Der Aufstand der Roboterautos

Die autonome Zukunft ist da und kreist morgens um sieben durch amerikanische Vorstädte. Leere Waymo-Taxis stranden in Sackgassen und beweisen, dass KI die Welt noch nicht übernimmt. Sie blockiert aber schon einmal die Einfahrt.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Atlanta hat Zukunft erlebt. Sie kam nicht mit UFOS, nicht mit fliegenden Autos, nicht mit Sirenen und nicht mit autonomen Robotern. Sie kam als weißer elektrischer Jaguar I-PACE, ohne Fahrer, ohne Fahrgast, ohne erkennbaren Sinn. Und dann kam noch einer. Und noch einer. Und noch einer. Bis sich eine amerikanische Wohnstraße wie ein Wartezimmer der künstlichen Intelligenz anfühlte. Die Anwohner staunten.

Früher erkannte man technische Fehlentwicklungen daran, daß sie rauchten, knallten oder stehenblieben. Heute erkennt man sie daran, daß sie perfekt lautlos funktionieren nur eben am falschen Ort. In Atlanta drangen früh am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr fünfzig leere autonome Waymo-Taxis in eine Sackgasse ein. Die Autos wollten offenbar niemanden abholen. Sie wollten auch nirgendwo hin. Sie waren einfach da. Wie eine Delegation aus dem Silicon Valley, die der Vorstadt mitteilen wollte: Ihr habt zwar Haustiere, Kinder und Schulbusse, aber wir haben ein Update. Oder vielleicht wollten sie auch nur mal sehen, wie es ist, ein Vorgarten-Ornament zu sein.

Die Bewohner versuchten, sich mit einem neonfarbenen Warnschild zu wehren. In der alten Welt wäre auf einem solchen Schild gestanden: „Langsam, Kinder!“ In der neuen Welt stoppte es die Waymos. Die Fahrzeuge standen jetzt herum und rechneten vermutlich: Hindernis erkannt. Schild gesehen, doch keine Kinder. Sackgasse erkannt. Rückwärtsfahren möglich. Acht Waymos sollen zeitweise festgehangen haben. Acht autonome Nobelautos in gemeinsamer Sinnkrise. Das ist der digitale Burnout im Kleinformat: Wenn der Prozessor glüht, aber die Reifen sich nicht drehen.

Früher fluchte der Fahrer, stieg aus, schimpfte, hupte und fuhr dann irgendwie weiter. Heute gibt es keinen Fahrer mehr, der flucht. Das Auto meditiert. Es blickt mit Lidar und Radar in die Welt und wartet auf Erleuchtung aus der Cloud. Der Mensch steht daneben und fragt: „Wer ist zuständig?“ Die Antwort lautet: niemand, jedenfalls niemand, der in Reichweite wäre. Der Wagen gehört einer Firma, die Software bestimmt über den Wagen, der Fahrgast existiert nicht, und die Verantwortung fährt gerade in einer anderen Sackgasse. Es ist die erste Form von Geisterverkehr, bei der die Geister eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen haben.

Das Taxiunternehmen Waymo, das in seiner Flotte über rund 3.800 autonome Fahrzeuge in den USA verfügt, betont, man nehme Rückmeldungen der Anwohner ernst und habe das Routing-Verhalten bereits korrigiert. Hier zeigte sich die erste Form des autonomen Bürokratismus: Nicht der Mensch muß zum Amt, sondern das Amt kommt als fahrerloses Auto in die Wohnstraße, dreht drei Runden und erklärt durch seine bloße Anwesenheit, daß der Vorgang leider nicht abgeschlossen werden konnte.

Man muß sich nur vorstellen, wie die Sache weitergeht, wenn erst sämtliche Fahrzeuge autonom sind. Morgens um sieben verweigert der Schulbus die Abfahrt, weil ein Lieferroboter mit einem Müllfahrzeug eine ethische Vorrangfrage ausficht. Die autonome Feuerwehr fährt zwar los, kehrt aber nach 400 Metern um, weil die Einsatzstelle laut Kartenmaterial noch nicht ausreichend validiert ist. Der selbstfahrende Leichenwagen interpretiert ein Schlagloch als Bestattungsort und hält eine kurze Trauerphase ab. Und der autonome Dienstwagen des Bürgermeisters kreist drei Stunden um das Rathaus, weil er in den Sitzungsunterlagen den Begriff „Kreisverkehr“ gefunden hat.

