Die Zucker-Krieger: Politik ohne Realitätsbewusstsein

Daniel Günther will das, was Cem Özdemir nicht erreicht hat: eine bundesweite Zuckersteuer. Sein Vorstoß demonstriert Volksnähe. Eine auf den ersten Blick sinnvolle Maßnahme gegen kindliches Übergewicht ist ein populäres Thema, das von ideologisch getriebenen NGOs bis zu orientierungslosen Eltern Zustimmung findet. Fakten spielen dabei keine Rolle. Von Detlef Brendel

picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Politische Initiativen werden oft nicht durch Fachkompetenz oder durch begründetes Sendungsbewusstsein getrieben, sondern durch die Suche nach persönlicher Profilierung. Ein aktuelles Beispiel liefert der Ministerpräsident eines Bundeslandes, der in seiner Region genug zu tun hätte. Aber er sorgt sich um die nationale Ernährung. Er will nicht das traditionelle Fischbrötchen zur Pflichtkost machen, sondern die deutschen Kinder schlanker. Das soll ihm öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung als Kämpfer für eine gute Sache sichern.

Daniel Günther, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, hat für die bundesweite Zuckersteuer eine Initiative im Bundesrat angekündigt. Ein geschickter Schachzug, um das Thema ins Parlament zu bringen, was dem ehemals zuständigen Minister Cem Özdemir mit seiner paternalistischen Politik nicht gelungen ist. Ebenso ein geschickter Schachzug von CDU-Mann Günther, um als Politiker volksnah Handlungsfähigkeit und populistisches Gespür zu demonstrieren. Das erprobte Thema Zucker funktioniert immer. Man muss kein Experte sein und Realität sowie Fakten müssen dabei nicht stören.

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Die Zucker-Krieger spielen mit gezinkten Karten, um sich profilieren zu können. Die Erinnerung an die Begründung für eine Zuckersteuer lohnt. Was war und ist eigentlich das Ziel? Das Übergewicht bei Kindern soll reduziert werden. Der Zuckergehalt in den Getränken wird durch fiskalische Maßnahmen reduziert und die Kinder werden schlanker. So zumindest die theoretische Erwartung. Der naiv angenommene Automatismus funktioniert allerdings nicht.

Auf dem CDU-Bundesparteitag haben Delegierte einen entsprechenden Antrag abgelehnt. Die SPD dagegen findet Günthers Vorstellungen einer Zuckersteuer zumindest interessant. Eine Partei, die von Wahl zu Wahl schlanker wird, klammert sich auch ans Zuckerrohr mit der Hoffnung, bei einigen Wählern zu punkten. Die Netzwerke der Zucker-Krieger funktionieren. In die Diskussion mischt sich auch die Leopoldina ein. Das hört sich eindrucksvoll an, ist aber im Grunde ein Debattierclub, in dem sich Wissenschaftler organisiert haben. Eigene Forschungen, auch wenn man diesen Eindruck in der Öffentlichkeit erwecken will, gibt es nicht. Es ist eine Institution für die Verlautbarung von Meinungen. So auch in diesem Fall.

Während die EFSA, die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, in einem umfangreichen wissenschaftlichen Gutachten feststellt, dass ein Grenzwert für Zucker nicht definiert werden kann, haben einige Mitglieder in der Leopoldina ihre eigene Meinung. In ihrem Policy Brief schreiben sie: „Solche auch als ‚Zuckersteuer‘ bekannten Abgaben haben in anderen Ländern wie im Vereinigten Königreich große Wirkung erzielt.“

Das ist Realitätsverleugnung. Es unterstreicht, dass es nicht um Fakten und Forschung, sondern um Meinung geht. Wissenschaftler der Universität Cambridge haben den Effekt der Strafsteuer in England untersucht. Sie konnten keine signifikanten Auswirkungen der Zuckersteuer feststellen. Aus deren durch Fakten begründete Sicht ist die Steuer völlig wirkungslos, weil die Ursachen von Adipositas, so die Forscher der Universität Cambridge, andere sind, die andere Maßnahmen erfordern.

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Die Diskussion über eine Steuer in Deutschland stört das nicht, weil es nicht um Fakten geht. Eine auf den ersten Blick sinnvolle Maßnahme gegen kindliches Übergewicht ist ein populäres Thema, das von ideologisch getriebenen NGOs bis zu orientierungslosen Eltern Zustimmung findet. Eine Strafsteuer macht den Nachwuchs nach internationalen Erfahrungen allerdings nicht dünner. Sie ist politische Selbstbefriedigung ihrer Propagandisten.

Ein medizinischer Dienst wie DocCheck bringt es in einem Kommentar zur Zuckersteuer auf den Punkt. „Wieder einmal diskutieren Politiker über eine Zuckersteuer. Hauptsache handeln – egal, ob es das Problem trifft oder nicht. Weitblick sucht man vergebens“. DocCheck stellt in einem wissenschaftlich detaillierten Beitrag fest, dass es doch nicht ganz so einfach ist, wie die Politiker es gerne hätten. Es geht um Fakten und nicht um Meinungen wie bei der Leopoldina.

Die Wissenschaftler argumentieren in Doc Check, dass der Zucker durch Süßstoffe bzw. durch Zuckeraustauschstoffe ersetzt wird. Die Frage, ob das besser und auch sicher ist, kann nicht vernachlässigt werden. Die World Health Organization hat 2023 eine Leitlinie zum Thema veröffentlicht. Sie rät klar davon ab, Süßstoffe als Strategie zur Gewichtskontrolle einzusetzen. Begründet wird das mit einer schwachen Evidenz für langfristige Vorteile und mit Hinweisen auf mögliche unerwünschte Effekte.

Korrekt verweisen die seriösen Wissenschaftler auf die nachhaltige Lösung der Adipositas-Thematik durch mehr Wissen und mehr Bildung. Das wäre eine verantwortungsbewusste Herausforderung, um die Gesundheit zu fördern. Die Chancen dafür sehen die Mediziner sehr realistisch und wenig optimistisch. Ihre Meinung dazu: „Politisch ist eine Zuckersteuer jedoch attraktiv, weil sie innerhalb einer Legislaturperiode vermeintlich Probleme löst – sprich in kurzer Zeit. Wen interessiert es schon großartig, womit sich spätere Regierungen rumzuschlagen haben? Dabei ist eigentlich klar, wie wichtig es wäre, Kompetenzen aufzubauen. Kinder sollten lernen, wie gesunde Ernährung funktioniert.“

Ein Fels in der Brandung unqualifizierter Initiativen zur fiskalischen Disziplinierung der Verbraucher ist bislang der für Ernährung zuständige Minister. Auch die Vernunft in der Regierungspartei CDU und deren Abneigung gegenüber Strafsteuern zur Volkserziehung sollte man nicht unterschätzen. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein sollte sich darauf konzentrieren, im Interesse der heimischen Wirtschaft das Fischbrötchen zum nationalen Exportschlager zu machen.

Detlef Brendel ist Wirtschaftspublizist.

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Kommentare ( 17 )

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17 Comments
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Klaus-Dieter L.
1 Stunde her

Offensichtlich werden solche politischen Maßnahmen regelmäßig durch Umfragen begleitet. Ich bekomme täglich die Umfragen von Civey zugeschickt. Zufällig (?) ist heute die Frage „Wie bewerten Sie den Vorschlag, eine Zuckersteuer für Getränke einzuführen, deren Höhe mit dem Zuckergehalt des Getränks steigt?“
Das Ergebnis ist ernüchternd: 54,9% haben „sehr positiv“ und 7,8% „eher positiv“ gewählt. Dagegen sind nur insgesamt 32%. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum eine Mehrheit für die Einführung einer neuen Steuer sein kann.

Last edited 1 Stunde her by Klaus-Dieter L.
Reinhard Peda
1 Stunde her

„Kinder sollten lernen, wie gesunde Ernährung funktioniert.“
Also kein Haram und sonstiges ungesundes Essen, und Fisch esse ich auch nicht mehr wegen zu hohem Plastikgehalt. Zudem Zurückhaltung bei zu viel Süßigkeiten.

