Der Kinderschutzbund lehnt ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige ab und setzt auf Befähigung statt Sperren. Schon vor Monaten zeichnete sich in Brüssel eine andere Linie ab: mehr Schutz per DSA und vor allem bessere Altersprüfung – vorgeschobener Kinderschutz als Einfallstor für ID-Verifikation für Jedermann.
picture alliance / Robin Utrecht
Zum „Safer Internet Day“ spricht sich der Deutsche Kinderschutzbund gegen ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige aus. Vorstandsmitglied Alhäuser sagt im Deutschlandfunk, Kinder und Jugendliche müssten zur Nutzung befähigt werden. Der Verband setzt auf Beratung und Begleitung. Ein generelles Verbot sei nicht sinnvoll, außerdem gebe es positive Aspekte der Nutzung. So könnten soziale Netzwerke auch zur persönlichen Entfaltung beitragen.
Diese Ablehnung ist vernünftig, weil sie einen simplen Reflex zurückweist. Verbote lösen das Problem nicht, sie verlagern es. Wer unter 16 ist, verschwindet nicht aus dem Netz. Er verschwindet nur aus der Legalität. Der Kinderschutzbund beschreibt damit im Kern etwas Banales, das man in Berlin gern vergisst: Digitale Teilhabe ist Realität, also braucht es Kompetenz, nicht ein Schild mit der Aufschrift „Zutritt verboten“.
Nur ist das, was Politik und Behörden daraus machen, der eigentliche Skandal. Bundesfamilienministerin Prien sagt ebenfalls im Deutschlandfunk, man müsse Chancen und Risiken anerkennen. Ein Social-Media-Verbot bis zu einem bestimmten Alter hält sie weiter für denkbar.
Gleichzeitig kündigt die EU-Kommission einen Aktionsplan gegen Cybermobbing an. Vorgesehen sind unter anderem die Stärkung bestehender Schutzmaßnahmen im Rahmen des Gesetzes über digitale Dienste und Verbesserungen bei der Überprüfung des Alters von Nutzern.
An dieser Stelle kippt das Thema. Der Kinderschutzbund redet über Befähigung. Politiker und EU reden über Kontrollinstrumente. Und das Instrument, das sie ausdrücklich nennen, ist nicht Medienbildung, nicht ein besseres Angebot für Jugendliche, nicht sichere Räume, sondern Altersprüfung. Das ist die Schiene, auf die man die Debatte immer wieder zwingt, weil sie für Regulierer so bequem ist: Wer rein will, muss nachweisen, wie alt er ist.
Damit wird der Kinderschutz zur Tarnkappe. Politisch ist Kinderschutz hübsch und unangreifbar, denn wer kann schon etwas gegen Kinderschutz haben. Wer widerspricht, ist sofort derjenige, der „Kinder gefährdet“. Genau deshalb wird er so gern als Türöffner missbraucht. Heute Cybermobbing. Morgen Sucht. Übermorgen Extremismus. Am Ende steht ein Standard, der nicht die Plattformen diszipliniert, sondern jeden Nutzer identifizieren soll, der sich im Netz äußern möchte.
Denn eine „verbesserte“ Altersprüfung ist keine pädagogische Floskel, sondern eine technische Forderung. Wer Alter wirklich prüfen will, braucht belastbare Merkmale. Selbstangaben taugen nicht. Ein Klick auf „Ich bin 16“ ist keine Verbesserung. Also wird aus dem Alterscheck ganz zwangsläufig ein Identitätscheck, weil der Staat nur dort zufrieden ist, wo er durchkontrollieren kann. Das ist die eigentliche Richtung, die in diesem Paket steckt.
So entsteht das perfekte Doppelspiel. Der Kinderschutzbund sagt: kein Verbot, befähigen. Die Politik sagt: Verbot bleibt denkbar (und sogar erwünscht), und hier ist der Plan für mehr Kontrolle. Und das alles läuft unter der Überschrift Schutz, damit niemand die Frage stellt, was nach der Altersprüfung kommt. Wer diese Infrastruktur einmal hat, wird sie nicht nur bei Unter 16 einsetzen. Sie wird zum Normalfall. Sie wird zur Eintrittskarte. Nicht für Kinder, für alle.
Im August 2025 wurde das Muster schon einmal sichtbar. CDU-Politiker Hendrik Streeck brachte strikt abgestufte Altersvorgaben für soziale Medien wie TikTok, YouTube und Instagram ins Spiel. Er begründete das mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und erklärte, es sei nachweisbar, dass Kinder und Jugendliche, die in hohem Maße nicht altersgerechte Inhalte konsumieren, anfälliger für riskantes Suchtverhalten und problematischen Drogenkonsum werden.
Streeck nannte auch Nutzungszeiten: Minderjährige verbrächten im Schnitt vier Stunden täglich in Online Netzwerken, dazu kämen zwei Stunden Computerspiele und zwei Stunden Streaming. Für ihn seien das bedenklich hohe Werte, gemessen an der Freizeit von Kindern und daran, wie sie idealerweise genutzt werden könnte.
