Die Nerven blank. Bei Markus Lanz geraten die zwei verhaltensauffälligsten Vertreter ihrer Partei aneinander. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) und Karl Lauterbach (SPD) bekriegen und beleidigen sich aufs Übelste. Aus Angst vor der AfD und einem Fall der Brandmauer. Von Brunhilde Plog
Screenprint: ZDF / Markus Lanz
Die überraschende Kampfkandidatur der FDP-Veteranin am Wochenende auf dem Parteitag wurde seitdem von vielen Seiten harsch kritisiert. Strack-Zimmermann hatte überraschend ihren Hut in den Ring geworfen und Wolfgang Kubicki sichtlich brüskiert. Der vermeintlich alleinige Kandidat für den Parteivorsitz sah sich plötzlich einer Kampfabstimmung ausgesetzt, ohne sich darauf vorbereiten zu können, und gewann die Abstimmung mit 60 zu 40 Prozent.
Auch bei Lanz ist Strack-Zimmermanns Verhalten das erste Thema. Doch was auf dem Parteitag so überraschend und spontan aussah, sei bereits seit einigen Tagen vorbereitet worden, erzählt die Kriegsexpertin mit der Helmfrisur frank und frei. Sie nennt es dennoch eine spontane Reaktion auf das plötzliche Hinwenden Kubickis hin zur AfD. Darauf habe sie reagieren müssen und daher kurzfristig selbst kandidiert, um einen Gegenpol zu setzen.
Da ist sie wieder: die AfD, die Angst vor der AfD und vor allem die Angst, irgendjemand könne irgendwann die Brandmauer in Frage stellen und mit den „Radikalen“, wie Strack-Zimmermann die AfD nennt, irgendwie zusammenarbeiten.
Für Lauterbach ist der Fall klar. Er hat ein Wort in petto, mit dem er sich aus der eigenen Geschichte bestens auskennt: unseriös. „Der Zirkus erinnert mich an das Lügengerede von Christian Lindner“, sagt Lauterbach. Lindner habe auf ähnliche Weise die Ampelkoalition gesprengt. Auch damals habe es wie eine spontane Entscheidung aussehen sollen, sei aber von langer Hand geplant gewesen. „Das ist einfach der unseriöse Charakter dieser Partei“, sagt Lauterbach und geht noch einen Schritt weiter. Die FDP sei „eine halbseidene Partei“, die man „in der jetzigen schwierigen Zeit“ in einer Regierung „nicht gebrauchen“ könne.
Aus dem Bildschirm hinter der Studiorunde steigen kleine Rauchschwaden auf. Denn Strack-Zimmermann, aus ihrem EU-Abgeordnetenbüro zugeschaltet, kocht sichtlich. „Sagen Sie mal, Herr Lauterbach, hören Sie sich eigentlich reden?“, fragt sie. „Was Sie sich hier erlauben, finde ich völlig überflüssig.“ Dann greift sie zur Flinte und schießt frontal ad hominem zurück: Lauterbach wisse doch, „dass man Sie einfach nicht mehr als Minister wollte, weil Sie allen auf den Geist gegangen sind“. Sie sei „sichtlich irritiert, was Sie für ein Demokratieverständnis haben“.
Lauterbach, emotional noch etwas angestrengter und anstrengender als üblich, geht spontan auf Kuschelkurs. Er hätte sich sogar gefreut, wenn Strack-Zimmermann gewonnen hätte, flötet er zur allgemeinen Ergötzung „Es geht hier nur um den Stil – dass Sie etwas Spontanes vortäuschen, was in Wirklichkeit geplant gewesen ist“.
Strack-Zimmermann steigt mit ein in die mentale Achterbahn. Auch sie ist hin- und hergerissen: „Ihr Kompass ist inzwischen auch irgendwie verloren gegangen“, wirft sie Lauterbach vor, nur um sofort anzufügen: „Ich bedauere das, weil ich Sie persönlich sehr schätze.“
Zwei Sonderlinge in Aktion. Beide reden sich in Rage. Und beide scheinen es eigentlich gar nicht zu wollen. Er spricht gefühlt minutenlang mit geschlossenen Augen, schneidet Grimassen und guckt im nächsten Moment todesbetrübt, sie hadert mit ihrer berühmten Gesichtskirmes – der Zuschauer erlebt heute Fernsehen wie aus dem Kuriositätenkabinett.
