Einmal im Jahr wird auch der obrigkeitshörigste Deutsche aufmüpfig – dann, wenn wieder einmal das karfreitägliche Tanzverbot diskutiert wird. Doch die Allergie gegen religiöse Ausdrucksformen beschränkt sich seltsamerweise auf das Christentum. Sie steht beispielhaft für eine kollektive kulturelle Amnesie.
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Die Deutschen sind bekannt für ihre Tanzwut. Wo immer sie sich zusammenfinden, hat jemand eine Ziehharmonika dabei, und schon beginnt ein spontaner Schuhplattler mit anschließendem Reigentanz.
Das jedenfalls sollte man annehmen, denn die Diskussion um das karfreitägliche Tanzverbot wird alle Jahre wieder mit derselben Leidenschaft geführt.
Menschen, die an 364 Tagen im Jahr nichts mehr lieben, als Anordnungen der Obrigkeit Folge zu leisten, werden mit landestypischer Präzision genau einmal im Jahr überaus aufmüpfig und beklagen die mangelnde Trennung von Staat und Kirche.
Ein stiller Tag, allen aufgezwungen, egal, ob sie an Jesus Christus oder das fliegende Spaghettimonster glauben – ein Affront, und ein nicht hinnehmbares Überbleibsel des finsteren Mittelalters.
Neutralität gibt es nicht
Doch im Grunde handelt es sich hier um den Ausdruck einer kollektiven kulturellen Amnesie. Denn die vielbeschworene weltanschauliche Neutralität des Staates ist ohnehin eine Illusion.
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, sagte einst der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde.
Wer diese Voraussetzungen nicht mehr reflektiert, vergisst irgendwann, dass sie existieren, und hält die gegenwärtige Ordnung für selbstevident und selbstverständlich.
Woher aber kommt die hohe Wertschätzung für Freiheit und Gerechtigkeit, woher ein Menschenbild, das universale Menschenrechte denken kann und Würde nicht nur den Angehörigen des eigenen Stammes zuspricht, sondern allen Menschen gleichermaßen?
Welche Weltanschauung ermöglicht überhaupt die Entwicklung des Gedankens, dass Mann und Frau, deren Unterschiedlichkeit doch schon ein kleines Kind erkennt, als „gleich“ gelten? Oder dass aus der Schwäche eines Menschen ein Recht auf Schutz erwächst, und nicht das – intuitiv einsichtigere – Recht des Stärkeren?
Von Voltaire kommt das alles nicht. Von Kant kommt es nicht. Und von Marx erst recht nicht.
Unser Fundament ist keine Selbstverständlichkeit
Der spanische Ministerpräsident behauptete kürzlich, er brauche keine Religion, um zu wissen, was richtig und was falsch ist. Doch es ist ein folgenschwerer Irrtum, zu meinen, Werte ergäben sich von selbst.
Das beweisen zum einen Kulturen, die nicht aus sich selbst heraus über Überzeugungen verfügen, wie sie in Europa – noch – gelten. Zum anderen wurde und wird dies immer dann deutlich, wenn europäische Völker selbst sich von diesen Grundlagen abwenden, um ihr Heil in anderen ideologischen Konstrukten zu suchen.
Dass ausgerechnet ein spanischer Sozialist behauptet, hier keiner Orientierung zu bedürfen, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Komik. Stets mussten Europäer nach Phasen der zivilisatorischen Regression zurückfinden zu dem Fundament ihrer Ordnung.
Das Fundament, das nicht nur Tanz am Karfreitag verbietet, sondern nebenbei ganzjährig Witwenverbrennung, Menschenopfer und Kindsmord.
Nicht zufällig bezeichnet sich mittlerweile selbst ein erklärter Atheist wie Richard Dawkins als „kultureller Christ“. Was er damit meint: Aus unerfindlichen Gründen schafft die Märchengeschichte von einem liebenden Schöpfer als Urgrund des Seins Voraussetzungen, die für Individuum und Gesellschaft wünschenswerter sind als jene, die durch andere Weltdeutungen geschaffen werden.