Sam99
2 Stunden her

Warum sind in D über 60% übergewichtig? Die Antwort ist recht einfach: weil sie zu viel essen. Mehr als ihr Körper braucht. Woher die Überschusskalorien stammen, ob aus Protein, Kohlehydraten oder Fett ist weitgehend egal. Und warum essen die Menschen zu viel? Weil es eben schmeckt. Die Geschmacksträger sind Fett und Zucker, auch Alkohol. Das Problem: das immer wieder gepriesene „gesunde“ Essen schmeckt einfach kacke. Man schaue sich die Ernährungsratgeber an, was da präsentiert wird. Freiwillig werden das wohl die wenigsten essen. Wer jahrelang in Kantinen essen musste, weiß: die Schlange steht da, wo es Currywurst Pommes gibt. An den… Mehr

Guzzi_Cali_2
2 Stunden her

Ich darf nicht schreiben, was ich mit diesem Turnbeutelvergesser und Backpfeifengesicht gerne anstellen würde…

Andreas F
2 Stunden her

Vernunft bei jemanden, der nachweislich und tatsächlich als Ministerpräsident die Zensur von freien Medien will?

Das wird bei dem grünen Sozialisten aus dem Norden nicht passieren

WGreuer
2 Stunden her

Ja, der Zuckerkonsum der Deutschen ist eindeutig derzeit das größte Problem im Land. Da müssen derartige CDU-Kapazitäten zeigen, was sie können. Die echten Probleme wie Teibstoffmangel hingegen … nun warum sollte man angehen, was man schon immer so haben wollte?
[Ironie aus]

Thalavox
2 Stunden her

Wie oft muss es denn noch gesagt werden, dass Steuererhöhungen auf Zucker und Alkohol nicht dem Wohle des Volkes dienen sollen, sondern in erster Linie zum Pampern der illegalen Migranten eingesetzt werden sollen.

Paul987
2 Stunden her

Die gerichtlich festgestellte Privatperson im Ministerpräsidentenamt fordert also eine Zuckersteuer. Ja nachdem die Privatperson mit seiner schwarz-grünen Koalition, den schleswig-holsteinischen Haushalt gänzlich an die Wand gefahren hat, und schon die Pensionsrücklagen seiner Beamtenschaft für ihren Klima-Bullshit verblödelt hat, brauchts halt frisches Steuergeld. Und nur um das geht es. Würde Alice Weidel sowas fordern, wäre in der ganzen Republik ein links-grüner Schrei-Tsunamie. Die AfD will die Kinder dünn machen, wahrscheinlich auch noch flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl, würden sich unsere links-grünen Parteien samt ihrer Medien-Entourage überschlagen. Der VS würde sofort von „gesichert rechtsextrem“ schwadronieren… Aber bei… Mehr

MalNachgefragt
2 Stunden her

Da widerspricht der Autor aber führenden Studien. Zuckersteuer gibt es nämlich schon in vielen Ländern, z.B. in Finnland, Lettland, Estland, Belgien, Frankreich, Portugal, Spanien, Irland, Polen, Großbritannien und Ungarn. Überall ist die Menge an Zucker in Getränken teil deutlich gesunken und in Großbritannien und Mexiko sah man auch Effekte auf die Anzahl an übergewichtigen Kindern. Sogar Karies ist zurück gegangen.
Also ganz so schlimm und falsch kann sie nicht, die Zuckersteuer. Warum also nicht einfach mal ausprobieren?

flo
3 Stunden her

Dick wird man durch u.a. viel Cola und Schokolade (auch Fruchtsäfte), aber auch zu wenig Bewegung und generell zu viel Essen (Fleischportionen). Die Zuckersteuer dürfte, abgesehen von Adipositas als Krankheit, diese Ursachen von Dicksein, wenig Bewegung, zu viel konsumierte Kalorien, nicht bekämpfen.
Vor allem würde mich interessieren, wo die Mehreinnahmen durch eine Zucker-, höhere Tabak- und Alkoholsteuer konkret hinfließen? Wenn sie pauschal vom Gesundheitssystem vereinnahmt werden sollten, fragt sich doch, wer und was davon profitiert.