus Syrien geflüchtet, hat es erstaunlich schnell zum Berater in einer Antidiskriminierungsstelle in Sachsen-Anhalt geschafft. Im Studio sieht er aus, als ob er jeden Moment losheulen müsste. Die Mensch gewordene Trübsal und Besorgtheit. „Ich habe überlegt, ob ich überhaupt heute komme“, sagt er und berichtet davon, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt bereits am Tag nach der Landtagswahl noch viel mehr und noch viel größere Angst hätten. Ob sie noch mit dem Bus fahren dürften, das Gesicht zeigen, ein Kopftuch tragen. „Das macht müde“, sagt Badr.

Überforderter Kanzler
Sachsen-Anhalt markiert das Ende der CDU: Gerald Grosz
Frohnmaier versucht, ihm diese plakativ geäußerten Ängste zu nehmen. Gut integrerte Migranten hätten selbstverständlich nichts zu befürchten, denn sie seien „Teil unserer Heimat“. Frohnmaier: „Die AfD ist eine Partei, die ganz klar zwischen Fachkräfte-Zuwanderung und irregulärer Migration unterscheidet.“ Es gehe um illegale Migranten und Gewalttäter: „Bei uns gibt es alle vier Stunden Messerattacken, die Tätergruppen sind bekannt.“ Stöhnen im Publikum, Klamroth wird unruhig. Frohmaier kann noch ergänzen: „Es gibt einmal die Woche ein sogenanntes Gang-Rape“, da erlebt Vorzeige-Migrant Badr eine wundersame Wandlung. Eben noch saß er weinerlich und mit gesenktem Haupt im Publikum, nun geht er plötzlich in Kampfpose und pöbelt lauthals zurück, während Frohmaier noch spricht. Klamroth geht dazwischen und wechselt schnell das Thema.

Frohmaier kann machen, was er will. Erwähnt er, dass er selbst rumänischer Abstammung ist – egal. Berichtet er, dass er als Abgeordneter einen Syrer beschäftigt habe, kommt Schwerdtner sofort mit Ehefrau, Vater und Vetternwirtschaft um die Ecke.

Jeder gegen jeden und alle gegen – Obacht, nicht mehr nur gegen die AfD, sondern auch gegen die CDU. Doch während Frohnmaier mit Inhalten kontert, begnügt sich Amthor mit seinem Textbaukasten P – „Parolen und Plattitüden“. Das Image seiner Partei glaubt er mit den folgenden Aussagen zu retten: „Deutschland wird schlecht geredet. Unsere liberale Demokratie ist doch auch ein Wert an sich. Wir sind eine freie, wertoffene Gesellschaft. Wir können stolz sein auf unser Deutschland. Dieses permante Schlechtgerede, Dystopie, mit Angst, mit Hass, mit Dem-Anderen-Lügen-unterstellen, das ist nicht das Klima, in dem ich Politik für dieses Land machen möchte.“

Der Zuschauer bleibt ratlos zurück: Wenn er schon nicht möchte, warum darf der überhaupt?

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen