Nichtfachleute sollten bei wissenschaftlichen Experten die Faustregel beachten: „Trau keinem unter 60!“. Experten sind meistens Professoren und gegen einen Ü-60-Professor gibt es keine wirksamen beruflichen Sanktionen mehr.
Beruft Politik sich auf „Wissenschaft“, zum Beispiel beim Thema Klima, Energie oder „geschlechtergerechte“ Sprache, dann sollten Nichtfachleute bei den Aussagen wissenschaftlicher Experten auf die Faustregel achten: „Trau keinem unter 60!“. Warum? Die Experten sind meistens Professoren, und gegenüber einem über 60-jährigen Professor gibt es keine wirksamen beruflichen Sanktionen mehr. Wer über 60 ist, kann auf außerwissenschaftliche Rücksichten verzichten. Auch beim politisch brisanten Thema Gendern.
Der Germanist Helmut Glück (Universität Bamberg), geb. 1949, setzte sich schon zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere, 1978/79, mit dem – damals aufkommenden – Sprachfeminismus auseinander, der die deutsche Sprache als „Männersprache“ brandmarkte und ihre Genusregeln als „frauenfeindlich“. Danach widmete er sich linguistisch ergiebigeren Forschungsfeldern, insbesondere Deutsch als Fremdsprache.
Nach seiner Emeritierung, 2015, griff er das Thema Geschlecht und Sprache wieder auf und veröffentlichte zu der politisch herrschenden Genderideologie und ihrem „Genderdeutsch“ einige Beiträge – zuletzt „In der Welt des Genderns können sogar Tote noch Rad fahren“. Nun legt er eine sprachwissenschaftliche Bilanz vor: „Vom Gendern und seinen Grenzen“, die das Thema in sieben Kapiteln umfassend und allgemeinverständlich darstellt.
Kann Grammatik „gerecht“ sein?
Im Einleitungskapitel „Vom Sexus, vom Genus und von der Gerechtigkeit“ stellt Glück klar, dass die grammatische Kategorie Genus und die biologische Kategorie „Sexus“ grundsätzlich verschieden sind. Eine „geschlechtergerechte Sprache“ könne es deshalb nicht geben; denn „Gerechtigkeit“ ist keine Eigenschaft der Grammatik: „Gerecht und ungerecht sein können allenfalls die Nutzer der Sprache“. Eine Ursache für die Vermengung von Genus und Sexus liegt in der traditionellen grammatischen Terminologie, welche seit der Antike die Genusformen (Genera) Maskulinum, Femininum und Neutrum (der Mond, die Sonne, das Tier) unterscheidet, was im 17. Jahrhundert mit „männlich“, „weiblich“ und „sächlich“ verdeutscht wurde. Kapitel 2 „Woher kommen die Wörter für die Genera?“ erläutert die Geschichte dieser Terminologie, die letztlich zu einer „Sexualisierung“ der Kategorie Genus führen konnte.
Frauenfeind „generisches Maskulinum“
Der Hauptfeind des Sprachfeminismus und seiner „geschlechtergerechten Sprache“ ist die Bezeichnung von Personen mit dem sogenannten „generischen Maskulinum“ wie in dem aus der Arzneimittelwerbung bekannten Spruch: „(Zu Risiken und Nebenwirkungen…) fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“. Grammatisch sind Arzt und Apotheker Maskulinformen; nach dem Sexus können sie aber Mann oder Frau sein, das Maskulinum gilt hier allgemein (generisch) für alle Geschlechter. Für den Sprachfeminismus werden dadurch die Frauen „unsichtbar“ gemacht, weshalb der Spruch 2023 umformuliert wurde zu: „Fragen Sie Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder in Ihrer Apotheke“. Die neue Formulierung ist zwar auch grammatisch richtig, aber durch den Verzicht auf das generische Maskulinum ziemlich umständlich (19 statt 12 Silben). Zudem müsste man statt „in Ihrer Apotheke“ juristisch korrekt formulieren: „Ihren Apotheker oder Ihre Apothekerin“; denn nur Apotheker ˗ nicht die in einer Apotheke tätigen pharmazeutisch-technischen Assistenten ˗ sind befugt, über Risiken von Medikamenten zu informieren.
Die These, das generische Maskulinum mache die Frauen unsichtbar, ist linguistisch falsch; das Maskulinum dient hier als Oberbegriff für alle Geschlechter, macht also ebenso Männer und Diverse unsichtbar. Auch die Folgerung, das generische Maskulinum schaffe ein patriarchalisches Weltbild, das die Frauen benachteilige, stimmt nicht: Es gibt genuslose Sprachen, zum Beispiel Türkisch oder Chinesisch, und in deren Sprachgebiet ist die Stellung der Frau sicher nicht besser als in Deutschland.
