Stimmungsaufheller: VW gibt Schönwetterausblick und schweigt

Volkswagen kündigte am Freitag an, künftig wieder mehr als zehn Millionen Fahrzeuge pro Jahr produzieren zu wollen. Zum Hintergrund dieser Prognose schweigt die Konzernleitung. Zunächst einmal stehen ein massiver Personalabbau und Werksschließungen auf dem Programm.

IMAGO / Jan Huebner

Wenn eines in diesen Wochen am Standort Deutschland gewiss ist, dann sind es die nicht mehr endenden schlechten Nachrichten. Der Volkswagen-Konzern kündigte in der vergangenen Woche an, seine Belegschaft in den kommenden Jahren von rund 657.000 um bis zu 100.000 Mitarbeiter zu reduzieren. Um zusätzliche Liquidität angesichts schrumpfender Gewinnmargen bereitzustellen, soll zudem die profitable Schiffsmotorensparte Everllence (ehemals MAN Energy Solutions) mehrheitlich veräußert werden. Der Konzern rechnet mit einem Verkaufserlös von 7,4 Milliarden Euro.

 

Vier VW-Werke werden aller Wahrscheinlichkeit nach schließen. Die Standorte Hannover, Emden, Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm werden dem Konsolidierungsdruck zum Opfer fallen. Dies klingt weniger nach einer Konsolidierung des Geschäfts als vielmehr nach einem partiellen Kollaps eines Unternehmens, das vor allem auf seinem einstigen Hoffnungsmarkt China massiv unter Druck geraten ist und dort inzwischen rund 36 Prozent seines ursprünglichen Verkaufsvolumens eingebüßt hat. Seit dem bisherigen Rekordjahr 2018 fiel die Zahl der verkauften Fahrzeuge in China von 4,2 Millionen auf 2,7 Millionen.

 

Im vergangenen Jahr sank die Zahl der verkauften Autos weltweit auf 8,98 Millionen Einheiten. Auch für das laufende Jahr rechnet der VW-Konzern nicht mit einer Steigerung der Absatzzahlen. Umso überraschender war die Meldung des Vorstands, schon bald wieder in den Wachstumsmodus zurückzukehren und weltweit erneut die Marke von zehn Millionen verkauften Fahrzeugen anzustreben.

Handelt es sich hierbei um Zweckoptimismus der Geschäftsleitung oder um einen realistischen Ausblick auf das Marktgeschehen?

Wahrscheinlicher ist eine andere Lesart. Die Zehn-Millionen-Prognose dient weniger der Beschreibung einer realistischen Zukunft als vielmehr der Stabilisierung von Erwartungen unter Investoren. Die Volkswagen-Aktie befindet sich seit Jahren unter Druck. Allein in diesem Jahr verlor sie rund 30 Prozent an Wert. Die massiven Kürzungspläne konnten in der laufenden Woche den Verkaufsdruck zwar vorübergehend mindern und den Kurs kurzfristig stabilisieren. An der grundlegenden Lage ändert dies jedoch nichts: Die Absatzperspektiven des Konzerns bleiben düster.

Der Absatzrückgang in China trifft Volkswagen besonders hart, vor allem im politisch präferierten Elektrosegment, in dem inzwischen lokale Hersteller wie BYD und Geely die Preis- und Technologieführerschaft übernommen haben. Aus dem einstigen Wachstumsmotor entwickelt sich zunehmend ein Kapitalgrab mit schrumpfenden Margen und rapide sinkenden Marktanteilen. Hinzu kommt die schwache Nachfrage im Volumensegment, eine anhaltende Rezession sowie Kaufkraftverluste auf dem Heimatmarkt – eine Entwicklung, die sich seit Langem abzeichnet und auch dort, an der Börse, zur Kenntnis genommen wird.

Es ist bedenklich, wenn selbst massive Konsolidierungs- und Umstrukturierungsprogramme wie im Falle von Volkswagen und anderen deutschen Automobilkonzernen einen Aktienkurs nicht dauerhaft stabilisieren können. Dann ist offenkundig etwas faul am Geschäftsmodell des betreffenden Unternehmens.

Die kurios anmutende Wachstumsprognose von VW lenkt von der tatsächlichen Geostrategie des Konzerns ab. Sämtliche Entscheidungen der letzten Monate weisen darauf hin, dass sich Volkswagen in einem massiven Prozess der Kapitalumlenkung befindet – hinaus aus Deutschland, hin zu den künftigen Wachstums- und Produktionsstandorten außerhalb Europas.

 

Die Sterilisierung der Debatte, die merkelsche politische Alternativlosigkeit von Energiewende und Klimapolitik, war die Falle, in die die deutschen Automobilbauer getappt sind. Korporatismus schlägt Ratio – dies gilt im Besonderen für Volkswagen, das sich in einer engen Verflechtung von Industriepolitik und Unternehmensstrategie auf eine einseitige E-Auto-Zukunft festlegte und dabei zentrale Kompetenzen des klassischen Automobilbaus aus der Hand gab.

Hinzu kommt ein industriepolitisches Umfeld am Heimatstandort, das durch hohe Energiekosten, regulatorische Übersteuerung und eine einmalige Planungsunsicherheit geprägt ist. Deutschland hat sich mit seiner Energiepolitik im internationalen Vergleich zu einem der toxischsten, teuersten und am stärksten regulierten Industriestandorte entwickelt. Ein struktureller Nachteil, der sich vor allen Dingen in energie- und kapitalintensiven Branchen wie der Automobilindustrie unmittelbar niederschlägt, wenn die Kapitalstruktur einmal ins Rutschen gekommen ist.

Viele Arbeitnehmer werden im Zuge des VW-Niedergangs im Zulieferbereich ihre Jobs verlieren und Fragen stellen. Weshalb treibt uns die Politik mit unsinniger Klimaregulierung und der mit unglaublicher Sturheit durchgepeitschten Energiewende an den Rand unserer Existenz? Deshalb haben Arbeitnehmervertreter geschrieben, und wieso war es so einfach, die Wirtschaftseliten mit Subventionen ruhigzustellen, bis es zu spät war? Die Deindustrialisierung Deutschlands beschleunigt sich sichtbar und erfährt nun über den Niedergang des ehemaligen Flaggschiffs des deutschen Automobilbaus die Aufmerksamkeit, die sie von Beginn an hätte erfahren müssen, um eine substanzielle politische Opposition formieren zu können.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 1 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

1 Kommentar
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Bernd Bueter
59 Minuten her

Platz 26 auf der Mängelliste, Audi letzter Platz (Mängelkönig).
Völlig überteuert im Inland, Garantie/Gewährleistung – nur was gesetzlich muss – Hyundai Qualität (übrigens 4. Platz) schafft 5 Jahre.

Mein letzter VW hatte 44 PS, wurde Käfer genannt und rostete schneller als er lief.

Die Daimler Strich 8/W123/124 waren robust, langlebig und mit Freude zu fahren.

Ende der 1990er Jahre war dann auch mit Daimler Schluss: zu teuer, zu viele Mängel

Seitdem fahren wir nur noch Koreaner. Als Hyundai meine Händlerin den E-Schrott aufs Auge drücken wollte, war Schluss mit Hyundaihändler. Gebrauchte aus dem Altbestand.
Kubanisierung ist angesagt.