Katja Kipping bei Sarah Tacke: Fühlis vor Fakten

Sarah Tacke – Klappe, die Letzte: In der vierten von vier Sendungen gibt sie nochmal richtig Gas. Und fährt mit Katja Kipping eine schrille Herzblut-Linke auf, die Fühlis stets vor Fakten setzt. Tragisch: Ihr Gegenpol, CDU-Mann Christoph Ploß, kann kaum kontern. Ein Abend der Absurditäten.

Screenprint: ZDF / Sarah Tacke

Der Vorspann wird immer zackiger – als wolle Sarah Tacke in ihrer letzten Sendung nochmal alles geben, um nur ja einen dauerhaften Sendeplatz zu bekommen. Schnelle Schnitte, kurze knappe Aufsager in der Mittagssonne und im Abendlicht. Mit Menschen im Café und auf der Straße, dann wieder allein, nachdenklich, fordernd. Und immer schön in Bewegung bleiben. Sarah Tacke geht hier lang, da lang, dort lang, sie jagt die Kamera geradezu. Bis hinein ins Studio, mit wehenden Haaren.

Es ist die letzte Ausgabe ihres vierteiligen Probelaufs. Nächsten Donnerstag ist auf dem Sendeplatz wieder die grundgelangweilte Maybrit Illner am Start, der man bei jedem Satz anmerkt, dass ihr alles, aber auch wirklich alles, ganz prinzipiell am Allerwertesten vorbeigeht. Die jede Sendung so professionell-lethargisch durchzieht, als sei sie noch immer Nachrichtensprecherin des DDR-Fernsehens.

Hier die dynamische Tacke, dort die saturierte, satte Illner – größer könnte der Kontrast kaum sein.

Für ihren Schlussakkord gibt Tacke alles. Und holt sich die schrillste Linkenpolitikerin an die Seite, die man sich vorstellen kann. Katja Kipping war bis 2021 Co-Chefin der ehemaligen Mauerschützenpartei SED/Die Linke und ist mittlerweile Geschäftsführerin des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Nun könnte man meinen, da müsste sie vielleicht einer normalen, geregelten Arbeit nachgehen. Doch weit gefehlt. Der Abend bei Sarah Tacke führt den Beweis: Auch in ihrer neuen Rolle kommt Kipping mit Ideologie und Realitätsverweigerung noch immer ganz gut vom Hof. Echte Fakten – das reale (Arbeits-)Leben gar – spielen keine Rolle. Seine Welt biegt man sich in linken Kreisen solange zurecht, bis es passt. Egal, ob in der Partei oder beim Paritätischen.

Es geht heute Abend ums Bürgergeld, das jetzt Grundsicherung heißt und das angeblich alles neu und alles anders und alles besser machen soll. „Das ist für viele eine der ganz großen Gerechtigkeitsfragen“, hechelt Sarah Tacke in die Kamera, während sie durch Berlin läuft. Ab ins Studio, und los geht’s.

Mit einer Bremse

Katja Kipping winkt sofort ab. Die Grundsicherung sei garantiert „nicht das Mittel, um Menschen in Arbeit zu bringen“. Auch wenn die Politik das behaupte. Die ehemalige SED/Linke-Politikerin bleibt auch in ihrer Verbandsrolle eine scharfe Verteidigerin des alten Bürgergeld-Systems. Sie warnt vor Armutsspiralen, Psychosen und Pauschalisierungen.

Das sehen die beiden anderen Gäste ganz anders. Tanja Schweiger, Landrätin in Regensburg (Freie Wähler), findet es gut, dass die Grundsicherung neue Schwerpunkte setze: „Dass erst in Arbeit vermittelt wird und nicht in Weiterbildung, das ist richtig und wichtig.“ Und Christoph Ploß betont, dass man mit dem neuen System „schon sehr viele“ endlich in Arbeit bringen wolle.

„Sehr viele ist keine Zahl“, sagt Tacke, doch wenn es konkret werden soll, tut sich Ploß schwer. Er windet sich, lässt sich schließlich „eine hohe sechsstellige Zahl“ entlocken, aber nur widerwillig.

„Muss ich Ihnen jetzt die Zahlen ihrer Regierung erklären?“, ätzt Kipping dazwischen. Man erwarte nur 86 Millionen Euro an Einsparungen und rechne ab 2027 sogar mit einer Mehrbelastung durch die Grundsicherung. Auch Tacke setzt nochmal nach, doch Ploß bleibt schwammig: „Wir haben ja jetzt schon innerhalb der letzten Monate über hunderttausend Menschen dazu gebracht, dass sie nicht mehr Bürgergeld beziehen. Allein hunderttausend Menschen bringen Milliarden an Einsparungen für den Staat.“ Man rechne mit einer bis drei Milliarden. Anders gesagt: Man weiß es nicht.

Tacke zeigt eine Grafik: 1,8 Millionen Grundsicherungsempfänger seien erwerbsfähig, würden aber nicht arbeiten. Dabei gebe es 1,15 Millionen offene Stellen. Wie das wohl zusammenpasst?