Dass eine sprachliche Form je nach Kontext speziell oder generisch verwendet wird, ist keine Besonderheit des Genus, es kommt auch bei anderen grammatischen Kategorien vor sowie im Wortschatz: Die Zeitspanne von vierzehn „Tagen“ schließt die „Nächte“ mit ein, und die Singularform „die Katze“ meint in der Aussage „die Katze ist ein Säugetier“ generisch alle Katzen, hingegen in „Die Katze ist im Garten“ ein einzelnes Tier.
„Postgrammatisches Wirrwarr“
Den umfangreichsten Teil der Argumentation bildet Kapitel 5: „Wo das Genderdeutsche auf die Grammatik trifft“.
Seit den 1980er Jahren wird versucht, im öffentlichen Sprachgebrauch das generische Maskulinum der deutschen Sprache durch „geschlechtergerechte“ Formulierungen zu ersetzen. Es gibt hierzu Hunderte von Anleitungen, Richtlinien und Handbüchern.
Das Ergebnis fasst Glück in einer treffenden Bewertung zusammen: „Postgrammatisches Wirrwarr“ und gibt dafür eine Fülle von Belegen. Einige Beispiele: Wortbildungen wie „Prostatapatient*innen“ oder „zu Fuß Gehende“ (Straßenverkehrsordnung 2013, § 25) sind abwegig: Die Prostata ist ein männliches Organ und eine Fußgängerbrücke keine „zu Fuß gehende Brücke“. Der Gendersatz „Frauen sind die besseren Autofahrerinnen“ (übersetzt in Standarddeutsch: Frauen sind die besseren weiblichen Autofahrer) ist logisch absurd, und die ZDF-Kriegsmeldung (August 2021) „Die Islamist*innen ziehen in immer mehr afghanische Städte ein“ sachlich falsch: Die Islamisten hatten keine Kämpferinnen.
Das Gendern ist auch nicht immer so einfach wie bei den Personenbezeichnungen auf -er (Lehrer, Lehrer-in, Lehrer*innen). Wie gendert man „Profi“ oder „Eskimos“ (Eskimo*innen, Eskimos*innen)? Noch schwieriger wird das Gendern durch die Ausweitung der Geschlechterzone von zwei auf viele Geschlechter: Wie redet man eine nicht-binäre Person an? „Herr“ oder „Frau“ geht nicht; die Stadt Wien schlägt deshalb vor: „Liebe Wienerinnen, liebe Wiener, liebe intergeschlechtliche Menschen in Wien!“ Auch die Personalpronomen er und sie können gegenüber Nicht-Binären nicht gendergerecht eingesetzt werden, man muss deshalb neue Formen, sogenannte Neopronomina, erfinden.
Wer verbreitet diesen sprachlichen Unsinn? Glück kommt zu folgendem Ergebnis: „Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind die wichtigsten, weil reichweitenstärksten Propagandisten des Genderdeutschen“. Das stimmt, aber der Haupttreiber des Genderns war und ist die Politik, die seit 1980 („Arbeitsrechtliches EU-Anpasssungsgesetz“, das die geschlechtsneutrale Stellenausschreibung vorschrieb) im staatlich kontrollierbaren Bereich die Ideologie der „geschlechtergerechten Sprache“ umsetzt – allerdings mit wenig Wirkung auf den allgemeinen, vor allem mündlichen Sprachgebrauch. Im Schulwesen wird übrigens das (schriftliche) Gendern neuerdings beschnitten, einige Bundesländer haben die für die Vermeidung des generischen Maskulinum gerne verwendeten Gendersonderzeichen wie Stern, Unterstrich, Doppelpunkt (Kund*innen, Kund_innen, Kund:innen) als Rechtschreibfehler eingestuft und „verboten“.
Fazit
Abschließend zieht Glück folgendes grammatisches Fazit über das Gendern: „Solange das Gendern im privaten Bereich betrieben wird, ist … [es] von der Meinungsfreiheit gedeckt … Anders sieht das in der Öffentlichkeit aus, in Angelegenheiten der res publica [des Gemeinwesens]. Dort ist das Genderdeutsche ein Politikum. Denn dort maßt es sich an, ein Vorbild zu sein, dem alle folgen sollen. Doch es ist kein Vorbild, sondern ein Zerrbild. Es sexualisiert die Sprache, es missbraucht sie, es missachtet grammatische Gesetzmäßigkeiten.“


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