Zahnloser Mittelstand sucht Schulterschluss mit der Bundesregierung

Auf dem Zukunftstag des Mittelstandsverbands BVMW in Berlin legen Funktionäre und Regierungsvertreter demonstrativ ihren Streit bei. Mit der allgemein schlechten Verfassung der Welt ist ein gemeinsamer Feind schnell identifiziert. Ideologische Infantilisierung und Harmoniesucht ergeben eine toxische Mischung.

IMAGO / Mike Schmidt
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) beim Zukunftstag Mittelstand, Berlin, 15.04.2026

Gelobt ist das Land, das auf einen starken Mittelstand zählen kann. Eine robuste und unabhängige Unternehmerschaft, grundiert mit einer dynamischen Kultur der Selbstständigkeit und Risikofreude, wirkt belebend und gesellschaftlich stabilisierend zugleich. Bekannte Mittelständler wie Wolfgang Grupps Trigema oder die von der Familie Miele im Jahr 1889 gegründete gleichnamige Firma stehen Pate für den Aufstiegsgeist, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Land stabilisierte und regelrecht in die Champions League der globalen Ökonomie katapultierte.

Namen wie Vaillant oder Teekanne zählen ebenso dazu wie die unzähligen Helden des Unternehmeralltags: Freiberufler, Selbstständige, Hidden Champions, die gemeinsam den hochkomplexen Maschinenraum unserer Gesellschaft bilden. Politische Unabhängigkeit und das eherne Bekenntnis zur Marktwirtschaft machten den Mittelstand zum politischen Korrektiv, das intervenierte, wenn man es in Bonn und später in Berlin zu weit trieb mit Ideologie und Regulierungswahn.

IW-Konjunkturumfrage
Trübe Aussichten für 2026: Jedes dritte Unternehmen will Stellen streichen
Dann verschob Angela Merkel mit einem apodiktischen Richtungswechsel die Machtverhältnisse im Land. Im Zeichen des parteiübergreifenden Klimasozialismus fügten sich die einst starken Wirtschaftsverbände der neuen Doktrin. Ganz gleich, ob BDI, BDA, VDA oder die Gewerkschaften, die dem Jobabbau im Land tatenlos zusehen – sie alle haben sich mit Haut und Haar dem grünen Korporatismus unterworfen und treiben das Zusammenspiel aus Politik und Konzernwirtschaft auf die Spitze. Wie groß die Zahl der Unternehmen ist, die direkt oder indirekt am Tropf der grünen Subventionsmaschine hängen, ist unklar.

Das Schweigen der Wirtschaft angesichts des Zerstörungswerks, das unter dem Label ‚Green Deal‘ firmiert, ist allerdings verräterisch – es sind beileibe nicht zu wenige! Und der Mittelstand? Der suchte nach dem Streit zum Jahreswechsel den Schulterschluss mit SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas.

Kurze Rückblende:

Ende November 2025 erfuhr die SPD-Arbeitsministerin anlässlich des Deutschen Arbeitgebertags eine kalte Dusche. Das Unternehmerpublikum reagierte mit einer Übersprungshandlung auf die hervorblitzende Inkompetenz der Ministerin und brach in Gelächter aus. Der Auslöser: Bas‘ Behauptung, die geplante Steuerfinanzierung des Rentenpakets belastet die Beitragszahler nicht, was offenkundiger Unsinn ist.

Daraufhin eskalierte der Streit zwischen Mitgliedern der Bundesregierung und den Unternehmerverbänden. Der Chef des Mittelstandsverbands BVMW, Christoph Ahlhaus, forderte von Friedrich Merz in einem Brandbrief das, was Verbände stets fordern, wenn man zwar unzufrieden mit der gegenwärtigen Lage ist, aber den Hauptverantwortlichen der großen Subventionsmaschine nicht vergrätzen will: Reformen und Bürokratieabbau.

Im Mittelstand herrsche blankes Entsetzen, klagte Ahlhaus noch Ende Februar. Für die Industrie werde viel getan, für den Mittelstand zu wenig, so der Befund. Angesichts des generell dröhnenden Schweigens in der deutschen Wirtschaft muss man Ahlhaus‘ Intervention wohl als Aufforderung deuten, die Subventionsmaschine neu zu justieren und hochtouriger laufen zu lassen. Vom Ende der ökosozialistischen Dauersubvention kann hier beileibe nicht die Rede sein.

Dressiertes Duckmäusertum
Mittelstands-Chef Christoph Ahlhaus weckt mit Kritik an Merz die sedierten Paladine
Es ist möglich, dass sich die Verbandsfunktionäre bereits so tief in die ökosozialistische Transformationslogik verstrickt haben, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Man trägt sich in den Funktionärsetagen der deutschen Wirtschaft wohl mit dem Gedanken, dass es mit der Ökosubventionsmaschine bis zum bitteren Ende weitergehen wird. Allerdings wäre es angesichts der ökonomischen Katastrophe im Land für Ahlhaus und Co. zwingend, den Kampf gegen den Ökosozialismus aufzunehmen und sich mit aller Macht gegen den drohenden zivilisatorischen Bruch zu stemmen. Es wäre ethisch geboten, die Stimme zu erheben. Das gilt auch und gerade für einen ehemaligen Ersten Bürgermeister der Hansestadt Hamburg.

Doch selbstverständlich geschieht: nichts. Harmonie steht höher im Kurs als der mühsame Häuserkrieg um eine politische Wende: Kritik, Krisen und Zerfall werden nicht debattiert. Sie werden in Konsenssauce ertränkt und in Scheingefechten buchstäblich zerfasert. Dabei ist die Realität im Land brutal genug. Doch auf eine politische Wende werden die zahlreichen Mittelständler vergeblich warten, die sich nicht an den Subventionströgen des verfetteten Staates mästen. Eine Rückkehr zur Marktwirtschaft und einen Rückbau des klimasozialistischen Versorgungsapparats? Das fordern in der Ökorepublik nur die Allerwenigsten.