Dawkins lehnt nach wie vor ab, sich persönlich zum christlichen Glauben zu bekennen. Aber er hat erkannt, dass er Nutznießer dieses Glaubens ist: Man muss eben nicht selbst Christ sein, um davon Abstand zu nehmen, an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt.
Der Kontext des Karfreitags
Sicher kann man die Christen mit ihrem Karfreitag zum Teufel schicken – aber dann werden sie über kurz oder lang eben auch alles andere mitnehmen, was ihre Religion Europa eingestiftet hat.
Denn er steht nicht für sich allein, sondern ist untrennbar verknüpft mit der eigentümlichen und einzigartigen christlichen Weltdeutung, die den Menschen als „sehr gut“ betrachtet, ohne seine Fähigkeit zum Bösen zu leugnen, die seine Freiheit ernstnimmt, und ihn dennoch vor den Konsequenzen seiner Entscheidungen schützen will.
Die Grundfesten der europäischen Kultur bilden nicht Freiheitsrechte, Demokratie, Individualismus oder auch Leistung, sondern Gnade und Erlösung. Aus diesen beiden Gegebenheiten sind Gesellschaften erwachsen, die durch das Dach einer freiheitlichen Ordnung geschützt werden, nicht begründet.
Dennoch leistet sich der deutsche Staat nur noch ein Minimum an Respektsbezeugungen gegenüber der Religion, die diese Grundlagen formuliert hat.
Der weltanschauliche Horror vacui
Eine rein faktisch-objektive Weltanschauung gibt es nicht. Auch die Überzeugung, dass alle Religionen letztlich nur menschengemachte Erzählungen seien, ist eine Vorannahme und ein Glaubenssatz – der überdies oftmals nicht reflektiert wird und sich nur ungern infrage stellen und herausfordern lässt.
Wo ein Modell der Welterklärung verschwindet, wird ein anderes seinen Platz einnehmen, ob es sich nun um eine Religion im eigentlichen Sinne handelt oder um ein ideologisches Konzept, das lediglich nach religiösen Prinzipien funktioniert.
In das vom Christentum hinterlassene Vakuum werden andere drängen: An die Stelle des Karfreitags tritt das öffentliche muslimische Fastenbrechen oder ein säkularer Ritus: Der Klimafreitag, der Frauenfreitag, der Regenbogenfreitag – an Ersatzreligionen herrscht wahrlich kein Mangel.
Dass diese Weltanschauungen sich ernsthaft anschicken, die gegenwärtige Ordnung zu ersetzen, ist daran ablesbar, mit welch blindem Fanatismus sie vor jeglicher Kritik abgeschirmt werden: Während deutsche Medien christenfeindliche und das Christentum verhöhnende Inhalte vorzugsweise vor den hohen christlichen Feiertagen verbreiten, sucht man auch nur leiseste Kritik an Ideologien, die eine Bedrohung der freiheitlichen Ordnung darstellen, vergebens.
Ob angesichts dieser Selbstzerstörung eine überzeugte und überzeugende Wiedergewinnung der eigenen kulturellen Identität gelingen wird, ist die Frage, die über den Fortbestand Europas als Kulturraum entscheiden wird.
Vielleicht sollte man den Karfreitag also lieber begehen, statt ihn zu bekämpfen – in Gedenken und Dank an das historische, kulturelle, geistliche und weltanschauliche Konzept, das Europa zu dem gemacht hat, was es ist.

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Die, die da meinen unbedingt tanzen zu müssen am Karfreitag, sind die gleichen, die begeistert berichten, dass sie beim Fastenbrechen waren. Das war schön. 🥳
Es handelt sich um kollektive kulturelle Amnesie vermutlich sogar auf dem Boden internalisierter Aggression. Aggression, die ursprünglich gegen andere gerichtet war und aus Angst vor Bestrafung verinnerlicht und gegen das eigene Selbst gerichtet wird.(Selbstbestrafung).