Journalist Robin Alexander kennt ein paar Hintergründe, erzählt von einem Treffen mehrerer FPD-Politiker in einer Berliner Anwaltskanzlei, wo der Coup gegen Kubicki vorbereitet worden sei. Er nennt auch den Grund dafür: „Es gab im Kubicki-Lager auf den letzten Metern eine Positionsveränderung.“ Kubicki habe gesagt, es sei eine Selbstverständlichkeit, dass die Brandmauer fällt. Mit solchen „rhetorischen Knallbonbons“ wolle er offenbar neue Wählerschichten ansprechen. Und das sei gefährlich, wie Alexander schon seit Kindesbeinen weiß. Er zitiert seine Oma: „Wer mit dem Teufel speist, braucht ’nen langen Löffel.“
Teufel aber auch, diese AfD
Auch Strack-Zimmermann hat Angst vor einer Öffnung der FPD hin zu den Bösen. Deshalb sei der Verlauf des Parteitags auch ein voller Erfolg gewesen: „Dass das eine gute Diskussion war, das lasse ich mir von keinem ausreden und – bei allem Respekt, Herr Lauterbach – von Ihnen schon gar nicht. Sie wurden Minister, nicht weil der Bundeskanzler das wollte, sondern weil man im Internet ‘ne Aktion gestartet hat: Wir wollen Heiner.“
Lauterbach lacht, Lanz leidet. „Aua, Aua, Aua!“ ruft der Moderator von der glatten Gestalt. „Sollen wir ‘nen Therapeuten anrufen. Ich hab das Gefühl gerade, ampelmäßig ist hier noch einiges aufzuarbeiten. Das geht offenbar tief.“
Aber Lauterbach lehnt eine Therapiesitzung ab. Er wird wissen, warum. Kubicki spiele mit dem Feuer, findet der ehemalige Panikminister, denn „wenn er rechts blinkt, um nochmal reinzukommen, ist das der verzweifelte Versuch, von den Umfragewerten der AfD zu profitieren“. Die FDP sei sowieso schon immer unlauter gewesen. Lauterbach nennt „die 18 unter der Schuhsohle“ und sogar Walter Scheel mit seinem berühmten Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“. Seine Diagnose: „Der Partei haftet was Unseriöses an.“
„Das ist völliger Blödsinn, was Herr Lauterbach da erzählt“, kontert Ökonom Bernd Raffelhüschen. In diesen Zeiten sei es doch gut und wichtig, wenn sich die FDP neu aufstelle, das Wirtschaftsliberale betone, statt das Sozialliberale, was ja schließlich die anderen Parteien längst bedienen würden. Die Probleme seien exorbitant, und
„die Haushaltsgestaltung in Deutschland gleicht eher dem Finanzierungskonzept einer Frittenbude“. Außerdem sei die pauschale Gleichsetzung der AfD mit Nationalsozialisten völlig fehl am Platz. „Dass die alle Nazis sein sollen, halte ich für ganz schön schwierig“, sagt Raffelhüschen. Er findet es absurd, dass ausgerechnet die Altparteien „die Nazi-Keule schwingen.“ Denn die Nachkriegszeit zeige eindrucksvoll: „Die CDU ist sehr geübt im integrieren von Nazis gewesen. Und auch die SPD im übrigen. Und selbst die SED. Also wir sollten mal langsam aufhören mit diesem Totschlagsargument.“
Raffelhüschen soll eigentlich über die Rente reden, doch da hat er schlechte Neuigkeiten:
Die Rente ist gar nicht sicher. Wie überraschend.
Raffelhüschen erinnert an die Rürup-Kommisson, in der er selbst zusammen mit Lauterbach bereits vor Jahren viel schärfere Beschlüsse fasste, als sie jetzt zum 30. Juni ins Haus stehen. Wären seine Ideen in die Tat umgesetzt worden, hätten wir heute bereits ein Renteneintrittsalter von 69 Jahren und 2030 lägen wir bei 70 Jahren, erklärt Raffelhüschen. Und das Rentenniveau wäre derweil bereits auf 42 Prozent des letzten Gehalts gefallen.
Erkenntnis des Abends: Was geht’s uns doch (noch) gut.
Dass derweil weiterhin jedes Jahr Abermilliarden in allerlei NGOs, in Kriege und Entwicklungshilfe, in Migranten- und Windmühlenbetreiber-Durchfütterung fließen, wird sicher in einer der nächsten Sendungen ausführlich debattiert werden. Ganz sicher.



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