Pharma-Exodus: Eli Lilly halbiert Milliarden-Investition, Boehringer Ingelheim streicht 900 Millionen Euro

Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz von Gesundheitsministerin Nina Warken entfaltet seine volle Wirkung, noch bevor es verabschiedet wurde. Kurz nacheinander haben zwei der bedeutendsten Pharmaunternehmen der Welt angekündigt, Milliardeninvestitionen aus Deutschland abzuziehen.

IMAGO, picture alliance / imageBROKER - Collage: TE

Die schlechten Nachrichten für den Investitionsstandort Deutschland reißen nicht ab. Nun gesellt sich die pharmazeutische Industrie, bislang weitgehend abgeschirmt vom industriellen Niedergang, zu einer wachsenden Gruppe von Unternehmen, die ihr Kapital aus Deutschland abzuziehen erwägen.

Zunächst trat der deutsche Traditionsbetrieb Boehringer Ingelheim an die Öffentlichkeit: Die Geschäftsleitung kündigte zu Wochenbeginn an, eine geplante Investition in Höhe von 900 Millionen Euro unmittelbar zu streichen. Ursprünglich war es geplant, dieses Geld in den Ausbau des Heimatstandorts und in die Erweiterung von Labor- und Fertigungskapazitäten zu investieren. Grund für diese Entscheidung ist die im Rahmen der Gesundheitsreform geplante höhere Rabattierung bei Medikamentenabrechnungen. Die Politik versucht auf diese Weise, die Krankenversicherungen angesichts des steigenden Kostendrucks zu entlasten. Ziel von Gesundheitsministerin Nina Warken ist es, die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren. Einer der naheliegenden Hebel sind die Rabattstaffeln, die das Verhältnis zwischen Versicherungssektor und Pharmaindustrie regeln.

Dieses System, das eher einer Bewirtschaftung als einer Marktwirtschaft ähnelt, zu reformieren und den frischen Wind von Wettbewerb und Innovation zuzulassen, spielt in den politischen Planspielen der Bundesregierung naturgemäß gar keine Rolle.

Wie zu erwarten, setzt die Bundesregierung zunächst bei den Margen der Pharmaindustrie an – mit öffentlicher Empörung ist im Hinblick auf die pharmazeutischen Unternehmen wohl nicht zu rechnen. Zudem hilft dieser Schritt der Bundesregierung, ein Stück weit die tatsächlich notwendigen Reformen – wie die Rückführung illegaler Migranten zur Entlastung des Gesundheitswesens oder den Abbau der überbürokratisierten Verwaltungsstrukturen – konsequent weiter zu verschleppen. Man will alles, bloß keine negative Presse im Superwahljahr 2026. Allein, dass das Bürgergeld in seiner Struktur nicht reformiert wurde, belastet die Krankenversicherungen massiv – diese Kosten gehören eigentlich in den Bundeshaushalt zur korrekten Konsolidierung und Entlastung der Beitragszahler.

Médard Schoenmaeckers, Chef von Boehringer-Deutschland, fand im Handelsblatt-Interview deutliche Worte zur Situation am Heimatstandort: „Die nächste Innovation geht nach Lage der Dinge nicht nach Deutschland.“ Man müsse Schritt halten mit der Entwicklung in den USA und Asien, erklärte der Boehringer-Vorstand und erläuterte den Strategiewechsel seiner Firma.

Das Signal ist deutlich: Nicht nur der Verlust von Produktionskapazitäten steht auf dem Spiel — es geht ganz grundsätzlich um den Erhalt ganzer Wertschöpfungsketten und des komplexen Systems mittelständischer Zulieferbetriebe. Jeder Konzern, der Kapital vom Standort Deutschland abzieht, beschädigt damit auch das komplexe Geflecht seiner Zulieferwirtschaft und verlagert wichtiges Know-how auf unterschiedlichen Ebenen auf andere Standorte, die den Exodus der deutschen Industrie mit offenen Armen empfangen dürften.