Auch Ahlhaus zählt nicht dazu. Der schloss auf dem BVMW-Zukunftstag in Berlin Frieden mit Bärbel Bas. Die SPD-Politikerin hatte zuletzt – gemeinsam mit den Jusos und ihrem Finanzminister Lars Klingbeil – immer wieder Ressentiments gegen Unternehmer geschürt, um vom Versagen der Politik abzulenken und jeden Verdacht geistig-ideologischer Lähmung der Herrschaftsdoktrin zu ersticken.

Auf dem Bundeskongress der Jungsozialisten
Bärbel Bas bläst in die Schalmei des Klassenkampfes
Unternehmer und vermögende Erben haben es schwer im Land der romantischen Neider und moralisierenden Klimaapokalyptiker. Die monatelang anhaltende Hetze gegenüber Leistungsträgern ficht den Mittelstandsverband jedoch nicht weiter an „Frau Bas wagt sich in die Höhle der Leistungsträger“, frotzelte der BVMW-Chef vor dem Auftritt der Sozialistin beim BVMW und freute sich auf einen „konstruktiven Austausch“.

Prominente Politiker ziehen bekanntlich immer. Und ein bisschen Reibung hält den übergroßen Saal bei Laune. Dann folgte die erwartbare Enttäuschung: Ahlhaus wäre der Bahnbrecher gewesen, hätte er im Vorfeld des Kongresses das Ende der Transformationspolitik gefordert und die Rückkehr zur Sozialen Marktwirtschaft in den Raum gestellt. Stattdessen wiederholt der Verband seine Forderung, den Industriestrompreis – also die nächste große Subvention, finanziert aus dem milliardenschweren Klimatransformationsfonds – auf den Mittelstand auszudehnen.

Das ist Bittstellerpolitik und keine souveräne Linie

Man hätte über so vieles reden können: den Kernkraftvandalismus, an dem sich bis auf die AfD alle Parteien beteiligt haben, die Zerstörung durch den Green Deal, die verheerende Energiepolitik im Großen und Ganzen und die Politik der offenen Grenzen. Am Ende versandet die Kritik des BVMW in der unendlichen Reihe der immer gleichen Forderungen nach Bürokratieabbau und der Ausweitung von Subventionen auf den Mittelstand. An den Mechanismus jedoch, der die Betriebe im Alltag belastet, Energie künstlich verteuert und das Land in eine Industriewüste verwandelt, wagt sich niemand heran.

Transformation in die Armut
Der Tod des Mittelstands: Wie die grüne Ideologie Deutschlands Rückgrat bricht
Ahlhaus hätte seinem Publikum fairerweise vorab sagen können, dass der Zukunftstag ziemlich präzise eine Zukunft ohne deutsche Industrie beschreibt. Dass unterm Strich dann lediglich gemeinsame Durchhalteparolen verhallen, ist erbärmlich. Kopflos, kraftlos und ohne Charakter taumeln die Funktionäre und Vertreter der deutschen Ökonomie, benebelt vom Öko-Subventionsrausch, durch die schwerste Krise seit Kriegsende.

Auch Ahlhaus hat nicht verstanden, dass es bereits fünf nach zwölf ist und er auf einen Versorgerstaat setzt, der beim leisesten Windhauch unter seiner Schuldenlast und der ökonomischen Schwäche kollabieren wird. Sich mit der Klassenkämpferin Bas vor über 8.000 Unternehmern zu versöhnen und die Weltlage zum gemeinsamen Feind zu erklären, mag politisch korrekt sein. Gesellschaftspolitisch jedoch ist es verheerend, wenn sich die Repräsentanten der Wirtschaft in die kommunikativen Fallen der Politiker locken lassen.

Mit seiner Pazifizierungsstrategie stärkt der BVMW-Funktionär ganz gezielt den politischen Machtapparat und signalisiert: Bemüht euch gar nicht erst, Kritik versandet in Berlin sowieso und im Zweifelsfalle wird euch niemand den Rücken stärken. Man fühlt sich an den panikartigen Rückzieher der Vorsitzenden der Familienunternehmer vor wenigen Monaten erinnert. Marie-Christine Ostermann hatte lediglich die Aufnahme informeller Kontakte zu AfD-Bundestagsabgeordneten in den Raum gestellt, erntete den erwartbaren Shitstorm und zog sich verschreckt wieder in die Phalanx der großen Verschwiegenheit zurück. Es bereitet beinahe körperliche Schmerzen, dem uninspirierten Pingpongspiel zwischen Medien, Politik und Wirtschaftsvertretern zu folgen.

Dabei böte die gegenwärtige Energiekrise einen gesichtswahrenden Ausweg aus der selbst herbeigeführten Notlage: Friedensschluss mit Russland, die Aufnahme von Energieimporten, die Einordnung in das neue amerikanische Handelssystem, Akzeptanz der Marktwirtschaft als Ordnungsrahmen und eine gemeinsame europäische Kontrolle der Außengrenzen. An Themen und kreativen Vorschlägen herrscht wahrlich kein Mangel.

Dass auf den Wirtschaftsempfängen am Ende nichts anderes hängen bleibt als das noch immer üppige Buffet und ein wenig politischer Klamauk, ist beängstigend.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 1 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

1 Kommentar
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
humerd
43 Minuten her

Mit „Harmoniesucht “ hat das wenig zu tun, aber viel mit sehr, sehr viel Geld. Im Namen der Weltklimarettung sprudeln die Subventionen und Staatsaufträge winken.