Der Kinderschutzbund lehnte auch hier bereits pauschale Regelungen ab. Vizepräsident Joachim Türk sagte, Jugendliche würden dadurch unvorbereitet in die Erwachsenenwelt entlassen. Auch Kinder hätten ein Recht auf digitale Teilhabe. Er forderte sichere Räume im Internet und stellte fest, das Netz sei bislang nur an wenigen Orten sicher. Plattformen sollten altersgerechte Angebote entwickeln, etwa mit kindgerechten Layouts und Hilfsangeboten.
Auch der Sozialverband Deutschland sprach sich gegen Streecks Vorschlag aus. Die Vorsitzende Michaela Engelmeier sagte, restriktive Lösungen seien falsch. Ein Mindestalter klinge plausibel, sei aber kein respektvoller Umgang mit Jugendlichen. Stattdessen brauche es Vorbilder für gesunden Konsum und verbindliche Medienbildung an Schulen. Junge Menschen müssten bei der Suche nach Lösungen einbezogen werden.
Auf der anderen Seite hält der Verein „Aktiv gegen Mediensucht“ Kinder oft noch nicht für geistig reif genug, um mit manipulierenden Technologien verantwortungsvoll umzugehen. Eine abgestufte Altersreglementierung könne aus therapeutischer Sicht sogar begrüßenswert sein. Entscheidend seien jedoch gesetzliche Vorgaben und schulische Medienbildung, etwa ein verpflichtendes Unterrichtsfach Medienkompetenz. Außerdem wurde ein Vorschlag der Leopoldina erwähnt: keine Social-Media-Accounts für unter 13-Jährige.
Das alles klingt nach hehrer Sorge um Kinder und Jugendliche. Das Entscheidende ist aber, wohin solche Debatten politisch immer laufen. Sie enden nicht bei Medienbildung. Sie enden bei Regeln, die sich nur durchsetzen lassen, wenn ein Nachweis davor geschaltet wird. Erst Altersgrenzen, dann ID-Verifikation.
Das geplante Social-Media-Verbot für unter 16-jährige ist die Kontrollinfrastruktur, die im Namen des Kinderschutzes aufgebaut wird. Nur sind Politiker ebenso wie ihre Begleitmedien am Ende wieder einmal nicht offen und ehrlich darüber, was sie damit im Schilde führen: eine ID-Verifikation von jedermann, der sich im Netz äußern will.
— Tim Freiheit (@TDrygala) February 6, 2026



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„Ein Klick auf ‚Ich bin 16‘ ist keine Verbesserung. Also wird aus dem Alterscheck ganz zwangsläufig ein Identitätscheck, weil der Staat nur dort zufrieden ist, wo er durchkontrollieren kann.“ – Ja, man kann es nicht oft genug sagen, die 70-jährige Oma gegen Rechts muss dann eben auch nachweisen, dass sie nicht Geburtsjahrgang 2013 ist, Lars Klingbeil auch, und zwar verlässlich. Vor allem verkennt die ganze Diskussion um ein Social-Media-Verbot unter 16 (na ja, vielleicht verdrängt sie sie auch bewusst) die schillernde reale und sonstige Realität im Leben Minderjähriger. 10-Jährige gucken „Tagesschau“, erleben CSDs in Berlin mit wenig angezogenen Herren mit,… Mehr
Es geht hier doch gar nicht um den Schutz von Kindern. Würde es Staaten um den Schutz von Kindern gehen, würden z.B. Gestalten wie Epstein und Co. nicht geschützt werden und ungeschoren davonkommen.
Es geht um den Schutz der Regimeparteien und deren Vorfeldorganisationen in TV, Presse, NGOs etc.
Kinder sollen in deren Sinne manipuliert, mit Systempropaganda in und außerhalb der Schulen druckbetankt werden und keinesfalls mit abweichenden Meinungen in Kontakt kommen.
Ich frage mich wer diese mutmaßlichen Feinde der Meinungsfreiheit und Kontrollwahnsinnigen sozialisiert hat. Social Media war es nicht.
Es ist wie bei allem, wo der Staat Schutz vorschiebt: Es geht um Kontrolle. Wir erinnern uns an den Schutz vor Muslimen, den der Staat gewähren wollte und sich dafür Totalüberwachung, biometrische Ausweise, Gesichtserkennung, Fingerabdrücke, neue Befugnisse für die Polizei aneignete. Kontrolle über die ganze Bevölkerung. Geholfen hat es nichts. Wir erinnern uns an den Schutz vor Grippeinfektionen, für die der Staat sämtliche Privilegien wie den Umgang mit Familienmitgliedern regulierte. Wir erinnern uns an Schutz vor Armut, Alter, Krankheit, Gebrechlichkeit, den der Staat immer dann anführt, wenn er neue Gründe braucht uns zu berauben. Wir erinnern uns an den Schutz… Mehr