Schoenmaeckers gab im Handelsblatt-Gespräch einen weiteren wichtigen Hinweis auf den geopolitischen Hintergrund der Investitionsentscheidung seines Hauses. Investitionsverlagerungen der pharmazeutischen Industrie in die USA sind auch die Konsequenz der Zollpolitik der US-Administration unter Donald Trump. Wer sich verpflichtet, in den Vereinigten Staaten zu investieren, wird von Zöllen befreit und erhält so einen wesentlich problemloseren Zugang zum wichtigsten Binnenmarkt der Welt. Das ist etwas, was wir vor allen Dingen in der deutschen Automobilindustrie sehr gut beobachten können. Die Reindustrialisierung der Vereinigten Staaten geschieht nicht zuletzt auch auf Kosten des deutschen Standorts – und die Politik hat wirklich alles dafür getan, es der amerikanischen Regierung leicht zu machen, um Kapital in die USA zu locken.

Doch Boehringer war nicht der einzige Überbringer schlechter Nachrichten in dieser Woche. Am Mittwoch folgte der US-amerikanische Konzern Eli Lilly seinerseits mit schlechten Nachrichten für den rheinland-pfälzischen Produktionsstandort Alzey.

Dave Ricks, CEO des amerikanischen Pharmakonzerns, fand im Handelsblatt-Interview deutliche Worte und bewertete den deutschen, aber auch den europäischen Standort insgesamt vernichtend. Europa sei zunächst einmal vollständig vom Tisch, was zukünftige Investitionen angehe. Investitionen in den USA machten derzeit wesentlich mehr Sinn, bewertete Ricks die Lage der Konkurrenzstandorte.

Was beiden Unternehmen ganz offenkundig fehlt: ein stabiles regulatorisches Umfeld und bessere Investitionsbedingungen. Beide gingen in diesem Falle nicht ins Detail, da gesundheitspolitische Aspekte im Vordergrund standen. Grundsätzlich leidet aber auch die pharmazeutische Industrie unter den zum Teil hohen Energiekosten am deutschen Produktionsstandort. In der Konsequenz streicht Eli Lilly auch den geplanten Jobaufbau deutlich zusammen. Statt der ursprünglich geplanten 1.000 neuen Arbeitsstellen werden wohl nur 500 geschaffen, wenn überhaupt. Teile der Erweiterungsinvestitionen am Standort Alzey wurden vollständig gestoppt.

Die deutsche Krankheit, die politisch verursachte Deindustrialisierung, erreicht nun also auch die pharmazeutische Industrie. Sie widerstand bislang den Folgen von Energiekrise, Überregulierung und allgemeiner Wirtschaftsschwäche am Standort, muss sich nun aber den neuen Realitäten beugen. In der Folge werden hochqualifizierte Arbeitsplätze verloren gehen, Forschung und Produktionskapazitäten wandern ins Ausland ab. Großer Profiteur dieser Entwicklung scheinen die Vereinigten Staaten zu sein – wie so häufig in diesen Monaten.

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Kommentare ( 10 )

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Koepenicker
45 Minuten her

„Dieses System, das eher einer Bewirtschaftung als einer Marktwirtschaft ähnelt, zu reformieren und den frischen Wind von Wettbewerb und Innovation zuzulassen, …“ Wie genau soll ein Sektor, der direkt abhängig ist von staatlich organisierten Transferleistungen wie Krankenkassenbeiträgen (Deutschland) oder Rabattverträgen (USA), marktwirtschaftlicher werden? …………… „Jeder Konzern, der Kapital vom Standort Deutschland abzieht, …“ In diesem Fall ziehen beide Firmen kein Kapital ab, sie investieren lediglich deutlich weniger. …………. Warum wird der Zusammenhang mit der Weigerung der GKV, die Kosten für die sogenannten „Abnehmspritzen“ zu übernehmen, nicht erwähnt? Genau diese sollten als neuer Goldesel an europäische Kunden „verkauft“ und – finanziert… Mehr

Wilhelm Roepke
51 Minuten her

Richtige Entscheidung der Unternehmen. Diese Wähler müssen so hart getroffen werden, dass es quietscht, sonst wählen die noch einmal 11 Jahre Kartellparteien.