…aber die christlichen bezahlten Feiertage nehmen sie gern in Anspruch?
Wo wird denn das Karfreitags-Tanzverbot groß diskutiert? Hab ich jedenfalls nicht mitbekommen.
Meine Güte, weil an diesem einen Tag im Jahr nicht getanzt werden soll, wird so ein Aufruhr veranstaltet! Auf jeden Islam-Kram wird Rücksicht genommen und an diesem einen, für Christen so wichtigenTag, wollen ein paar Blödmänner*innen unbedingt das Tanzbein schwingen! Ehrlich, haben diese Leute keine anderen Probleme!?
Natürlich sollte der Staat niemandem vorschreiben, mit wem er Karfreitag zusammenkommen, Musik hören und vielleicht tanzen darf. Natürlich ist das ein Übergriff des Staates. Solche Übergriffe gibt es aber in weitaus dramatischer Form an jedem Tag des Jahres. Und darüber regt sich kaum jemand auf. Über das Tanzverbot am Karfreitag wird sich eben gerade nicht aufgeregt, weil es ein unbestreitbarer Übergriff des Staates in das persönliche Leben des Menschen hinein ist. Dieser Tag wird von den Kritikern deshalb herausgesucht, eben weil er für die Grundlage unserer judäo-christlichen Kultur steht. Und nur deshalb und aus keinem anderen Grund. Die Kritiker greifen… Mehr
Liberalismus ist nichts anderes, als die erste Stufe des Nihilismus. Wir leben einen Todeskult. Gefangen in gesteuerter Dialektik.
Seraphim Rose hat die Stufen des Nihilismus in seiner gleichlautenden Schrift fein herausgearbeitet (über den Verlag, Edition Hagia Sophia, noch beziehbar).
Dir Almans haben doch gar keine Lust, zu tanzen. Wenn sie es jetzt am KARFREITAG doch unbedingt wollen, ist das nur ein Zeichen von Selbsthass, eines unter vielen Zeichen.
Die Almans sind aber vom Ramadan begeistert. Ich wette, in ein paar Jahren belauern such zumindest die Westdeutschen, ob der Nachbar ja fastet. Wenn nicht, meldet er es der Polizei.
So was trau ich den Deutschen wirklich zu.
« Die Almans haben doch gar keine Lust, zu tanzen. »
Schon mal das Wort Diskothek gehört?
Oder gehen dort nur Islamist:innen rein? 😉
Es liegt nicht nur am Verbot des Tanzes, es ist vor allem die einfältige Einfallslosigkeit der Gesellschaft. Während wir in unser Sturm- und Drangzeit in den siebziger und achtziger an diesem langweiligsten Tag im Jahr Garagenpartys, Kellerbars und bei gutem Wetter die Grillhütten zur privaten Disko umgestalteten und gefeiert haben bis die damals noch grünen Ortungshüter kamen, fällt dem heutigen Gemenge nur noch das jammern ein. Mit den heutigen Mitteln wie Kameras und Drohnen können die armen Pozilistenden sofort beim anrücken ausgemacht werden. Wir mussten noch einen willigen mit viel Bier bestechen, der die ankommende Ordnungsmacht rechtzeitig ausmachen konnte und… Mehr
Ich finde das Tanzverbot gut, solange die Mehrheit der Bevölkerung noch christlich ist. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss es zumindest zur Debatte gestellt werden. Dann steht aber auch die Frage im Raum, warum der Karfreitag noch ein Feiertag sein soll.
Ostern, Pfingsten, (1. Mai), Weihnachten….. und all die anderen Feiertage, die christlichen Ursprungs sind. Ebenfalls zur Disposition stellen? Ersetzen durch Mohammads Kinderschändungstag, seinem Leichenschändungstag, seinem Ungläubigen-Schändungstag?