Kipping redet es klein – und sich um Kopf und Kragen. Es gebe ja so viele „Langzeiterwerbslose“ – „Aber es sind doch nicht 1,8 Millionen langzeiterwerbslos!“ wirft Tacke ein – egal, weiter: „… und wenn die wohin kommen, in den ganz normalen Arbeitsbetrieb, wo alles schnell wie ein Rädchen ineinander greifen muss, das funktioniert vielleicht nicht. Da braucht es womöglich am Anfang ‘ne Begleitung, ’ne Unterstützung, ’ne langsame Hinführung.“

Die Landrätin kann dieser gefühlsduseligen Litanei nicht folgen. Für sie ist „das Thema Anreiz“ am wichtigsten. Es gehe darum: „Hab’ ich wirklich den Druck, zu arbeiten?“ Und sie stellt klar: „Weniger als die Hälfte sind Deutsche, mehr als die Hälfte sind Ausländer, davon sind die Hälfte Ukrainer und die andere Hälfte Drittstaatler.“ Wenn jemand nur Asyl sage, sei das schon genug – „in dem Moment bin ich sofort im Bürgergeld“. Ploß spricht von einer Totalverweigerer-Rate von einem Prozent mit hoher Dunkelziffer. „Das legt die Axt an das Fundament des Sozialstaats. Da ist einiges ausgeufert.“

Jetzt setzt Kipping auf Whataboutism. „Die Totalverweigerer, die haben ja so viel Sendezeit bekommen, wenn die Hälfte für diejenigen aufgewendet würde, die organisierten Steuerbetrug im großen Stil machen …“ Und weiter: Missbrauch komme praktisch nicht vor. „Es ist im ganz, ganz kleinen Bereich, und die mediale Aufmerksamkeit, die das bekommt, ist überhaupt nicht im Verhältnis zu dem, was der Staat dadurch an Geld Miese macht.“ Steuerbetrug hingegen würde pro Jahr hunderte Milliarden Euro kosten. Nein, nein, Totalverweigerer seien „ein kleiner, kleiner Bereich“.

Doch es kommt noch deftiger. Einmal warmgelabert, gerät Kipping so richtig ins Faseln: Völlig grundlos und ohne irgendeinen Zusammenhang erzählt sie plötzlich: „Ich bin auch so ein Typ, ich muss überall wo ich bin, mich einbringen, und nach meiner Arbeit gehe ich noch ins Ehrenamt und geb’ Schwimmkurse und so weiter, aber ich hatte halt auch Eltern, die mich immer ermuntert haben, mich einzubringen, ich hatte Lehrer, die an mich geglaubt haben …“ In diesem Stil geht es noch ein bisschen so weiter, aber wir brechen hier besser mal ab. Der Platz im Internet ist schließlich nicht endlos.

Um Kipping mit der Realität zu versöhnen, lässt Tacke nochmal den Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken einspielen: „30, 40 Prozent machen keine wahren Angaben“, hatte der vor einigen Monaten in einer TV-Sendung gesagt. Danach wurde er fristlos gekündigt. Das Amt kam mit so viel Ehrlichkeit offenbar nicht klar. Ploß schätzt, dass es in Deutschland „etwa 18.000 Totalverweigerer“ gibt. Kipping bestreitet das vehement und fährt Ploß, wenn er sie zu sehr nervt, auch schonmal schulmeisterlich mit erhobener Gouvernantenstimme über den Mund. Der CDU-Mann lässt sich das, warum auch immer, alles völlig wehrlos gefallen.

Auch als Tacke ihn mit den Aussagen seiner Parteikollegen konfrontiert, macht Ploß keine gute Figur. Der Einspieler ist gnadenlos: Merz verspricht durch die Grundsicherung „zweistellige Milliardenbeträge“ an Einsparungen, Thorsten Frei spricht von 30 Milliarden. Dann wird es immer weniger: Jens Spahn: zehn Milliarden. Und nochmal Merz: sechs Milliarden. Am Ende sollen es jetzt 86 Millionen sein. Tacke stellt Ploß zur Rede: „Wie kann das sein?“

Der gerät ins Straucheln. „Das muss man gegebenenfalls auch korrigieren. Da ist sicherlich auch ein falscher Eindruck entstanden, auch eine falsche Erwartung bei einigen.“

„Wie kann da ein falscher Eindruck entstehen?“ fragt Tacke.

Ploß: „Es geht nicht um Einsparung gleich zu Beginn. Wer hofft, dass sofort diese Milliarden-Einsparungen kommen, der ist falsch.“

Uff, rote Warnlampe am Floskel-Textbaukasten. Bitte dringend auffüllen!

Landrätin Schweiger kann es nicht fassen, dass Arbeitslose erst dann mit Sanktionen rechnen müssen, wenn sie dreimal unentschuldigt fehlen. Und sie erzählt, wie es in der Praxis läuft: Eine erste Vorladung sei schonmal völlig zwecklos. „Freischuss, sagen die Mitarbeiter mittlerweile.“ Beim zweiten Mal werde dann ein Zahnarzttermin vorgeschoben. „Dann geht’s wieder von Null an zum Zählen, dann kommt wieder der erste Freischuss.“ Der Appell der Lokalpolitikerin: „Wenn wir die Menschen in Arbeit bringen wollen, dann muss doch ganz klar sein, dass sie sich an Regeln zu halten haben.“

Kipping widerspricht: Viele Arbeitslose seien bereits überfordert, wenn nur ein Brief vom Amt kommt. Sie bräuchten psychische Hilfe. Außerdem und überhaupt: „Es gibt auch viele Sanktionen, die rechtswidrig verhangen werden.“ Ploß erwidert: „Also Sie wollen jetzt gar keine Sanktionen, oder wie?“

Auf diesem Niveau geht es … BREAKING NEWS! Wir unterbrechen diese Rezension für eine wichtige Durchsage!

Die Republik Absurdistan hat soeben den deutschen Botschafter einbestellt. Sie wertet diese Talkrunde als Angriff auf die eigene Souveränität.

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