BellaCiao
1 Stunde her

Das muss die von Merz lange angekündigte große Reform für Wirtschaftswachstum sein. Natürlich wächst die Wirtschaft rückwärts. Denn Degrowth ist gut fürs Klima. Also wieder ein voller Erfolg für Deutschland.

A-Tom
1 Stunde her

Letzten Endes müssen die Pharmakonzerne ihre Produkte an ihre Kunden verkaufen. Es besteht ja nicht die Mögkichkeit, sich eben schnell einen Ersatzmarkt von der Größe Dt.’s oder gar der EU zu schaffen. Vielmehr geht es darum, dass das Krankenkassensystem in Zukunft eben keine garantierten Gewinne mehr für die Pharmaunternehmen abwerfen kann, da es zu teuer ist. Zu teuer ist es aber auch, weil ein abgeschotteter Markt, von dem z.B. Generikahersteller von Seiten der EU ferngehalten wurden und ein System von Sozialversicherungen jedem Mitspieler seinen Teil am Kuchen garantieren sollte – dort die Krankenhäuser, hier die Pharmaunternehmen. Es wäre gut, man… Mehr

Edwin
1 Stunde her

Gut so! Weniger Investitionen, weniger Jobs, in diesem Fall sogar hichqualifiierte Jobs! Der Deutsche in der Mehrheit lernt nur über den Schmerz. Vielleicht weiß er dann irgendwann, wo er sein Kreuzchen beim Wählen zu machen hat. Glück auf!

roffmann
1 Stunde her

900Millionen, das ist schon erhebliches Erpressungspotential was öffentlich Wirkung zeigt und zeigen soll. Was hinter den Kulissen abläuft , wird man nicht ausposaunen , warten wir, was aus Ankündigungen wird.

egalo
1 Stunde her

Das ist auf den ersten Blick nicht schön, aber nur so kommen wir der dringend notwendigen Klimaneutralität wieder einen Schritt näher!

Last edited 1 Stunde her by egalo
derostenistrot
53 Minuten her
Antworten an  egalo

vermutlich ist egalo staatsfinanziert, weil der Staat ja auch das Geld macht.

Autour
1 Stunde her

Ob das jetzt am GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz liegt lass ich mal dahingestellt… für mich ist das dann doch zu weit an den Haaren herbeigezogen… aber was ja wohl offensichtlich ist, ist dass Strom unbezahlbar wird… das es zig 1000 Vorschriften, Verordnungen Gesetze gibt die nur dazu dienen irgendwelchen Sesselfurzzern einen „Sinn“ zu geben! Ich Deutschland zu investieren ist momentan absoluter Wahnsinn… und wer soll da arbeiten? Wir produzieren Analphabeten und „Abiturienten“ die nicht mal das einfachste 1×1 beherrschen… WER soll da in der Zukunft arbeiten… Aber lassen sie sich sagen, es wird überall so weiter gehen! In Deutschland investiert KEINER der noch… Mehr

Koepenicker
20 Minuten her
Antworten an  Autour

„Tesla“ investiert in seinen Standort in Grünheide (bis jetzt ca. 5 Milliarden) weitere ca.220 Millionen für ein neues Batteriewerk. Außerdem investiert „Tesla“ noch Millionen in ein „European Engineering Center“ in Berlin. Dort sollen in Zukunft ca. 250 Ingenieure und Techniker arbeiten. „Amazon“ investierte zusätzlich geschätzte 400 Millionen in seinen „Edge East Side Tower“ mit jetzt circa 2500 Mitarbeitern. Insgesamt investierte „Amazon“ seit 2011 circa 6 Milliarden in seinen Standort in Berlin. „Amazon“ gab als Grund für seine Investitionen in Berlin folgende Gründe an :“vor allem den Zugang zu hochqualifizierten Fachkräften und die Attraktivität der Stadt als Innovationsstandort.“ Ob Bezos und… Mehr