Ampeln werden dann nicht mehr rot, gelb oder grün zeigen, sondern „bitte warten, Software kalkuliert“. Parkplätze werden zu Sammelstellen verunsicherter Elektro-SUVs. Vor Kindergärten stehen nicht mehr Elterntaxis, sondern leere Robotaxis, die mit ernster Miene Kinder schützen wollen, indem sie ihnen den Weg versperren. Und wenn irgendwo ein Mensch ein Schild aufstellt, kommt sofort ein städtischer Hinweis: „Bitte keine analogen Gegenstände in algorithmisch sensiblen Zonen.“

Die große Angst vor der künstlichen Intelligenz war immer, daß sie eines Tages zu klug wird. Vielleicht ist die erste Gefahr banaler: Sie wird nicht böse, sondern pedantisch. Sie übernimmt nicht die Welt, sie blockiert nur die Einfahrt. „Ziel erreicht!“ Sie versklavt die Menschheit nicht, sie läßt sie warten, weil die Situation „nicht eindeutig“ ist. Das digitale Gehirn hat nicht vor, die Menschheit auszulöschen; es hat nur vergessen, sie in der Routing-Tabelle zu priorisieren.

Atlanta hat also keinen Maschinensturm erlebt. Eher digitale Eskapaden mit sehr teuren Autos. Aber das zeigt, was passiert, wenn Stadtverkehr nicht mehr aus Fahrern besteht, sondern aus Flottenlogik, Kartenmaterial, Optimierungszielen und Fernwartung. Die autonome Zukunft kommt nicht als Terminator. Sie kommt als leeres Taxi, das frühmorgens um sechs am Haus vorbeigleitet, noch einmal wendet, noch einmal wiederkommt und freundlich mitteilt: Die Route wurde neu berechnet.

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Kommentare ( 9 )

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Andreas F
16 Minuten her

Sehr interessant sind auch die Videos über das „Balzverhalten“ der weymos in den heimischen Parkplätzen in San Francisco und andernorts.
Oder die Videos der Mitfahrer die das Verhalten der weymos gegenüber wild gestikulierenden Polizeibediensteten zeigen. Sehr amüsant. Wirklich sehr amüsant.
Ebenfalls erheiternd sind die abenteuerlustigen Lieferwagenkollegen aus China. Egal ob Schlaglöcher, frischer Beton, ausgelegte Früchte oder ein Roller in der Vorderachse, nichts hält die kleinen Kerle auf ihrer Mission auf. Die sind da sehr stoisch in ihrem Eifer.

Es gibt einen Grund, warum die Luftfahrt auf jahrzehntealte Technik setzt

haqus b.
16 Minuten her

Wenigstens dürfte ein falsches Abbiegen in eine Seitengasse – so wie es dem unglückseligen Chauffeur von Erzherzog Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo widerfuhr – heute kaum noch der Auslöser für eine Kette von Ereignissen sein, die schließlich in zwei Weltkriegen und zig Millionen Toten mündet. An dessen Ende Zentral/Osteuropa für 45 Jahre unter die Knute der Sowjetunion und dem Sozialismus gezwungen war.
Das werden später witzige Anekdoten sein, wenn wir uns ganz selbstverständlich von fahrerlosen Autos chauffieren lassen.

Wilhelm Roepke
23 Minuten her

Solange nicht einmal das Update für unser Betriebssystem nach über 30 Jahren problemlos funktioniert, wundert mich gar nichts und macht mir auch keine Sorgen.

Ich bin RECHTS
56 Minuten her

Allah,
schon wieder so ein technikfeindlicher Artikel.
Das was beschrieben wird, sind Kinderkrankheiten einer revolutionären Technik, die dem Menschen schon in Kürze um Welten überlegen sein wird.
Dass der Mensch für komplexe technische Aufgaben wie Auto fahren nur sehr bedingt geeignet ist, beweisen die 1,3 Millionen jährlichen Verkehrstoten weltweit.

Jerry
8 Minuten her
Antworten an  Ich bin RECHTS

Was bitte ist denn an Auto fahren technisch komplex? Komplex wird es höchstens, wenn die Fahrer (besonders *innen) dabei gleichzeitig Kaffee trinken, sich schminken und eine WhatsApp schreiben, wie ich häufig beobachten darf. Die sind dann in der Tat überfordert, i.d.R. aber auch ziemlich schnell nicht mehr dabei, weil ihnen unpassenderweise ein Laster entgegen kam…

Antaam
5 Minuten her
Antworten an  Ich bin RECHTS

Ist aber trotzdem lustig, falls man nicht in der Straße wohnt.

Jerry
1 Stunde her

Erinnert mich irgendwie an den Film Rhea M aus den 80ern, als die Autos den Diner belagert haben. Anführer war ein Truck, wenn ich mich Recht erinnere. Damals war das Stephen King Science Fiction. Cool, dass ich das noch erlebe 🙂

fatherted
1 Stunde her

Klar kann man sich über diese Pannen lustig machen….aber in 10 Jahren gibt es keine Taxen mit Fahrer mehr. Dessen bin ich mir sehr sicher…ach so…außer natürlich in Deutschland.

hanussen
1 Stunde her

Der Aufstand der Roboterautos Ich werde mich nicht in so einen fahrenden Sarg setzen,und wenn ich so ein Ding sehe werde ich mich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen.

Last edited 1 Stunde her by hanussen